Eine Gruppe Studierender sitzt beim Lernen mit Notizblöcken und Laptop zusammen an einem Tisch und tauscht sich aus.
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Studie
Personen verhalten sich mit der Zeit abnehmend kooperativ

Erinnert man Gruppenmitglieder an die Vorteile von Kooperation, steigt ihre Bereitschaft dafür an. Darauf deutet eine aktuelle Feldstudie hin.

27.04.2026

Nicht rationales Eigeninteresse, sondern abnehmende Motivation ist laut einer aktuellen Studie ausschlaggebend dafür, dass sich einzelne Personen in Gruppen mit der Zeit abnehmend kooperativ verhalten. Werden Gruppenmitglieder an die Vorteile der Kooperation und ihre Verantwortung für das Gemeinwohl erinnert, steigt die Bereitschaft wieder an. Das sind die zentralen Ergebnisse einer kürzlich bei Nature veröffentlichten Studie, die auf der Beobachtung von realem Verhalten beruht. 

Umfangreiche Forschungen hatten laut Studie bereits Faktoren identifiziert, die Kooperation wahrscheinlicher machen, wie beispielsweise Kommunikationsfähigkeit, die Beobachtbarkeit von Beiträgen einzelner oder die Möglichkeit zur Bestrafung. Auch Gründe für den Rückgang von Kooperationsbereitschaft seien ausgemacht worden wie etwa strategisches Kalkül. "Eine weiterhin umstrittene Frage ist jedoch, warum Kooperation selbst unter günstigen Bedingungen dynamisch ist und zum Rückgang neigt", schreibt das dreiköpfige Autorenteam. Die Ergebnisse ihrer Studie hätten direkte Implikationen für die Prävention von rückläufiger Kooperationsbereitschaft in Genossenschaftsprogrammen und -institutionen. 

Die fünfjährige Feldstudie, die mit einem Mikrofinanzinstitut in Sierra Leone durchgeführt wurde, erfasste über 47.000 Rückzahlungstransaktionen von mehr als 7.000 Kreditnehmerinnen und -nehmern in einem System der gemeinschaftlichen Haftung. In dieser Struktur müssen die Beteiligten monatlich zusammenarbeiten, um die vollständige Rückzahlung des Gruppenkredits sicherzustellen. Andernfalls verlieren alle Mitglieder den Zugang zu zukünftigen Krediten. Die Bank erfasst jedoch keine individuellen Rückzahlungsbeiträge. 

Feldstudie: Kooperation in realem statt künstlichem Kontext 

Seniorautor Felix Reed-Tsochas, Außerordentlicher Professor für Verhaltenswissenschaften an der Saïd Business School, betont in einer Pressemitteilung der University of Oxford (UK) den Reiz der Praxisnähe: "Vieles von dem, was wir empirisch über die Entwicklung von Kooperation in Gruppen wissen, basiert auf dem sorgfältig kontrollierten, aber auch stark künstlichen Kontext von Laborexperimenten. Unsere Studie bietet die Möglichkeit, das Gesehene in einem realen Kontext über einen längeren Zeitraum zu beobachten und zu analysieren." 

"Unsere Studie bietet die Möglichkeit, das Gesehene in einem realen Kontext über einen längeren Zeitraum zu beobachten und zu analysieren." 
Seniorautor Felix Reed-Tsochas, Außerordentlicher Professor für Verhaltenswissenschaften, University of Oxford

An der Studie waren neben Reed-Tsochas auch der Verhaltenswissenschaftler Nicholas Sabin, Außerordentlicher Professor an der Fakultät für Management und Wirtschaftswissenschaften der Universität Santiago de Chile sowie Professor David Klinowski vom Fachbereich Wirtschaftswissenschaften am College of William and Mary in Williamsburg (USA) beteiligt. 

Ihren schriftlichen Ausführungen zufolge konnten zwei objektive Maße für Kooperation definiert werden: die finanzielle Beitragsquote und die Kooperationsquote. "Beide ermöglichen eine robuste Interpretation statistischer Muster", beschreiben die Forschenden. Sie erhoben, zu welchem Anteil einzelne Gruppen ihre jeweiligen Rückzahlungsraten beglichen und mit welchem zeitlichen Verzug dies geschah. Die quantitativen Daten seien durch detaillierte Beschreibungen der Kooperationsdynamik in den Worten der Klienten ergänzt worden, was die zugrunde liegenden Mechanismen untermauert habe. 

Gründe für Schwankungen bei der Kooperationsbereitschaft 

Das zentrale Ergebnis: Die Kooperation nahm im Jahresverlauf von Ratenzahlung zu Ratenzahlung ab. Wurde der Kredit insgesamt erfolgreich beglichen, erhielt eine Gruppe Anfang des nächsten Jahres einen neuen Kredit – wobei erneut auf die Bedingungen und Verantwortlichkeiten hingewiesen wurden. Danach stieg die Kooperation mit einer Art Neustarteffekt sprunghaft an – um dann stärker als im jeweiligen Vorjahr im Jahresverlauf abzufallen. Diese Entwicklung verlief nicht in jeder Gruppe gleich. Laut Studie zeigten die Interviews, dass vor allem die Motivation und die Bereitschaft, sich anzustrengen, immer weiter abnahm – egal ob für andere Gruppenmitglieder oder den eigenen langfristigen Nutzen durch weitere Kredite. 

Angela Dorrough, Professorin für Verhaltensökonomie und Interkulturelle Psychologie an der FernUniversität in Hagen und Senior Research Fellow am Social Cognition Center Cologne der Universität zu Köln urteilt auf Anfrage des Science Media Centers (SCM): "Sichere Schlüsse können wir aus empirischer Forschung in der Psychologie oder der Ökonomie in der Regel nicht ziehen. Bisherige Forschung zeigt, dass die Determinanten des Kooperationsverhaltens vielfältig sind – auch im Zeitverlauf." 

"Entgegen klassisch-ökonomischen Annahmen war dies nicht etwa ausschließlich in rationalem Eigeninteresse begründet, sondern vielmehr durch schieres Vergessen oder Trägheit." 
Angela Dorrough, Professorin für Verhaltensökonomie und Interkulturelle Psychologie, FernUniversität Hagen

Als "besonders erkenntnisreich" ordnet Dorrough die qualitativen Interviews mit Kreditnehmerinnen und -nehmern ein: "Entgegen klassisch-ökonomischen Annahmen war dies nicht etwa ausschließlich in rationalem Eigeninteresse begründet, sondern vielmehr durch schieres Vergessen oder Trägheit." 

Übertragung der Ergebnisse auf andere Kontexte der Kooperation 

Die Studie habe weitreichende Implikationen, so Reed-Tsochas, da die Dynamik der Kooperation auf eine Vielzahl von Kontexten anwendbar sei, beispielsweise auf die Wahlbereitschaft, Blutspenden oder, auf übergeordneter Ebene, die Einhaltung internationaler Abkommen. 

Obwohl die vorliegende Forschung in einem sehr spezifischen Umfeld durchgeführt wurde, glaubt das Autorenteam, dass sie grundlegende Aspekte menschlichen Verhaltens erfasst habe und für viele Formen alltäglicher Kooperation relevant sein könne, erläutert Reed-Tsochas. "Für Institutionen, die auf langfristige Kooperation angewiesen sind, legen die Ergebnisse eine Reihe von Lösungsansätzen nahe, die darauf abzielen, den Verhaltensrückgang abzuschwächen, wie etwa die Automatisierung von Beiträgen, strategische Neuausrichtungen, die Förderung intrinsischer Motivation oder die Bildung von Gewohnheiten", heißt es dazu resümierend in der Studie. 

Nach Einschätzung von Simon Gächter, Professor für Psychologie ökonomischer Entscheidungen an der University of Nottingham (UK), ist Kooperation "inhärent instabil", da immer einige auf dem Trittbrett mitfahren und die meisten anderen "bedingt kooperativ" sind. "Es benötigt deshalb zusätzliche Mechanismen, wie etwa soziale Bestrafung oder Reputationsverlust, oder moralische Verpflichtungsgefühle, um trotzdem zu kooperieren", führte er gegenüber SCM aus. Die vorliegende Studie zeige diese Motive mit Hilfe von Interviewdaten auf und bestätige Laborbefunde. Eine Übertragung auf komplexe Zusammenhänge wie den Klimawandel hält Gächter für schwierig, da hierbei freiwillige Kooperation nicht ausreiche, sondern verpflichtende Abkommen notwendig seien. 

"Es benötigt deshalb zusätzliche Mechanismen, wie etwa soziale Bestrafung oder Reputationsverlust, oder moralische Verpflichtungsgefühle, um trotzdem zu kooperieren."
Simon Gächter, Professor für Psychologie ökonomischer Entscheidungen, University of Nottingham

Dorrough hingegen geht von einer Übertragbarkeit aus, da das soziale Dilemma des Klimawandels hinsichtlich des langen Zeithorizonts viel mit der Struktur der untersuchten Mikrokredite gemeinsam habe: "Im Vergleich zu einer kurzen Laborstudie sind die Auswirkungen des Klimawandels, wie bei den Mikrokrediten – wobei Individuen schlimmstenfalls keinen neuen Kredit erhalten –, für die einzelne Person erst in ein paar Jahren deutlich zu spüren. Somit lassen sich die im Artikel besprochenen Lösungsansätze teilweise auf den Kontext des Klimawandels übertragen." 

Vielversprechende Mechanismen für mehr und stabilere Kooperation sieht Dr. Nils Hönöw, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung "Umwelt und Ressourcen" am RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, im wie ein "Motivationsboost" wirkenden Neustart, schränkt aber die Bedeutung ein: "Die Studie identifiziert nuancierte heterogene Motive als Mechanismen hinter dem beobachteten Muster, zu denen sowohl Eigennutz als auch Prosozialität gehören. Wir sammeln durch diese Studie wertvolle Puzzleteile und Erkenntnisse darüber, was Kooperation begünstigt und was ihr eher im Weg steht, können aber keine einzelne Maßnahme als eindeutige Lösung des Problems hervorheben."

cva