Ein Symbolbild zeigt auf grünem Hintergrund die Silhouette eines Kopfes, dessen Gedanken durch verwobene Wollfäden mit Puzzelstücken dargestellt werden.
mauritius images / Berit Kessler / imageBROKER

Psychische Gesundheit
Erste Meta-Analyse zu ADHS bewertet Therapien

Beschwerden einer Hyperaktivitätsstörung lassen sich medikamentös lindern. Eine erstmalige Übersichtsstudie klärt, was am häufigsten hilft.

18.12.2024

Stimulanzien wie Amphetamin und der Arzneistoff Atomoxetin mindern kurzfristig am besten die Symptome der Aufmerksamkeitsdefizit- /Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Zu diesem Ergebnis kommt eine kürzlich im Fachjournal "The Lancet Psychiatry" veröffentlichte Meta-Analyse, bei der erstmalig pharmakologische, psychologische und neurostimulierende Behandlungen erkrankter Erwachsener verglichen wurden. Die Studie stellt eine umfassende Synthese der verfügbaren Evidenz dar, schließt 113 randomisierte klinische Studien mit nahezu 15.000 Teilnehmenden ein und könnte als Grundlage für zukünftige Leitlinien dienen. 

Das Autorenteam des Reviews und der Netzwerk-Meta-Analyse verglich die Akzeptanz und Wirksamkeit von Medikamenten und nicht-pharmakologischer Behandlungsmethoden wie kognitive Verhaltenstherapien oder Hirnstimulationsverfahren. Studienautorin Professorin Alexandra Philipsen, Direktorin der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bonn, sieht sich laut "FAZ" durch die Ergebnisse in ihrer Praxis bestätigt, dass es Medikamente braucht, um Symptome zu lindern. Zu den Kernsymptomen gehören starke Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, starke Impulsivität und ausgeprägte körperliche Unruhe. Man geht davon aus, dass weltweit etwa 2,5 Prozent der erwachsenen Bevölkerung davon betroffen sind. Für die Behandlung von Personen mit ADHS liegt im deutschsprachigen Raum die S3-Leitlinie „ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“ der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AMWF) vor. 

Nicht-pharmakologische Behandlungen zeigten erst verspätet eine Symptomverbesserung. Die Wirkung dieser Strategien sei bei verschiedenen Auswertungen inkonsistent. Es fehle insgesamt an Langzeitstudien, welche über einen Zeitraum von zwölf Wochen hinausgehen würden. Das Autorenteam resümiert, dass ADHS-Medikamente nicht von jeder Person gleichermaßen gut vertragen würden und es auch nicht nachweisbar sei, inwiefern Therapien positive Effekte auf die generelle Lebensqualität der erkrankten Personen hätten. 

Bedeutung der Studienergebnisse für die Praxis 

Professor Marcel Romanos, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPPP) am Universitätsklinikum Würzburg, äußert sich gegenüber "Science Media Center" (SCM) bestätigend in Bezug auf die Ergebnisse: "Das Ergebnis ist kongruent mit den Erkenntnissen zu ADHS bei Kindern und Jugendlichen. Eine Psychotherapie wirkt kaum auf die Kernsymptome einer ADHS. Diese wiederum können sehr gut mit Medikamenten adressiert werden, was auch Ergebnis dieser Studie ist." 

Hingegen könnten sekundäre Störungen, wie zum Beispiel die häufigen psychischen Begleitstörungen oder psychosoziale Probleme, mit Psychotherapie positiv beeinflusst werden. "ADHS ist häufig der Kern, dem sich im Laufe der Zeit weitere psychische Belastungen, Störungen und Beeinträchtigungen hinzugesellen", erläutert Romanos. Was man bei Kindern immer besser verstehe, werde durch dieses Review auch bei Erwachsenen bestätigt. Bezüglich der Verschreibungspraxis erklärt Romanos: "In Deutschland wird am häufigsten Methylphenidat verschrieben, in den Vereinigten Staaten von Amerika häufiger Amphetamine eingesetzt. In den USA gibt es zudem deutlich höhere Verschreibungsraten als in Europa." Über die Gründe könne nur spekuliert werden. 

"ADHS ist häufig der Kern, dem sich im Laufe der Zeit weitere psychische Belastungen, Störungen und Beeinträchtigungen hinzugesellen."
Professor Marcel Romanos, Universitätsklinikum Würzburg

Dr. Oliver Grimm, Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Frankfurt, bewertet auf SCM-Anfrage die Methodik der Studie: "Die Methodik des Reviews erscheint hochwertig. Die Autorinnen und Autoren haben eine systematische Literatursuche durchgeführt. Eine Component Network Meta-Analysis ermöglicht den Vergleich verschiedener Interventionen." Das Team habe zudem die Selbst- und Fremdbeurteilung getrennt analysiert und die Evidenzqualität bewertet. 

Grimm ergänzt, dass die Vergleichbarkeit der Behandlungsmethoden durch die unterschiedliche Natur der Interventionen eingeschränkt sei. Psychotherapie sei nicht verblindbar, es gebe kaum Studien mit guten Vergleichsgruppen, jede Studie beinhalte verschiedene Therapeutinnen und Therapeuten sowie unterschiedliche Settings und Wirkmechanismen. "Meta-Analysen können vielleicht per se nicht bahnbrechend sein. Die Meta-Analyse ermöglicht allerdings sehr schön eine Vergleichbarkeit aller Interventionen und so deren Diskussion", fasst Grimm zusammen.

cva