Hochschullehrer des Jahres 2026
Die Ursprünge sehen
Forschung & Lehre: Im Auftrag der irakischen Regierung erforschen Sie seit 2019 im irakischen Mossul die Ruinen des antiken Ninive, der einstigen Hauptstadt des Assyrischen Reichs. Was treibt Sie an?
Stefan M. Maul: In Mossul haben die Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates (IS) während ihrer dreijährigen Herrschaft von 2014 bis 2017 systematisch alle altorientalischen Hinterlassenschaften zerstört und überdies Raubgrabungen durchgeführt, um mit dem Verkauf der gemachten Funde ihren Krieg zu finanzieren – ein riesiger Schaden für das Kulturerbe des Irak. Nach dem Rückzug der Islamisten hat mich die irakische Regierung gebeten, an der Sicherung des Kulturerbes – verbunden auch mit Ausgrabungen – mitzuwirken. Nach reiflicher Überlegung habe ich aus folgendem Grund zugesagt: Man muss sich darüber im Klaren sein, dass der durch die Zerschlagung des Osmanischen Reichs entstandene Vielvölkerstaat Irak mit seinen unterschiedlichen Ethnien und Religionen nur in dem Stolz auf sein vorislamisches kulturelles Erbe ein identitätsstiftendes Narrativ finden konnte, das alle Einwohner des Landes verbindet. Die säkulare kulturelle Identität des Irak, die auf dem Stolz beruht, die Wiege der menschlichen Kultur zu beheimaten, wollte der IS ganz bewusst auslöschen, um eine gesichts- und geschichtslose radikal-islamische Lebenswelt zu schaffen. Um dazu beizutragen, dass dies nicht Wirklichkeit wird, habe ich das Angebot angenommen. Der IS sollte am Ende nicht das letzte Wort gehabt haben.
F&L: Was fasziniert Sie darüber hinaus am altorientalischen Erbe?
Stefan M. Maul: Die Hinterlassenschaften des Alten Orients erlauben einzigartige und sehr detaillierte Einblicke in die frühe Menschheitsgeschichte, in der Städte entstanden, die Schrift erfunden wurde und sich komplexe Herrschaftsformen und Religionen entwickelten. Während andere alte Kulturen auf vergängliche Materialien wie Papyrus, Holz oder Leder schrieben, hatte man im alten Zweistromland bereits im ausgehenden 4. Jahrtausend vor unserer Zeit mit der Tontafel einen Schriftträger gefunden, der vielleicht zerbrechen mag, aber dennoch über Jahrtausende hinweg erhalten bleibt. Dies hat zur Folge, dass wir aus etwa 35 Jahrhunderten über Schriftzeugnisse aus nahezu allen Lebensbereichen verfügen. Darunter finden sich beispielsweise Aufzeichnungen aus der Lager- und Lohnbuchhaltung, Gerichtsprotokolle, Darlehensverträge und Briefe, literarische Texte, Hymnen und Gebete, Niederschriften von Astronomen, Heilern und Zukunftsdeutern, politische Korrespondenzen, Berichte von Spionen, Staatsverträge und vieles andere mehr. Ich finde es schon ziemlich spannend, anhand dieses oft wenig erforschten Materials in das vielfältige Alltagsleben einer Gesellschaft zu blicken, die vor Jahrtausenden existiert hat.
Gleichzeitig stellt es eine reizvolle Herausforderung dar, dass man auf ganz vielen Gebieten im positiven Sinne des Worts dilettieren muss. Ich muss mich ebenso mit Medizin-, Rechts- und Religionsgeschichte auseinandersetzen wie etwa mit der Astronomie, der Alchimie, der Politik oder der antiken Didaktik des Keilschrifterwerbs. Das ist etwas ganz Wunderbares, denn man muss sich immer wieder in etwas Neues einarbeiten. Diesen besonderen Reiz kann kaum eine andere Disziplin bieten.
F&L: Sie werden dafür ausgezeichnet, dass Sie mit Ihrem Team unter schwierigsten Bedingungen Konzepte erarbeiten, wie das bedeutende vorislamische Kulturerbe gesichert, präsentiert und nachhaltig geschützt werden kann. Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung?
Stefan M. Maul: Zuallererst freut mich, dass die Gemeinschaft der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Blick auf eine Disziplin lenkt, die keine Beiträge zur Gewinnmaximierung liefert, aber einen wichtigen Mehrwert schafft, indem sie exemplarisch eine ferne und fremde Kultur erschließt. Die Bedeutung kulturwissenschaftlich arbeitender Fächer wird allzu leicht unterschätzt. Es ist nämlich ein Fehlschluss zu glauben, ohne das kulturelle Verständnis anderer dauerhaft erfolgreich sein zu können. In der Tagespolitik sieht man das sehr deutlich. Diejenigen, die sich nicht um einen wertfreien Blick und um ein Verständnis jener Kulturen, die andere Wege gehen, bemühen, werden letztlich scheitern.
Ich freue mich besonders darüber, dass mit der Auszeichnung auch unser bildungspolitisches Engagement gewürdigt wird. In Mossul wollen wir nicht nur Kulturzeugnisse physisch sichern, sondern auch dafür sorgen, dass in Zukunft junge, gut ausgebildete Irakerinnen und Iraker Verantwortung übernehmen und den Schutz ihres Kulturerbes selbst in die Hand nehmen. Daher sind Unterricht und Vermittlung von Kompetenz wesentliche Faktoren unserer Arbeit. Das wird im Irak im Übrigen sehr wertgeschätzt. Die Auszeichnung vom Deutschen Hochschulverband hatte daher im Irak eine große Resonanz. Schließlich hoffe ich auch, dass unsere Vorhaben durch die Auszeichnung noch mehr Unterstützung erfahren. Unsere Aktivitäten vor Ort zu finanzieren, wird in der gegenwärtigen ökonomischen Situation zunehmend schwieriger.
F&L: Der IS hat viele Kulturdenkmäler zerstört. Wie groß sind die Verluste und inwieweit kann es überhaupt gelingen, diese wiederherzustellen?
Stefan M. Maul: Die Verluste sind gewaltig. Als der IS 2014 Mossul erobert hatte, erteilten die neuen Machthaber den Befehl, dort alle vorislamischen Hinterlassenschaften zu vernichten. In ihnen sahen sie Zeugen einer verdammenswerten, falschen Göttern dienenden Zeit, an die in Zukunft nichts mehr erinnern sollte. Als wir unsere Arbeiten 2018/19 vor Ort aufnahmen, gab es in Mossul nur noch unansehnliche Trümmer des antiken Ninive. Die Schergen des IS hatten nicht nur das Museum der Stadt mit seinen großartigen altorientalischen Skulpturen vollkommen verwüstet, sondern auch die freigelegten assyrischen Stadtmauern geschleift und die in den Torwangen eines assyrischen Stadttors stehenden Flügelstierskulpturen zerschlagen. Bereits im 19. Jahrhundert wurden zwei große assyrische Paläste ausgegraben, die mit weltberühmt gewordenen Reliefs geschmückt waren. Gnadenlos hatte man sie mit Baggern und Presslufthämmern zertrümmert.
Über Jahre haben wir Zehntausende der steinernen Bruchstücke sichergestellt, registriert und geordnet. Die Wiederherstellung der Reliefs, die den assyrischen König im Kriegsgeschehen, im Triumphzug, bei der Jagd oder beim Opfer zeigten, hat nun begonnen. Sie wird noch viele Jahre in Anspruch nehmen. Dem religiösen Eifer des IS fiel auch die berühmte Moschee zum Opfer, in der das Grab des Propheten Jonas verehrt wurde. Um den als Gotteslästerung verunglimpften Pilgerbetrieb zu unterbinden, wurde die Moschee gesprengt. Man wusste, dass sie auf den Ruinen eines weiteren assyrischen Königspalastes errichtet worden war. So wurde das überirdisch begonnene Zerstörungswerk auch unter der Erde fortgeführt. Drei Jahre lang zwang man Menschen, bei Tag und Nacht Stollen in den Untergrund der Moschee zu treiben und nach Dingen zu suchen, die dem IS Geld zur Finanzierung seiner Kriegsführung einbringen konnten. Wir haben Jahre verbracht, um die erhalten gebliebenen Reste in den einsturzgefährdeten Tunneln zu dokumentieren und zu sichern. Erst danach begannen eigentliche Ausgrabungen, die mittlerweile großartige Ergebnisse hervorbringen. Wir entdeckten den gewaltigen, reich geschmückten 56 Meter langen Thronsaal des assyrischen Königs, der in Zukunft in einem Freilichtmuseum gezeigt werden soll.
"Der IS hatte zwar das Grab des Propheten weggesprengt, aber, ohne es zu wissen, einen noch viel heiligeren Ort aufgedeckt."
Es besteht kein Zweifel daran, dass in dem neuen, wiederaufgebauten Mossul dem altorientalischen Erbe wieder sein gebührender Platz zugewiesen sein wird. Auch gegen die vom IS propagierte These, die Kultur des alten Orients habe nichts Bewahrenswertes an sich, da sie das Zeugnis einer götzendienenden, überwundenen Gesellschaft sei, lassen sich Argumente finden. Bibel und Koran berichten einhellig, dass der Prophet Jonas die Menschen von Ninive zum wahren Glauben geführt hat. Für die Muslime von Mossul besteht kein Zweifel daran, dass der wahre Glaube der Islam ist. Die neugewonnene Erkenntnis aber, dass das Jonas-Grab unmittelbar auf den Ruinen des assyrischen Königspalastes lag, führte bei der Geistlichkeit der Stadt zu einem Umdenken: Der IS hatte zwar das Grab des Propheten weggesprengt, aber, ohne es zu wissen, einen noch viel heiligeren Ort aufgedeckt. Hier, im Palast, trat der Prophet (wie die Bibel berichtet) vor den assyrischen König, von hier nahm die Bekehrung der Menschen zum wahren Glauben ihren Ausgang. Zum Zeichen dafür, dass die islamische Heilsgeschichte bis in das assyrische Ninive zurückreicht, kann heute jeder Pilger in der fast fertiggestellten neuen Jonas-Moschee durch ein riesiges Glasfenster im Innenhof des Gebäudes auf das von uns freigelegte Hofpflaster des assyrischen Palastes herabblicken. Es bleibt zu hoffen, dass in Zukunft, so wie in früheren Zeiten, das Grab des Jonas nicht nur muslimische, sondern auch christliche und jüdische Pilger anzieht. Es wäre ein großartiges Zeichen der Versöhnung!
F&L: Von welchen schönen und welchen schrecklichen Erlebnissen können Sie berichten?
Stefan M. Maul: Zu den schönsten Erlebnissen zählt für mich die gemeinsame Arbeit mit den irakischen Studentinnen und Studenten und der Kontakt mit den einheimischen Kollegen. Freilich ist es auch besonders beglückend, neue Texte und Inschriften zu finden, die uns wichtige Informationen liefern und so unsere Vorhaben voranbringen. Natürlich gibt es auch negative Erlebnisse. Das Arbeiten vor Ort ist nicht immer leicht, man muss geschickt agieren und vor Ort verhandeln können. Die in Deutschland immer kleinteiliger werdenden Vorschriften und ein steigender Verwaltungsaufwand sind bei der Organisation unserer Vorhaben nicht immer ein Quell der Freude.
"Das Arbeiten vor Ort ist nicht immer leicht, man muss geschickt agieren und vor Ort verhandeln können."
F&L: Inwiefern ist Ihr Ausgrabungsprojekt vom gegenwärtigen Irankrieg betroffen?
Stefan M. Maul: Reisen in den Irak sind derzeit kaum möglich, da der Luftraum des Landes gesperrt ist. Auch haben uns die irakischen Behörden nahegelegt, zu Hause zu bleiben, weil sie unsere Sicherheit nicht wirklich garantieren können. Gefahren entstehen sowohl durch iranfreundliche Milizen, die die US-amerikanischen Stützpunkte im Land attackieren, als auch durch die Gegenangriffe der Amerikaner. Es ist also im Augenblick nicht ratsam, sich in Mossul aufzuhalten. Für unsere irakischen Studierenden ist das besonders traurig. Dass der sechswöchige Intensivkurs, der für das Frühjahr geplant war, nicht stattfinden kann, ist für sie eine große Enttäuschung.
F&L: Das Assyrische Reich gilt als eines der ältesten Reiche der Menschheitsgeschichte. Welche kulturelle und historische Bedeutung hat es für uns heute?
Stefan M. Maul: Im nördlichen Mesopotamien entstand im Verlauf von Jahrhunderten aus einem kleinen reichen Stadtstaat das mächtige Assyrerreich, das vom Mittelmeer bis zum Iran und von der Türkei bis zur Arabischen Halbinsel reichte. Für den Historiker ist es von großem Interesse, nach dem Motor dieser Entwicklung zu suchen und zu beobachten, wie dabei ökonomische und ökologische Verhältnisse, Herrschaftsformen und Ideologien, der Bedarf an Ressourcen, militärisches Können und politischer Wille einander beeinflussen.
F&L: Was passierte in dieser Zeit in unseren Breitengraden?
Stefan M. Maul: Mitteleuropa ist in dieser Zeit noch von einer schriftlosen, in Stämmen organisierten Gesellschaft geprägt.
F&L: Wie funktioniert die Keilschrift?
Stefan M. Maul: Kluge mesopotamische Verwaltungsbeamte entwickelten im ausgehenden 4. Jahrtausend vor unserer Zeit eine Schrift, um schwierige Buchungsvorgänge auch langfristig überschauen und so Planungssicherheit garantieren zu können. Aus Bildzeichen entstand rasch eine sehr komplizierte Wort- und Silbenschrift mit abstrakt erscheinenden Zeichen, die man mit einem Griffel in noch plastischen, zu Tafeln geformten Ton drückte. Die Keilschrift blieb bis in das 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung in Gebrauch und wurde zur Notation von weit über zehn altorientalischen Sprachen verwendet.
F&L: Sie setzen sich im Irak für den wissenschaftlichen Nachwuchs ein, es geht dabei um die Vermittlung von Keilschriftkunde und altorientalischer Geschichte. Was ist Ihre Motivation?
Stefan M. Maul: Die Ausbildung junger Gelehrter ist ein zentrales Element in unserem Konzept. Wir wollen sicherstellen, dass im Irak eine Generation von auch im internationalen Vergleich gut ausgebildeten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern heranwächst, die mutig Verantwortung für ihr kulturelles Erbe übernimmt, es sichert und nachhaltig schützt. Nur wenn das gelingt, ist die Arbeit, die wir heute leisten, nicht umsonst. Die Arbeit mit den jungen Leuten macht mir ungeheuren Spaß.
"Die Arbeit mit den jungen Leuten macht mir ungeheuren Spaß."
Die irakischen Studierenden sind nicht weniger lebendig, wissensdurstig, engagiert und intelligent als die an meiner Universität, mit dem Unterschied freilich, dass sie unsere Lehre weit mehr als die hiesigen Studenten als eine große Chance wahrnehmen. Die Hälfte unserer Studierenden in Mossul sind junge Frauen, die zwar ein Kopftuch tragen, aber sich von ihren männlichen Kommilitonen die Butter nicht vom Brot nehmen lassen. Für mich als Lehrer ist es ein großes Glück zu sehen, mit welcher Freude die jungen Leute sich auf die Wissenschaft einlassen. Deswegen ist es traurig, dass ich wegen des Kriegs nicht vor Ort sein kann.