Sommer 2026: #ScientistAtWork, Teil 5
Faszination und Schönheit der Wissenschaft
Eine Wissenschaftlerin blickt in ihr Mikroskop. Auf der Leinwand vor ihr ist projiziert, was sie sieht. Ein leuchtend pinker Moskito, der aussieht, als würde er durch ein Meer aus ebenso pinken Sternen fliegen. Der Chemie-Doktorand Shayanta Chowdhury von der Notre Dame University (Indiana, USA) hat die Szene festgehalten. Mit dem Foto ist er unter den Gewinnern des Wettbewerbs #ScientistAtWork" der Wissenschaftszeitschrift Nature.
#ScientistAtWork Nature photo competition
Das Bildmotiv gehört zu den fünf diesjährig ausgezeichneten Fotos des Wettbewerbs #ScientistAtWork photo competition, der seit 2017 jährlich vom britischen Wissenschaftsmagazin Nature veranstaltet wird.
Mit umgerechnet 590 Euro und einem Jahresabonnement prämiert werden laut Nature Fotografien, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei ihrer "vielfältigen, interessanten, herausfordernden, eindrucksvollen und farbenfrohen Arbeit" zeigen: im Labor, bei Feldforschung, auf Expeditionen, unter Wasser, an Teleskopen oder auch in alltäglicheren Forschungssituationen. Die Fotos werden im Printmagazin und online samt den jeweiligen wissenschaftlichen Hintergründen präsentiert.
Das Bild, für das Chowdhury von Nature ausgezeichnet wurde, zeigt Professorin Lee Haines bei der Arbeit. Sie beschäftigt sich seit zwanzig Jahren mit Insekten und den von ihnen übertragenen tropischen Krankheiten. Ihre Forschung hat sie bereits rund um die Welt geführt – von England über Kanada, Uganda und Saudi Arabien bis in die USA.
Mit Forschung & Lehre sprechen Chowdhury und Haines über das gemeinsame Fotoprojekt, ihre Begeisterung für neue Entdeckungen und erklären, wie Kunst eine Verbindung zwischen der akademischen Welt und der breiten Öffentlichkeit schaffen kann.
Forschung & Lehre: Sie arbeiten beide an der Notre Dame University, sind aber in unterschiedlichen Fachbereichen aktiv. Mit was beschäftigen Sie sich und was begeistert Sie daran besonders?
Shayanta Chowdhury: Im Rahmen meiner Promotion arbeite ich mit Professor Jon Camden im Fachbereich Chemie zusammen. Ich nutze plasmonische Nanostrukturen, um oberflächengebundene Moleküle zu untersuchen.
Ein Großteil meiner Arbeit besteht darin, in einem Dunkelraum mit Lasern und Mikroskopen anorganische Materialien zu untersuchen. Ich liebe Muster und mag es, meine Forschung mit alltäglichen Dingen in Verbindung bringen zu können. Der Streuprozess, den ich für meine Forschung nutze, funktioniert beispielsweise nach demselben Prinzip, das erklärt, warum der Himmel tagsüber blau ist, bei Sonnenuntergang jedoch rot. Die Silbernanopartikel, mit denen ich arbeite, sehen unter einem Mikroskop mit Dunkelfeldbeleuchtung aus wie Galaxien und Sterne.
Ich finde es großartig, dass ich Dinge, über die ich als Kind in Wissenschaftsbüchern und Enzyklopädien gelesen habe, nun als Wissenschaftler selbst tun kann – zum Beispiel, einzelne Goldatome in einem Gitter innerhalb der ohnehin schon winzigen Nanopartikel zu beobachten. Eine neue Perspektive offenbart so eine völlig andere Welt.
Lee Haines: Ich bin außerordentliche Forschungsprofessorin in Notre Dame, wo ich das Privileg habe, mit Mitarbeitenden und Dozierenden aus vielen verschiedenen Fachbereichen, Berufsfeldern und Ländern zusammenzuarbeiten. Als Wissenschaftlerin beschäftige ich mich mit Arthropoden (Insekten und Zecken), die beim Menschen und bei Tieren Krankheiten verursachen oder ihnen anderweitig schaden.
Am meisten fasziniert mich zu beobachten, wie jemand von Unwissenheit zu Verständnis gelangt – sei es in Bezug auf Insekten oder auf wissenschaftliche Probleme im weiteren Sinne. Der Nervenkitzel eines "Heureka"-Moments, selbst bei einer kleinen Entdeckung, und die Freude, diese Begeisterung mit anderen zu teilen, bedeuten mir genauso viel wie zu beobachten, wenn jemand seine Angst vor Insekten verliert. Es ist ein Moment, in dem Ehrfurcht und Neugierde aufblühen.
F&L: Können Sie uns beschreiben, was auf Ihrem #ScientistAtWork-Gewinnerfoto zu sehen ist? Wie ist es entstanden?
Shayanta Chowdhury: Ich hatte zu der Zeit eigentlich für ein anderes Projekt Personen auf dem Campus interviewt und fotografiert, die sich interdisziplinär mit Kunst und Wissenschaft beschäftigten. Dabei stieß ich auf Lee. Sie war es, die mir den Link zum Wettbewerb #ScientistAtWork schickte und mich animierte, meine Fotos einzureichen. Also trafen wir uns eines Abends zu einem Fotoshooting. Lee suchte auf dem Campus nach Zecken, stellte Lichtfallen auf, um Mücken zu fangen, und untersuchte sie unter UV-Licht mit einem Mikroskop. Das Gewinnerfoto ist entstanden, als sie eine Mücke untersuchte, die mit Zucker, einem fluoreszierenden Farbstoff und einem tödlichen Gift gefüttert worden war.
Die Mücke lag auf einer Petrischale, die zuvor auf Eis gelagert worden war. Um den fluoreszierenden Farbstoff unter UV-Licht sehen zu können, musste der Raum vollständig abgedunkelt sein. Die Beleuchtung zauberte sowohl bei der winzigen Mücke als auch beim Kondenswasser, das sich unter der Petrischale gebildet hatte, auffällige Farben hervor: eine rosa-violette Mücke in einem Meer aus Blau, wobei Wassertropfen das Licht in alle Richtungen reflektierten.
Mich faszinierte die Art und Weise, wie die Wissenschaftlerin selbst ausschließlich von dem vergrößerten Bild ihres Präparats beleuchtet wird, das auf dem Monitor zu sehen ist. Ich habe mich dafür entschieden, dieses Bild bei Nature einzureichen, weil auf diesem Foto die Wissenschaftlerin, die das Objekt abbildet, zusammen mit dem verwendeten Gerät ebenfalls im Bildausschnitt zu sehen ist.
Lee Haines: Das war ein ganz typischer Moment aus meinem Alltag. Ich untersuche die Wirkung eines Humanarzneimittels namens Nitisinon auf Gliederfüßer. Wenn ein Insekt Blut von einem Tier oder Menschen saugt, dem dieses Medikament verabreicht wurde, stirbt es. Es ist, als hätte man eine Superkraft, um sich an jenen Kreaturen zu rächen, die es wagen, einem Blut zu stehlen.
Um festzustellen, ob eine Mücke das farblose Medikament aufgenommen hat, geben wir einen fluoreszierenden Markierungsfarbstoff in ihre Nahrung. Für dieses Foto habe ich einen leuchtend grünlich-gelben Stoff in das Zuckerwasser gegeben. Wenn man eine Mücke mit einer UV-Taschenlampe anstrahlt, nachdem sie sich von der Mischung ernährt hat, leuchtet ihr Körper im Dunkeln. In so einem Moment fühle ich mich wie eine Zauberin, die eine langweilige braune Mücke mit einem violetten Lichtstrahl in ein fluoreszierendes Glühwürmchen verwandelt. Für mich war es aber genauso bereichernd, Shayanta diesen Vorgang miterleben zu lassen und zu beobachten, wie er ins Staunen geriet.
F&L: Warum ist es Ihnen wichtig, Ihre Forschung der Öffentlichkeit durch Fotografie zu kommunizieren?
Shayanta Chowdhury: Durch mein Interviewprojekt habe ich viele beeindruckende Menschen kennengelernt, darunter Lee. Der Austausch mit ihnen war für mich von großer Bedeutung. Ich finde es inspirierend, dass es um uns herum eine so vielfältige Gruppe von Menschen gibt, die sich mit großer Leidenschaft für etwas einsetzt, an das sie glaubt. Ich bin davon überzeugt, dass wir Projekte brauchen, die Wissenschaft und Kunst verbinden. Sie können die Öffentlichkeit und die Forschung in Kontakt bringen und Menschen dabei helfen, komplexe Themen zu verstehen und so Vertrauen in die Wissenschaft aufzubauen.
Ich freue mich, dass mein Foto dazu beitragen kann, einem breiteren Publikum die Faszination und Schönheit der Wissenschaft näherzubringen. Wissenschaftskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit sind Themen, über die ich in den vergangenen Jahren immer intensiver nachgedacht habe. Ich bin fest davon überzeugt, dass Kunst die Kluft zwischen Forschenden und der Gesellschaft überbrücken kann.
Wenn mein Bild bei jemandem Interesse dafür wecken kann, was darauf zu sehen ist, und ihn dazu inspiriert, mehr Fragen zu stellen und neugierig auf die Wissenschaft zu werden, wäre das ein großer Erfolg.
Lee Haines: Ich begeistere mich für Kunstformen wie die Fotografie und versuche, sie in meine wissenschaftliche Laufbahn einzubinden, weil ein Foto die Betrachtenden dazu einlädt, sich vorzustellen, was gerade geschieht. Es schreibt ihnen nicht vor, was sie denken sollen. In einer Welt, die unaufhörlich um unsere Aufmerksamkeit buhlt und uns mit Inhalten überschwemmt, wird es immer schwieriger, Gelegenheiten zum Staunen zu finden. Ein gutes Foto weckt Neugier und macht Lust auf mehr – das liebe ich.
F&L: Herr Chowdhury, Sie sind nicht nur Wissenschaftler, sondern widmen sich auch der Kunst. Was verbindet die beiden Felder?
Shayanta Chowdhury: Diese beiden Bereiche waren schon immer miteinander verbunden. Sowohl Forschende als auch Künstlerinnen und Künstler versuchen, die Welt und unsere Existenz zu verstehen, allerdings mit unterschiedlichen Mitteln und aus unterschiedlichen Perspektiven. Viele Fortschritte in der Wissenschaft sind das Ergebnis sehr kreativer Entscheidungen, und es ist hilfreich, wissenschaftliche Probleme aus der Perspektive der Kunst zu betrachten. Interessen und Hobbys außerhalb des eigenen akademischen Fachgebiets sind eine hervorragende Möglichkeit, solche kreativen Sprünge zu vollziehen. Das beobachte ich bei vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.
F&L: Welchen Forschungsthemen würden Sie sich gerne als nächstes widmen?
Shayanta Chowdhury: Bisher habe ich mich in meiner Forschung auf die physikalische und analytische Chemie konzentriert, um Nanomaterialien zu untersuchen. Ich möchte künftig in das interdisziplinäre Feld der Konservierungswissenschaft (Kulturerbeforschung) wechseln, um mein derzeitiges Fachwissen in den Bereichen Spektroskopie, Plasmonik und Nanowissenschaft in die Erforschung und Erhaltung von Kulturgütern einzubringen. Dabei werde ich überwiegend mit organischen und anorganischen Materialien arbeiten. Ab Herbst habe ich ein Postdoc-Stipendium im "The Mariners’ Museum and Park" in Virginia (USA). Dort forsche ich nach Möglichkeiten, wie der Verfall von Holzmaterialien auf Schiffswracks verhindert werden kann, die seit Jahrhunderten unter Wasser liegen.
Lee Haines: Ich weiß wirklich noch nicht, welches Thema ich als Nächstes bearbeiten werde. Ich lasse mich einfach überraschen und von der- oder demjenigen inspirieren, die oder den ich als Nächstes kennenlerne – insbesondere, wenn das Fachgebiet dieser Person weit außerhalb meines eigenen liegt. Ungewöhnliche und innovative Ideen können entstehen, wenn dem gegenseitigen Austausch Raum gegeben wird. Ein Beispiel ist meine derzeitige Zusammenarbeit mit der Geigerin und Dirigentin für geistliche Musik, Dr. Cynthia Katsarelis, an unserer Universität. Gemeinsam mit dem Komponisten John Liberatore und der Videokünstlerin Cecilia Kim arbeiten wir daran, die verheerende globale Geschichte des Massensterbens von Insekten visuell und musikalisch zu erzählen – ein Phänomen, das in den kommenden Jahren katastrophale Auswirkungen auf unser eigenes Leben haben wird.
Einerseits liegt mein Schwerpunkt als Vektorbiologin natürlich darauf, Insektenpopulationen so zu kontrollieren, dass sie keine Krankheiten mehr übertragen können. Andererseits setze ich mich für die stark zurückgehenden Populationen von Insekten ein, die nicht krankheitsübertragend sind, wie zum Beispiel Monarchfalter und Glühwürmchen. Hier versuche ich Menschen durch Kunst zu sensibilisieren, anstatt einen wissenschaftlichen Vortrag zu halten.
F&L-Sommerserie: Gewinnerfotos 2026
2026 prämierte Nature fünf Motive der über 220 Einsendungen aus aller Welt:
- Gesamtsieger wurde der Student Gunnar Hartmann von der Universität Koblenz. Sein Foto zeigt Mitglieder des österreichischen Waldrappteams, die mit einem Ultraleichtflugzeug einen Schwarm junger Zugvögel über die Felder und Olivenhaine von Jaén in Südspanien führen.
- Das zweite Gewinnerbild von Uli Kunz zeigt Forschungstaucher beim Aufbau einer Inkubationskammer für Korallen im Roten Meer.
- Auf dem dritten Fotomotiv von Rob Harcourt ist die Entnahme einer mikrobiologischen Probe von einem Walhai an der Westküste Australiens zu sehen.
- Die Wasserprobenahme in einem von Algen bedeckten See in Kanada zeigt das prämierte Foto von Haolun Allen Tian.
- Zu den besten Motiven gehört auch das Foto von Shayanta Chowdhury, auf dem die Untersuchung einer Mücke unter ultraviolettem Licht zu sehen ist.