Eine Gruppe von formell gekleideten Personen steht auf einer Treppe für ein Gruppenbild.
Patrik Lundin / Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften

Stockholmer Erklärung
Forschende fordern Reformen im Publikationssystem

Ein Workshop an der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften bot Anlass für eine Erklärung zum Publizieren. Qualität gehe vor Quantität.

05.11.2025

Unter dem Titel "Reform des wissenschaftlichen Publizierens: die Stockholmer Erklärung" fordern knapp dreißig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler neue Qualitätsstandards für akademische Exzellenz wissenschaftlichen Publizierens. Die am 5. November veröffentlichte Erklärung wurde nach eigenen Angaben durch eine Konferenz an der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften in Stockholm inspiriert, die im Sommer stattfand. 

Der Erklärung zufolge werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler durch Karrieredruck dazu verleitet, gefälschte oder manipulierte wissenschaftliche Arbeiten zu veröffentlichen. Nötig seien Maßnahmen wie die Zurückgewinnung der Kontrolle über das Publizieren mithilfe gemeinnütziger Publikationsmodelle und neue, qualitätsorientierte Anreizsysteme. Es sollten zudem von Verlagen unabhängige Mechanismen implementiert werden, "um gefälschte Publikationen und Betrug zu verhindern und aufzudecken". Ziel sei es, die "Integrität von Publikationen" zu erhöhen. 

Initiatoren und Autoren der Erklärung sind der als Papermill-Kritiker bekannte Mediziner Professor Bernhard Sabel an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg sowie der ehemalige Präsident der Akademie Professor Dan Larhammar an der Universität Uppsala. Sabel ist Gründer und Gesellschafter der Berliner Sciii gGmbH, einer Stiftung zur Förderung der Integrität in der Wissenschaft. 

Erklärung soll "Aufruf zum Handeln" sein 

Als Adressaten ihrer Forderungen sehen die beiden Autoren "alle Akteure in Wissenschafts- und Technologieorganisationen weltweit". Wissenschaftliche Gesellschaften, Förderorganisationen, politisch Verantwortliche, Verlage und diejenigen, die wissenschaftliche Fortschritte in praktische Anwendungen umsetzen, sollten sich zusammenzuschließen, um die Struktur der aktuellen Wissenschaftspublikationskultur zu reformieren. 

Unterzeichnet wurde das Papier von Konferenzteilnehmenden, darunter 17 internationale Sachverständige sowie sieben Mitglieder der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften. Es wird allerdings betont, die Unterzeichnenden "stimmten nicht unbedingt jeder Aussage dieser Erklärung zu und vertraten auch nicht offiziell die Ansichten ihrer jeweiligen Institution oder Organisation". 

Schwerpunkt "Publizieren"

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Open Access, neue Anreize und Richtlinien 

Zu den konkreten Vorschlägen gehört unter anderem, gewinnorientierte Publikationsmodelle in nachhaltige gemeinnützige umzuwandeln. Hier sind die Zeitschriften Eigentum der akademischen Gemeinschaft, wo Open-Access-Modelle üblich sind. Hierzu müssten Regierungen und Stiftungen die Finanzierung von Open-Access-Publikationen auf akademische Verlage umleiten. Die Publikationsplattform der Europäischen Kommission Open Research Europe (ORE) wird als positives Beispiel genannt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die vom Horizon-Europe-Programm gefördert werden, müssen hierfür keine Open-Access-Gebühren bezahlen. 

Intransparente Artikelbearbeitungsgebühren, kommerzielle Entscheidungsgrundlagen, Zitationsmetriken und Quantitätskennzahlen seien schädlich für die Integrität der Wissenschaft und müssten vermieden werden. Auch die digitale Archivierung soll demzufolge unabhängig von gewinnorientierten Verlagen umgesetzt werden. 

Der Einsatz von KI in der wissenschaftlichen Publikation und Datenverfolgung benötigt nach Ansicht der Unterzeichnenden Richtlinien sowie ein stetiges Monitoring der Chancen und Risiken. Die Entwicklung automatisierter Betrugserkennungssysteme, um gefälschte Publikationen und deren Produzenten zu identifizieren, sei erforderlich. Auch die Schulung und Finanzierung institutioneller Prüfungsausschüsse zur Sicherstellung der Publikationsqualität seien sinnvoll. Darüber hinaus seien auch die nationalen Regierungen gefragt, Regelungen zur Definition, Überwachung und Sanktionierung von Verstößen gegen die Forschungsintegrität zu entwerfen.

cva