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Gesundheit
Große Arbeitsbelastung an deutschen Hochschulen

Professorinnen und Professoren leiden unter hohem Belastungsdruck, sind jedoch insgesamt zufrieden. Eine neue Studie beleuchtet ihre Arbeitssituation.

10.03.2026

Etwa zwei Drittel der Professorinnen und Professoren in Deutschland leiden häufig oder dauerhaft unter Stress. Über 85 Prozent sehen ihre Gesundheit zumindest teilweise durch die Belastung gefährdet. Das ergab eine Erhebung des Center for Higher Education Research & Governance der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und der Techniker Krankenkasse (TK). Im Rahmen der Studie "Promoting Resilience and Optimizing Faculty Environment for Sustainable Success" (PROFESS) wurden zwischen März und Mai 2025 Angaben von über 2.000 Professorinnen und Professoren ausgewertet. Sie beantworteten Fragen zu Arbeitsbelastung, Zufriedenheit, Gesundheit, Wohlbefinden und Strategien zur Stressbewältigung. Die Ergebnisse veröffentlichte die TK im Februar 2026.

Zentrale Belastungen für Professorinnen und Professoren entstünden im Alltag durch strukturelle und organisatorische Bedingungen, so Studienleiterin Professorin Yvette E. Hofmann. Die Situation unter Studierenden und wissenschaftlichem Nachwuchs sei im Vergleich gut untersucht. Zur Arbeitssituation auf Professuren gebe es jedoch bislang keine belastbaren Daten. Ziel der Studie sei daher gewesen, eine empirische Grundlage zu schaffen, um bestehende Arbeitsbedingungen prüfen und strategische Entscheidungen an Hochschulen sowie in der Wissenschaftspolitik treffen zu können.

Aufgabenvielfalt trägt zu Stressbelastung bei

Die große Mehrheit der Professorinnen und Professoren (80,4 Prozent) empfindet ihre Arbeit laut Studie als sehr intensiv, 62,7 Prozent fühlen sich in einer Arbeitswoche häufig bis immer gestresst. 68,4 Prozent berichteten von Termindruck und 64,2 Prozent gaben an, bestimmte Aufgaben aufgrund des hohen Arbeitsaufkommens zu vernachlässigen. Mit 64,7 Prozent liegt die Stressbelastung an Universitäten etwas höher als an Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW, 57,5 Prozent). Insgesamt gaben zudem Frauen sehr viel häufiger an, unter Stress zu leiden (73,8 Prozent) als Männer (56,3 Prozent).

Als Grund für die hohe Belastung nannten die Teilnehmenden vor allem die Vielzahl an Aufgaben. Neben Lehre, Forschung und Betreuung des wissenschaftlichen Nachwuchses fielen Gremienarbeit, Managementaufgaben, Drittmittelakquise und Begutachtungen an. Neu berufene Professorinnen und Professoren fühlten sich in den ersten Jahren – vor allem im Aufbau von Forschungsstrukturen – nicht ausreichend unterstützt.

Professorinnen kämpfen laut Studie mit den Erwartungen, die an sie als Forscherinnen, Lehrkräfte und Vorbilder für den wissenschaftlichen Nachwuchs gestellt werden. Auch die erhöhte Gremienlast durch möglichst paritätische Besetzung trage demnach zum hohen Arbeitsaufkommen bei. Care-Arbeit und Kindererziehung belasten diese Gruppe zusätzlich, wie Hofmann im Gespräch mit dem Wiarda-Blog erklärt.

Wie gehen Betroffene mit der Belastung um?

Die Wissenschaftlerinnen der LMU wollten mit der Studie auch herausfinden, wie Professorinnen und Professoren die Arbeitsbelastung bewältigen und haben nach den Strategien zur Stressbewältigung (Coping-Mechanismen) gefragt. Über die Hälfte der Befragten gab demnach an, in Stresssituationen einfach "durchzuhalten" (59,7 Prozent). Aktive Veränderungen im Arbeitsumfeld zur Reduktion des Belastungslevels ("kämpfen") strebten dagegen nur 24,1 Prozent an. Dabei kompensierten 74 Prozent der Teilnehmenden Stress durch körperliche Aktivität. 53,1 Prozent pflegten soziale Kontakte und 45,4 Prozent griffen auf bewusste Ernährung zurück.

Diesen Fokus auf Kompensation von Stress statt der Förderung von Gesundheit sehen die Autorinnen der Studie kritisch. Es werde deutlich, dass Coping-Mechanismen nicht als flexible Reaktion auf hohe berufliche Anforderungen funktionierten, sondern als kontinuierlicher Akt der Selbstdisziplin in einer von Leistungs- und Exzellenzdruck geprägten Arbeitskultur. Langfristig erhöhe dies das Risiko einer Erschöpfung oder sogar eines Burn-outs.

86,1 Prozent der Professorenschaft gaben an, ihre Gesundheit aufgrund der Arbeitsbelastung zumindest teilweise gefährdet zu sehen. Mentale Erschöpfung (56,7 Prozent), Schlafstörungen (46,1 Prozent) und körperliche Erschöpfung (37,5 Prozent) gehörten zu den häufigsten Beschwerden. Acht Prozent berichteten, in den vergangenen sechs Monaten einen Burn-out erlitten zu haben.

Verantwortung für Mitarbeitende und Studierende

Dabei erkennen laut Studie die Professorinnen und Professoren durchaus ihre Vorbildfunktion in Sachen Gesundheit. 89,8 Prozent fühlten sich manchmal oder häufig für die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden verantwortlich. 86,5 Prozent gaben dies bezüglich ihrer Studierenden an. Selbstkritisch deuteten 45 Prozent an, keine guten Vorbilder in Sachen Work-Life-Balance darzustellen.

Bemerkenswert sei, dass die Professorenschaft Fehler durchaus bei sich selbst suche: "Anstatt Verwaltungsbashing oder polemische Systemkritik zu betreiben, sagen viele ausdrücklich: Ich müsste öfter Nein sagen, mich klarer abgrenzen, manche meiner Prozesse anders gestalten", fügte die Studienleiterin im Wiarda-Interview hinzu.

Gesundheitsangebote sollten auch Professorenschaft ansprechen

Um die bestehenden Probleme zu lösen, dürfe die Gesundheit von Professorinnen und Professoren nicht nur als individuelles Problem behandelt werden, so Hofmann weiter: "Es braucht strukturelle Rahmenbedingungen: klare Prioritäten, realistische Erwartungshorizonte."

Die Studie empfiehlt die Einbindung der Professorenschaft in die bestehenden Gesundheitsangebote der Hochschulen durch Coaching- und Informationsangebote sowie die Verbesserung von Lehr- und Arbeitsräumen. Professorinnen und Professoren wünschten sich zudem die aktive Förderung des Netzwerkens durch die Hochschulen.

Im Gespräch mit Wiarda hob Hofmann die gegensätzlichen Erwartungen hervor, die an die Professorenschaft herangetragen würden. Die notwendige Entlastung sei eine Führungsaufgabe für Hochschulleitungen: "Gerade an Exzellenz-Universitäten vergleichen wir uns mit Institutionen im Ausland, die weder diesen Umfang an Lehre noch diese ausgeprägte Selbstverwaltung haben. Bei uns kommen die Forschung, die internationale Sichtbarkeit, immer on top auf das, was administrativ ohnehin zu leisten ist."

Interesse an der Arbeit federt Belastungen ab

Bemerkenswert ist, dass laut Studie immerhin 41,2 Prozent der Professorinnen und Professoren mit ihrer Arbeitssituation (sehr) zufrieden sind. Weitere 48,5 Prozent zeigten sich teilweise zufrieden. Gegenüber Wiarda erklärte Hofmann den scheinbaren Widerspruch zwischen Belastungslevel und allgemeiner Zufriedenheit mit der Begeisterung, mit der die Teilnehmenden ihren Beruf ausübten. Sie seien tagtäglich mit Themen konfrontiert, die sie wirklich interessierten: "Nur darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Anforderungsprofil in den vergangenen Jahren massiv verändert hat. Gleichzeitigkeit und Umfang der Aufgaben – Lehre, Forschung, Drittmittel, Selbstverwaltung, Führung – erzeugen offensichtlich großen Druck."
 

hae