Auf schwarzem Hintergrund mit astronomischen Zeichnungen ist ein Porträt eines älteren Mannes mit langem Bart zu sehen: Es ist Galileo Galilei
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Werte verteidigen
Was ist Mut in der Wissenschaft?

Mut in der Wissenschaft wird oft mit Entdeckungen verbunden. Er zeigt sich auch im Einsatz für Integrität und institutionelle Verantwortung.

Von Kärin Nickelsen 07.09.2026

Am 20. Juli 2026 hielt Bundesbildungsministerin Karin Prien eine Rede im Gedenken an den zivilen und militärischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Sie beschrieb dabei den Bendlerblock als Ort, an dem aus Haltung eine mutige Tat wurde. Es sei ungewiss, ob unsere Generation je vor vergleichbaren Entscheidungen stehen werde, so Prien, fügte jedoch als Mahnung an die Gegenwart hinzu: "Eine Demokratie bleibt nur dann stark, wenn genügend Menschen den Mut haben, sich einzubringen – lange bevor außergewöhnlicher Mut erforderlich wird." Ähnliches lässt sich auch für die Wissenschaft und ihre Institutionen festhalten. 

Mut ist keine Eigenschaft, die gemeinhin für eine wissenschaftliche Karriere erforderlich ist. Zuweilen kann das mutige Eintreten für bestimmte Werte und gegen Missstände den Aufstieg sogar behindern. Doch ist genau solches Eintreten die Voraussetzung dafür, dass wir wissenschaftliche Institutionen als Orte der kritischen Reflexion bewahren – als Orte, die dem Ideal der Meritokratie verpflichtet sind und einer Logik des Strebens nach Erkenntnis, nicht politischen Imperativen. 

Diese Ideale sind fragil, und die Realität sieht oft anders aus. Aber das bedeutet nicht, dass wir die Ideale fallen lassen sollten, vielmehr müssen wir sie fortwährend nach innen wie nach außen verteidigen.

Was genau als "mutiges Handeln" gilt, hängt vom Kontext ab. Eine Handlung ist nicht per se mutig, sondern wird zur solchen in bestimmten Situationen; dabei kann dasselbe Handeln je nach persönlichen Umständen mehr oder weniger Mut erfordern. Immer aber geht es um die Entschlossenheit, für eine Sache einzutreten, die man für gut und richtig befindet, und zwar im Wissen darum, dass sich dies zum eigenen Schaden auswirken kann. Dieser Schaden kann in der Wissenschaft sehr unterschiedlich beschaffen sein: von verbalen Nickeligkeiten und Häme bis zur Angst um Leib und Leben. Entsprechend divers sind Beispiele für mutiges Handeln in der Wissenschaft in Gegenwart und Vergangenheit.

Historische Realität und Fortbestand der Legende

Einige dieser Beispiele wurden zum festen Bestandteil der Gründungserzählung für die modernen empirischen Wissenschaften. Dazu gehört etwa der Konflikt zwischen Galileo Galilei und der katholischen Kirche im frühen 17. Jahrhundert. Verbreiteter Erzählung zufolge trat Galilei gestützt auf seine Beobachtungen mit dem Fernrohr für die heliozentrische Ordnung des Kosmos ein und verteidigte diese Überzeugung mutig gegen die bornierte Ignoranz kirchlicher Würdenträger. Noch vor dem Tribunal der Inquisition habe Galilei trotzig gemurmelt "Und sie bewegt sich doch!", bevor er als Märtyrer der Wahrheit den Hausarrest antrat. So oder so ähnlich findet sich diese Episode bis heute in Medien jeglichen Formats, und sie wird unvermeidlich bemüht in Festreden zu Gedenktagen und Erfolgen der Wissenschaft. 

Leider entspricht kaum etwas davon der historischen Realität. Grundzüge der Erzählung finden sich bereits in den ersten Biografien von Galilei, ihre volle Wucht entfaltete sie im 19. Jahrhundert im Kulturkampf gegen die katholische Kirche. Ein herausragender Naturforscher, der unter höchstem Einsatz die Wahrheit gegen kirchliches Dogma verteidigte: das passte hervorragend in das Klischee des unvermeidlichen Kampfs zwischen Wissenschaft und Religion. Wirkmächtig wurde zudem die Bearbeitung des Stoffs durch Bertolt Brecht, der die antiklerikale Tonlage noch verstärkte. 

"Schließlich ist festzuhalten, dass Galilei gerade nicht für seine Überzeugung einstand, sondern unter dem Druck der Obrigkeit nachgab."

Die tatsächliche Geschichte ist sehr viel komplexer. Galilei trat nicht nur aus wissenschaftlicher Überzeugung für das heliozentrische System ein, sondern auch um sich im Rahmen höfischer Streitkultur zu profilieren. Den Konflikt mit dem Vatikan hatte er selbst provoziert, und sein Argument für die Erdbewegung waren keine Himmelsbeobachtungen, sondern die (unzutreffende) Behauptung, die Gezeiten der Meere ließen sich nur durch eine doppelte Erdbewegung erklären. Schließlich ist festzuhalten, dass Galilei gerade nicht für seine Überzeugung einstand, sondern unter dem Druck der Obrigkeit nachgab. All dies ist hervorragend erforscht und in vielen wissenschaftshistorischen Publikationen nachzulesen. Dem Fortbestand der Legende tut dies keinen Abbruch: Zu stark ist unser Bedürfnis nach einfachen Geschichten und mutigen Helden. 

Widerstand und politische Dissidenz 

Dabei müssten wir nicht auf Legenden zurückgreifen, es gibt ja reale Beispiele. Gerade an Universitäten sind die Voraussetzungen für mutigen Widerstand und politische Dissidenz in einzigartiger Form gegeben: Die Ausbildung zum kritischen, unabhängigen Denken und das Hinterfragen bestehender Verhältnisse gehören zu den wesentlichen Aufgaben einer Hochschule. Nicht zufällig spielten Studierende in politischen Protestbewegungen oft eine wichtige Rolle: im Vormärz ebenso wie 1968, auf dem Tian’anmen-Platz wie im Arabischen Frühling. Weithin bekannt ist bis heute das mutige Handeln der Weißen Rose, einer maßgeblich studentischen Gruppierung, deren Mitglieder ihren Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur mit dem Leben bezahlten. Neben den Geschwistern Hans und Sophie Scholl sowie Professor Kurt Huber sind dabei auch die oft vergessenen weiteren Mitglieder zu würdigen: Willi Graf, Christoph Probst und Alexander Schmorell. 

Mit Blick auf dieses Widerstandspotential zielen autoritäre Regime neben Eingriffen in die Schulbildung regelmäßig auch auf eine Kontrolle der Universitäten. In jüngerer Zeit erfuhr dies etwa die renommierte Central European University in Budapest unter Victor Orbán: Unter anhaltendem politischem Druck übersiedelte sie schließlich ab 2019 nach Wien. Auch im Wahlprogramm der Alternative für Deutschland (AfD) für Sachsen-Anhalt finden sich neben den Plänen zur Umgestaltung des Schulunterrichts klare Absichtserklärungen zum Eingriff in die Hochschulautonomie. 

Neben Studierenden waren auch etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in die genannten Proteste involviert oder stellten sich politischer Repression auf andere Weise entgegen. Dabei nutzten sie ihr Renommée, um den Protest möglichst sichtbar zu gestalten. So traten etwa in den ersten Monaten des Jahres 1933, kurz nach Regierungsübernahme der Nationalsozialisten, gleich zwei Nobelpreisträger der Physik von ihren Ämtern zurück, Albert Einstein in Berlin und James Franck in Göttingen. Von den antisemitischen Gesetzen waren sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht betroffen, die Rücktritte erfolgten selbstbestimmt und schlugen dementsprechend hohe Wellen. Ein Nobelpreisträger der Chemie, Richard Willstätter, hatte bereits 1924 seine Professur in München niedergelegt, in Reaktion auf den eklatanten Antisemitismus seiner Fakultät. Für alle drei hatte dieser Schritt tiefgreifende persönliche und berufliche Folgen. 

Auch in der Sowjetunion trat ein Physiker dem Regime mutig entgegen. Andrej Sacharow wurde zunächst für seinen Beitrag zur Entwicklung der sowjetischen Wasserstoffbombe gefeiert, 1950 sogar mit dem Lenin-Preis ausgezeichnet. Seit etwa 1960 entwickelte er sich indes zum entschiedenen Regimekritiker und trat für politisch Verfolgte, Menschenrechte und Meinungsfreiheit ein. Übergriffe der Regierung und Schmutzkampagnen in der Presse waren die Folge. Den Friedensnobelpreis 1975 konnte Sacharow nicht persönlich entgegennehmen, da man ihm die Ausreise verweigerte; 1980 wurde er unter Arrest gestellt. Erst mit dem Politikwechsel unter Gorbatschow ab 1986 wandte sich das Blatt. Sacharow wurde ins Präsidium der Akademie der Wissenschaften berufen, verstarb jedoch bereits drei Jahre später. 

"Wie eingangs erwähnt, gehört Mut nicht zu den Primärtugenden der Wissenschaft."

Es ließen sich weitere Beispiele für derart mutiges Handeln von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aufzählen, auch auf anderen Kontinenten. Solche Beispiele zeigen, wie sich wissenschaftliche Prominenz als Plattform für politischen Protest nutzen lässt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich die meisten Personen im Wissenschaftssystem recht geschmeidig mit autoritären Regimen arrangieren. Dies geschieht häufig aus Überzeugung, Forscherinnen und Forscher sind nicht notwendig politisch liberal eingestellt. Noch häufiger gründet dies in Indifferenz oder Karrierismus: Gerade Naturwissenschaft und Technik, aber auch etliche Bereiche der Geistes- und Sozialwissenschaften können auch in autoritären Regimen florieren. Der häufigste Grund ist vermutlich die (oft nachvollziehbare) Furcht vor Konsequenzen: Wie eingangs erwähnt, gehört Mut nicht zu den Primärtugenden der Wissenschaft.

F&L-Schwerpunkt "Mut in der Wissenschaft"

Die September-Ausgabe von "Forschung & Lehre" beschäftigt sich mit Mut in der Wissenschaft. Er zeigt sich, wenn Forscherinnen und Forscher unbequeme Fragen stellen, Irrtümer eingestehen, Methoden hinterfragen und bestehende Annahmen erschüttern.

Kärin Nickelsen
Werte verteidigen: Was ist Mut in der Wissenschaft?

Christoph Horn
Eine Frage des Charakters: Platonisch-aristotelische Perspektiven auf Mut

Albert Newen
Interdisziplinäre Philosophie: Forschung entgegen dem wissenschaftlichen Zeitgeist

Stefan Treue
Offenheit funktioniert: Zwischen Tierschutz, Bürokratie und Kommunikation in der tierexperimentellen Forschung

Im Gespräch: Mursal Dawodi
Nicht die Angst entscheiden lassen: Wenn Mut eine Notwendigkeit ist und nicht bloß Option 

Forschung & Lehre 9/2026 mit dem Themenschwerpunkt "Mut in der Wissenschaft" ist am 31. August 2026 erschienen. Auszüge der neuesten Ausgabe können Sie hier online lesen.

Mutiges Forschen 

Vielleicht auch in Reaktion darauf vergibt das Land Baden-Württemberg seit 2016 einen eigenen Preis für "mutige Wissenschaft". Dieser richtet sich an "Forscherinnen und Forscher, die neue Wege einschlagen, ausgetretene Pfade verlassen und dabei auch das Risiko eingehen zu scheitern". Nun ist die Bereitschaft, neue Wege einzuschlagen und dabei womöglich zu scheitern, eine grundlegende Voraussetzung für wissenschaftliche Forschung. Wie neu diese Wege sein müssen, um die betreffende Forschung als "mutig" einzustufen, ist alles andere als klar. Überzeugender ist die tatsächliche Preisvergabe, oft ging die Auszeichnung an Forscherinnen und Forscher, die angesichts ihrer Arbeiten mit Widerstand rechnen mussten. So wurde 2024 etwa Kira Rehfeld ausgezeichnet, für ihre ungewöhnliche Verbindung von experimentellen Ansätzen mit numerischer Simulation in der Klimaforschung. Kritik von beiden Feldern ist dabei eingepreist. 

Einen solchen Preis verdienen sicher auch Forscherinnen und Forscher, die nicht nur wissenschaftsinterne Kritik, sondern politische Sanktionen riskieren. Wer etwa zu den Hintergründen politischer Repression in Staaten wie Russland und China arbeitet, muss auch in Deutschland damit rechnen, ins Visier dieser Staaten zu rücken und womöglich dauerhaft die Einreisegenehmigung zu verlieren – und damit die Grundlage zur Fortsetzung der eigenen Forschung. Gerade für Personen im akademischen Mittelbau sind diese Folgen erheblich; unter solchen Umständen auf andere Themen auszuweichen, kann man niemandem verdenken. 

"Mutiges Forschen und mutiger Protest gegen politische Übergriffe sind wichtig und verdienen unsere Hochachtung."

Mutiges Forschen und mutiger Protest gegen politische Übergriffe sind wichtig und verdienen unsere Hochachtung. Vielleicht ebenso wichtig für den Erhalt der Integrität und Glaubwürdigkeit unseres Systems ist indes das mutige Handeln nach innen, das heißt eine angemessene Reaktion auf Missstände und Fehlverhalten im Wissenschaftssystem selbst: etwa fehlende Transparenz in der Datenerhebung, mangelhaftes Führungsverhalten, sexuelle und andere Übergriffe und so weiter. Gerade für Personen in Abhängigkeitsverhältnissen erfordert es Mut, solche Vorfälle zu melden und in Konflikte einzutreten – auch wenn ihnen inzwischen mehr Glauben geschenkt wird als noch vor wenigen Dekaden. 

Die Unantastbarkeit prominenter Personen im Wissenschaftssystem schwindet, das ist ein Fortschritt. Dabei ist die Kehrseite dieses Stimmungsumschwungs, dass sich (in einzelnen, wenigen Fällen) die gestiegene Sensibilität ausnutzen lässt, indem man fälschlich denunziert und erfundene Vorwürfe verbreitet. Auch in diesen Fällen ist mutiges Handeln gefordert: indem man sich Hetzkampagnen ohne gesicherte Grundlage entgegenstellt und in laufenden Verfahren auf die Unschuldsvermutung pocht – innerhalb wie außerhalb der Wissenschaft. 

Wissenschaftliche Integrität 

Für Professorinnen und Professoren mit Beamtenstatus erfordert es vergleichsweise wenig Mut, auf diese und andere Weise für die Werte eines integren Wissenschaftssystems einzutreten. In vielen Fällen muss man lediglich vorhandene Strukturen bespielen – etwa die Teilhabe in Gremien nutzen, um zu widersprechen, wenn es geboten ist; um unbequeme Nachfragen zu stellen oder sich nicht nur zu enthalten, sondern gegen zweifelhafte Anträge zu stimmen. Selbst wenn man sich dabei in einen Konflikt mit nachtragenden Personen begibt, bleibt das Risiko für persönlichen Schaden in diesen Fällen überschaubar: Befürchten mag man Nachteile bei der Berufung in Gremien mit Einfluss und Reputation, bei der Vergabe von Auszeichnungen, vielleicht auch bei der Begutachtung von Förderanträgen. Diesen Preis sollten wir zahlen. Opportunismus und Duckmäusertum sind auch in der Wissenschaft probate Mittel, um Gunst und Privilegien zu erwirken, sie unterminieren aber fundamental die Prinzipien und die Glaubwürdigkeit der Institution. 

Eigentlich gar keinen Mut erfordert es schließlich, bestimmte Dinge im Interesse der wissenschaftlichen Integrität nicht zu tun: nicht allen Anreizen zu folgen und nicht alle Einladungen anzunehmen. Anders als in vielen anderen Ländern der Welt ist die akademische Freiheit in Deutschland fest im Grundgesetz verankert; man sollte sich daher hüten, hier leichtfertig von "Eingriffen in die akademische Freiheit" zu reden – damit verwässert man den Begriff und normalisiert tatsächliche Eingriffe. 

Aber wir sind nicht dagegen gefeit, dass wir uns freiwillig auf Projekte einlassen mit zuweilen zweifelhafter Konnotation. Dazu gehören gängige Formen der Auftragsforschung mit ihrer bekannten Ambivalenz. Zukünftig könnte auch staatliches Agenda-Setting dazu zählen. Solche Förderprogramme unterstützen oft die Erforschung gesellschaftlicher Herausforderungen, die von der jeweiligen Regierung priorisiert werden. Dagegen ist meist wenig einzuwenden. Aber es mag dazu kommen, dass eine Landesregierung ihrer unterfinanzierten Universität großzügige Fördermittel anbietet für Forschung, die kaum verschleiert mit politischen Erwartungen verknüpft wird – etwa für "Bevölkerungsforschung" oder "kritische Islamforschung". Die Reaktion auf solche Angebote bliebe abzuwarten. 

Mutiges Handeln ist in der Wissenschaft ebenso wichtig wie in anderen Feldern der Gesellschaft, und es ist hier wie dort nicht selbstverständlich. Allerdings gibt es in der Wissenschaft eine privilegierte Gruppe, die für mutiges Auftreten wenig zu befürchten hat: Professorinnen und Professoren im Beamtenstatus. Mit diesem besonderen Status ist auch eine besondere Verantwortung verbunden. Diese sollten wir wahrnehmen – damit es nie wieder dazu kommt, dass außergewöhnlicher Mut erforderlich wird. Denn ob wir diesen aufbringen werden, ist mehr als ungewiss.