Bild von einem Taucher, der Proben von einem Wal nimmt, während von unten ein kleiner Hai heran schwimmt.
Rob Harcourt

Sommer 2026: #ScientistAtWork, Teil 4
"So viele Fragen!"

Im Nature-Fotowettbewerb zeigt Robert Harcourt die Arbeit mit den Riesen der Meere. Beim Schnorcheln entdeckt er auch nach 60 Jahren noch neue Welten.

Von Anne Hänisch 06.08.2026

Absolute Stille, endlose Weite, tiefes schwarz-blaues Wasser – hier verbringt Professor Robert Harcourt einen großen Teil seines Arbeitslebens. Er ist emeritierter Professor für Meeresökologie an der Macquarie University Sydney (Australien) und forscht seit vielen Jahren zu marinen Ökosystemen. Auf seinen Reisen kommt er den Forschungsobjekten oftmals ganz nah: Haien, Delfinen und den "sanften Riesen des Ozeans", den Walen.

Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen wie Dr. Michael Doane, den das Nature #ScientisAtWork-Gewinnerfoto bei einer Probenentnahme an einem Walhai zeigt, erforscht Harcourt die Lebensgewohnheiten und -bedingungen von Meerestieren. Seine Projekte zielen nicht nur darauf ab, möglichst viel über die Tiere zu erfahren, sondern sollen dazu beitragen, ihre Bedrohung durch menschliche Einflüsse zu reduzieren.

#ScientistAtWork Nature photo competition 

Das Bildmotiv gehört zu den fünf diesjährig ausgezeichneten Fotos des Wettbewerbs #ScientistAtWork photo competition, der seit 2017 jährlich vom britischen Wissenschaftsmagazin Nature veranstaltet wird. 

Mit umgerechnet 590 Euro und einem Jahresabonnement prämiert werden laut Nature Fotografien, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei ihrer "vielfältigen, interessanten, herausfordernden, eindrucksvollen und farbenfrohen Arbeit" zeigen: im Labor, bei Feldforschung, auf Expeditionen, unter Wasser, an Teleskopen oder auch in alltäglicheren Forschungssituationen. Die Fotos werden im Printmagazin und online samt den jeweiligen wissenschaftlichen Hintergründen präsentiert.

Mit Forschung & Lehre hat Harcourt über die Begeisterung für seinen Beruf und die Verantwortung gesprochen, der Öffentlichkeit Forschungsergebnisse zugänglich zu machen.

Forschung & Lehre: Als Meeresökologe beschäftigen Sie sich besonders mit dem Schutz von marinen Ökösystemen. Was genau erforschen Sie und welche Aspekte faszinieren Sie besonders?

Robert Harcourt ist emeritierter Professor für Meeresforschung an der Macquarie University, Sydney (Australien). Rob Harcourt

Rob Harcourt: Ich habe weltweit zum Verhalten von Meerestieren, vor allem von Raubtieren, geforscht. Seit ich mit vier Jahren Schnorcheln gelernt habe, faszinieren mich das Meer und seine Bewohner. Ich wollte schon immer verstehen, warum Tiere tun, was sie tun. Um das herauszufinden, habe ich mich seit Beginn meiner Karriere in ihre Welt vertieft. Ich hatte das Glück, Meerestiere auf allen Kontinenten und in allen Ozeanen der Welt zu erforschen, einschließlich des eisigen Südlichen Ozeans.

Das Tauchen, Segeln und Leben mit wilden Tieren in ihrer natürlichen Umgebung hat mir Einblicke in die Herausforderungen verschafft, die sie täglich bewältigen müssen – die Tiefe und deren unvorstellbaren Druck, die extreme Kälte, den Lichtmangel, starke Strömungen und Wellen – die gesamte Dynamik der Ozeane. Ich bin voller Ehrfurcht davor, wie diese Tiere unter solchen, oft feindlichen Bedingungen nicht nur überleben, sondern sogar gedeihen.

Große technologische Fortschritte haben uns in den vergangenen Jahren ermöglicht, noch viel mehr Dinge zu erforschen als zu Beginn meiner Studien. Seit 20 Jahren leite ich ein umfangreiches Programm, das Tiere in ihrer natürlichen Umwelt beobachtet. Das Projekt läuft bis heute und hoffentlich noch lange in die Zukunft hinein. Wir erfahren mehr, wenn wir Veränderungen über lange Zeiträume hinweg verfolgen können.

F&L: Wie ist das Gewinner-Foto des Nature-Wettbewerbs entstanden?

Rob Harcourt: Das Foto war geplant. Ich wollte ein Bild von Mike (Dr. Michael Doane) aufnehmen, das zeigt, wie er beim Sammeln von Mikroben von einem frei schwimmenden Walhai vorgeht. Dabei tauchte der Silberspitzenhai aus dem Nichts auf, um zu schauen, was Mike da tat. Wie auf dem Foto zu sehen ist, nahm er den näher kommenden Hai überhaupt nicht wahr, da er sich ganz auf das Sammeln seiner wertvollen Proben konzentrierte. Das gesamte Team hat Mike seitdem immer wieder wegen seiner "haianziehenden Flossen" aufgezogen, weil im Laufe der Forschungsreise mehrere andere Haie (hauptsächlich Schwarzhaie) dasselbe taten.

F&L: Warum ist es Ihnen wichtig, der Öffentlichkeit Ihre Forschung durch Fotografie zugänglich zu machen?

Rob Harcourt: Als Meereswissenschaftler haben wir das Privileg, unser Leben der Erforschung natürlicher Phänomene widmen zu können. Dabei sammeln wir viele unglaubliche Eindrücke. Insgesamt sind wir von unserer Wissenschaft und den Lebewesen, die wir untersuchen, sehr begeistert. Die Öffentlichkeit unterstützt diese Forschung großzügig, und ich glaube, wir haben die ethische Verpflichtung, ihr zu vermitteln, was wir tun, und sowohl unsere wichtigen Erkenntnisse als auch unsere Begeisterung für eine Umwelt zu teilen, die wir alle gemeinsam schützen müssen.

F&L: Wie schwierig ist es, sich während der Arbeit in diesen beeindruckenden Umgebungen – während eines Tauchgangs oder wenn Sie mitten in einer Pinguinkolonie stehen – zu fokussieren? Ist das für Sie immer noch etwas Besonderes?

Rob Harcourt: Ich schnorchle seit über 60 Jahren. Jedes Mal, wenn ich meine Maske aufsetze, öffnet sich noch immer ein Fenster zu einer neuen Welt. Gründliche Forschung ist unerlässlich und hat höchste Priorität. Gleichzeitig lässt die Ehrfurcht vor der Natur, die wir jedes Mal empfinden, wenn wir in sie eintauchen, nie nach – wenn überhaupt, wird sie stärker, je mehr wir erfahren.

F&L: Welchen Forschungsfragen würden Sie gerne noch nachgehen?

Rob Harcourt: Es gibt noch so viel über die Meereswelt zu lernen. Wie finden Tiere ihre Nahrung in einer Umgebung, die oft einer marinen Wüste gleicht? Wie finden Robben und Pinguine, die Tausende von Kilometern zurücklegen, den Weg zurück zu ihren winzigen Brutinseln inmitten eines riesigen, scheinbar eintönigen Ozeans? Es gibt so viele Fragen!

F&L-Sommerserie: Gewinnerfotos 2026 

2026 prämierte Nature fünf Motive der über 220 Einsendungen aus aller Welt: 

  1. Gesamtsieger wurde der Student Gunnar Hartmann von der Universität Koblenz. Sein Foto zeigt Mitglieder des österreichischen Waldrappteams, die mit einem Ultraleichtflugzeug einen Schwarm junger Zugvögel über die Felder und Olivenhaine von Jaén in Südspanien führen. 
     
  2. Das zweite Gewinnerbild von Uli Kunz zeigt Forschungstaucher beim Aufbau einer Inkubationskammer für Korallen im Roten Meer. 
     
  3. Auf dem dritten Fotomotiv von Rob Harcourt ist die Entnahme einer mikrobiologischen Probe von einem Walhai an der Westküste Australiens zu sehen. 
     
  4. Die Wasserprobenahme in einem von Algen bedeckten See in Kanada zeigt das prämierte Foto von Haolun Allen Tian.
     
  5. Zu den besten Motiven gehört auch das Foto von Shayanta Chowdhury, auf dem die Untersuchung einer Mücke unter ultraviolettem Licht zu sehen ist.