Wissenschaft im Dialog
Wissenschaft kann in polarisierenden Debatten vermitteln
Die Wissenschaft kann Polarisierungstendenzen in gesellschaftlichen Debatten weder auflösen noch verhindern. Sie kann ihnen jedoch reflektiert begegnen und sie bearbeiten. So lautet die Schlussfolgerung des Perspektiven-Papiers "Wissenschaftskommunikation in polarisierten gesellschaftlichen Debatten", das Wissenschaft im Dialog (WiD) im Februar 2026 publiziert hat. Darin wird erörtert, welche Rollen Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation sich selbst in solchen Diskursen zuschreiben, welche Handlungsperspektiven sie haben, wo ihre Legitimität begrenzt wird, aber auch, welche Erwartungen die Bevölkerung an wissenschaftliche Beiträge hat. Die WiD-Perspektiven sollen Forschenden, Wissenschaftsinstitutionen und externen Akteursgruppen wie Politik und Medien als Hilfsmittel dienen, um Kompetenzen für die Kommunikation in kontroversen Debatten aufzubauen und den institutionellen Rückhalt und Schutz für Forschende zu stärken. Gefördert werden die WiD-Perspektiven von der Klaus Tschira Stiftung.
Die Studie geht davon aus, dass Erkenntnisse darüber, wie verschiedene Akteursgruppen die Wissenschaft wahrnehmen und was sie von ihr erwarten, ein tieferes Verständnis für die Wirkung von Forschungsbeiträgen im polarisierten Diskurs ermöglichen. Zu diesen Gruppen gehört neben Personen aus der Wissenschaft, Kommunikation und Politik auch die Bevölkerung als Ganzes. Daher wählten die Verfasserinnen und Verfasser einen zweistufigen Zugang, der beide Perspektiven einholen und schließlich miteinander verbinden sollte. In einem ersten Schritt wertete das Team die Daten des Wissenschaftsbarometers 2025 aus, für das insgesamt 2.011 Menschen in Deutschland zu unterschiedlichen Aspekten des Verhältnisses von Wissenschaft und Gesellschaft befragt wurden. Dabei ging es beispielsweise um die allgemeine Wahrnehmung gesellschaftlicher Polarisierung und die eigenen Erwartungen an die Wissenschaft.
Polarisierung ist per se kein Zeichen einer dysfunktionalen Demokratie
Den Begriff der "Polarisierung" zeichnet die Studie differenzierter nach, als er in der öffentlichen Debatte meist erscheint. Dort werde er mit verhärteten Positionen, eingeschränkter Dialogbereitschaft und zunehmender Infragestellung der Legitimität des jeweiligen Gegenübers in Zusammenhang gebracht. Dies geschehe vor allem dann, wenn Konflikte identitätsbezogen aufgeladen seien. In der Empirie zeige sich jedoch, so der Bericht, dass die Gesellschaft keineswegs in zwei Lager gespalten sei. Auch wenn sich in einzelnen Themenfeldern deutliche Konfliktlinien abzeichneten, blieben diese meist themenspezifisch, gruppenbezogen und kontextabhängig. So gebe es etwa in der grundsätzlichen Anerkennung demokratischer Institutionen oder hinsichtlich der Bedeutung von Wissenschaft einen hohen Konsens.
Die gesellschaftliche Realität erscheine, wie das Autorenteam ausführt, oftmals polarisierter als sie eigentlich sei, da die Art und Weise, über Konflikte zu sprechen, zur Bedeutung des Polarisierungskonzepts beitrage. "Polarisierung ist damit nicht nur ein Kontext, auf den Wissenschaftskommunikation reagiert, sondern auch das Ergebnis medialer, politischer und kommunikativer Praktiken, in die Wissenschaft selbst eingebunden ist", so der Bericht.
"Wissenschaftskommunikation kann weniger durch eine Reduktion von Konflikten wirken als durch die Förderung informierter Auseinandersetzung."
WiD-Perspektiven, Februar 2026
Polarisierungstendenzen seien jedoch keineswegs als Defizit zu verstehen, sondern bildeten einen konstitutiven Bestandteil demokratischer Öffentlichkeiten: "Wissenschaftskommunikation kann hier weniger durch eine Reduktion von Konflikten wirken als durch die Förderung informierter Auseinandersetzung, die Einordnung von Dissens und die Sichtbarmachung von Unsicherheiten und Zielkonflikten, ohne selbst zum dominanten Akteur politischer Aushandlungsprozesse zu werden." Die Ergebnisse des Wissenschaftsbarometers 2025 zeigen, dass eine deutliche Mehrheit der Befragten Forschung zu polarisierenden Themen für sinnvoll erachtet (57 Prozent). 61 Prozent halten wissenschaftliche Erkenntnisse in öffentlichen Diskussionen für bedeutsam.
Unterschiedliche Rollen ergeben sich aus divergierenden Erwartungen
Aus der wahrgenommenen Polarisierung ergeben sich laut Autorinnen und Autoren des Papiers besondere Herausforderungen für die Wissenschaft, wenn deren Erkenntnisse beispielsweise selektiv herangezogen werden, um bestimmte Positionen zu stützen. Dazu kämen widersprüchliche Erwartungen aus der Gesellschaft: "Während ein Teil der Bürger*innen von Wissenschaft eine klare Haltung und gesellschaftliches Engagement erwartet, betonen andere vor allem die Bedeutung unabhängiger, verlässlicher Informationen auf Basis aktueller Forschung." Auch Ansprüche, die Institutionen, Medien und Politik an Forschende stellen, prägen der Studie nach die Rollenbilder, die diese jeweils im öffentlichen Diskurs einnehmen.
"Während ein Teil der Bürger*innen von Wissenschaft eine klare Haltung und gesellschaftliches Engagement erwartet, betonen andere die Bedeutung unabhängiger, verlässlicher Informationen auf Basis aktueller Forschung."
WiD-Perspektiven, Februar 2026
Um Empfehlungen für die Praxis der Wissenschaftskommunikation auszuarbeiten, nahmen 21 Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft, Wissenschaftskommunikation, Medien, Politik und Zivilgesellschaft an einem Multistakeholder-Dialog teil, der am 29. Oktober 2025 von WiD und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) veranstaltet wurde. Hier wurden die Ergebnisse des Wissenschaftsbarometers diskutiert und unterschiedliche Rollen für die wissenschaftliche Beteiligung an öffentlichen Debatten erarbeitet. Im Nachklang wurden die Expertinnen und Experten noch einmal zu ihrer Einschätzung der ausgearbeiteten Funktionen befragt.
Forschende können in sechs unterschiedliche Rollen schlüpfen
Die Studie stellt sechs spezifische Rollenbilder heraus, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bekleiden können und deren praktische Anwendung von den Teilnehmenden des Multistakerholder-Dialogs unterschiedlich bewertet wurde. Die Rollen seien, so betont das Forschungsteam, nicht eindeutig und dauerhaft festgelegt, sondern situativ, themenabhängig und adressatenspezifisch wandelbar.
Als Pure Scientists ("Reine Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler") produzieren Forschende ausschließlich neues Wissen, überprüfen bestehende Erkenntnisse kritisch und liefern belastbare Aussagen auf Grundlage transparenter Methoden. Laut Studie gilt dieses Bild zwar als Kern der wissenschaftlichen Praxis, die durch Ergebnisoffenheit, methodische Strenge und kritische Selbstkorrektur geprägt ist. Allerdings problematisieren Forschende es als idealisierte Zuschreibung, das im Spannungsverhältnis zur wissenschaftlichen Ungewissheit, Revision und Komplexität stehe.
Die Rolle der Science Arbiter ("Wissenschafts-Vermittlerinnen und Vermittler") spiegele die kommunikative Dimension wissenschaftlicher Arbeit als Brückenbauer wider. Forschende informieren hier über den Entstehungsprozess von Wissen, machen Unsicherheiten transparent und kontextualisieren Debatten. Diese Funktion betrachteten die Expertinnen und Experten laut Studie als besonders geeignet für polarisierte Diskurse.
Issue Advocates ("Ratgeberinnen und Ratgeber in Streitfragen") kommentieren gesellschaftliche Entwicklungen, benennen Risiken und bringen Wissen aktiv in Entscheidungsprozesse ein, zeigen also klare Haltung. Diese Rolle sei umstritten, insbesondere wenn sie über die gesellschaftliche Verantwortung hinaus mit aktivistischer Positionierung oder strategischer Einflussnahme in Verbindung gebracht wurde, so die Autorinnen und Autoren.
Überwiegend kritisch bewertet worden sei auch die Funktion der Technocrats ("Funktionärinnen und Funktionäre"), die direkt oder indirekt in politische oder gesellschaftliche Entscheidungsprozesse eingreifen. "Zwar wird von Wissenschaft erwartet, Entscheidungsgrundlagen bereitzustellen und Handlungsoptionen verständlich zu machen, die Übernahme tatsächlicher Entscheidungsmacht wurde jedoch nahezu einhellig abgelehnt."
Die Rolle des Advisor ("Beraterinnen und Berater") sei ebenfalls ambivalent bewertet worden. Zwar sei Beratung eine legitime Aufgabe öffentlich finanzierter Wissenschaft, eine starke Ausrichtung auf externe Bedarfe könne jedoch wissenschaftliche Unabhängigkeit, Autonomie und Prioritätensetzung beeinträchtigen. Laut Studie erhielt die Rolle trotz dieser Vorbehalte hohe Zustimmungswerte.
Als Honest Broker ("ehrliche Maklerinnen und Makler") sollen Forschende eine moderierende und vermittelnde Rolle einnehmen, die Unsicherheiten transparent mache, Fragen stelle und Vertrauen fördere. Positiv betrachtet wurden, so der Bericht, das Aufzeigen von Handlungsoptionen und Konsequenzen sowie das Erklären von Unsicherheiten. Negativ seien mögliche Kompetenzüberschreitungen bewertet worden, etwa wenn gesellschaftliche Aushandlungsprozesse in die Wissenschaft ausgelagert werden sollten.
Erwartungen und Grenzen sollen klar formuliert werden
Die erarbeiteten Rollenbilder sollen dazu dienen, Forschenden eine analytische Orientierung in der öffentlichen Kommunikation zu bieten. "Im Vordergrund steht dabei weniger die Festlegung auf eine einzelne Rolle, als vielmehr die Fähigkeit, situativ zwischen unterschiedlichen Rollen zu wechseln und diesen Wechsel reflektiert zu handhaben", betonen die Autorinnen und Autoren der Studie. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern komme in Bereichen der "Grenzkommunikation" die Verantwortung zu, die eigene Expertise einzuordnen und mit Unsicherheiten umzugehen, beispielsweise zwischen gesichertem Wissen, vorläufigen Befunden, fachlicher Einschätzung und persönlicher Positionierung zu unterscheiden.
"Im Vordergrund steht dabei die Fähigkeit, situativ zwischen unterschiedlichen Rollen zu wechseln."
WiD-Perspektiven, Februar 2026
Vorbereitungen und Trainings sollten, so die Empfehlung, disziplinspezifisch ausgerichtet sein und den Umgang mit Zuspitzungen, Zuschreibungen, emotionalisierten Reaktionen und gezielter Delegitimierung thematisieren. Ziel sei nicht die Kontrolle öffentlicher Debatten, sondern die Stärkung von Handlungsfähigkeit und Orientierung in Konfliktlagen.
Für Wissenschaftsinstitutionen ergebe sich daraus die Aufgabe, geeignete Rahmenbedingungen für öffentliche Kommunikation zu schaffen, ihre Forschenden dafür auszubilden und sie beispielsweise durch fest verankerte Beratungsangebote zu unterstützen. Vor allem im Fall von persönlichen Angriffen dürften Forschende nicht allein gelassen werden, sondern müssten auf die Schutzfunktion der Institution bauen können. Dafür sollten klare Anlaufstellen geschaffen werden.
Externe Akteurinnen und Akteure, beispielsweise aus Politik und Medien, sollten wiederum transparent machen, welche Form des wissenschaftlichen Beitrags erwartet wird, um Missverständnisse zu reduzieren. Klar definierte Kommunikationsformate würden helfen, erklärende, einordnende und vermittelnde Rollen zu ermöglichen und Raum für Unsicherheiten, Differenzierung und Kontextualisierung zu lassen.
Polarisierung – Schwerpunkt in "Forschung & Lehre"
Im März nähert sich "Forschung & Lehre" in seinem Schwerpunkt dem Thema Polarisierung aus unterschiedlichen Perspektiven an. Die Beiträge:
- Im Gespräch mit Wolfgang Merkel: Verschwindet unsere Demokratie? Zu den Folgen politischer Polarisierungen und demokratischer Erosionsprozesse
- Nils Kumkar: Zugleich real und konstruiert Zur Debatte um die Spaltung der Gesellschaft
- Hanna Schwander/Bastian Becker/Luke Shuttleworth: Dynamisches Phänomen Aktuelle Zahlen zur affektiven Polarisierung in Deutschland
- Im Gespräch mit Ute Frevert: Angstunternehmer unterwegs Zur Bedeutung von Gefühlen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt
- Andreas Zick: Identitätskämpfe Polarisierungsprozesse aus sozialpsychologischer Perspektive
- Christiane Eilders: Ideologisch oder affektiv Zur Konfliktdynamik in öffentlichen Debatten
- Michael Weber: Sicht auf reale Konsequenzen Subjektive Erwartungen und geldpolitische Handlungsfähigkeit
Hier geht es zur aktuellen Ausgabe – Reinlesen lohnt sich!
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