Psychologie
Perfektionistische Menschen reden Erfolge klein
Menschen mit hohen Selbstansprüchen neigen häufig dazu, ihre Erfolge in Narrative der Schwäche zu verpacken. Zu diesem Schluss kommt ein Team aus Psychologinnen und Psychologen von der University of Pennsylvania in einer neuen Studie , die in der Fachzeitschrift Personality and Individual Differences veröffentlicht wurde. Die Forschenden untersuchten Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Formen von Perfektionismus und dem sogenannten Imposter-Syndrom, bei dem sich Betroffene als Hochstaplerinnen oder Hochstapler wahrnehmen.
Die Studie schließt an frühere Forschungsergebnisse an, die Verknüpfungen zwischen Perfektionismus und dem Imposter-Syndrom hergestellt haben. Die neue Untersuchung differenziert zwischen drei Formen des Perfektionismus und erklärt, inwiefern sie jeweils mit Versagensgefühlen in Verbindung stehen: Starrer Perfektionismus zeichnet sich durch das Festhalten an unerreichbaren Standards sowie extreme Inflexibilität im selbstbezogenen Anspruchsdenken aus. Den selbstkritischen Perfektionismus charakterisieren Fehlerangst, Selbstzweifel und die Annahme, von außen an unerreichbaren Standards gemessen zu werden. Diese beiden Formen werden auch unter dem Begriff "neurotischer Perfektionismus" zusammengefasst. Die dritte Variante ist der narzisstische Perfektionismus, der sich durch nach außen gerichteten Perfektionismus, Anspruchsdenken und Grandiosität kennzeichnet.
Für die Untersuchung wurden 278 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zwischen 18 und 24 Jahren anhand der Clance Imposter Phenomenon Scale (CIPS) und der Big Three Perfectionism Scale-Short Form (BTPS-SF) getestet. Dabei handelt es sich um Fragebögen, mit deren Hilfe Charakterzüge geprüft werden, die auf das Imposter-Syndrom beziehungsweise Formen von Perfektionismus hindeuten. Den Ergebnissen nach führten insbesondere die neurotischen Formen des Perfektionismus dazu, eigene Erfolge in einem negativen Kontext zu erzählen. Die narzisstische Ausprägung hingegen wies keine Zusammenhänge zum Imposter-Syndrom auf.
Erfolgreiche Menschen sind besonders betroffen
Der Begriff "Imposter-Syndrom" wurde 1978 erstmals geprägt. Er beschreibt den Drang leistungsstarker und erfolgreicher Menschen, die aus einem Gefühl der Unzulänglichkeit heraus Schwierigkeiten haben, Erfolge zu verinnerlichen und die Angst entwickeln, beim Betrügen erwischt zu werden. Dieses Hochstapler-Gefühl ergibt sich vor allem aus Ansprüchen an sich selbst, die dauerhaft unerreichbar erscheinen.
Ein solches Selbstbild entsteht laut der Studie oftmals bei Personen, die neurotisch-perfektionistische Charakterzügen aufweisen. Sie versuchen, Fehler zu vermeiden, um reale Schwächen zu kaschieren. Die Angst, diese Defizite zu offenbaren, kann wiederum zu dem Irrglauben führen, tatsächlich viele Fehler zu machen. In der Folge unterschätzen diese Menschen ihre eigenen Fähigkeiten. Daher überrascht es laut Studie nicht, dass das Imposter-Syndrom mit solchen Formen des Perfektionismus korreliere.
Ein gegenteiliges Ergebnis sei in Bezug zu narzisstischen Formen des Perfektionismus festzustellen, die sich durch ein verinnerlichtes grandioses Selbstbild und den Glauben daran auszeichnen, der angestrebten Perfektion gerecht zu werden. Diese Charakterzüge stünden in direktem Widerspruch zu den Selbstzweifeln und Ängsten des Imposter-Syndroms.
Mögliche praktische Implikationen der Forschungsergebnisse sehen die Verfasserinnen und Verfasser der Studie bei der Behandlung von unangepasstem neurotischen Perfektionismus. Die Zusammenhänge mit Depressionen, Angstzuständen oder Verhaltensmustern wie Prokrastination seien jedoch noch wenig erforscht.
hae