Wissenschaftskommunikation
Spielerische Spurensuche und die Erforschung neuartiger Erreger
Forschung & Lehre: Sie wurden im Rahmen des Hochschulwettbewerbs im Wissenschaftsjahr 2026 für Ihr Projekt „Purpurnägel, ein immunologisches Rätselabenteuer“ ausgezeichnet. Dabei handelt es sich um ein Escape Game zu einer fiktiven Pandemie, bei dem Jugendliche und Erwachsene etwas über die Erforschung neuartiger Erreger lernen können. Wie kam es dazu?
Lisa Buchauer: Zunächst haben wir anlässlich der Langen Nacht der Wissenschaften in Berlin im Frühsommer 2025 ein Projekt für Grundschulkinder vorbereitet. Dabei haben wir verschiedene Themen aus unserer Forschung gezeigt. Wir entwickeln Rechenmethoden für die Auswertung immunologischer Daten, vor allem im Teilbereich der Immunantwort auf Impfungen und Infektionen. Mithilfe einer Anschubfinanzierung von der Jungen Akademie haben wir Materialien entwickelt, etwa ein Blutbild mit verschiedenen Immunzellen aus Filzkugeln. Die Kinder konnten anhand einer Legende bestimmen, dass beispielsweise eine bakterielle Infektion vorliegt. Im Anschluss daran haben wir “Purpurnägel” geplant, unser Rätsel-PDF. Das Ziel war, nicht nur Grundschulkinder zu erreichen, sondern auch Erwachsenen und Jugendlichen ab der Oberstufe Aspekte unserer Arbeit zu vermitteln. Beides habe ich bei einem Workshop zum Thema Wissenschaftskommunikation im Futurium in Berlin vorgestellt. Ich wurde gefragt, warum Kinder spannende Materialien zum Anfassen bekommen, Jugendliche aber nur ein weiteres PDF. Das war für mich ein Aha-Moment, der mich darauf aufmerksam machte, dass ein trockenes Papierdokument nicht interessant genug ist. So kamen wir auf die Idee, unser Angebot attraktiver zu machen und ihm eine spaßige Form zu geben. Die Faszination von echten Escape Rooms wird auch durch die Kulissen und das Material ausgelöst. Daher haben wir überlegt, unser PDF in ein Exit Game, also einen Escape Room in Form eines Gesellschaftsspiels, umzuwandeln: verpackt in einer Box und mit Materialien zum Anfassen.
F&L: Für diese Idee sind Sie nun ausgezeichnet worden und erhalten für die Umsetzung ein Preisgeld von 10.000 Euro. Was ist Ihr konkretes Ziel?
Lisa Buchauer: Unser Ziel ist, ein Betatest-Produkt von 20 bis 30 Spielekits herzustellen. Wir möchten, dass man mit unserem Spiel echte Erfahrungen in der immunologischen Laborarbeit und bei der Datenauswertung sammeln kann.
Roberta Colapietro: Es wäre schön, wenn wir am Ende selbst mit dem Spiel an die Schulen gehen könnten, um es mit den Jugendlichen zu spielen. Es wäre auch möglich, die Kits an Schulen zu schicken mit Hinweisen, wie das Spiel im Unterricht einsetzbar ist. Die Idee ist, dass wir wiederverwendbare Kits herstellen. Die Schulen könnten sie nach dem Spielen an uns zurücksenden, damit wir sie deutschlandweit weiter verschicken können.
F&L: In dem Spiel geht es darum, dass eine Forscherin auf einer Reise von einem mysteriösen Erreger befallen wird und neben Erkältungssymptomen lilafarbene Nägel entwickelt. Eine Pandemie breitet sich aus und sie erkennt, dass sie Patient 0 ist. Zufällig hat sie sich vor und während ihrer Erkrankung Blutproben entnommen und kann den gesamten Verlauf ihrer Erkrankung nachvollziehen. Was sollten die Kits konkret enthalten?
Roberta Colapietro: Das PDF enthält Abbildungen von den Laborexperimenten, beispielsweise eine sogenannte ELISA-Platte, auf der man ablesen kann, wie immunogen ein bestimmtes Protein ist. Wir überlegen, echte Platten, die beispielsweise mit Lebensmittelfarben vorbereitet sind, in die Spielsets zu packen. Ideal wäre es, wenn die Spielenden wirklich etwas pipettieren könnten und dann ein Ergebnis bekommen, durch das sie herausfinden, was das beste Protein für eine Impfung ist. Im PDF findet sich auch ein gezeichnetes Virus-Modell, um zu erklären, wo sich verschiedene Proteine innerhalb dieses Virus befinden. Wir überlegen, ob wir einen Teil des Preisgelds zur Herstellung eines 3D-gedruckten Models verwenden, um es interaktiver und greifbarer zu machen.
F&L: Man merkt, dass Sie schon viel über die geeignete Kommunikation Ihrer Forschungsinhalte nachgedacht haben. Woher kommt Ihre Faszination für Wissenschaftskommunikation?
Roberta Colapietro: Wissenschaftskommunikation macht mir Spaß: Ich liebe es, kreativ zu sein und mir Wege auszudenken, wie man ein bestimmtes Konzept vermitteln kann. Außerdem möchte ich einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten. Schon im Studium war ich daher an einigen Initiativen der Wissenschaftskommunikation beteiligt. Wir haben beispielsweise ein jährliches Science Festival für Kinder und Jugendliche in unserer Stadt organisiert. Durch das Festival haben wir zwar nicht die Welt verändert, aber etwas für die Kinder und Jugendlichen getan, die teilgenommen haben.
Lisa Buchauer: Es ist unsere Aufgabe als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, unsere Forschung in die Gesellschaft zu tragen. Wenn man auf eine Professur berufen wird, sagt einem niemand, wie man sie mit Leben füllen soll. Ich habe meine Aufgaben für mich so definiert, dass die Kommunikation ein Teil von ihnen ist. Von Kolleginnen und Kollegen erhalte ich manchmal überraschtes Feedback. Sie loben mich, dass ich mir Zeit für kreative Wissenschaftskommunikation nehme. Mir ist es wichtig, dass aktiv Forschende in Kommunikationsprojekten präsent sind, nicht nur Wissenschaftskommunikatorinnen und -kommunikatoren. Es erzeugt einfach eine andere Authentizität, wenn wir selbst für unsere Forschung einstehen, als wenn wir das nur mittelbar tun. Wir zeigen, wie unser Beruf aussieht.
F&L: Wie vermitteln Sie Forschungsergebnisse an eine Zielgruppe mit wenig oder ohne Vorwissen, ohne die wissenschaftlichen Details komplett zu vernachlässigen?
Roberta Colapietro: Das ist vermutlich die größte Herausforderung von Wissenschaftskommunikation. Wir lösen sie, indem wir Metaphern verwenden und einige Dinge vereinfachen. In unserem Spiel geht es ja nicht um eine reale Infektionskrankheit. Wir haben uns einen fiktiven Erreger ausgedacht. Das macht das Ganze auch ein bisschen leichtfertiger: Wir konnten uns Symptome ausdenken – die purpurnen Fingernägel, die absichtlich nicht lebensgefährlich sind. Die Spielenden schlüpfen in die Rolle von Forschenden, die diesen Erreger analysieren. Dabei bilden wir zwar nicht alle Schritte der Erforschung neuer Erreger ab. Wir erlauben aber einen Blick hinter die Kulissen, denn wir haben den Eindruck, dass der Bereich der Infektiologieforschung für viele völlig unbekannt ist.
PDF-Version zum Rätseln
Die PDF-Version von "Purpurnägel" finden Sie online auf der Webseite der Arbeitsgruppe von Professorin Lisa Buchauer.
Lisa Buchauer: Die Wahl eines fiktiven Erregers gibt uns Freiheiten. Wir können eine Art Mix and Match betreiben aus interessanten und relevanten Aspekten verschiedener Erreger. Und wir können vereinfachen, ohne dass jemand direkt sagen kann, dass wir etwas falsch darstellen. Die Immunologie ist für die Anwendung von Metaphern ein dankbares Feld. Wir betrachten beispielsweise die unterschiedlichen Zelltypen im Blut. Die meisten Menschen haben schon einmal von roten und weißen Blutkörperchen gehört, da können wir ansetzen. Unterschiedliche weiße Blutkörperchen haben diverse Aufgaben, also verschiedene „Berufe“. Teilweise haben die Zellen auch wissenschaftliche Namen, die auf ihre Aufgabe hindeuten. Zum Beispiel die Fresszellen oder Makrophagen. Die sind dafür verantwortlich, defekte Zellen und in manchen Fällen auch Erreger aufzufressen.
F&L: In welchem Bezug steht die im Spiel dargestellte Thematik zu Ihrer eigenen Forschung?
Lisa Buchauer: Gezeigt werden eher die Grundlagen unserer Arbeit. Zum Beispiel stellen wir die einzelnen Immunzelltypen vor. Das ist nicht Gegenstand unserer aktuellen Forschung, sondern etabliertes Wissen. Aber es ist einerseits interessant und andererseits auch relevant für die darauf aufbauende Forschung. Wir arbeiten viel mit sogenannten Einzelzell-RNA-Sequenzierungsdaten. Das ist ein Datentyp, der seit etwa zehn Jahren existiert und zunehmend eine Rolle spielt. Man kann die RNA, also die Proteinbauanleitung von einzelnen Zellen, auslesen und dadurch sehen, was die Aufgaben dieser Zelle sind: Ob es beispielsweise eine Leberzelle ist, die Proteine herstellt, die wiederum erlauben, Energie zu speichern. Oder es ist eine Immunzelle, die inflammatorische Signale erzeugt. Das entspricht dem ersten Level der Erläuterung, von dem man aus natürlich tiefer gehen kann. Im Kontext von Immunzellen in pathologischen Umständen kann man zum Beispiel schauen, was genau dereguliert ist und welche Signalwege gestört sind. Wir befassen uns mit den rechnerischen Herausforderungen dabei. Die sind im Spiel allerdings nicht abgebildet. Was wir zeigen wollen, ist, wie man auf der Einzelzellenebene sehen kann, welche Gene dereguliert sind und wie das mit einer pathologischen Immunantwort zusammenhängt.
F&L: Was sind die Herausforderungen, mit denen Sie aktuell in Ihrem Projekt zu tun haben? Und wie geht es nun weiter?
Lisa Buchauer: Mich besorgt, dass der Inhalt trotz aller Vereinfachungen zu komplex sein könnte. Und, dass die Nutzerinnen und Nutzer das Rätsel zwar lösen können, aber nicht die Immunologie verstehen, die dahintersteckt, weil ihr Vorwissen nicht ausreicht. Wir wollen, dass die Spielenden auch wirklich etwas lernen und nicht nur Buchstaben auszählen. Ich habe da sicherlich einen blinden Fleck, wenn es um das richtige Basiswissen geht. Daher bin ich froh, dass wir unser Team erweitern konnten und nun Menschen dabei sind, die mit der Zielgruppe Erfahrung haben. Das Spiel und sein Lerneffekt stehen und fallen damit, wie viel Spaß es macht. Um den Spaß noch ein etwas zu erhöhen, haben wir parallel zum Hochschulwettbewerb eine weitere Kollaboration mit der Hochschule Macromedia in Berlin begonnen. Die Hochschule für Angewandte Wissenschaften bietet einen Bachelorstudiengang in “Game Design & Development” an. Im Rahmen eines Semesterprojekts wird ein Spiel entwickelt. In diesem Jahr treten wir mit unserem Spiel und unseren Vorgaben als Kunde auf. Wir hoffen, dass wir durch den Austausch mit den Studierenden neue Ideen erhalten.
Roberta Colapietro: Neben dem Preisgeld haben wir durch die Auszeichnung im Hochschulwettbewerb auch die Möglichkeit, über Wissenschaft im Dialog an Workshops und Schulungen zu Wissenschaftskommunikation zu machen, um in dem Bereich noch professioneller zu werden. Ich glaube, es ist wichtig, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich in der Kommunikation ihrer Forschungsergebnisse ausprobieren und weiterbilden.
Medizin – Schwerpunkt in "Forschung & Lehre"
Auch im April-Heft von Forschung & Lehre beschäftigen wir uns in unserem Themenschwerpunkt mit Medizin. Die Beiträge beleuchten das Oberthema aus unterschiedlichen Perspektiven:
- Im Gespräch mit Heyo K. Kroemer
Aktuelle Herausforderungen für die Hochschulmedizin - Fritz Dross
„Welcher da nit kranck ist, der kum heruß!“: Zur Geschichte des Krankheitsbegris - Petra Gehring
Ein Flop? Schlaglichter auf die wechselvolle Geschichte der Biomedizinischen Ethik - Björn Eskofier | Jochen Klucken
Kein Ersatz für Ärztinnen und Ärzte: Künstliche Intelligenz in der Medizin - Im Gespräch mit Constanze Schmidt
Veränderung beginnt im Kopf: Wege zu mehr Gleichberechtigung und Fortschritt in der Hochschulmedizin - Im Gespräch mit Denise Hilfiker-Kleiner
Motor für die bundesweite Reform: Modellstudiengänge in der Medizin - Dirk Böhmann
Strukturelle Spannungen: Vertragsverhandlungen in der Hochschulmedizin
Hier geht es zur aktuellen Ausgabe – Reinlesen lohnt sich!