Europäischer Forschungsrat
Forschende fordern Korrektur der neuen ERC-Richtlinien
In einem offenen Brief haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gegen die Ankündigung des Europäischen Forschungsrats (ERC) protestiert, strengere Kriterien für Grant-Bewerbungen einzuführen. Sie weisen darauf hin, dass innovative Forschung nicht linear verlaufe und striktere Bewerbungsregeln möglicherweise zu geringerem Innovationspotential führen würden. Die Initiatorinnen und Initiatoren betonen: "In einer Zeit, in der Europa darauf abzielt, seine Innovationsfähigkeit, seine strategische Autonomie und seine technologische Führungsrolle zu stärken, sendet die Einschränkung des Zugangs zu seinem erfolgreichsten Forschungsinstrument ein falsches Signal." Bislang haben über 1.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Brief unterzeichnet – die meisten davon arbeiten in der Europäischen Union, viele jedoch auch in der Schweiz, im Vereinigten Königreich, den USA, Israel oder in der Türkei.
Konkret befürchten die Forschenden, dass Bewerberinnen und Bewerber in ihren Projekten auf Sicherheit statt Wagemut setzen und innovative Ideen leiden könnten, wenn sie mit längeren Wartezeiten zwischen Bewerbungsphasen zu rechnen hätten. Zudem würden ihre Möglichkeiten eingeschränkt, schnell auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu reagieren. Es bestehe die Gefahr, so die Autorinnen und Autoren, dass wissenschaftliche Talente in außereuropäische Fördersysteme abwandern könnten.
Alternativen zu Einschränkungen vorgeschlagen
Neben ihren Befürchtungen äußern die Forschenden auch mögliche alternative Lösungswege. So schlagen sie vor, den Bewerbungsprozess zweizuteilen. In einem ersten Schritt sollten demnach Kurzvorschläge eingereicht werden, die schneller und effizienter geprüft werden könnten – beispielsweise durch Personen, die zum jeweiligen Zeitpunkt bereits vom ERC gefördert werden, um die Auswahlkomitees zu entlasten. In einem zweiten Schritt könnten die erfolgreichen Bewerberinnen und Bewerber ausführliche Anträge einreichen.
Die Autorinnen und Autoren schlagen zudem vor, die Entscheidungsstrukturen flexibler zu gestalten, beispielsweise durch eine höhere Anzahl an Panels, die Projektvorschläge asynchron und remote evaluieren könnten. Als weitere Maßnahmen nennen die Forschenden die Erhöhung des ERC-Finanzrahmens und die Einbindung nationaler Förderinstrumente.
Nach Informationen der Wissenschaftsplattform Science Business stand der Forschungsrat mit den Initiatorinnen und Initiatoren des Protests in Austausch.Professorin Sarah-Maria Fendt, Medizinerin an der Katholieke Universiteit (KU) Leuven und Mitinitiatorin des Briefs, bestätigte demnach den Kontakt zu ERC-Präsidentin Professorin Maria Leptin. Sie sei sich bewusst, dass die neuen Vorschläge durchaus auch Nachteile haben, betonte Fendt. Dennoch wollten die Forschenden ihre Vorschläge zur Diskussion stellen, um zu zeigen, "dass wir als Gemeinschaft bereit sind, drastischere Änderungen zu akzeptieren, anstatt einer Umgestaltung, die zwar den Rahmen beibehält, aber Forschende von der Bewerbung ausschließt."
ERC kündigt Rücknahme der Beschränkungen an
Am 29. April hat der ERC verkündet, die Maßnahmen noch einmal zu überdenken. Laut Pressemeldung sollen für die Förderphase 2027 zum Großteil wieder die alten Kriterien gelten. Nur für den Synergy Grant werden einige Beschränkungen demnach aufrechterhalten. Konkret bedeutet das für das Bewerbungsverfahren, in denen die Projekte jeweils zwei Evaluierungsstufen durchlaufen:
- Für Starting, Consolidator und Advanced Grants:
Forschende, die 2025 oder 2026 in Stufe 1 die Note C oder 2026 die Note B erhalten haben, können sich nicht für die Förderrunde 2027 bewerben. - Für den ERC Plus Grant:
Bewerberinnen oder Bewerber, die nicht über Stufe 1 des ERC-Plus-Grant-Wettbewerbs 2026 hinausgekommen sind, können sich nicht für den ERC-Plus-Grant 2027 bewerben. Auch Forschende, die in Stufe 1 der Starting, Consolidator oder Advanced Grants 2025 oder 2026 die Note C beziehungsweise 2026 die Note B erhalten habe, können kein Projekt einreichen. - Für den Synergy Grant:
Für den Synergy Grant können sich keine Forschenden bewerben, die in Stufe 1 des Synergy, Starting, Consolidator oder Advanced Grants 2025 und 2026 mit der Note C beziehungsweise 2026 mit der Note B bewertet wurden.
Leptin kündigte in der Meldung an, dass die Anregungen der Forschenden vom ERC geprüft würden, betonte jedoch erneut, dass die steigende Anzahl von Bewerbungen künftig weitere Maßnahmen nötig machten – darunter möglicherweise auch Änderungen an den Wiederbewerbungskriterien.
aktualisiert am 30. April um 09:30 Uhr [Ergänzung ERC führt alte Kriterien wieder ein]; erstmals veröffentlicht am 29. April 2026
hae