Wissenschaftler betrachten ein Thermometer in einem großen Globus und beurteilen die globale Erwärmung
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Erderwärmung
Diskussion über wissenschaftliche Modellierung des Klimawandels

Forschende haben das gravierendste Zukunftsszenario des Klimawandels nach unten korrigiert. Populisten greifen daraufhin die Klimaforschung an.

26.05.2026

Forschende des World Climate Research Programme haben in einem Fachartikel verschiedene Szenarien für die fortschreitende Erderwärmung durchgespielt und dabei festgestellt, dass das Ausmaß an Treibhausgasemissionen im bisher gravierendsten Szenario bis zum Ende des Jahrhunderts "unplausibel geworden" ist. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) hat am Mittwoch über die Anfang April in der Zeitschrift "Geoscientific Model Development" veröffentlichten Forschungsergebnisse berichtet. Sie wurden inzwischen verschiedentlich instrumentalisiert, um Warnungen vor dem Klimawandel zu diskreditieren.

US-Präsident Donald Trump etwa wertete die Ergebnisse der Studie in einem Post auf seiner Plattform Truth Social als Korrektur des "Klima-Alarmismus-Unsinns". Auch die AfD-Fraktion im Bundestag forderte am vergangenen Mittwoch im Rahmen einer Aktuellen Stunde eine Wende in der Klimapolitik. Mit dem bisherigen Extremszenario seien "unsinnigste Maßnahmen durchgepeitscht" worden, so AfD-Politiker Karsten Hilse. Der Christdemokrat Mark Helfrich hielt laut Mitteilung des Bundestags dagegen: Die Anpassung der Szenarien sei "gängige Praxis". Es sei ein "billiger Versuch" der AfD, daraus einen "Pseudoskandal" machen zu wollen.

Forschungsergebnisse im Kontext

Währenddessen erläutert Detlef van Vuuren, Hauptautor der Studie und Professor an der Universität Utrecht, die Erkenntnisse online. Er betont, dass das Ergebnis mitnichten sei, dass ein gefährlicher Klimawandel abgewendet wurde: Das gravierendste Szenario falle inzwischen nur niedriger aus als das bisher RCP8.5 genannte. Dafür gebe es drei Gründe: "Erstens haben die Emissionen in den letzten Jahren vor allem dem mittleren Szenario entsprochen", schreibt er. "Zudem ist der Anteil erneuerbarer Energien in den letzten Jahren aufgrund gesunkener Kosten viel schneller gewachsen als erwartet." Schließlich werde Klimapolitik betrieben, wenn auch noch nicht genug. 

Er beziffert die erwartete Erwärmung im gravierendsten Szenario allerdings bis zum Ende des Jahrhunderts nach wie vor mit einem Plus von etwa 3,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau. Zudem werde die Temperatur im Szenario mit hohen Emissionen auch nach 2100 weiter ansteigen und erreiche dann voraussichtlich um 2150 das Niveau, das zuvor für 2100 prognostiziert wurde. Das Vorgänger-Szenario ging von einer Erwärmung von deutlich mehr als vier Grad bis zum Ende des Jahrhunderts aus, wie die dpa unter Bezug auf den Deutschen Wetterdienst berichtet.

Was beinhaltete das bisher schlimmste Szenario?

Das bisherige Worst-Case-Szenario hatte eine Zukunft beschrieben, "in der die Politik einem Wachstumsparadigma folgt, in dem es keine Grenzen gibt": ohne Klimaschutz, mit Blockaden gegen erneuerbare Energien. "Langfristig wird auf Verbrenner gesetzt, Heizungen werden mit Erdgas und Erdöl betrieben werden, der Welthandel nimmt immer weiter zu, immer mehr Flugreisen werden getätigt, Autos gekauft, und das überall auf der Welt für die nächsten Jahrzehnte", erläutert Klimaforscher Douglas Maraun gegenüber dem Science Media Center. Er ist Professor am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel an der Karl-Franzens-Universität Graz in Österreich.

Das Szenario stammte aus dem Jahr 2016, wie Professor Carl-Friedrich Schleussner vom Integrativen Forschungsinstitut zum Wandel von Mensch-Umwelt-Systemen (IRI THESys) der Humboldt-Universität zu Berlin ebenfalls gegenüber dem Science Media Center erklärt. Er ist Co-Autor von van Vuuren. Zum Worst-Case-Szenario sagt er: "Konnte eine solche Zukunft im Jahr 2016, wenn auch damals schon extrem, noch nicht als unplausibel ausgeschlossen werden, so ist dies nun der Fall."

Neben den Veränderungen am gravierendsten Szenario betont van Vuuren, dass es keine Szenarien mehr gibt, bei denen die Erwärmung unter 1,5 Grad Celsius bleibt. Früher sei dies noch möglich gewesen. Heute sei dies nicht mehr der Fall, weil die Emissionen in den letzten Jahren weiter gestiegen sind. Selbst die positivsten Szenarien sehen zunächst eine Überschreitung (Overshoot) des 1,5 Grad-Ziels um mindestens 0,2 bis 0,3 Grad vor, die erst gegen Ende des Jahrhunderts wieder rückgängig gemacht werden könnte. Dies sei durch den Einsatz intensiver Emissionsminderungen und die Entfernung von CO₂ aus der Atmosphäre erreichbar.

Die von van Vuuren erstellten Szenarien werden in die Sachstandsberichte des Weltklimarates IPCC einfließen. Der nächste IPCC-Bericht erscheint voraussichtlich 2028/2029.

Absage an den Klimawandel?

Der neue Ansatz sei keinesfalls als Entwarnung zu verstehen, erläutert auch Klimaforscher Niklas Höhne vom Kölner New Climate Institute auf Anfrage des Science Media Centers. Die Wahrscheinlichkeit von Kipppunkten sei heute erheblich höher. Kipppunkte sind kritische Schwellen, die, einmal erreicht, starke Veränderungen und weitere Klima-Kettenreaktionen auslösen. "Damit sind die Auswirkungen des aktuellen Szenarios mit den höchsten Emissionen in etwa so gravierend, wie es vor zehn Jahren vom Worst-Case-Szenario erwartet wurde", so Höhne.

Die Welt steuere laut UN-Umweltprogramm immer noch auf rund 2,8 Grad globale Erwärmung bis 2100 zu, mit nach wie vor verheerenden Folgen, berichtet auch die dpa unter Verweis auf das Umweltministerium. "Was eine Welt allein mit 1,5-Grad Erwärmung bedeutet, ahnen wir bereits heute: mehr Dürren, Hitzewellen, Waldsterben, Überschwemmungen oder anderen Wetterextreme."

Politik diskreditiert mit veränderten Szenarien Klimabemühungen

Politikerinnen und Politiker, die eine Anpassung der Szenarien instrumentalisieren und argumentieren, dass Warnungen vor dem Klimawandel übertrieben gewesen seien, verwechseln die Szenarien mit Prognosen: "RCP8.5 war nie eine Prognose, sondern ein bewusst extremes Hoch-Emissionsszenario", erläutert Gerrit Lohmann, Arbeitsgruppenleiter am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) und Assoziierter Professor an der Universität Bremen. "Solche Szenarien werden verwendet, um Risiken und mögliche Schäden abzuschätzen. Dass einzelne Annahmen dieses Szenarios – insbesondere der massive zukünftige Kohleverbrauch – heute als weniger wahrscheinlich gelten, bedeutet nicht, dass die Klimakrise entschärft wäre." Die Forderungen nach einem Überdenken von Klimaschutzmaßnahmen seien irreführend und "alarmierend". "Wissenschaftliche Erkenntnisse werden relativiert, internationale Kooperationen sabotiert und fossile Energien erneut als Zukunftsmodell propagiert. Das ist nicht nur wissenschaftlich falsch, sondern ökonomisch und gesellschaftlich hochriskant", so Lohmann.

cpy