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Diversität
Studie analysiert Ungleichheit im MINT-Bereich

Mit steigender Qualifikationsstufe nimmt die Vielfalt im akademischen System ab. Eine neue Metastudie zum MINT-Bereich untersucht die Gründe dafür.

10.02.2026

Strukturelle Barrieren erschweren die Übergänge zwischen den wissenschaftlichen Karrierestufen, während Fördermöglichkeiten oft von informellen Netzwerken abhängen. Diese Ergebnisse lieferte heute ein Diversity-Monitor, den die Klaus Tschira Stiftung (KTS) in Auftrag gegeben hatte. Die Erhebung ist Teil ihrer neuen Förderlinie "Talente ans Licht – Mentoring und Netzwerke für Vielfalt in Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften". Mit dem Programm will die Stiftung bewährte Mentoring-Angebote stärken sowie unterrepräsentierte Gruppen begleiten, vernetzen und sichtbar machen. Mit Hilfe der Metastudie sollte zu diesem Zweck ein Überblick über die Verteilung unterschiedlicher Personengruppen im deutschen Wissenschaftssystem vom Abitur bis zur Universitätsleitung geschaffen werden. Untersucht wurden die Fächer des MINT-Bereichs, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Der Diversity-Monitor "liefert uns erste Antworten darauf, welche strukturellen und kulturellen Faktoren wirken – und welche Unterstützung aus Sicht der Praxis wirklich hilfreich sein könnte", sagte die Programm-Managerin Forschung der KTS, Dr. Saskia Haupt.

Neben Daten des Statistischen Bundesamtes sowie einzelner Hochschulen wertet die Studie Zahlen aus bundesweiten Erhebungen zwischen 2020 und 2025 aus. Zusätzlich stützt sie sich auf qualitative Interviews mit Gleichstellungs- und Diversitäts-Beauftragten unter Berücksichtigung unterschiedlicher Hochschulgrößen und institutioneller Vielfalt. Als Ziel verfolgten die Verfasserinnen und Verfasser die Analyse vorhandener Datenbestände, um "bestehende Verteilungen sichtbar zu machen sowie Datenlücken zu strukturellen Ungleichheiten offenzulegen". Der Fokus liege dabei auf den Merkmalen Geschlecht und geschlechtliche Identität, sexuelle Orientierung, soziale Herkunft und Bildungshintergrund, Behinderung oder chronische Krankheit, Alter, Religion, ethnische Herkunft, Nationalität und Migrationsbiografie. Betrachtet werden die den Karrierestufen zugehörigen Statusgruppen Studierende, Promovierende, Postdocs, Juniorprofessuren und Professuren sowie Positionen in Rektorat oder Präsidium.

Drop-out-Effekte auf der Karriereleiter

Die Ergebnisse der Studie lassen den Autorinnen und Autoren zufolge unterschiedliche Tendenzen innerhalb der verschiedenen Karrierestufen erkennen. Eine Zunahme an Diversität sei vor allem in der frühen Phase der akademischen Ausbildung zu verzeichnen. So nehme die Vielfalt in der Studienphase durch die steigende Zahl internationaler sowie weiblicher Studierender zu. Mit steigender Karriereleiter sei jedoch eine deutliche Abnahme der Diversität festzustellen, die vor allem Frauen betreffe. Gleiches gelte für Personengruppen mit von der heteronormativen Mehrheit abweichender sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität oder Geschlechtsmerkmalen. Die vermehrte Übernahme von Care-Arbeit, ökonomische Unsicherheit und ein Mangel an Netzwerken führe neben strukturellen Barrieren zu einer zusätzlichen Benachteiligung dieser Gruppen. 

Besonders hoch sei die intersektionale Benachteiligung in der Promotions- und Postdoc-Phase, die Angehörige mehrerer marginalisierter Gruppen ausschließe. Zusätzlich zu den individuellen Lebensrealitäten verhindere eine Kombination aus Befristung, Mobilitätsanforderungen und Drittmittelakquise den Aufbau stabiler Karrierewege. 

Vorhandene Förderinstrumente wie Stipendien stünden angesichts häufig geforderter informeller Leistungen und fehlender informeller Netzwerke nicht allen Personen gleichermaßen zur Verfügung. Die institutionellen Anforderungen, Erwartungen und Strukturen der Fördereinrichtungen stimmen zudem oftmals nicht mit den Bedürfnissen, Fähigkeiten oder Voraussetzungen der Individuen überein. Dies betreffe vor allem Menschen nicht-akademischer Herkunft, mit Behinderung oder ausländischer Staatsangehörigkeit. 

Am geringsten sei die Diversität bei den Professuren und Hochschulleitungen. Homogene Berufungsgremien und eine wenig transparente Personalauswahl tragen hier laut Studie dazu bei, bestehende soziale Ungleichheiten institutionell zu verfestigen.

In der Gesamtschau bilde die Studie den Verlust von Vielfalt innerhalb des Hochschulsystems ab. Nach Ansicht der Autorinnen und Autoren deuten die Ergebnisse zudem darauf hin, dass der MINT-Bereich "nicht nur bestehende Diskriminierungsmechanismen reproduziert, sondern diese vielfach verschärft. Dies geschieht durch eine geringe institutionelle Sensibilität für soziale Ungleichheiten und das Fehlen von Maßnahmen zur strukturellen Öffnung, die diese Diskriminierung systematisch und flächendeckend angehen."

Empfehlungen zum Abbau struktureller Barrieren

Um die Benachteiligung im Wissenschaftssystem zu senken, empfehlen die Verfasserinnen und Verfasser die frühzeitige, gezielte Förderung von betroffenen Personengruppen sowie den weiteren Auf- und Ausbau von Mentoring-Programmen an Universitäten und Hochschulen. Auch die Lehrkräfte sollten im Rahmen von Aus- und Weiterbildungen gezielt geschult und weibliche Rollenvorbilder verankert werden. Sensibilisierungsveranstaltungen für Studierende, Lehrkräfte und Eltern könnten helfen, das Bewusstsein für Diversität zu stärken. 

Weiterhin sollten die Prüfungsordnungen an Hochschulen auf ihre Flexibilität in Bezug auf unterschiedliche Bedürfnisse der Studierenden geprüft werden. Bestehende Unterstützungsangebote, Netzwerke und Initiativen könnten durch Informationskampagnen, Workshops und Veranstaltungen sichtbar gemacht werden. 

Zur Unterstützung betroffener Promovierender, Postdocs sowie Professorinnen und Professoren sei die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zu fördern. Dazu wäre der intensivierte Aufbau familienfreundlicher Strukturen und Arbeitsbedingungen hilfreich.

Um die Wirksamkeit der Maßnahmen über einen längeren Zeitraum beurteilen zu können, müsse die Datenlage insgesamt verbessert werden. Notwendig seien gezielte Erhebungen, um ein umfassenderes Bild von Diversität im Hochschulsystem zu erhalten, fundierte Entscheidungen zu treffen und gezielte Fördermaßnahmen zu entwickeln.

hae