Foto der ersten Seite eines Briefs von Heinrich von Kleist an Joseph von Buol, 22. Mai 1809.
Bibliothek des Ferdinandeums/ Tiroler Landesmuseum

Archivforschung
Ein für allemal Forscher?

Wie man Jahrzehnte nach der Emeritierung einen Sensationsfund macht, berichtet Hermann F. Weiss. Er hat fünf Briefe Heinrich von Kleists entdeckt.

Von Charlotte Pardey 18.12.2024

Forschung & Lehre: Herr Weiss, Sie sind Germanistikprofessor, 87 Jahre alt und haben kürzlich einen "Jahrhundertfund" in Ihrem Fachgebiet gemacht, wie manche Medien schreiben. Was treibt Sie an?

Hermann F. Weiss: Ich war immer schon so eine Art Detektiv. Das fing damit an, dass ich im Alter von sieben oder acht Jahren auf unserem Kirchhof in Vilich bei Bonn alte Grabsteine entzifferte, die in eine Friedhofsmauer aus dem 19. Jahrhundert eingebettet und gerade noch lesbar waren. Das Entziffern ist bei all meinen Arbeiten wichtig – ich möchte damit an vergangene Realitäten herankommen. Die Neugier hat mich eigentlich nie verlassen. In meiner aktiven Zeit als Germanistikprofessor an der University of Michigan habe ich intensive Quellenforschung betrieben und bin auch viel herumgereist. 

Seit fast 25 Jahren bin ich nun emeritiert und zwischenzeitlich hatte ich die Literaturforschung hinter mir gelassen. 2003 habe ich zum letzten Mal literaturwissenschaftlich publiziert. Stattdessen habe ich mich als Historiker betätigt und ein mir völlig neues Forschungsfeld entdeckt. Der Zweite Weltkrieg und die Holocaustforschung interessieren mich. Während der Arbeit an meinem Buch über ein niederschlesisches Dorf in den Jahren des Kriegs und der Vertreibung begann ich mich auf ein wenig erforschtes Gebiet zu spezialisieren, nämlich Zwangsarbeitslager für Juden in Schlesien und angrenzenden Regionen. Themen, die wenig untersucht sind, faszinieren mich. Das ist eine Konstante in meinem Forscherleben.

Hermann F. Weiss war von 1968 bis 2002 Professor für Germanistik an der University of Michigan, Ann Arbor. Nick Hagen

F&L: Von Amerika aus haben Sie nun bisher unbekannte Briefe Heinrich von Kleists in einer Bibliothek in Tirol entdeckt. Wie kam es dazu?

Hermann F. Weiss: Die Lust am Reisen ist mir abhandengekommen. Aber ich reise gerne per E-Mail oder Telefon und so kam ich auch zu meinem Fund. Es begann damit, dass ich umgezogen bin und meine Vorlässe dem Novalis-Museum Schloss Oberwiederstedt und dem Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder überlassen habe. In Vorbereitung darauf habe ich markiert, was spätere Generationen von Forschenden weiterbearbeiten könnten. Das hat in mir eine Sehnsucht geweckt, wieder zur Literaturwissenschaft zurückzukehren. Meine sogenannte "Buol-Kiste" hatte ich nicht abgegeben, weil ich dachte, dass es da vielleicht noch etwas zu entdecken geben könnte. Ich wusste nämlich schon 1980, dass in einem Südtiroler Schlösschen der Familie Buol-Berenberg ein Archiv lagerte, in dem ich den Nachlass des österreichischem Diplomaten Joseph  von Buol-Berenberg vermutete, der mit Kleist befreundet war. Im Sommer 2022 habe ich also das Landesarchiv in Bozen angeschrieben und nachgefragt, ob sie wissen, wo in Südtirol der Nachlass inzwischen sein könnte. Sie schrieben mir direkt zurück, dass es ein Familienarchiv Buol-Biegeleben in der Bibliothek des Tiroler Landesmuseums in Innsbruck gebe. Das Archiv war erstmals in einer Übersicht von Archiven in Österreich aus dem Jahr 2018 erschienen. 

Ich kontaktierte die Bibliothek und steuerte die Suche von meinem Studierzimmer in Dexter, Michigan aus. Zunächst zögerte Nikolaus Bliem, Mitarbeiter der Bibliothek. Er sei ausgelastet. Dann schrieb er mir aber doch, dass er mit einer Grobübersicht zu 289 unerschlossenen Kisten angefangen habe. Er schickte mir alle zwei bis drei Monate einen neuen Teil dieser Grobübersicht. Nach einem Jahr erschienen in der Übersicht plötzlich Namen aus dem Umkreis von Buol. Als ich diese Namen sah, war ich begeistert. Dann, weitere zwei bis drei Monate später, schrieb er mir (inzwischen wusste er, dass ich hinter Kleist her war, aus Sicherheitsgründen hatte ich das anfangs ihm gegenüber nicht erwähnt, bei der Detektivarbeit muss man manchmal schweigsam sein): Es gibt einen Brief von Kleist. Diese Nachricht erhielt ich am 2. Oktober 2023. Und es stellte sich bald heraus, dass in Kiste 142 nicht nur ein Brief war, sondern fünf längere, inhaltsreiche Briefe und nicht etwa Geschäftsbriefe.

F&L: Was ist seitdem passiert?

Hermann F. Weiss: Im vergangenen Jahr habe ich unter Mitarbeit von den drei Kleist-Experten PD Dr. Martin Roussel, Professor Klaus Müller-Salget und Günter Dunz-Wolff unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Briefe erschlossen. Sie haben das meiste entziffert, denn meine Augen sind nicht mehr so gut. Ich habe einen langen Kommentar zu den Briefen geschrieben, nachdem ich über zwanzig Jahre lang ganz weg war von der Kleist-Forschung. Ich hatte den Kontakt verloren, kannte die heute aktiven Forscherinnen und Forscher zum Teil nicht. Nun kehrte ich also mit einer wirklichen Sensation zurück, und die Begeisterung der wenigen Eingeweihten war riesig. Sie konnten kaum glauben, dass ich etwas Neues gefunden hatte, wie es seit 1914 nicht mehr gefunden worden war. Die Entdeckung hat mich sehr beglückt und befeuert. Die Leute hier in unserer Seniorengemeinschaft und meine Frau gehörten zu den Wenigen, die von dem Fund wussten. Für unsere Bekannten war meine Arbeit am Material etwas fremdartig. Manche hielten mich für verrückt und sagten: "Aber Hermann, in deinem Alter! Wieso machst du so etwas?"

"Ich habe mich täglich sehr intensiv und diszipliniert mit dem Material beschäftigt, wie ich es seit Jahrzehnten nicht getan hatte." Hermann F. Weiss

F&L: Wie haben Sie gearbeitet? Hatten Sie noch Ihre Aufzeichnungen von früher?

Hermann F. Weiss: Ich habe mich täglich sehr intensiv und diszipliniert mit dem Material beschäftigt, wie ich es seit Jahrzehnten nicht getan hatte. Dabei stieß ich natürlich auch auf Schwierigkeiten, vieles wurde im Team diskutiert. Wir arbeiteten unter großem Termindruck: Das Kleist-Jahrbuch hat unseretwegen seinen normalen Erscheinungstermin um Monate verzögert. Außerdem war mein Kleist-Archiv mit allen Notizen schon zu über 90 Prozent in Frankfurt an der Oder im Kleist-Museum. Die haben mir also allerlei Kopien gemacht und zugeschickt. Ich hätte den Kommentar nicht so gut schreiben können, wenn ich nicht schon mehrfach über Buol gearbeitet hätte. Ich musste mich aber mehr als nur ein bisschen wieder in das Thema einarbeiten. 

F&L: Warum interessieren Sie sich so sehr für Kleist?

Hermann F. Weiss: Ich erinnere mich noch gut an einen meiner ersten Erkundungsbriefe. 1977 habe ich an die Universitätsbibliothek Uppsala geschrieben. Ich war in die USA ausgewandert und suchte Dokumente von Achim von Arnim, zu dem ich arbeitete. In meiner Anfrage habe ich auch gleich E.T.A. Hoffmann hinzugefügt, der interessierte mich, und Kleist, der eher so nebenbei. Dann kam die Antwort: Nein, von Achim von Arnim haben wir nichts, aber wir besitzen drei Sachen unter dem Namen Kleist, darunter ein Brief von Heinrich von Kleist. Sie schickten mir bald eine Fotokopie des Briefs. Ich wusste damals noch gar nicht, wie schwer es war, etwas Neues von Kleist zu finden. Es war schnell zu erkennen, dass dieser Brief an die für Kleist neben seiner Schwester wichtigste Frau in seinem Leben gerichtet war, nämlich an Marie von Kleist. Es stellte sich heraus, dass es sich um den einzigen vollständig erhaltenen Brief an sie handelte. Ich konnte in der Kleist-Forschung also gleich mit einer Sensation loslegen, das hat meine Faszination geprägt. Detektive müssen Glück haben: Der Brief war Teil der riesigen Privatsammlung eines schwedischen Diplomaten. Es war Zufall, dass kurz vor meiner Anfrage ein kleiner Teil dieser Sammlung als Leihgabe an die Handschriftenabteilung der Unibibliothek in Uppsala gelangt war.

F&L: Ihr Forscherleben erstreckt sich über mehr als 50 Jahre. Ist die Forschung heute anders als zu Beginn Ihrer wissenschaftlichen Karriere?

Hermann F. Weiss: Die Umstände haben sich verbessert, etwa die Kommunikationsmöglichkeiten. Allerdings ist die Veränderung nicht so stark, wie viele Technikgläubige denken. Natürlich können wir nun Scans austauschen. Es ist aber deutlich weniger digitalisiert, als man glaubt. Ich nehme an, dass bislang höchstens 20 Prozent der Archivbestände weltweit digitalisiert sind. Es gibt einen hohen Prozentsatz von nicht-digitalisierten Dokumenten.

"Ich bin sicher, dass es noch mehr zu finden gibt. Junge Forschende sollten unbedingt neugierig sein." Hermann F. Weiss

F&L: In denen könnten Sie weitersuchen. Oder meinen Sie, dass Ihre Neugier nun gestillt ist?

Hermann F. Weiss: Meine Neugier ist nicht gestillt. Ich werde wohl nur noch wenig schreiben, aber wer weiß. Ich hätte auch nicht vorhersagen können, was im letzten Jahr passiert ist. Meine Frau hofft, dass ich nicht noch einmal so etwas Intensives mache, auf das ich mich konstant konzentrieren muss und wovon ich ständig spreche. Ich vermute, die großen Suchaktionen sind vorbei. Eine Frage, die mich noch beschäftigt, ist, was mit den anderen Briefen von Kleist an Buol passiert ist. Wo sind die? Ich bin ratlos, ich habe an so viele In­stitutionen geschrieben, überall in Europa, auch in den USA. Es finden sich sicher weitere Sachen von Kleist in privaten Sammlungen im deutschsprachigen Raum. Bisher bin ich allerdings an diese Privatsammlungen nicht herangekommen. Ich weiß von drei Sammlungen, darunter eine in der Schweiz – wo genau sie sich befindet, ist mir unklar. 

Meine Hoffnung ist, dass die Nachricht von meinem aktuellen Fund dazu führt, dass sich ein Sammler aus Interesse bei mir meldet. Als mögliche Fundorte weiterer Kleist-Schriften und -Briefe sollten auch Frankreich und Italien nicht ausgeschlossen werden. Ich bin sicher, dass es noch mehr zu finden gibt. Junge Forschende sollten unbedingt neugierig sein. Sie sollten eine Neugier kultivieren, die sich nicht zu eng fasst, die auch bereit ist, das Gefundene durch weitere Erkundungen in einen Kontext zu stellen. Das habe ich immer wieder versucht.