Studie
Subtile Diskriminierung senkt Erwartungen auf Studienerfolg bei Frauen
Dass Studentinnen ihre Erfolgschancen im Studium geringer einschätzen als Studenten, hängt auch mit subtilen Formen von Diskriminierung wie sozialer Ausgrenzung zusammen. Das hat eine neue Studie von Dr. Antje Stefani von der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung in der Schweiz und Dr. Isabelle Schiffer-Fiedler vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) ergeben. Überraschend finden die beiden Bildungswissenschaftlerinnen, dass dies besonders Frauen in Studiengängen betrifft, die einen hohen Frauenanteil aufweisen: „Die ursprüngliche Annahme, dass sich Diskriminierung gerade in männerdominierten Fächern besonders stark auf die Erfolgserwartungen auswirkt, bestätigt sich damit nicht“, erklären sie in einer Pressemeldung des DZHW.
Grundlage der Studie, die in der Fachzeitschrift Research in Higher Education erschienen ist, sind Daten der Studierendenbefragung in Deutschland, die im Sommersemester 2021 an 250 deutschen Hochschulen durchgeführt wurde. Stefani und Schiffer-Fiedler haben die Angaben von insgesamt 9.512 Studierenden ausgewertet, darunter 5.825 Frauen. Erfragt wurden neben den Diskriminierungserfahrungen auch die Studienerfolgserwartungen, also ob Studierende sich selbst zutrauen, ihr Studium erfolgreich abzuschließen, erklärt Stefani gegenüber Forschung & Lehre.
Studierende berichten häufiger von subtilen Formen der Diskriminierung
Bisherige Untersuchungen haben bereits gezeigt, dass Studentinnen Diskriminierungserfahrungen deutlicher wahrnehmen als ihre Kommilitonen, worunter ihre Leistungen im Studium leiden können. Ein wichtiger Aspekt der Studie von Stefani und Schiffer-Fiedler ist laut den Autorinnen, dass sie sich sowohl mit offenen Formen von Diskriminierung wie Beschimpfungen oder Gewalt befasst als auch mit relationalen oder subtilen Formen wie sozialer Ausgrenzung. Den Ergebnissen zufolge sind Studierende allgemein häufiger von verdeckten Formen der Diskriminierung betroffen – unabhängig von der Geschlechterzusammensetzung der Studiengänge.
Demnach berichteten 42,5 Prozent der Frauen und 31,7 Prozent der Männer in Fächern mit ausgeglichenem Geschlechterverhältnis von Erfahrungen mit subtilen Diskriminierungsformen. Offene Diskriminierung erlebten dort 23,5 Prozent der Frauen und etwa 14 Prozent der Männer. In weiblich dominierten Studiengängen, das heißt Fächern mit einem Frauenanteil von mindestens 70 Prozent, gaben 36,7 Prozent der Studentinnen und 33,2 Prozent der Studenten an, subtile Diskriminierungserfahrungen gemacht zu haben. In diesen Fächern berichteten 18,9 Prozent der Frauen und 13,6 Prozent der Männer von offener Diskriminierung. In männlich dominierten Studiengängen fühlten sich 48,8 Prozent der Studentinnen und 28,2 Prozent der Studenten mindestens einmal in subtiler Form und 28,6 Prozent der Frauen sowie 13,7 Prozent der Männer offen diskriminiert.
Subtile Diskriminierung in weiblich dominierten Fächern beeinträchtigt Frauen besonders
Ein „paradoxes Muster“, wie Stefani es gegenüber Forschung & Lehre beschreibt, ergebe sich, wenn man den Zusammenhang zwischen Diskriminierung und Studienerfolgserwartungen betrachte. Über alle Studienfächer hinweg tendierten Frauen dazu, ihre eigenen Leistungen schlechter einzuschätzen als Männer. „Solche Einschätzungen können durch Rückmeldungen und Erfahrungen im sozialen Umfeld geprägt werden, etwa durch Eltern, Lehrkräfte oder Gleichaltrige. Geschlechtsspezifische Erwartungen und Stereotype können dabei ebenfalls eine Rolle spielen, etwa wenn Männern in technischen Studienfächern mehr Kompetenz zugeschrieben wird“, erklärt sie.
Die Studie habe gezeigt, dass subtile Diskriminierungserfahrungen stärker zu diesen Geschlechterunterschieden beitragen als offene Formen, wie Beleidigungen oder sexualisierte Übergriffe. Und: Obwohl Studentinnen in männlich dominierten Studiengängen grundsätzlich öfter von Diskriminierung berichteten, sei dort kein signifikanter Zusammenhang mit der Einschätzung der eigenen Studienerfolgserwartungen festzustellen gewesen. Anders bei den weiblich dominierten Fächern: Dort würden Diskriminierungserfahrungen zwar seltener auftreten, subtile Formen gingen jedoch mit niedrigeren Erfolgserwartungen einher, führt Stefani aus.
„Eine mögliche Erklärung ist, dass Frauen, die sich für ein männerdominiertes Fach entscheiden, bereits mit Widerständen rechnen oder im Laufe ihrer Bildungsbiografie Strategien entwickelt haben, mit solchen Erfahrungen umzugehen“, vermutet sie. „In einem eher weiblich geprägten Umfeld könnte Ausgrenzung dagegen stärker den Erwartungen an ein unterstützendes Umfeld widersprechen und deshalb stärker verunsichern.“
Um Studierende und Mitarbeitende zu sensibilisieren, müssten Hochschulen subtilere Formen der Diskriminierung stärker in den Blick nehmen, „und zwar über alle Studienfächer hinweg beziehungsweise auch dort, wo man sie nicht vermutet“. Zunächst brauche es jedoch mehr Forschung dazu, in welchen Situationen solche Erfahrungen entstehen, was die Ursachen und Mechanismen sind, die sie bedingen, und von wem sie ausgehen, erklärt Stefani.
hae