Eine Gruppe Waldrappe fliegt zusammen mit einem Ultraleichtflugzeug, das an einem gelben Gleitschirm hängt.
Gunnar Hartmann

Sommer 2026: #ScientistAtWork, Teil 1
Mit Zugvögeln fliegen

Von Hand aufgezogene Vögel können die Migration in den Süden von ihren Zieheltern lernen. Ein junger Fotograf zeigt das Bemühen in Bildern.

Von Charlotte Pardey 28.07.2026

Ein gelber Gleitschirm fliegt zusammen mit einem Vogelschwarm über die Landschaft. Die Ansicht ist in goldenes Morgenlicht getaucht, der Himmel blau. Am Gleitschirm hängt ein Ultraleichtfluggerät, Pilot und Begleitung umgibt kaum schützendes Material. Die beiden Menschen sind den Vögeln ganz nah und wirken selbst wie Mitglieder des Schwarms. Das ist beabsichtigt, denn hier begleitet eine Ziehmutter ihre Waldrappzöglinge bei der Migration in den Süden. Mit einem Megafon signalisiert sie den Tieren, dass die Flugetappe des Tages beginnt.

#ScientistAtWork Nature photo competition 

Das Bildmotiv gehört zu den fünf diesjährig ausgezeichneten Fotos des Wettbewerbs #ScientistAtWork photo competition, der seit 2017 jährlich vom britischen Wissenschaftsmagazin Nature veranstaltet wird. 

Mit umgerechnet 590 Euro und einem Jahresabonnement prämiert werden laut Nature Fotografien, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei ihrer "vielfältigen, interessanten, herausfordernden, eindrucksvollen und farbenfrohen Arbeit" zeigen: im Labor, bei Feldforschung, auf Expeditionen, unter Wasser, an Teleskopen oder auch in alltäglicheren Forschungssituationen. Die Fotos werden im Printmagazin und online samt den jeweiligen wissenschaftlichen Hintergründen präsentiert.

Das beschriebene Bild stammt von Gunnar Hartmann, der an der Universität Koblenz BioGeo-Wissenschaften studiert. Er wurde mit dem Gesamtpreis des #ScientistAtWork-Wettbewerbs ausgezeichnet.

Im Gespräch mit Forschung & Lehre berichtet Hartmann von der mehrwöchigen menschengeführten Migration. Dabei wurde eine Gruppe junger Waldrappe in ihr Überwinterungsgebiet in Spanien begleitet. Der Student hat das österreichische Unternehmen Waldrappteam Conservation & Research dabei bereits mehrfach unterstützt. Das Unternehmen verantwortet das Artenschutzprojekt LIFE20 zur Wiederansiedlung des Waldrapps. Der etwa gänsegroße Vogel mit dem langen Schnabel war bis ins 17. Jahrhundert auch in Mitteleuropa heimisch und verschwand dann aufgrund von intensiver Bejagung.

Forschung & Lehre: Können Sie uns erklären, in welchem Moment Ihr ausgezeichnetes Bild "Human Led Migration" aufgenommen wurde?

Gunnar Hartmann: Das Bild zeigt die menschengeführte Migration des Waldrapps, bei der junge, von Menschen aufgezogene Vögel einer im Ultraleichtfluggerät sitzenden Ziehmutter oder dem Ziehvater folgen. Vorne sitzt der Pilot und Projektleiter Johannes Fritz. Die Person im hinteren Sitz ist Helena Wehner, die als eine der beiden Ziehmütter fungiert, erkennbar an der Signalfarbe Gelb, auf die die Vögel geprägt sind. Das Foto entstand in einem Moment, in dem die Gruppe gerade abhebt und die Vögel dem Fluggerät vorausfliegen. Für mich ist das ein ganz besonderer Augenblick, weil darin Spannung, Konzentration und Vertrauen zugleich sichtbar werden.

F&L: Wie kam es zur Aufnahme?

Gunnar Hartmann: Ich habe das Projekt während zwei Migrationen in den Jahren 2023 und 2024 begleitet. 2025 war ich im Hintergrund als Routenplaner beteiligt. Insgesamt war das eine intensive Zeit, in der ich zu einem Teil des Teams wurde und die Tiere vom Boden aus begleitet habe. Ich konnte viele unterschiedliche Situationen dokumentieren. Für das ausgezeichnete Bild musste alles im richtigen Moment zusammenkommen: die Bewegung der Vögel, das Fluggerät, das Licht, die Stimmung am Morgen, aber vor allem die Perspektive auf Augenhöhe. Ich hatte es an den Tagen davor immer wieder versucht, jedoch ohne Erfolg. Solche Bilder entstehen nicht zufällig, sondern durch Planung, Aufmerksamkeit und sehr viel Zeit vor Ort.

F&L: Sind Sie auch geflogen? Was war Ihre Aufgabe im Team?

Gunnar Hartmann: Ich bin nicht selbst geflogen, sondern war als Freiwilliger im Team auf dem Boden eingesetzt. Meine Aufgabe bestand vor allem darin, das Projekt praktisch zu unterstützen und die Abläufe zu begleiten. So habe ich zusammen mit dem Projektleiter Johannes Fritz die Routenplanung übernommen und Flugplätze kontaktiert, auf denen wir zwischenlanden wollten. Die Anfrage für über 30 Vögel, ein Ultraleichtfluggerät und etwa 15 Personen in fünf Autos hat immer für Überraschung gesorgt. Zusätzlich habe ich Fotos gemacht, wenn es meine anderen Pflichten zugelassen haben. Speziell im zweiten Jahr war ich dafür zuständig, Fotos für Social Media zu erstellen. Auch gehörte zu meinen Aufgaben, Besucherinnen und Besuchern über das Projekt zu informieren. 

F&L: Was lernt man von Ihren Fotos – das Bild ist Teil einer Serie – über das abgebildete Forschungsbemühen?

Gunnar Hartmann: Die Fotos zeigen ein Artenschutzprojekt, das eng an die Forschung geknüpft ist und in diesem Fall nicht nur im Labor stattfindet, sondern direkt im Feld, über viele Wochen und unter sehr intensiven Bedingungen. Man sieht, wie eng Artenschutz, Verhaltensforschung, Logistik und Teamarbeit miteinander verbunden sind. Die Serie macht sichtbar, dass eine Wiederansiedelung nicht nur ein biologischer Prozess ist, sondern auch ein sozialer und organisatorischer Kraftakt.

F&L: Warum ist es allgemein wichtig, Wissenschaft in Bildern zu zeigen? Was können Bilder für die Wissenschaftskommunikation leisten?

Gunnar Hartmann: Bilder können wissenschaftliche Arbeit unmittelbar und emotional zugänglich machen. Sie zeigen nicht nur Ergebnisse, sondern auch Prozesse, Menschen, Orte und Situationen, die man mit reinen Fakten oft schwer vermitteln kann. Gerade in der Wissenschaftskommunikation helfen Fotos dabei, Komplexität sichtbar zu machen und Interesse zu wecken. Ein gutes Bild kann Menschen erreichen, die sich sonst nicht mit dem Thema in Kontakt kommen. Meine Bilder von der Waldrapp-Migration machen das Projekt auf einen Blick verständlich. Sie zeigen, wie aufwendig und gleichzeitig eindrucksvoll die Wiederansiedelung des Waldrapps ist. Diese visuellen Eindrücke machen verständlich, dass hier Forschung, Naturschutz und menschliches Engagement zusammenwirken. Gleichzeitig vermitteln sie die besondere Beziehung zwischen den Vögeln und dem Team. Für die Kommunikation des Projekts sind die Bilder wertvoll, weil sie nicht nur die biologische Seite zeigen, sondern auch die emotionale und menschliche Dimension. Gleichzeitig wirft gerade das ausgezeichnete Bild bei Laien auch Fragen auf: Manche fragen sich, ob das Bild wirklich echt ist und nicht von Künstlicher Intelligenz erstellt. Andere wundern sich, warum die Vögel so nah am Fluggerät sind. Die Irritation motiviert, mehr über das Projekt erfahren zu wollen. 

F&L: Wie kam es zu Ihrem Kontakt zum Waldrapp-Projekt?

Gunnar Hartmann: Ich engagiere mich seit dem Alter von 14 Jahren bei "MaxCine", dem Nachwuchs- und Vermittlungszentrum des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Radolfzell am Bodensee. Es hat zum Ziel, junge Menschen für Forschung, Natur und Artenschutz zu begeistern. MaxCine war für mich ein prägender Ort, an dem ich schon früh Wissenschaft, Natur und kreative Vermittlung miteinander verbinden konnte. Dort habe ich nicht nur Forschung kennengelernt, sondern auch meinen Blick für Fotografie, Kunst und Wissenschaftskommunikation entwickelt. Darüber kam ich letztlich auch zum Waldrapp-Projekt. 

Gunnar Hartmann studiert an der Universität Koblenz den Bachelorstudiengang BioGeo-Wissenschaften. Er ist Gesamtsieger des diesjährigen #ScientistAtWork-Fotowettbewerbs. Baldur Hartmann

F&L: Haben Sie im Rahmen Ihres Studiums auch ein Training in Fotografie erhalten? Spielt die Wissenschaftsfotografie in Ihrem Studium eine Rolle?

Gunnar Hartmann: Ein spezielles Fototraining gehört nicht zu meinem Studium der BioGeo-Wissenschaften, auch wenn ich mir das wünschen würde. Im Studium beschäftige ich mich mit den Grundlagen der Biologie und Geografie. Besonders spannend sind für mich die Inhalte zu Ökologie, Artenkenntnis und die Wechselwirkungen zwischen Organismen und ihrer Umwelt. Die fotografische Arbeit hat sich schon vor dem Studium und nun auch parallel dazu stark entwickelt. Ich kann mir auch vorstellen, einen Master zu machen, der die Fotografie mehr in den Vordergrund stellt und anschließend als Wissenschaftsjournalist zu arbeiten. 

F&L: Gibt es andere Projekte oder Wissenschaftsdisziplinen, die Sie gerne einmal fotografieren würden?

Gunnar Hartmann: Oh ja, unbedingt. Für mich hat das gerade erst begonnen. Am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie habe ich damit angefangen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei der Arbeit zu fotografieren. Ich plane auf jeden Fall, weiter zu fotografieren und Projekte wie zum Beispiel zum stark gefährdeten Mosel-Apollofalter zu begleiten, bei denen Wissenschaft und visuelle Erzählung zusammenkommen. Als nächstes steht zum Beispiel ein Projekt zum stark gefährdeten Mosel-Apollofalter an. Besonders reizvoll fände ich es auch, einmal in die Polarregionen zu reisen und Forschende dort zu fotografieren. Grundsätzlich kann ich mich für sehr vieles begeistern und von unterschiedlichen Themen mitreißen lassen. Ich denke, das ist wichtig, um authentische Fotos zu machen.

Auch in diesem Sommer startet wieder eine Migration nach Spanien: Mitte August machen sich 32 Waldrappjungtiere auf den 2.600 Kilometer langen Weg nach Andalusien. In Vejer de la Frontera werden die Tiere zunächst für einige Wochen in einer Voliere gehalten und von der Betreuung durch ihre Zieheltern entwöhnt. Anschließend werden sie ausgewildert. Nach der Geschlechtsreife kehren die Jungtiere in ihr Brutgebiet in Mitteleuropa zurück und folgen dann ohne weitere menschliche Einwirkung im Herbst erneut der Route in den Süden. 

F&L-Sommerserie: Gewinnerfotos 2026 

2026 prämierte Nature fünf Motive der über 220 Einsendungen aus aller Welt: 

  1. Gesamtsieger wurde der Student Gunnar Hartmann von der Universität Koblenz. Sein Foto zeigt Mitglieder des österreichischen Waldrappteams, die mit einem Ultraleichtflugzeug einen Schwarm junger Zugvögel über die Felder und Olivenhaine von Jaén in Südspanien führen. 
     
  2. Das zweite Gewinnerbild von Uli Kunz zeigt Forschungstaucher beim Aufbau einer Inkubationskammer für Korallen im Roten Meer. 
     
  3. Auf dem dritten Fotomotiv von Rob Harcourt ist die Entnahme einer mikrobiologischen Probe von einem Walhai an der Westküste Australiens zu sehen.
     
  4. Die Wasserprobenahme in einem von Algen bedeckten See in Kanada zeigt das prämierte Foto von Haolun Allen Tian
     
  5. Zu den besten Motiven gehört auch das Foto von Shayanta Chowdhury, auf dem die Untersuchung einer Mücke unter ultraviolettem Licht zu sehen ist.