Wissenschaftsfreiheit
Wissenschaft und Gesellschaft – eine Frage des wechselseitigen Nutzens
In Deutschland hat Wissenschaft einen herausragenden Stellenwert. Dieser ist primär bedingungslos an wissenschaftliche Prozesse geknüpft und gilt für alle Disziplinen. Jenseits dieser grundgesetzlichen Festlegung sind weitere Vorgaben, Ressourcen und Erwartungen in demokratischen Prozessen zu definieren und nicht durch Wissenschaft bestimmt. Wenn in diesen Tagen über Wissenschaftsfreiheit gesprochen wird, geht es oft darum, dass und wie sie verteidigt werden muss. Verständlich, angesichts der Herausforderungen: Rechtspopulistische Parteien in Europa und Bewegungen wie MAGA in den USA stellen Wissenschaft und ihre Grundsätze infrage.
Herausgefordert sind nicht nur unsere Hochschulen und Forschungseinrichtungen – es handelt sich um gesamtgesellschaftliche Entwicklungen. Je nach Perspektive stellt sich die Frage, wie die Wissenschaft ihre Resilienz gegen politische Einflussnahme erhöhen kann und was Forschung und Hochschulen zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen können. Diese Wirkungserwartung stärker in den Blick zu nehmen, ist keine Absage an den Exzellenzanspruch von freier und herausragender Wissenschaft. Im Gegenteil: Sie bedingen einander. Sichtbarer Nutzen steigert die Akzeptanz von Wissenschaft und das Einverständnis von Gesellschaft und Politik, dass auch in Zeiten knapper Haushalte Investitionen in Wissenschaft gut angelegt sind.
Was Wissenschaft leistet
Das Potential gesellschaftlicher Wirksamkeit ist groß. So begleitet und unterstützt Wissenschaft Wandel. Sie stellt Expertise zu sozialen, ökologischen und technologischen Umbrüchen zur Verfügung und bietet der Politik Grundlagen, um Entscheidungen in Kenntnis einer gesicherten Sachlage zu treffen. Zugleich dienen Forschung und Hochschulen als kritisch-reflexive Instanzen und liefern die Grundlage für informierte Aushandlungen in Politik und Gesellschaft.
Hinzu kommt: An Hochschulen wird nicht nur Fachwissen gelehrt und gelernt, sondern auch die Kunst des Argumentierens, des neugierigen und kritischen Hinterfragens und des respektvollen Meinungsaustauschs. Studierende erfahren, dass es für komplexe Fragen selten einfache Antworten gibt, dass unbequeme Erkenntnisse zutage treten und dass diese grundsätzlich vorläufig sind. Hochschulen sollten Trainingsräume sein für konstruktiven gesellschaftlichen Diskurs.
Sie sind außerdem Orte des sozialen Aufstiegs. Auch wenn Bildungschancen in Deutschland leider weiterhin durch Herkunft mitbestimmt werden, ist das Versprechen "Aufstieg durch Bildung" gerade in Zeiten der wirtschaftlichen Transformation und einer immer vielfältiger werdenden Gesellschaft wichtiger denn je.
Wissenschaft ist Treiber von Innovationen. Sie fördert gesellschaftlichen Wohlstand und Fortschritt. Transfer bedeutet heute mehr als Technologietransfer – es geht um den Austausch zwischen Academia und Gesellschaft in beide Richtungen: Hochschulen bringen nicht nur technische, naturwissenschaftliche, medizinische, kulturelle sowie geistes- und sozialwissenschaftliche Innovationen hervor. Sie nehmen auch gesellschaftliche Fragen auf und erarbeiten Lösungen, die allen nutzen.
Natürlich ist diese Auflistung ein Idealbild. Nicht alle Studierenden entwickeln eine eindrucksvolle Ambiguitätstoleranz – umgekehrt ist eine solche selbstverständlich auch ohne akademische Qualifizierung erreichbar. Und nicht alle Forschenden unterscheiden hinreichend, ob sie aus wissenschaftlicher Sicht oder in der Rolle einer Privatperson sprechen. Beispiele sozialen Aufstiegs stehen zu oft Fällen sozialer Exklusion gegenüber. Und auch bei den Themen Innovation und gesellschaftlicher Transfer gibt es Steigerungsmöglichkeiten. Umso wichtiger ist es, die Voraussetzungen zu schaffen, um das Potential von Wissenschaft und Hochschulen gesellschaftlich besser zu nutzen. In seinem Papier "Wissenschaft in Deutschland – Perspektiven bis 2040" hat der Wissenschaftsrat hierzu einige Vorschläge gemacht.
Die folgenden Beispiele machen deutlich, wo die Wissenschaft selbst, aber auch die Politik konkret ansetzen können, um Innovationskraft und gesellschaftliche Wirkung von Forschung zu verbessern und zugleich die Wissenschaft insgesamt zu stärken.
Erwartungen gerecht werden
Gemeinwohlorientierung und gesellschaftliche Wirkung müssten als Kriterien wissenschaftlicher Exzellenz fest verankert werden. Soziale und technologische Innovationen sind gleichberechtigt zu stärken. Öffentlich geförderte Hochschulen sollten sich als lokale Bildungs-, Begegnungs- und Experimentierräume profilieren. Sie würden zu gut wahrnehmbaren Orten wissenschaftlicher Bildung, sozialen Lernens und öffentlicher Debatte. Bund und Länder sollten die Hochschulen rechtlich und finanziell befähigen, transdisziplinäre Lehrformate sowie lebenslange akademische Weiterbildungsangebote auszubauen. Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen müssten Modelle entwickeln, um soziale Innovationen zu verankern – etwa über Reallabore und regionale Netzwerke. Studierende sollten früh inter- und transdisziplinär arbeiten und ein Bewusstsein für gesellschaftliche Wirkung ausbilden.
Durchlässigkeit erhöhen
Ein flexibler Wechsel zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft erhöht die Leistungsfähigkeit und ermöglicht neue gegenseitige Impulse. Bund und Länder sollten deshalb Bedingungen dafür schaffen, die intersektorale Mobilität zu erleichtern. Dazu gehört zu prüfen, wie Anpassungen im Beamten-, Tarif- und Sozialversicherungsrecht anschlussfähige und für Personen aus der Wirtschaft attraktive Personalstrukturen schaffen können. Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen sollten ihre Anreiz- und Anerkennungssysteme so weiterentwickeln, dass auch außerwissenschaftliche Leistungen bei Einstellung, Berufung und Beförderung Gewicht bekommen. Um berufliche Mobilität zu stärken, sind gemeinsame Berufungen mit Industrie und anderen gesellschaftlichen Akteuren, praxisintegrierte Qualifikationsphasen, Personalentwicklungskonzepte, kooperative Graduiertenprogramme sowie Gründungs- und Transfersemester zu fördern. Gleiches gilt für Ausgründungsprogramme und kollaborative Forschungsformate.
Chancengerechtigkeit stärken
Hürden und Exklusionsmechanismen müssen abgebaut, die Übergänge zwischen Schulen, Hochschulen und Beruf chancengerecht und transparenter werden. Es gilt, Leistungsorientierung mit Chancengerechtigkeit zu verknüpfen. Strukturelle Bedingungen sollten verbessert werden, insbesondere zur Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Studium. Bildungseinrichtungen und Ministerien sollten gemeinsam die Anerkennung vorhandener Qualifikationen erleichtern, Kooperationen ausbauen und unterstützende Angebote für heterogene Studierendengruppen stärken. Hochschulen und Studierendenwerke sollten benachteiligte Studierende passgenauer fördern, Studienabbrüchen entgegenwirken und erfolgreiche Bildungs- und Karrierewege ermöglichen.
Entscheidungen beschleunigen
Um schnell auf gesellschaftliche Bedarfe reagieren zu können und mit begrenzten Mitteln wirksame Veränderungen anzustoßen, sind Priorisierungen und beschleunigte Abläufe nötig. Entscheidend sind eine bessere und schnellere Zusammenarbeit über Ressortgrenzen hinweg und eine enge Abstimmung zwischen Bund und Ländern sowie zwischen Ministerien und Parlamenten. Institutionelle Eigenverantwortung und Vertrauen sind zu stärken, unnötige Kontrolle und Hemmnisse zu minimieren. Auf allen Ebenen des Wissenschaftssystems – in Einrichtungen, Förderorganisationen und bei staatlichen Akteuren – müssten Entscheidungswege, Förderinstrumente und Verwaltungsprozesse vereinfacht sowie Reibungsverluste reduziert werden.
Wissenschaftliche Integrität
Vertrauen und Akzeptanz sind entscheidend für die gesellschaftliche Wirkung von Wissenschaft. Deshalb müsste sie die Qualität von Publikationen besser sichern und wirksam gegen Plagiate, Fälschungen, Sloppy Science und Paper Mills vorgehen. Zudem sollte sie ihre Anreizsysteme kritisch prüfen und verbessern. Schließlich müssten wissenschaftliche Einrichtungen Governance und Organisationsstrukturen so entwickeln, dass Qualität gesichert wird und faire Arbeitsbedingungen die Motivation und Entwicklung des Personals fördern, um exzellente Leistungen zu ermöglichen.
Personalstrukturen reformieren
Ob es um Innovationen oder um begeisternde Lehre geht, um Vermittlung oder um die vielen Aufgaben in Wissenschaftsmanagement und Infrastrukturen – Wissenschaft braucht hervorragendes Personal, um nicht zuletzt ihrer Bedeutung für die Gesellschaft gerecht zu werden. Das jetzige System ist nicht nur intransparent, sondern auch zusehends unattraktiv. Wissenschaft hat sich weiterentwickelt, die Konkurrenz um Personal ist groß und die Strukturen müssen nachziehen. Das Ziel sind attraktive, vielfältige Stellen mit klaren Entwicklungsoptionen, die Wissenschaftseinrichtungen im Wettbewerb um Fachkräfte – national wie international – stärken. Nötig ist ein Personalgefüge, das den zunehmend ausdifferenzierten Anforderungen an die und aus der Wissenschaft gerecht wird und attraktive Dauerstellen neben der Professur bietet.
Resilienz der Wissenschaft
Zwar haben wir keine politischen Zustände wie aktuell in den USA. Doch auch in Deutschland verbreitet sich ein Diskurs, der eine Marginalisierung der Wissenschaft in ihrer Bedeutung für und Verbindung zur Gesellschaft befördert. Hochschulen, Wissenschaftsorganisationen und Politik müssen das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit gegen antipluralistische und wissenschaftsfeindliche Positionen verteidigen. Finanzierung, Governance und wissenschaftspolitische Strukturen müssen gegen mögliche Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit gestärkt werden. Dazu gehören Strategien für den Umgang mit Polarisierung und extremen Meinungen im Inneren, also bei Beschäftigten und Studierenden. Hier gilt es meines Erachtens, Auseinandersetzungen auszuhalten und Konflikte offen und fair zu führen, anstatt Rufen nach Ausladungen von Vortragsgästen nachzugeben. Zugleich müssen Forschende, die öffentlich angefeindet werden, konsequent unterstützt und verteidigt werden.
Die Liste der Vorschläge ist lang und könnte einschüchternd wirken. Man kann aber auch die Chance sehen: Es gibt viele Möglichkeiten, etwas zu bewirken, um die bereits starke Rolle von Wissenschaft und Hochschulen in unserer Gesellschaft noch stärker zu machen – und zwar zum wechselseitigen Nutzen.
Freiheit zur Erkenntnis – Schwerpunkt in "Forschung & Lehre"
Die Mai-Ausgabe von "Forschung & Lehre" beschäftigt sich damit, wie die Freiheitsräume von Forschung und Lehre dauerhaft gesichert werden können:
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Zentraler Kompass: Wissenschaft braucht Freiheit zur Erkenntnis
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- Wolfgang Wick
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