Archäologie
Müll als unmittelbares Zeugnis der Vergangenheit
Einige archäologische Fundstellen von Siedlungen und anderen menschlichen Spuren vergangener Kulturen und Gesellschaften zeigen beispielhaft, wie mit Abfall umgegangen wurde. Sie machen deutlich, dass der damalige Umgang unserem Verhalten heute stark ähnelt.
Archäologisch relevante Abfallhaufen
Die Freilandfundstelle in Dolní Věstonice (Tschechien) aus der jüngeren Altsteinzeit (ungefähr vor 27.000 Jahren) ist vor allem durch seine Kleinkunst (Mensch- und Tierstatuetten) bekannt, die hier wohl zum ersten Mal auch aus gebranntem Ton hergestellt wurde. Circa 150 bis 200 Meter vom Lagerplatz entfernt konnte ein Zerlegungsplatz von erbeuteten Mammuts dokumentiert werden. Auf einer Fläche von ungefähr 12 mal 12 Metern fanden sich die Reste mehrerer Mammuts, deren Knochen menschliche Bearbeitungsspuren zeigen. Anscheinend wurde hier die Beute zerlegt und einer weiteren Verwertung (zum Beispiel Verzehr oder Hüttenbau aus Knochen) zugeführt. Die nichtverwertbaren Reste wurden liegengelassen und bildeten einen Abfallhaufen, der bis heute erhalten ist.
"Nahezu jeder damalige Haushalt kippte seine Abfälle direkt unter dem Hausboden ins Wasser."
Zwischen 3384 bis 3370 vor Christus gab es in Arbon am Bodensee eine jungsteinzeitliche Siedlung, die am Seeufer auf abgehobenen Böden errichtet worden ist (Pfahlbausiedlung). Unter den einzelnen nachgewiesenen Bauten fanden sich umfangreiche "Kulturschichten", die voll von Abfällen organischer (inklusive menschlicher und tierischer Koprolithen) und anorganischer Natur gewesen sind. Es ist deshalb davon auszugehen, dass nahezu jeder damalige Haushalt seine Abfälle direkt unter dem Hausboden ins Wasser kippte. Die Abfallschichten dürften so hoch gewesen sein, dass sie bis an die damalige Wasseroberfläche reichten.
Das antike Stadtgebiet von Elusa befindet sich im südlichen Israel in der Negev-Region, einem ariden Wüstengebiet. Die nabatäische Karawanenstation wurde im dritten Jahrhundert vor Christus gegründet und hatte bis ins siebte beziehungsweise achte Jahrhundert nach Christus Bestand mit einem maximalen Ausbau in der Spätantike (unter anderem gab es mehrere Kirchenbauten). Die Stadtanlage weist eine Fläche von circa 45 Hektar auf und ist sowohl von Nekropolen, Ansammlungen von Grabstätten, als auch von Abfallbergen umgeben. Diese umfassen wie eine Hügelkette fast das gesamte Wohngebiet und können teilweise bis zu elf Meter Höhe erreichen. Erste Bohrungen in diesen Abfallhalden zeigten eine Mischung von Haushaltsresten (inklusive Herdasche) und Bauschutt.
Abfall-Funde aus dem römischen Reich
Im Süden des antiken Roms befindet sich direkt am Ufer des Tibers und gegenüber dem Aventin-Hügel ein etwa 50 Meter hoher künstlicher Schutthügel, der bei einem Umfang von etwa 700 bis 1.000 Meter ein Volumen von circa 22.000 Kubikmeter umfasst und während der mittleren Kaiserzeit aufgeschüttet worden ist. Der Schutt besteht vor allem aus zerbrochenen und danach pyramidenförmig aufgeschichteten Amphoren, die mehrheitlich ursprünglich mit Olivenöl und seltener auch mit Fischsauce gefüllt gewesen waren. Diese Amphoren stammen von Transportschiffen, die zur Versorgung Roms von den Häfen in Ostia aus den Tiber hinauffuhren und direkt beim Aventin-Hügel entladen wurden. Die Ware wurde hier zur weiteren Verteilung in der Stadt in kleinere Transportgefäße umgefüllt. Die nicht mehr weiter nutzbaren Amphoren entsorgte man danach direkt vor Ort.
Der "Schutthügel von Vindonissa" zählt zu den bekannteren kaiserzeitlichen Abfallhalden in den Nordwestprovinzen des römischen Reichs. Vindonissa in der Schweiz war ein Legionslager im ersten Jahrhundert nach Christus und befand sich auf einer Anhöhe oberhalb des Zusammenflusses von Aare und Reuss. Als Besatzung dienten bis 101 nach Christus nacheinander die legio XIII Gemina, die legio XXI Rapax und die legio XI Claudia Pia Fidelis. Innerhalb dieses Zeitraums wurde ein großer Teil des Lagerabfalls direkt jenseits des Nordtors (porta decumana) den Abhang hinunter zur Aare gekippt. Es entstand eine Ablagerungszone von bis zu 18 Meter Höhe und einer maximalen Basisbreite von etwa 200 Metern. Das ursprüngliche Volumen kann dabei auf 50.000 Kubikmeter geschätzt werden. Aufgrund außergewöhnlicher Erhaltungsbedingungen konnten sich in diesem Schutthügel unter anderem organische Funde besonders gut erhalten.
In demselben Legionslager konnten an dessen östlichem Rand bei Grabungen 2002 bis 2004 die umfangreichen Reste eines Peristyl-Hauses ausgegraben werden (Fläche 570 Quadratmeter), das einem hohen Offizier (praefectus castrorum?) der legio XI Claudia Pia Fidelis gehört haben dürfte und damit in das letzte Drittel des ersten Jahrhunderts nach Christus zu datieren ist. Das Highlight dieser Ausgrabung war die Freilegung einer besonders gut erhaltenen Küche ("Offiziersküche"), die mit einem abgehobenen Herd ausgestattet war, der ansonsten eigentlich nur im mediterranen Raum (zum Beispiel in Pompeji) genutzt wurde. Die Küche hatte Fenster zu einer direkt davor verlaufenden kleinen Sackgasse und hier entstand im Laufe der Zeit ein umfangreicher Abfallhaufen, bestehend aus Küchen- und Essensresten.
Wichtige Zeugnisse der materiellen Kultur
Diese kleine Auswahl an Beispielen aus vielen verschiedenen Epochen zeigt den Umfang des litterings, der von Anbeginn an die Menschheit begleitete. Abfall jeglicher Art ist für die Archäologie ein wichtiges Forschungsfeld, deren unentbehrliche Forschungsbasis die materielle Kultur (material culture) darstellt. Dies steht im Gegensatz beispielsweise zu den Geschichtswissenschaften, deren Forschungsbasis in erster Linie Schrift- oder Bildquellen sind. Die materielle Kultur ist nach Wolfgang Czysz "die Summe aller von einer Gesellschaft hervorgebrachten beweglichen Güter", die einen physikalisch bestimmbaren Körper aufweisen. Abfälle sind ein Teil dieser materiellen Kultur, und als unmittelbare Zeugnisse des prähistorischen beziehungsweise antiken Lebens spielen sie eine wichtige Rolle. Sie stellen eine Auswahl von Objekten des damaligen Lebens dar, die nicht absichtsvoll, sondern allein aus dem Grund, nicht mehr nutzbar zu sein, weggeworfen wurden. Abfälle und deren Erforschung/Analyse ermöglichen es uns demnach, einen unverfälschten und unmittelbaren Blick auf das Leben unserer Vorfahren zu erlangen.
"Abfälle und deren Erforschung ermöglichen einen unverfälschten und unmittelbaren Blick auf das Leben unserer Vorfahren."
Im Rahmen und mithilfe der sogenannten Taphonomie lässt sich in den antiken Abfall und dessen Überlieferung bis heute eine gewisse Ordnung bringen. Die Taphonomie als Gliederungsmethode stammt vor allem aus der Archäobiologie und wird dort für die Untersuchung organischer Reste (Tierknochen und so weiter) genutzt, sie lässt sich aber auch für die Untersuchung anorganischer Reste verwenden. Taphonomische Untersuchungen beschäftigen sich mit der Einlagerung von Objekten in den Boden vor und nach der Aufgabe beziehungsweise Auflassung einer Siedlung. Dabei wird generell zwischen dem Müll unterschieden, der während des Bestehens einer Siedlung (pre-abandonment refuse), während deren Auflassung (abandonment refuse) und nach deren Auflassung (post-abandonment refuse) entstanden ist.
Üblicherweise stellt in der Archäologie die Untersuchung von Abfall einen Teil der Untersuchungen der materiellen Kultur im Gesamten dar. Es sei aber auch darauf hingewiesen, dass sich seit den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts die sogenannte Garbage Archaeology (garbology) entwickelt hat, deren Vertreter sich der Untersuchung moderner Mülldeponien widmen und daraus Schlussfolgerungen auf unser heutiges Leben ziehen können.
Im Rahmen der Archäologie der Römischen Provinzen stehen vor allem die Nordwestprovinzen des Römischen Reichs mit allen ihren Ausprägungen und Facetten der jeweiligen Entwicklung im Zentrum der Forschungen. Diese finden in enger Zusammenarbeit mit geistes- und naturwissenschaftlichen Nachbardisziplinen (zum Beispiel Ur- und Frühgeschichte, Altertumskunde, Klassische Archäologie, Archäobiologie, -geologie und -informatik) und unter anderem mit einem Fokus auf der Erforschung des römischen Militärs statt.
Schutthügel und Offiziershaus
Der "Schutthügel von Vindonissa" ist der Forschung bereits seit dem mittleren 19. Jahrhundert bekannt und wurde partiell bis in die 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts ausgegraben; heute sind die noch immer umfangreichen Reste des Schutthügels unter Schutz gestellt. Bemerkenswert sind die Grabungen aus den Jahren 1948 bis 1952, die unter Elisabeth Ettlinger und Victorine von Gonzenbach durchgeführt worden sind und die damit zumindest in der Schweiz eine Pionierrolle auf dem Weg zur männlich-weiblichen Gleichberechtigung in der Archäologie übernommen haben. Die aus dem Schutthügel geborgene Fundmenge ist bis heute nicht vollständig erfasst und dokumentiert worden, dürfte aber eine Million Objekte weit überschreiten. Aufgrund verschiedenartiger Materialschichtungen und guten Erhaltungsbedingungen konnten sich im Inneren des Schutthügels zahlreiche organische Fundkategorien erhalten, die einen einzigartigen Blick auf die materielle Kultur der frühen Kaiserzeit in den Nordwestprovinzen ermöglichen. Zu nennen sind als erstes zahlreiche Lederreste, die unter anderem eine durchbrochen gearbeitete Schildhülle (mit Nennung der legio XI), Teile von Zeltbahnen und unzählige Schuhsohlen umfassen. Zweitens stammt aus dem Schutthügel eine umfangreiche Sammlung von Holzartefakten, unter anderem Bürsten, Kämme, Werkzeuggriffe und vor allem zahlreiche Schreibtäfelchen. Letztere waren zum Teil beschriftet und geben damit über die materielle Kultur hinaus auch einen Einblick in die Gedankenwelt und den Alltag der Menschen an der Grenze des Reichs und im Dienste Roms. Tierknochen und weitere organische Reste wurden leider nicht vollständig aufbewahrt. Zu nennen sind aber unter anderem ein wohl vollständiger Seeadler und zahlreiche Nussschalen sowie Obstkerne (Pfirsich, Kirsche, Zwetschge).
"Heute wie damals geben die Hinterlassenschaften des täglichen Lebens einen guten Einblick in die Lebensumstände vergangener Gesellschaften."
Zwischen den letzten Grabungen im Schutthügel und den Grabungen im oben bereits vorgestellten Offiziershaus von Vindonissa liegen rund 60 Jahre. Dieser Abstand macht sich in der Qualität der Auswertung bemerkbar. Der direkt der Küche des Offiziershaus zuweisbare Abfallhaufen erlaubt genaue Rückschlüsse auf die Bewohner des Hauses und deren Ernährung. Die umfangreichen anorganischen und organischen Reste aus dem Abfallhaufen, aber auch aus der ebenfalls sorgfältig ergrabenen Küche lassen einen äußerst gehobenen und qualitätsvollen Speiseplan erkennen, der sich stark an mediterranen Essgewohnheiten orientierte. Als Feuerholz wurde Buche genutzt, die als besonders hochwertig gilt. Es gab ein vielfältiges Spektrum an zubereiteten Tierarten (vor allem Schwein), die in jungem Alter geschlachtet wurden. Der Anteil an Wildtieren (Reh, Hirsch, Damhirsch, Wildschein und Hase) war für einen römischen Haushalt besonders hoch. Gegessen wurde außerdem eine Vielzahl an Singvögeln, die man damals gerne in Pasteten verarbeitete. Darüber hinaus belegen zahlreiche Amphorenscherben, dass große Mengen an Olivenöl und Fischsauce für die Speisen genutzt wurden, außerdem ist der Verzehr von Austern und Mittelmeermakrelen belegt. In dem Abfallhaufen fanden sich auch eine große Menge von Hausmäusen, die gefangen und entsorgt wurden.
Heute wie damals geben die Hinterlassenschaften des täglichen Lebens einen guten Einblick in die Lebensumstände vergangener Gesellschaften. Im Rahmen archäologischer Forschungen zur materiellen Kultur können wir anhand dieser Reste/Abfälle ein detaillierteres Bild der Vergangenheit und ganz konkret der Lebensrealitäten unserer Vorfahren schaffen. Diese Arbeit ist noch lange nicht zu einem Ende gekommen und neue Ausgrabungen bringen immer wieder weiteren "Abfall" ans Licht, dessen Erforschung zu neuen Erkenntnissen führt.
Eine Fassung mit Literaturangaben kann bei der Redaktion angefordert werden.
Abfall in den Wissenschaften – Schwerpunkt in "Forschung & Lehre"
Die August-Ausgabe von "Forschung & Lehre" widmet sich in einem Themen-Schwerpunkt dem, was Menschen hinterlassen: Abfall. Die Beiträge:
- Roman Köster: Viele Dinge, viel Müll. Zur Geschichte des Abfalls
- Annette Elisabeth Töller: Vermeiden, verwerten, entsorgen. Abfallvermeidung als Herausforderung für die Kreislaufwirtschaftspolitik
- Eckhard Deschler-Erb: Unmittelbare Zeugnisse. Zur Bedeutung des Mülls in der Archäologie
- Simona Silvestri | Enrico Stoll: Kollisionsrisiken. Müll im Weltraum
- Im Gespräch mit Christoph Scope: Auf der Suche nach der aktuell besten Lösung. Labore auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit