Symbolbild für Verstehen von Sprache: Buchstaben kommen durcheinander aus einem Mund geflogen.
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Wissenschaftskommunikation
Muss Wissenschaft kompliziert klingen?

Welche Aspekte sollten Forschende beachten und was kostet sie gute Kommunikation? Ein Gespräch mit dem Kommunikationsexperten Frank Brettschneider.

Von Charlotte Pardey 23.07.2025

Forschung & Lehre: Warum kommt es zu Verständigungsschwierigkeiten zwischen Forschenden und der Öffentlichkeit? 

Frank Brettschneider: Das liegt an zwei Problemen: Das eine sind komplexe Formulierungen, das andere sind nicht erläuterte Fachbegriffe. Lange, verschachtelte Sätze sind schwer zu verstehen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler neigen zu komplexen Formulierungen, weil es in der Vergangenheit gebräuchlich war, Forschungsergebnisse so zu beschreiben. Die Wissenschaft musste sich nicht öffentlich rechtfertigen und war stark nach innen orientiert. Man wollte einen Sachverhalt in wenigen Sätzen beschreiben, die waren dann entsprechend lang. Heute sagen wir, dass wir für jeden neuen Gedanken einen neuen Satz verwenden sollten. Wir wissen, dass das Hirn so leichter folgen kann. Die Verarbeitungsgeschwindigkeit ist höher und es wird mehr verstanden. 

Beim zweiten Problem, den unerläuterten Fachbegriffen, sprechen wir auch vom "Fluch des Wissens". Er meint, dass Expertinnen und Experten dazu neigen, Fachbegriffe nicht mehr als solche zu erkennen. Sie halten sie für Alltagssprache und verwenden sie unerklärt. Auch werden mitunter "Buzzwords" eingebaut, also Stichworte, von denen man sich erhofft, dass sie Adressatinnen und Adressaten beeindrucken. Manche Forschenden sind besorgt, dass sie und ihre Arbeit trivial erscheinen, wenn ihre Kommunikation nicht kompliziert klingt. Das ist aber eine veraltete Denkweise. 

F&L: Was beeinflusst die Verständlichkeit? 

Frank Brettschneider: Verstehen ist am Ende immer das Produkt mehrerer Faktoren. Einerseits geht es um die Lesbarkeit des eigenen Textes, also das, was wir die formale Verständlichkeit nennen: Wort- und Satzmerkmale. Andererseits geht es um die Empfängerinnen und Empfänger der Kommunikation und all ihre Merkmale: ihre Vorbildung, ihr Interesse, ihr Fachwissen, teilweise auch ihr Alter, das etwa für das Verstehen von englischen Begriffen relevant sein kann. Man kann sogar noch einen dritten Faktor hinzunehmen: Das ist der Kommunikationskanal. Ein Brief unterscheidet sich etwa von einer Rede. Ein Fachaufsatz in einer wissenschaftlichen Zeitschrift ist nicht mit einem Poster auf einer Tagung gleichzusetzen. Bei letzterem ist man beispielsweise räumlich beschränkt und muss sehr präzise, kurz und knapp formulieren. Die Kombination dieser Faktoren führt dazu, dass die Inhalte angepasst werden müssen.

Frank Brettschneider ist Inhaber des Lehrstuhls Kommunikationswissenschaft, insbesondere Kommunikationstheorie, an der Universität Hohenheim. Universität Hohenheim / Claudia Thoms

F&L: Kommunikation muss also nicht nur an die Zielgruppe, sondern auch an den Kanal angepasst werden? 

Frank Brettschneider: Genau. Wenn die Zielgruppe aus Kolleginnen und Kollegen mit dem gleichen Wissenschaftshintergrund besteht, dann kann und sollte die gewählte Sprache eine andere sein, als wenn die Zielgruppe die allgemeine Bevölkerung ist. Wenn ich es mit Laien zu tun habe, muss ich Begriffe erläutern. 

Bei den verschiedenen Kommunikationskanälen gilt beispielsweise, dass Reden deutlich verständlicher verfasst sein müssen als Texte, weil man sie nur einmal hören kann. Entweder wurden sie verstanden oder nicht. Bei einem Text können lange, zusammengesetzte Wörter oder komplexe Abschnitte, die man beim Hören nicht hätte dechiffrieren können, erneut gelesen werden. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollten immer an die Zielgruppe und den Kommunikationskanal denken und sprachlich darauf reagieren. Kurze Sätze sind allerdings immer gut.

F&L: Wozu führt schwere Verständlichkeit oder Unverständlichkeit? 

Frank Brettschneider: Das kommt auf die Zielgruppe an, die etwas nicht versteht. Die vielleicht einfachste ist wohl die der Kolleginnen und Kollegen. Wenn diese auf komplizierte Formulierungen stoßen, werden sie den Inhalt einer Kommunikation am Ende trotzdem verstehen. Aber sie brauchen mehr Zeit fürs Lesen, da sie mehr Übersetzungsarbeit leisten müssen. Verständliche Formulierungen sparen Zeit. Laien hingegen verstehen den Sachverhalt in der Regel nicht, wenn er unklar formuliert ist. Im schlimmsten Fall folgt daraus ein Fehlverhalten. Eine weitere negative Folge kann sein, dass die Öffentlichkeit nicht versteht, warum sie Hochschulen und Forschung unterstützen sollte.

F&L: Das waren die Kosten der Unverständlichkeit. Was kostet demgegenüber die Verständlichkeit? 

Frank Brettschneider: Verständlichkeit kostet Bewusstsein und Zeit. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen sich bewusst sein, dass sie mit ihrer Kommunikation jemanden erreichen wollen. Und es kostet Zeit, sich um Verständlichkeit zu bemühen und die Regeln für gute Kommunikation zu bedenken. Dann wird etwa eine weitere Korrekturrunde eingelegt, bevor eine Forschungsmeldung veröffentlicht wird. Am Wissen über Verständlichkeit liegt es bei Forscherinnen und Forschern in Deutschland nicht. Oft ist es Zeitdruck, der dazu führt, dass sie in alte Muster zurückfallen und die Verständlichkeit leidet.

F&L: Was ist mit der Detailtiefe? Fällt sie der Verständlichkeit zum Opfer? 

Frank Brettschneider: Das muss nicht sein. Wenn Laien mit der komplizierten Variante gar nichts anfangen können, ist die Alternative, dass sie einen Sachverhalt etwas unscharf verstehen, immer noch besser. 

Natürlich würde ich nicht dazu raten, Texte, die man für Laien produziert, in einem Fachjournal zu veröffentlichen. Die Merkmale verständlicher Texte sollte man allerdings auch auf wissenschaftliche Beiträge anwenden. Es ist ein Service für die Leserinnen und Leser, lesbar zu schreiben. 

F&L: Wie lassen sich Texte auf ihre Verständlichkeit hin analysieren? 

Frank Brettschneider: Vor 100 Jahren zählte man die Wörter in Buchstaben und die Sätze und Teilsätze in Wörtern. Die ersten Lesbarkeitsformeln sind in den Vereinigten Staaten von Amerika entstanden. Mittlerweile wurden die Formeln weiterentwickelt und auf die deutschen Sprachbesonderheiten angepasst. Unser Hohenheimer Verständlichkeitsindex verwendet Lesbarkeitsformeln und einzelne Verständlichkeitsparameter, etwa die durchschnittliche Satzlänge in Wörtern, den Anteil der Sätze mit mehr als 20 Wörtern, den Anteil der Schachtelsätze. All das misst unsere Software Text- Lab. Sie ermittelt einen Wert zwischen 0 und 20. Dabei entspricht 0 "schwer verständlich" und 20 "leicht verständlich". 

"Mit der Softwareanalyse messen wir allerdings nur die formale Verständlichkeit."

Bei einer Rede ist ein Wert von 17 beispielsweise gut. Bei einem Zeitungsartikel über Wirtschaft oder Politik können auch 12 oder 13 einem guten Wert entsprechen. Das jeweilige Ergebnis ist unendlich replizierbar: Jeder, der die Software anwendet, kommt zum gleichen Resultat. Mit der Softwareanalyse messen wir allerdings nur die formale Verständlichkeit. Nach dem Hamburger Verständlichkeitsmodell von Tausch, Langer und Schulz von Thun ist die Einfachheit, also das, was wir formale Verständlichkeit nennen, aber nur ein relevanter Aspekt. Ein weiterer ist die Gliederung eines Textes oder einer Rede. Ein dritter sind lebensweltliche Beispiele, also wie plastisch eine Ausführung wird. Das Hamburger Modell wird dem Verstehen gerechter, aber nur die formale Verständlichkeit lässt sich relativ leicht messen. Wir wollten mit unserem Index eine unmittelbare Einschätzung davon erhalten, wie verständlich ein Text ist. Daher haben wir uns auf die formale Verständlichkeit konzentriert, wohlwissend, dass weitere Aspekte verloren gehen. Das gilt übrigens auch für die sachliche Richtigkeit: Der Satz "Die Erde ist eine Scheibe" ist beispielsweise sehr verständlich – wenn auch sachlich falsch. 

F&L: Kann man denn mit einer ausschließlich formalen Herangehensweise die Verständlichkeit von Texten erfassen? 

Frank Brettschneider: Kritische Stimmen werfen uns tatsächlich vor, dass dies nur mit Wort- und Satzmerkmalen nicht möglich ist. Aber Untersuchungen haben gezeigt, dass man mit Wort- und Satzmerkmalen mehr misst als nur sie selbst. Sie hängen eng mit anderen Aspekten zusammen wie etwa der Kohärenz der Aussagen oder der guten Gliederung. Das geschieht bewusst und unbewusst: Wer klare Gedanken hat, formuliert diese in der Regel auch klarer, knapper und kürzer. Wort- und Satzmerkmale reichen daher aus, um eine Einschätzung der Textverständlichkeit zu geben. 

"Wer klare Gedanken hat, formuliert diese in der Regel auch klarer, knapper und kürzer."

Ein weiterer Kritikpunkt besagt, dass man mit einer Einschätzung der Verständlichkeit nicht das Verstehen aufseiten der Empfängerinnen und Empfänger erfasst. Das stimmt. Deshalb machen wir zusätzliche Analysen, bei denen wir Texte in unterschiedlichen Varianten Probandinnen und Probanden vorlegen und auf ihre Verständlichkeit bewerten lassen. Das Ergebnis ist immer das gleiche: Wenn der Originaltext formal verständlicher ist, wird er auch subjektiv als verständlicher empfunden und seine Kernaussage besser erinnert. Die formale Textverständlichkeit hat Auswirkungen auf das Verständnis der Rezipienten. 

F&L: Wie sehen Sie Tendenzen, Texte von generativer Künstlicher Intelligenz (KI) verständlicher machen zu lassen? 

Frank Brettschneider: Generative KI wie etwa ChatGPT ist in der Lage, Texte formal verständlicher umzuschreiben. Das erproben wir auch regelmäßig. Das Interesse der Kunden ist groß, dass auch unsere Software nicht nur sagen können soll, dass ein Text unverständlich ist, sondern sie ihn auch verständlicher macht. Auf Absatzebene gibt es die Software daher bereits mit implementierter KI. Ich sehe es allerdings kritisch, wenn wir die Verständlichkeit an eine KI auslagern. Wir sollten vielmehr lernen und vermitteln, klare Gedanken zu fassen, Sachverhalte systematisch anzugehen und zu beschreiben. 

F&L: Haben Sie abschließend noch Tipps für mehr Verständlichkeit in der Wissenschaftskommunikation? 

Frank Brettschneider: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler neigen zu Substantivierungen, also Begriffen, die auf -ung, -heit und -keit enden. Statt den Satz "Das wird der Überprüfung zugeführt" zu benutzen, könnten sie schreiben: "Das wird überprüft". Anstatt Substantivierungen und Passivformulierungen sollten sie lieber ein aktives Verb verwenden, etwa: "Eine weitere Studie wird dies überprüfen".

Wissenschaftliche Integrität – Schwerpunkt in "Forschung & Lehre"

Die Juli-Ausgabe von "Forschung & Lehre" widmet sich mit einem Themen-Schwerpunkt der integren Wissenschaft und Forschung.

Die Beiträge:

  • Stephan Rixen: Regeln sind nichts Wissenschaftsfremdes. Wissenschaftliche Integrität an Universitäten
     
  • Britta Anstötz, Joachim Heberle, Sabine Kropp und Thomas Weitner: Vorsorgeprinzip statt Reparaturbetrieb. Gute wissenschaftliche Praxis als Teil der Hochschullehre
     
  • Jochen Hörisch: Verlässliches Dauerproblem. Zur Verantwortung in den Wissenschaften 
     
  • Im Gespräch mit Ulrich Dirnagl: Süßes Gift geschluckt. Wissenschaftliche Integrität in Zeiten von Publish or Perish 
     
  • Stephan Block: Grenze zwischen Licht und Schatten. Historische Beispiele wissenschaftlichen Fehlverhalten 
     

Hier geht es zur aktuellen Ausgabe – Reinlesen lohnt sich!