Kreativität
Junge Forschende sind disruptiver – was leisten ältere?
Was treibt wissenschaftliche Innovation – Erfahrung oder Unvoreingenommenheit – und wie hängt beides mit dem Alter der Forschenden zusammen? Das sind die Fragen, denen eine unlängst in der Fachzeitschrift Science veröffentlichte Studie nachgeht. Die Forschenden um Professor James Evans vom Knowledge Lab der Universität Chicago haben die Veröffentlichungen von 12,5 Millionen Forschenden zwischen 1960 und 2020 analysiert. Sie sind zu dem Ergebnis gekommen, dass sich der Forschungserfolg je nach Alter der Wissenschaftlerin oder des Wissenschaftlers unterscheidet.
Das Forschungsteam beschreibt zwei Arten von Kreativität. Demnach erzeugen jüngere Forschende eher disruptives Wissen, also Ergebnisse, die mit vorherigen Erkenntnissen brechen. Ältere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tendierten währenddessen dazu, aus angesammeltem Wissen durch neue Kombination Innovationen zu entwickeln. Ihre Vertrautheit mit etablierten Ideen hielte sie davon ab, frühere Erkenntnisse herauszufordern oder gar aufzugeben.
Mit älter und jünger ist in der Studie allerdings nicht das tatsächliche Alter der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gemeint, sondern das "akademische Alter". Dieses definiert die Studie als die Zeit, die seit der ersten wissenschaftlichen Veröffentlichung vergangen ist.
Ältere Forschende nutzen ältere Quellen
Im Rahmen ihrer Studie analysierte das Forschungsteam von Evans das Zitierverhalten der Forschenden: Als Anzeichen für eine neuartige Kombination bestehender Ideen werteten die Forschenden es, wenn Artikel vormals unverknüpfte Bereiche miteinander verbanden und so von konventionellen Zitationsmustern abwichen. Als disruptiv stuften sie Paper ein, die in der Folge zentral zitiert wurden, nicht aber die in ihnen genannten Quellen, da dies den Austausch von alten durch neue Ideen andeute. Bei ihrer Analyse haben sie festgestellt, dass jüngere Forschende eher auf neuere Veröffentlichungen verwiesen. Ältere Forschende zitierten demnach mehr klassische Artikel ihrer Disziplin.
Je nach Fach falle dieser sogenannte Nostalgie-Effekt unterschiedlich stark aus. In der Mathematik läge nach einem wissenschaftlichen Karrierealter von 40 Jahren das durchschnittliche Alter der Literaturhinweise bei über 18 Jahren, während es zu Beginn der Karriere noch etwas mehr als zehn Jahre gewesen seien. In der Medizin habe sich das Durchschnittsalter der Quellen in der gleichen Zeitspanne lediglich von 7,9 auf 10,1 Jahre erhöht. Das Altern der Literaturhinweise allgemein sei aber ein universelles Merkmal wissenschaftlicher Karrieren.
Aufgaben ändern sich im Laufe der wissenschaftlichen Karriere
Ein Faktor hinter dem Nostalgie-Effekt könnten die unterschiedlichen Aufgaben von jüngeren und erfahreneren Forscherinnen und Forschern sein, so die Autorinnen und Autoren: Ältere hätten häufig zusätzliche Verpflichtungen in Administration und Betreuung, so dass ihnen weniger Zeit bliebe, auf der Höhe der aktuellsten Veröffentlichungen zu bleiben.
Durch die Rollen, die etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oft in Arbeitsgruppen und Teams ebenso wie bei Peer-Review-Verfahren einnehmen, ist der Nostalgie-Effekt nicht nur individuell, sondern hat auch systematische Auswirkungen, berichtet das Team um Evans: Die älteren Forschenden beeinflussen die Quellen, die die jüngere Generation kennt und selbst verwendet. Dieser Einfluss sei bei Teams mit hierarchischer Struktur besonders ausgeprägt.
Wie alt sind Forschende, wenn sie ihre disruptivsten Ideen veröffentlichen?
Die Altersstruktur der Forschenden eines Felds beeinflusse dessen Innovationsstärke und Innovationsgeschwindigkeit. Altere das Forschungsfeld, weil zu wenig jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nachkommen, weise es weniger disruptive neue Erkenntnisse auf. Dies zeigt sich auch im internationalen Vergleich, so das Autorenteam.
Länder mit durchschnittlich jüngeren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, wie etwa China oder Indien, veröffentlichen demnach mehr disruptive Paper als Länder mit einer älteren wissenschaftlichen Arbeitskraft, wie etwa die USA. Das Alter der Forschenden zu dem Zeitpunkt, an dem sie ihre disruptivsten Ideen veröffentlichen, unterscheide sich ebenfalls international: Während es in Deutschland laut der Studie etwa bei 11,5 akademischen Jahren liegt, sind Forschende in China nur 5,5 akademische Jahre alt, US-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler aber knapp 13 Jahre.
Einfluss von Alter und Erfahrung bei der Vergabe von Fördergeldern
Dass wissenschaftliche Karrieren einem Alterungsprozess unterliegen, sei an sich kein Problem: Dass ältere Forschende sich statt auf die neueste Veröffentlichung auf Bewahrung und Betreuung konzentrierten, spiegele eine funktionale Umorientierung. Sie kümmerten sich darum, Wissen zu konsolidieren und die Bedingungen zu kontrollieren, unter denen jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler disruptive Erkenntnisse erst entwickeln könnten.
Auch bei den größten Innovatorinnen und Innovatoren – die Studie nennt Albert Einstein und seine Reaktion auf die wahrscheinlichkeitstheoretische Erklärung der Quantenmechanik – sei eine Abkehr von Disruption feststellbar gewesen.
Wissenschaftlicher Fortschritt beruhe dabei sowohl auf Kontinuität als auch auf Erneuerung. Dies sollte bei der Vergabe von Fördergeldern und Beförderungen bedacht werden, so die Autorinnen und Autoren. Die aktuellen Strukturen belohnten hauptsächlich Erfahrung, so dass die Ressourcen sich bei den etablierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern konzentrierten. Dies gelte es zu überdenken.
cpy