Forschungsförderung
Schweizer Forschende protestieren gegen Förderentscheidung
Projekte aus den Schweizer Geistes- und Sozialwissenschaften gingen bei der Vergabe sechs neuer Nationaler Forschungsschwerpunkte (NFS) für die Förderperiode 2026 bis 2029 leer aus. Gegen diese Entscheidung des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) und des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) protestieren Professorinnen und Professoren sowie Angehörige des akademischen Mittelbaus in einem offenen Brief. Sie gebe Anlass zu großer Besorgnis, da sie auf ein strukturelles Ungleichgewicht in der Forschungsfinanzierung in der Schweiz hinweise.
Die NFS werden seit 2001 für eine maximale Länge von zwölf Jahren vergeben und vom Bund mit bis zu fünf Millionen Franken pro Jahr (rund 5,5 Millionen Euro) zusätzlich zu Geldern der Hochschulen, Drittmitteln und Beiträgen aus der Wirtschaft bezuschusst. Am 30. Januar 2026 verkündete das SBFI die Entscheidung über die neue Förderperiode, in der Projekte aus der Chemie, der Physik, den Klimawissenschaften und der Medizin unterstützt werden.
Die Kritik der nicht berücksichtigten Fachbereiche richtet sich gegen das WBF, das durch den Auswahlprozess und die Priorisierung der industriellen Verwertbarkeit von Innovation einen Mangel an Vielfalt herbeigeführt habe. Dies sei umso bedeutsamer, da in den vorherigen vier Ausschreibungen jeweils zumindest ein geistes- oder sozialwissenschaftliches Projekt gefördert worden sei.
WBF schreibt Mittel für ein zweites Förderprogramm aus
Währenddessen hat das WBF angekündigt, Mittel für ein weiteres Programm bereitzustellen, um das sich geistes- und kulturwissenschaftliche Forschungsbereiche bewerben können. So solle die wissenschaftliche Vielfalt gestärkt werden.
Dieses Vorgehen kritisiert der offene Brief als "unzureichende und unangemessene Antwort auf die Herausforderungen der Forschungsfinanzierung in der Schweiz". Befürchtet werde eine "bewusste Neuausrichtung der NFS-Politik", die Projekte der Geistes- und Sozialwissenschaften im übergeordneten Auswahlverfahren von vornherein unberücksichtigt lasse. Die gesonderte Ausschreibung reduziere Interdisziplinarität in problematischer Weise auf Kooperationen innerhalb der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer und bedeute eine nicht gerechtfertigte Ungleichbehandlung, da die Forschenden "faktisch gezwungen werden, zweimal hintereinander für einen NFS zu konkurrieren".
Die Entscheidung füge sich zudem – unabhängig von der zugrunde liegenden Erklärung – in einen breiteren Kontext chronischer Unterfinanzierung der Geistes- und Sozialwissenschaften ein. Laut einer Analyse des Schweizer Kompetenzzentrums für Sozialwissenschaften (FORS) von 2025 entfallen, so die Autorinnen und Autoren des Briefes, lediglich 3,5 Prozent der nationalen Finanzierung von Forschungsinfrastrukturen in der Schweiz auf die Geistes- und Sozialwissenschaften, während der MINT-Bereich 86,3 Prozent erhält.
Forschende sehen thematische Diskriminierung der Geschlechterforschung
Kritisch betrachten die Verfasserinnen und Verfasser des offenen Briefes auch die Nichtberücksichtigung des Projekts "Gender+Justice: Social Change Towards Sustainable Democracies", das aus dem Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften stammt. Dieses habe sämtliche Phasen der wissenschaftlichen Evaluation durchlaufen und sei als exzellent eingestuft worden. Die Themen des Projekts – Forschung zu Gewalt gegen Frauen, zur Prävention von Krankheiten aus einer Geschlechterperspektive oder zu Fragen der Fertilität in der Schweiz – bilden laut Brief Fragen dringender gesellschaftlicher Relevanz ab. Zudem sei das Projekt durch die Verbindung von Geistes- und Sozialwissenschaften mit Medizin, Ökonomie und Rechtswissenschaften explizit auf die vom NFS-Auswahlverfahren geforderte Interdisziplinarität zugeschnitten gewesen.
Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner fordern von der WBF eine "transparente und dokumentierte Erklärung der Gründe, die zur Nichtfinanzierung des Projekts 'Gender+Justice' geführt haben". Zudem sollten die Evaluationskriterien der Nationalen Forschungsschwerpunkte überarbeitet werden, um der Vielfalt der wissenschaftlichen Disziplinen gerecht zu werden.
hae