Forscherin steht vor einem DNA-Modell und schaut in Gedanken aus dem Fenster im Labor
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Kreativität
Gute Forscher reisen mental ins Unbekannte

Für wissenschaftliche Durchbrüche braucht es einen flexiblen Geist. Dabei sind Wissenschaftler ebenso kreativ wie Künstler.

Von Ernst Peter Fischer 31.12.2019

Was zeichnet ein Genie aus und woher stammt seine Kreativität? In der Wissenschaft hat diese Frage einen Haken, denn den Ausdruck "kreative Forschung" gibt es offiziell gar nicht. Wissenschaftler und ihre Beobachter reden lieber von revolutionärer Forschung mit jeweils aktuellen "turns". Von normaler Forschung – also dem Alltag im Labor mit Dutzenden von dünnen Publikationen – redet man fast nicht. Dafür verkündet man umso häufiger Revolutionen, auch wenn es gar keine gegeben hat.

In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts konnte man kaum einen Kongress über Genomforschung besuchen, ohne dass der Eröffnungsredner etwas von einem Paradigmawandel murmelte, den man gerade angesichts der vollständiger werdenden DNA Sequenzen vollziehe. Doch die angesprochenen Möglichkeiten waren keineswegs neu. Schließlich starrte man auf Moleküle, und das unternahm die Zunft mit der Enzymdiagnostik spätestens seit den 1960er Jahren. Dass man sich ein halbes Jahrhundert später weniger um Proteine und mehr um Gene kümmert, könnte man als "genetic turn" begrüßen. Aber revolutionär ist daran nichts.

Vielleicht könnten die Geisteswissenschaften zu einer kreativeren Forschung anregen. Doch in ihrem Kontext werden die Naturwissenschaften nach wie vor sehr oft sehr schlecht behandelt. George Steiner hat zum Beispiel in seinem Buch "Grammatik der Schöpfung" den Naturforschern jede Fähigkeit zur Kreativität abgesprochen. In den Naturwissenschaften gibt es ihm zufolge keinerlei Schöpfung. Hier finden vielmehr Entdeckungen statt. Dem jeweiligen Entdecker Aufmerksamkeit zu schenken, sie jedoch nicht nötig, denn was ihm verborgen geblieben wäre, hätte irgendein anderer Forscher nach ihm aufgefunden. Für Steiner und viele Gleichgesinnte aus seiner Kulturzone schreiten die Naturwissenschaften wie "eine anonyme, kollektive träge Bewegung" logisch voran. Kreativität, wie sie den Künsten und den Künstlern ganz selbstverständlich zugestanden wird, sei darin nicht zu erkennen.

Forscher sind lieber detailorientiert als kreativ

Als Beispiele zitiert Steiner das Aufkommen des evolutionären Gedankens und die Entdeckung der Doppelhelix. Weder auf Darwin noch auf Watson und Crick komme es an. Ohne Darwin hätte uns Alfred Wallace die Idee der natürlichen Selektion beschert und ohne Watson und Crick wären andere kleine Forscher auf die Struktur des Erbmaterials gekommen. Von der Kreativität genialer Individuen in der Wissenschaft kann nach Steiner keine Rede sein.

Das Dilemma dieser Ansicht steckt darin, dass die meisten Wissenschaftler das Verdikt der Kulturfachleute übernommen und fast verinnerlicht haben. Statt kreativ sind sie heute lieber revolutionär oder zumindest ordentlich, korrekt, präzise, umfassend und brav am Detail orientiert. Kreativ sein – also unordentlich, eher ungenau, spekulierend phantasievoll und von Details zunächst unbelastet vorgehen –, das will man nicht. Zwar war James Watson bei der Entdeckung der DNA-Struktur tatsächlich kreativ, lehnte es aber später ab, seine Leistung als solche zu bezeichnen. Er erklärte 2003 zum 50. Jahrestag seiner Entdeckung stattdessen fast entschuldigend, er habe doch nur Pappstrukturen zusammen geschoben und dabei bemerkt, dass die entstehenden Paare die gleiche Konfiguration aufwiesen.

"Die Doppelhelix verdanken wir einer kreativen Leistung."

Natürlich hätten das auch andere Forscher tun und bemerken können, aber eine Doppelhelix ist dann noch lange nicht zu sehen. Durch ihre Präsenz alleine lassen die beiden Paare aus Pappe zudem kaum erahnen, dass mit ihrer Hilfe unmittelbar einsichtig wird, wie das Leben es schafft, "die Teilung in zwei" vorzunehmen, wie Goethe das Urphänomen nennt, das in der Molekularbiologie als Replikation gehandelt wird. Watson und Crick aber haben dies vor ihrem inneren Auge gesehen. Die Doppelhelix verdanken wir daher einer kreativen Leistung. Die Formulierung, Watson und Crick hätten die Doppelhelix entdeckt, verschleiert zudem die eigentliche Leistung des Duos. Denn entdecken kann man nur, was schon vorher vorhanden und nur bedeckt ist. In einem Zellkern finden Chemiker keine Doppelhelix, sondern Polynukleotide, DNA und Chromosomen. Die elegante Doppelhelix mit ihrem goldenen Schnitt gab es nicht, bevor Watson und Crick sie erfunden und als Modell sinnlich zugänglich gemacht haben.

Bei den maßgeblichen Fortschritten der Wissenschaft geht es nicht um Logik, nicht um Systematik und auch nicht um Falsifizierbarkeit. Wenn jemand einen Gedanken bekommt, hat die dazugehörige Wissenschaft noch keine Revolution erlebt. Davon kann man erst sprechen, wenn der Gedanke geprüft, bedacht und erörtert wird, dann im Lehrbuch landet und von möglichst allen akzeptiert und genutzt wird. Eine wissenschaftliche Revolution kann also sehr lange dauern und besteht aus sehr vielen Komponenten. Aber welcher Gedanke löst sie aus?

Heisenberg begab sich auf eine kreative Reise

Eine meiner Ansicht nach höchst kreative Leistung hat Werner Heisenberg vollbracht. Heute ist die Quantenmechanik Kern der physikalischen Lehre und Grundlage für viele technische Entwicklungen und Produkte. Heisenberg hat eine mathematische Gleichung, die nicht ganz stimmig für die behandelten Probleme war, durch eine bessere ersetzt. Dabei hat er eine ganz neue Art von Gleichung aufgestellt und mit ihr der mathematischen Beschreibung der Natur eine neue Dimension gegeben. Zum Erschließen dieser neuen Dimension werden an-dere Qualitäten als Fachverstand, Rationalität und technisches Vermögen benötigt.

Bei Heisenberg hatte sich die Vorstellung gefestigt, "dass man gar nicht nach den Bahnen der Elektronen im Atom fragen dürfe", um zu einer Theorie der Materie zu kommen. Diese Bahnen entstehen erst durch unser Zutun. Es galt den Versuch zu unternehmen, das Beobachtbare – die klassische Sphäre – in eine neue Form zu bringen. In seiner Autobiographie "Der Teil und das Ganze" (1969) hat Heisenberg geschildert, wie ihm 1925 im Alter von 24 Jahren der entscheidende Durchbruch zu seiner Theorie der Atome gelungen ist. Demnach fühlte er sich bei seiner Entdeckung – wie Kolumbus – auf einer Reise in eine unbekannte Welt und er versuchte, nicht aufzugeben und umzukehren.

Seiner Schilderung nach warf er zunächst alte Ideen ab, dann entwickelte er einen Gedanken, den er als Zusatzbedingung für seine Formeln aufstellt. Daraufhin prüfte er die Gültigkeit seiner Annahme solange, bis sie sich bestätigten und seine Gleichungen "von selbst" aufgingen. "So konnte ich an der mathematischen Widerspruchsfreiheit und Geschlossenheit der damit angedeuteten Quantenmechanik nicht mehr zweifeln. Im ersten Augenblick war ich zutiefst erschrocken. Ich hatte das Gefühl, durch die Oberfläche der atomaren Erscheinungen hindurch auf einen tief darunter liegenden Grund von merkwürdiger innerer Schön-heit zu schauen." Heisenbergs Schilderung ist dramatisch, obwohl sie zunächst eher glatt wirkt. Doch was scheinbar mühelos abläuft, lohnt einen zweiten Blick. Heisenberg spricht ausdrücklich nicht von einem, sondern von seinem Problem. Dadurch kann er den mathematischen Ballast abwerfen. Hier vollzieht sich das, was man emphatisch eine Reinigung nennen könnte.

Musik und Mathematik haben viele Parallelen

Dass sich Heisenberg nach seiner selbst gesetzten Zusatzbedingung in einer Lage wiederfindet, in der ihm "keine weitere Freiheit mehr blieb", wie er schreibt, verwirrt zwar einen rationalen Wissenschaftler, nicht aber den kreativen Künstler, als den wir Heisenberg ansehen müssen. Jeder Künstler unterwirft sich einer Form – etwa der Sonatenform in der Musik oder dem Bildformat in der Malerei. Die Freiheit der Kunst ist keine Beliebigkeit, sondern der Rahmen, in dem sich Kreativität zeigen kann.

"Was für Schönberg die Noten sind, stellen für Heisenberg die mathematischen Symbole dar."

Heisenberg macht dieselbe Erfahrung wie der zeitgenössische Komponist Arnold Schönberg, der eine neue Harmonielehre für die Musik aufstellte – die Zwölftonmusik – und der von dem Augenblick träumte, in dem es keine freie Note mehr gibt. Schönberg beginnt mit zwölf gleichberechtigten Tönen, die er nach den Gesetzen der Harmonie anordnen muss. Wenn er das Gesetz kennt, bleibt ihm keine Freiheit im Sinne von Willkür mehr. Was für Schönberg die Noten sind, stellen für Heisenberg die mathematischen Symbole dar. Indem er das physikalische Naturgesetz sieht, liegen seine theoretischen Töne fest. Er muss ihre Raumanweisung ausführen, und die "Melodie", die dabei entsteht, ist das Gesetz der Atome.

Heisenberg schränkt seine Freiheit bewusst ein, indem er verlangt, dass seine Formeln den Energiesatz erfüllen und seine Gültigkeit garantieren. Dabei gibt es gar keinen theoretischen Beweis dafür, dass der Energiesatz gelten muss. Als Heisenberg in den 1920er Jahren auf dem Weg in die neue Physik ist, hatten die übrigen Physiker vorübergehend in Erwägung gezogen, ob es im atomaren Bereich nicht erlaubt sein könne, die Gültigkeit des Energiesatzes stellenweise aufzuheben. Doch Heisenberg wollte davon nichts wissen. Er war felsenfest von der Erhaltung der Energie überzeugt. Wie kann solch eine innere Sicherheit zustande komme?

Ideen vom Unbewussten ins Bewusstsein holen

Bis heute ist die Ansicht verbreitet, "dass Theorien durch zwingende logische Schlüsse aus Protokollbüchern abgeleitet werden." Heisenbergs Kommilitone Wolfgang Pauli lehnte diese Ansicht ab. Ihm zufolge entstehen Theorien durch die Deckung von inneren Bildern der Psyche mit äußeren Objekten. Auch Johannes Kepler hat betont, dass wissenschaftliche Einsichten dann gelingen, wenn die äußeren Bilder der Wahrnehmung mit den inneren Bildern übereinstimmen, die ihm seine Seele liefert. Der Grundgedanke solch einer Epistemologie findet sich bei Platon, der von Ideen spricht, an die wir uns erinnern, wenn wir etwas erkennen. Die moderne Zeit könnte – mit Carl Gustav Jung – von kollektiven Komponenten des Unbewussten sprechen, die darauf warten, ins Bewusstsein gehoben und Erkenntnis zu werden.

Wir nennen also den kreativ, dem es gelingt, das uns gegebene Archetypische in Form von Symbolen ins Bewusstsein zu bringen. Pauli drückt dies bescheidener aus: Eine wissenschaftliche Methode bestehe darin, sich "eine Sache immer wieder vorzunehmen, über den Gegenstand nachzudenken, sie dann wieder beiseite zu legen, dann wieder neues empirisches Material zu sammeln, und dies, wenn nötig, Jahre fortzusetzen. Auf diese Weise wird das Unbewusste durch das Bewusstsein angekurbelt, und wenn überhaupt, kann nur so etwas dabei herauskommen."

Kreativität hat also mit seelischen Bildern zu tun, die zuerst in einem einzelnen Kopf auftauchen. Logisch und rational gelingt nur das Normale. Vor dem kreativen Rest drücken sich die Wissenschaftler. Es wäre Zeit, den Forscherinnen und Forschern Mut zu ihren inneren Bildern zu machen.