EU-Studie
Politischer Extremismus schadet tendenziell der Wissenschaft
Die Popularität extremer Parteien am rechten und linken Rand hängt mit einem Rückgang der Forschungs- und Innovationstätigkeit zusammen, besagt eine aktuelle Studie. Die in der Fachzeitschrift Research Policy veröffentlichte Analyse argumentiert mit zahlreichen Beispielen aus Europa. "Die Unterstützung extremer politischer Parteien ist mit einer insgesamt geringeren Nachhaltigkeits-Forschung und technologischen Innovationen auf regionaler Ebene in der EU verbunden", heißt es resümierend.
Demnach ist die Bewältigung der wachsenden politischen Unzufriedenheit von entscheidender Bedeutung, um die europäischen Ziele für technologische Innovation zu erreichen. Die Untersuchung von Professor Andrés Rodríguez-Posea von der London School of Economics and Political Science und seinen beiden internationalen Forschungskollegen stützt sich auf Daten aus 1137 EU-Regionen. Wissenschaftliche Veröffentlichungen und Patentaufzeichnungen wurden ebenfalls einbezogen.
Insbesondere die Klimaforschung betroffen – aber nicht nur
"Die ausgeprägtesten Auswirkungen sind in Regionen zu beobachten, die zur extremen Rechten neigen. Hier schüren Anti-Experten, #Kürzungen bei der Finanzierung und Misstrauen gegenüber akademischen Institutionen ein Klima der Angst", schrieb Rodríguez-Posea am Wochenende auf der Social-Media-Plattform LinkedIn. Selbst wenn solche Parteien nie an die Regierung kämen, könne ihre Rhetorik lokale Innovationssysteme isolieren und die internationale Zusammenarbeit beeinträchtigen, erläutert der Wirtschaftsexperte.
"Die ausgeprägtesten Auswirkungen sind in Regionen zu beobachten, die zur extremen Rechten neigen."
Professor Andrés Rodríguez-Posea, London School of Economics
Die extreme Linke sei "eher zweideutig" in ihrer Position zur Wissenschaft, da sie beispielsweise gelegentlich Unterstützung für staatliche Innovationen mobilisiere, führt Rodríguez-Posea in seinem Social-Media-Post weiter aus. Doch beide Extreme würden "das Vertrauen, die Offenheit und die Investitionen untergraben", die die Grundlage für den wissenschaftlichen, digitalen und grünen Wandel Europas bildeten.
"Insbesondere Rechtsextremisten neigen dazu, wissenschaftliche Institutionen nicht als Motoren des Fortschritts, sondern als Vorposten einer Verschwörung der Elite zu betrachten", erläutert die Studie. "Extreme Parteien – ob links oder rechts – haben ein ähnliches Programm: Sie sind gegen das Establishment, gegen die Elite und extrem illiberal." Sie zeigten oft eine tiefe Skepsis gegenüber Expertise und Wissenschaft, wobei vor allem rechtsextreme Parteien den Klimawandel in Frage stellten, heißt es weiter. Diese Haltung könne insbesondere in sensiblen Bereichen wie gentechnisch veränderten Organismen, Impfungen und Klimawandel schädliche Auswirkungen haben, wo wissenschaftlicher Konsens mit politischer Ideologie kollidiere. Extrem rechte Parteien auf dem gesamten europäischen Kontinent positionierten sich zunehmend als Gegner von Klimaschutzinitiativen, hält die Analyse fest.
Einschränkungen für das gesamte wissenschaftliche Umfeld
Laut Studie bedienten sich extreme Parteien einer "explosiven Mischung aus Populismus und wissenschaftsfeindlicher Stimmung." "Ihre Rhetorik stellt häufig die Legitimität des wissenschaftlichen Fortschritts in Frage und stellt ihn als eigennützig und nicht als gesellschaftlich nützlich dar", heißt es zur allgemeinen Abwertung von Wissenschaft und Innovation. Sie stellten den Wert der Patentvermarktung in Frage und argumentierten, dass Forschungseinrichtungen und private Unternehmen Patentsysteme ausnutzen, um Eliten auf Kosten der Öffentlichkeit zu bereichern. Sowohl rechtsextreme als auch linksextreme Parteien äußerten sich darüber hinaus in populistischer Weise skeptisch gegenüber neuen Technologien. Sie warnten "vor den existenziellen Risiken von KI und Robotik", so dass "disruptive Innovationen als Bedrohung für das traditionelle Leben und die nationale Souveränität dargestellt werden."
Als mögliche Folgen der Popularität rechtsextremer oder linksextremer Parteien auf die Wissenschaft allgemein macht die Studie "eine schädliche Auswirkung auf das Forschungsumfeld", eine "Repolitisierung der Wissenschaft" durch Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit, gekürzte Forschungsbudgets, ein untergrabenes soziales Ansehen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die Abwanderung vielversprechender (internationaler) Talente sowie die allgemeine Infragestellung des Wertes von Innovationen aus. Hinzu kämen protektionistische Tendenzen, die die internationale Mobilität von Forschenden einschränkten und die akademische Isolation verstärkten.
"Die vielleicht heimtückischste Folge liegt jedoch in der Demoralisierung von Forschenden sowie Erfinderinnen und Erfindern."
Aus der Studie Die politischen Extreme und Innovation
"Die vielleicht heimtückischste Folge liegt jedoch in der Demoralisierung von Forschenden sowie Erfinderinnen und Erfindern. Die ständige Bedrohung der Finanzierung, der Arbeitsplatzsicherheit und der regulatorischen Klarheit schafft ein Klima der Unsicherheit innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft", resümiert die Analyse. Rodríguez-Posea sprach gegenüber Science Business von einem Teufelskreis, da die Unterstützung extremer Parteien wahrscheinlich zu weniger Innovation führe und damit zu einem weiteren wirtschaftlichen Niedergang. Dieser fördere dann wieder systemfeindliche, extreme Positionen in der Bevölkerung.
cva