HRK
"Forschungsbewertung lässt sich nicht per Dekret ändern"
Forschung & Lehre: Das System der Forschungsbewertung steht bereits seit Längerem in der Kritik. Wie problematisch ist das bestehende Bewertungsverfahren aus Sicht der deutschen Hochschulleitungen?
Angela Ittel: Die Forschungsbewertung formt, was als "gute Forschung" gilt. Damit ist sie nicht lediglich ein technisches Instrument, sondern kulturprägend. Bei dem Versuch, die Qualität von Forschung zu erfassen und vor allem zu objektivieren, liegt es nahe, auf quantitative Indikatoren zu setzen. Diese haben ihre Berechtigung, stoßen aber an Grenzen. So sind einige Fachkulturen zum Teil stark metrisch orientiert. Quantitative Metriken können jedoch auch Fehlanreize setzen, sorgen für Publikationsdruck und zu einer ausgeprägten Drittmittelorientierung.
"Forschungsfreiheit und wissenschaftliche Autonomie dürfen im Reformprozess nicht gefährdet werden."
Angela Ittel
Eine weitere Gefahr: Einseitige Bewertungslogiken können Vielfalt und innovative Ansätze "unsichtbar machen" und damit Kreativität und Risikobereitschaft hemmen. Entsprechend stellen wir die Anforderung an eine Reform der Forschungsbewertung, dass Verfahren so weiterentwickelt werden, dass sie auf der Basis von Peer Review wissenschaftliche Qualität in ihrer ganzen Breite erfassen: fachkultursensibel, kontextbezogen und differenziert. Dazu müssten Instrumente für qualitative Einschätzungen weiterentwickelt werden. Aus Sicht der deutschen Hochschulen ist in dem ganzen Reformprozess essentiell, dass die Forschungsfreiheit und wissenschaftliche Autonomie nicht gefährdet werden.
F&L: Der Prozess zur Reform der Forschungsbewertung, aus der die Reforminitiative CoARA 2022 hervorging, wurde von der Europäischen Kommission angestoßen. Wie beurteilen Sie den Top-Down-Ansatz bei diesem Reformprojekt?
Georg Krausch: Mit der Initiative hat die EU-Kommission einen wichtigen Impuls gesetzt. Allerdings muss man verstehen, dass Forschungsbewertung ein innerwissenschaftlicher Kulturprozess ist und sich nicht per Dekret ändern lässt. Bewertungsmodelle müssen in Fachkulturen verankert werden und benötigen eine wissenschaftsgetragene Legitimation. Insofern ist es wichtig, dass Wissenschaftseinrichtungen die europäischen Entwicklungen kritisch begleiten und nicht passiv übernehmen. Dies wird unterstützt durch die Vernetzung und den europäischen Vergleich innerhalb der thematischen CoARA-Arbeitsgruppen.
Eine Herausforderung wird sein, die europäischen Ansätze in deutsche Hochschulrealitäten zu übersetzen und diese dabei an die Bedarfe der heterogenen deutschen Hochschullandschaft anzupassen. Hier setzt die HRK auf Reflexions- und Übersetzungsarbeit, nicht auf formale Bindung. So können wir als Träger des deutschen Wissenschaftssystems aktiv mitgestalten, ohne unsere Autonomie aufzugeben.
F&L: Die HRK ist bislang kein Mitglied der europäischen Reforminitiative CoARA, sondern lediglich als Gast der Nationalen Kontaktstelle von CoARA beigetreten. Warum? Bietet der Gaststatus gegenüber dem einer Mitgliedschaft in dem Verbund Vorteile?
Angela Ittel: Die HRK ist eine Organisation mit 272 Mitgliedern mit sehr unterschiedlichen Haltungen und Einschätzungen zu CoARA. Ein Beitritt des Verbands würde dieser internen Heterogenität nicht gerecht. Nach intensiver Diskussion der HRK-Mitgliedshochschulen haben wir uns für den Verband entschieden, eine Position der "kritischen Nähe" einzunehmen, während wir unseren Mitgliedern empfohlen haben, einen individuellen Beitritt ihrer Hochschule zu prüfen.
Mit dem Gaststatus im National Chapter der CoARA können wir diese Balance halten und uns aktiv am Diskurs beteiligen, ohne dass eine Zustimmung aller Mitglieder zur Reformbewegung vorausgesetzt ist.
F&L: 2024 hieß es in einer Pressemitteilung der HRK, einigen Hochschulen fehle in der vorliegenden CoARA-Vereinbarung ein "explizites Bekenntnis zu wissenschaftlicher Exzellenz, zu Leistung und Wettbewerb – bislang für global konkurrenzfähige Spitzenforschung eigentlich unverzichtbare Prinzipien". Wie wird in der Vereinbarung "wissenschaftliche Exzellenz" definiert? Was vermissen beziehungsweise kritisieren diese Hochschulen konkret?
Georg Krausch: Forschungsexzellenz im engeren Sinne bezieht sich auf die Innovationskraft der Forschungsfrage, die Qualität der eingesetzten Methoden und am Ende auf den zu erwartenden Erkenntnisgewinn durch die Forschung. Sie ist in diesem Sinn allein durch wissenschaftliche Peers der einschlägigen Fachcommunity zu beurteilen und ist zunächst frei von gesellschaftlichen oder politischen Kriterien. In diesem Sinne ist Exzellenz sozusagen der "innere Spiegel" der Autonomie, die Forschende und Wissenschaftsinstitutionen genießen und genießen müssen.
Einige unserer Hochschulen haben die Sorge, dass diese Aspekte der Exzellenz durch andere wichtige Kriterien, die innerhalb CoARA bei der Beurteilung wissenschaftlicher Leistung zu Recht mit in Betracht gezogen werden, in den Hintergrund oder gar ganz aus dem Blick geraten könnten. Gleichwohl bleibt es Aufgabe der Wissenschaft, den Exzellenzbegriff in all seiner Breite immer neu zu hinterfragen und in neuen Kontexten zu verorten. Ich nenne als Beispiel nur die künstlerische Forschung.
F&L: Was umfassen qualitative Bewertungsmethoden nach CoARA? Sollten beispielsweise Open Science und Diversität substantieller Teil der wissenschaftlichen Bewertung sein?
Angela Ittel: Qualitative Verfahren stärken insgesamt die Forschungsbewertung. Sie berücksichtigen narrative Bewertungen wie beispielsweise narrative CV's und kontextbezogene Einschätzungen, etwa das Konzept des academic age. Open Science, Diversität und Nachhaltigkeit werden zudem zunehmend als Indikatoren guter wissenschaftlicher Praxis verstanden; es ist wichtig, dass das Wissenschaftssystem sich hier in seinen Strukturen öffnet.
So kann etwa Diversität in der Forschung zu einer größeren Breite an Perspektiven beitragen und damit wissenschaftliche Qualität fördern. Das sind gute Entwicklungen. Wichtig ist bei all dem, dass mit der Weiterentwicklung der Forschungsbewertung die Vorteile einer breiteren Anerkennung vielfältiger Leistungen nicht unter neuer Bürokratie begraben werden.
F&L: Bei der CoARA-Initiative handelt es sich um eine grundlegende, europaweite Reform der Forschungsbewertung. Können es sich deutsche Universitäten erlauben, nicht Teil der Initiative zu sein (im Hinblick auf die Vergleichbarkeit der Kriterien der Bewertung)?
Georg Krausch: Die Teilnahme an CoARA ist kein Selbstzweck. Entscheidend ist, ob die Reformprinzipien der eigenen Überzeugung entsprechen und in die eigene Praxis integriert werden können. Hier kann CoARA wichtige Impulse geben, aber die Verantwortung für die Umsetzung liegt letztlich bei den Hochschulen selbst. Mit Blick auf die Beteiligung deutscher Hochschulen stellen wir ein wachsendes Interesse fest.
"Deutsche Hochschulen sollten an der Debatte teilnehmen, denn nur so können sie Standards mitgestalten."
Georg Krausch
Deutsche Hochschulen sollten meiner Ansicht nach auch an der Debatte teilnehmen, denn nur so können sie Standards mitgestalten. Dabei sollte man beachten: Nicht-Mitgliedschaft bedeutet nicht Stillstand. Die HRK begleitet den Prozess wie beschrieben aktiv auf der Ebene nationaler Vernetzung und im Austausch mit europäischen Partnern. Eine Gefahr, den Anschluss zu verpassen, würde nur bestehen, wenn man sich vollständig abkoppelt, das ist nicht der Fall.
Forschungsbewertung – Schwerpunkt in "Forschung & Lehre"
Die Januar-Ausgabe von "Forschung & Lehre" widmet sich mit einem Themen-Schwerpunkt dem wissenschaftlichen Qualitätssicherungssystem. Die Beiträge:
- Christoph Markschies: Differenziert wahrnehmen. Erfahrungen zur Bewertung von Forschungsqualität
- Kristin Biesenbender/Stefanie Haustein/Maria Henkel/Isabella Peters/Niels Taubert/Quoc-Tan Tran: Dysfunktionales System? Zum Zusammenhang von Open Access und Forschungsevaluation
- Im Gespräch mit Angela Ittel und Georg Krausch: Kritisch begleiten und nicht passiv übernehmen. Die CoARA-Initiative aus Sicht der Hochschulrektorenkonferenz
- Im Gespräch mit Anna Christa und Ines Medved: Alle Facetten der Forschungsleistung. Lebenslaufmuster für breitere Darstellungsmöglichkeiten
- Gabriel Bartl/Anne K. Krüger/Stephan Stahlschmidt: Offene oder proprietäre Daten? Digitalisierung, Kommerzialisierung und Nutzung von Forschungsinformation
- Im Gespräch mit Georg Schütte: Alle werden Gutachter. Ergebnisse aus dem Pilotprojekt zu Distributed Peer Review der VolkswagenStiftung
- Im Gespräch mit Miriam Kip: Nicht ersetzen, sondern erweitern. Wie können neue Methoden zur Bewertung von Forschung aussehen?
Hier geht es zur aktuellen Ausgabe – Reinlesen lohnt sich!