Eine ältere Frau sitzt nachdenklich vor einem Laptop
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Kognitive Neurowissenschaften
Neue Erkenntnisse über Gedächtnis-Leistung im Alter

Bei der Erforschung kognitiver Fähigkeiten stehen meist Großhirnrinde und Hippokampus im Fokus. Jetzt gewinnt eine versteckte Hirnregion an Interesse.

11.09.2019

Ein Forscherteam des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der University of Southern California hat den Einfluss einer kleinen Hirnregion auf die kognitiven Fähigkeiten von Menschen genauer untersucht. Dabei haben sie herausgefunden, dass die Gestaltung des sogenannten Locus coeruleus Einfluss auf die Gedächtnisleistung zu haben scheint, wie sie in einem Artikel für die Zeitschrift "Nature Human Behaviour" schreiben. 

"Unsere Studie zeigt, dass alterungsbedingte Beeinträchtigungen [der] Struktur und Funktion [des Locus coeruleus] weitreichende Folgen für Aufmerksamkeit und Gedächtnis haben", sagte Martin Dahl, Erstautor der Studie und Doktorand am Forschungsbereich Entwicklungspsychologie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. "Künftige Langzeitstudien müssen ergründen, ob auch krankheitsbedingte Prozesse die Alterung des Locus coeruleus beschleunigen – und wenn das der Fall ist, wie wir den Beginn beim einzelnen Betroffenen feststellen können."

Bei Erkrankungen wie der Alzheimer-Demenz seien im Locus coeruleus neuropathologische Veränderungen bereits sichtbar, bevor die ersten Verhaltensänderungen aufträten. Diese Periode könne ein Zeitfenster darstellen, in dem die Krankheitsentwicklung noch beeinflusst werden kann.

Neue Forschungsmethoden für nicht-invasive Eingriffe

Für ihre Studie haben die Forscher mit 66 jüngeren Menschen mit einem Altersdurchschnitt von 33 Jahren sowie 228 älteren Menschen mit einem Altersdurchschnitt von 72 Jahren eine Reihe neuropsychologischer Gedächtnistests durchgeführt. Beispielsweise sollten die Probandinnen und Probanden sich eine Liste mit fünfzehn Wörtern über mehrere Durchgänge hinweg einprägen und anschließend wiedergeben.

Die jüngeren Probanden lösten die Aufgaben, wie von dem Forscherteam erwartet, im Schnitt besser als die älteren. Interessant sei für die Forscher gewesen, dass diejenigen unter den älteren Probanden, deren Locus coeruleus denen der jüngeren ähnelte, höhere Gedächtnisleistungen zeigten als ältere Probanden, deren Locus coeruleus deutliche Anzeichen alterungsbedingter Veränderungen aufwies. Mit fortgeschrittenem Alter leidet der Locus coeruleus laut den Forschern zunehmend unter einer Ansammlung von Giftstoffen aus dem Blutkreislauf sowie von Flüssigkeit, die Gehirn und Rückenmark abgäben.

Aufgrund seiner geringen Größe von rund 15 Millimetern und der Lage tief im Hirnstamm war es bislang nahezu unmöglich, den Locus coeruleus am lebenden Menschen zu untersuchen. Dank neuer Methoden der MRT-Bildgebung sowie weiterentwickelter Analyseverfahren habe sich das geändert. Die Gehirnregion könne nun nicht-invasiv sichtbar gemacht werden. Bislang hatten sich Studien zur Gedächtnisleistung im Alter vor allem auf die Großhirnrinde und den Hippokampus konzentriert.

Die jetzt veröffentlichte Studie sei laut den Autoren eine der ersten mit lebenden Probanden und umfangreicher als vorherige Studien. Die Zahl der Probanden sei deutlich größer gewesen und durch die Messung der Gedächtnisleistung über verschiedene Messzeitpunkte hinweg könne von einem von einem Zeitpunkt unabhängigem Einfluss der Struktur des Locus coeruleus auf die Gedächtnisleistung ausgegangen werden.

kas