Wissenschaftliches Publizieren
Erste unter Gleichen
Forscherinnen und Forscher brauchen einen stetigen Strom an Veröffentlichungen um ihre Karriere voranzubringen. In den Naturwissenschaften, in denen in Ko-Autorschaft publizierte Beiträge vorherrschen, zählen nicht alle Artikel gleich. Was am meisten zählt, sind Beiträge, bei denen man die Erstautorschaft innehat. Denn diese herausgehobene Position signalisiert per Konvention, wer den inhaltlich größten Beitrag geleistet hat. Es steht zu vermuten, dass daher die Erstautorin eines Fachbeitrages auch den größten Ertrag an Reputation für diesen erhält.
Dass schmerzhafte Konflikte über die Autorenpositionen immer häufiger vorkommen, wird folglich nicht überraschen. In seinem Jahresbericht für 2023 berichtet das Gremium Ombudsman für die Wissenschaft, dass Anfragen bezüglich Autorschaft mit 19 Prozent die größte inhaltliche Kategorie ausmachen.
Die Konzepte Erstautorschaft und Autorenreihenfolge legen nahe, dass es nur eine erste Position geben kann. Findige Forschende haben jedoch Mittel und Wege gefunden, uns aus der Illusion dieser scheinbar einfachen Logik zu befreien. Welche Blüten das Gerangel um Anerkennung und das ernste Bemühen um Gerechtigkeit unter Kolleginnen und Kollegen in jüngster Zeit hervorgebracht haben, wird in diesem Beitrag zusammengetragen.
Kunstgriff der geteilten Autorschaftsposition breitet sich aus
In der Biomedizin gehört der Kunstgriff der geteilten Autorschaftsposition bereits zum Alltag und die Verwendung von geteilten Erstautorschaften, geteilten Korrespondenzautorschaften und geteilten Letztautorschaften breitet sich weiter aus. In der Zeitschrift "Nature" beträgt laut Julius Decius und Miriam Schilbach der Anteil an Artikeln mit Ko-Erstautoren über 50 Prozent. Einige Fachzeitschriften gehen bereits weiter und haben eingeführt, beide Ko-Erstautorinnen im Fließtext oder der Referenzenliste namentlich zu nennen und den zweiten nicht unter "et al." verschwinden zu lassen.
Eine bloße Erklärung über geteilte Erstautorschaft und gleich große inhaltliche Beiträge beseitigt aber nicht das eigentliche Problem, dass irgendein Name zuerst stehen muss. Eine erste Methode des Umgangs mit dieser Schwierigkeit hat das "Journal of Clinical Investigation" gefunden. Wenn bei einer Einreichung geteilte Autorenpositionen angegeben werden, wird dazu noch eine Erklärung verlangt, wie genau die Reihenfolge unter den Gleichgestellten zustande gekommen ist. Diese Erklärungen sind Teil der Veröffentlichung.
In kürzlich erschienenen Beiträgen findet man zum Beispiel, dass die Entscheidung getroffen wurde anhand der Reihenfolge des Beitritts zum Projekt, nach alphabetischer Namenssortierung, danach, wer das gemeinsame Projekt initiiert hat, nach "interner Absprache" oder auch nach Aufwand und Beitrag, was das Konstrukt der Ko-Erstautorschaft dann doch etwas fadenscheinig aussehen lässt.
Alternativen zur alphabetischen Namensnennung
In der ökonomischen Forschung wird an der Tradition der alphabetischen Autorenreihung festgehalten. Weil dadurch aber Forschende mit Familiennamen später im Alphabet systematisch benachteiligt werden, wurde von Debraj Ray und Arthur Robson der Vorschlag der Verwendung von beglaubigter zufälliger Autorenreihung gemacht, welcher sich zunehmender Beliebtheit in dieser Disziplin erfreut. Die American Economic Association (AEA) bietet inzwischen eine Website an, auf der Ko-Autorinnen und -Autoren ihre Namen und den Titel des Manuskripts eintragen und eine zufallsgenerierte Autorenreihung und einen stabilen Link zum Zertifikat des Ergebnisses erhalten. Die Zufälligkeit der Reihenfolge wird in der Autorenliste und bei zitierten Referenzen auch in der Referenz im Text und in der Referenzenliste durch das Symbol ⓡ gekennzeichnet – zum Beispiel: Ray ⓡ Robson (2018) –, welches bei den Zeitschriften der AEA voll unterstützt wird.
Noch einen Schritt weiter geht der Vorschlag von Erik und Martin Demaine, zwei Informatikern des Massachusetts Institute of Technology. Er lautet: "Jeder Autor als Erstautor". Alle Autorennamen könnten einfach überlappend übereinander gesetzt werden und keiner fühlt sich benachteiligt – gut lesbar ist das allerdings nicht mehr. Auch hier wieder gilt die Überlagerung der Namen von der Autorenangabe auf der Titelseite über die Zitierungen im Text bis hin zum Literaturverzeichnis.
Sollte also demnächst einmal unter Ihren Kolleginnen und Kollegen Unstimmigkeit über die Namenreihenfolge der nächsten Publikation bestehen, wissen Sie nun, auf welche eleganten Lösungsmöglichkeiten Sie zurückgreifen können.
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