Von oben betrachtet, mutet der kanadische Dog Lake wie ein Farbtopf an, in dem ein winzig kleines Boot gleich einer Pinselspitze die verschiedenen Grüntöne in welligen Bögen durcheinanderwirbelt.
Allen Tian

Sommer 2026: #ScientistAtWork, Teil 2
Die verborgene Schönheit der Natur

Der Nature-Fotowettbewerb würdigt Forschung in ihrer Vielseitigkeit. Selten wirkte die Entnahme einer Wasserprobe so anmutig.

Von Christine Vallbracht 31.07.2026

Ein leuchtend grüner Teppich bedeckt den Dog Lake in der kanadischen Provinz Ontario. Von oben betrachtet, mutet der See wie ein Farbtopf an, in dem ein winzig kleines Boot gleich einer Pinselspitze die verschiedenen Grüntöne in welligen Bögen durcheinanderwirbelt.

#ScientistAtWork Nature photo competition 

Das beschriebene Bildmotiv gehört zu den fünf diesjährig ausgezeichneten Fotos des Wettbewerbs #ScientistAtWork photo competition, der seit 2017 jährlich vom britischen Wissenschaftsmagazin Nature veranstaltet wird. 

Mit umgerechnet 590 Euro und einem Jahresabonnement prämiert werden laut Nature Fotografien, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei ihrer "vielfältigen, interessanten, herausfordernden, eindrucksvollen und farbenfrohen Arbeit" zeigen: im Labor, bei Feldforschung, auf Expeditionen, unter Wasser, an Teleskopen oder auch in alltäglicheren Forschungssituationen. Die Fotos werden im Printmagazin und online samt den jeweiligen wissenschaftlichen Hintergründen präsentiert.

Der besondere Reiz des Wettbewerbs besteht darin, dass die Bilder nicht primär Forschungsergebnisse zeigen, sondern die realen Bedingungen, Arbeitsweisen und Menschen hinter der Forschung. Die obige Drohnenaufnahme von 2021 zeigt Kelly Estrada Piedrahita, eine Masterstudentin der kanadischen Queen’s University, in einem kleinen Boot auf dem Dog Lake bei einer Wasserprobenentnahme. 

Beim dargestellten Projekt des Biologie-Doktoranden Haolun Allen Tian geht es um die ökologischen Folgen invasiver Algenarten, welche laut Tian "Fische töten und Wasserversorgungssysteme verstopfen". Das zunehmende Auftreten schädlicher Algenblüten trage zur Verschlechterung der Wasserqualität bis hin zur Toxizität bei und werde durch das Einführen von Industrie-, Landwirtschafts- und Siedlungsabwässern begünstigt. 

Im Gespräch mit Forschung & Lehre erklärt er, worin seine Arbeit genau besteht und warum er sie möglichst vielen Menschen näherbringen möchte. 

Forschung & Lehre: Worauf genau konzentriert sich Ihre Forschung? 

Allen Tian: Meine Forschung befasst sich damit, wie invasive Arten interagieren – genauer gesagt mit den Wechselwirkungen zwischen invasiven Weichtieren, wie beispielsweise der Zebra- und der Quagga-Muschel, und Algenblüten. Ich entnehme Wasserproben für mikroskopische Untersuchungen und nutze Verfahren der Umwelt-DNA (eDNA), um die betreffenden Arten und deren invasive Verbreitung zu überwachen. Diese Verfahren ermöglichen es uns, selbst kleinste Mengen an DNA der untersuchten Arten nachzuweisen. Zur den Beobachtungskriterien gehören die Populationen invasiver Arten, die Artenzusammensetzung und Genetik der blühenden Algenarten sowie deren Auswirkungen auf einheimische Arten wie Fische. Gleichzeitig betrachte ich die Ökosysteme aus einer Makroperspektive mithilfe von Drohnenfotografie und -vermessung. So kann ich das Ausmaß und die Verbreitung von Algenblüten nachverfolgen.

F&L: Was ist das Ziel Ihrer Forschung und was fasziniert Sie daran? 

Allen Tian: Ziel meiner Forschung ist der Schutz der Umwelt – insbesondere von Süßwasserökosystemen –, indem ich die Auswirkungen von Algenblüten und invasiven Weichtieren überwache und abzumildern versuche. Das ist meine Leidenschaft, denn Süßwasserökosysteme gehören zu den wichtigsten der Erde. Ohne unsere Flüsse und Seen könnten wir Menschen nicht existieren. Dennoch wird der Schutz von Süßwasserlebensräumen oft vernachlässigt und häufig mit dem Meeres- oder Landschutz in einen Topf geworfen.

Haolun Allen Tian ist Doktorand im Fachbereich Biologie der Queen’s University in Kingston, Kanada. Allan Tian

F&L: Warum ist es Ihnen wichtig, Ihre Arbeit durch Fotografie zu vermitteln? 

Allen Tian: Wissenschaftskommunikation verstärkt die Wirkung meiner Forschung, und es gibt dafür kein besseres Instrument als die Fotografie. 

Meine Aufnahmen zeigen Ökosysteme aus ungewöhnlichen Blickwinkeln und eröffnen neue Perspektiven auf Süßwasserlebensräume. Das fördert ein Verständnis für diese Lebensräume und eine Verbundenheit mit ihnen. Das wäre mit Worten allein kaum möglich.

F&L: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre Arbeit aus einer Makroperspektive zu präsentieren? 

Allen Tian: Zur Drohnenfotografie bin ich durch meine Arbeit in der professionellen Vermessung und im Bereich der Geoinformationssysteme gekommen. 

Nach Abschluss der eigentlichen Vermessungsflüge habe ich oft die Drohne noch eine Runde zum Vergnügen fliegen lassen. Dabei entdeckte ich viele wunderschöne Blickwinkel und Perspektiven, die man vom Boden aus nicht sehen kann. Auch wenn invasive Arten und störende Phänomene wie Algenblüten sehr zerstörerisch und unansehnlich sein können, birgt die Natur doch immer eine verborgene Schönheit.

F&L: Wie wollen Sie Ihr Wissen und Ihre Forschungsexpertise in Zukunft einsetzen? 

Allen Tian: Ich schließe Ende des Sommers meine Promotion ab und werde mich mit einem neuen Umweltberatungsunternehmen selbstständig machen. Unser Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, die „Black Box“ der molekularen Ökologie zu öffnen, Überwachungskompetenzen in lokalen Gemeinschaften – insbesondere bei indigenen Akteuren – aufzubauen und Technologien aus den Elfenbeintürmen der Wissenschaft heraus zu demokratisieren. Zudem werde ich meine fotografische Arbeit fortsetzen und die wertvollen Naturschutzmaßnahmen an unseren Seen und Flüssen dokumentieren.

F&L-Sommerserie: Gewinnerfotos 2026 

2026 prämierte Nature fünf Motive der über 220 Einsendungen aus aller Welt: 

  1. Gesamtsieger wurde der Student Gunnar Hartmann von der Universität Koblenz. Sein Foto zeigt Mitglieder des österreichischen Waldrappteams, die mit einem Ultraleichtflugzeug einen Schwarm junger Zugvögel über die Felder und Olivenhaine von Jaén in Südspanien führen. 
     
  2. Das zweite Gewinnerbild von Uli Kunz zeigt Forschungstaucher beim Aufbau einer Inkubationskammer für Korallen im Roten Meer. 
     
  3. Auf dem dritten Fotomotiv von Rob Harcourt ist die Entnahme einer mikrobiologischen Probe von einem Walhai an der Westküste Australiens zu sehen.
     
  4. Die Wasserprobenahme in einem von Algen bedeckten See in Kanada zeigt das prämierte Foto von Haolun Allen Tian.
     
  5. Zu den besten Motiven gehört auch das Foto von Shayanta Chowdhury, auf dem die Untersuchung einer Mücke unter ultraviolettem Licht zu sehen ist.