Eine Wissenschaftlerin notiert Formeln auf eine transparente Glastafel.
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Peer-Review-Prozess
Wissenschaftliche Artikel von Frauen werden länger begutachtet

Insbesondere in der Biomedizin und in den Lebenswissenschaften scheinen Frauen benachteiligt. Eine Studie deutet auf längere Review-Zeiten hin.

21.01.2026

Frauen sind in der Autorenschaft biomedizinischer und lebenswissenschaftlicher Fachartikel nicht nur unterrepräsentiert – auch die mittlere Begutachtungszeit für ihre Arbeiten fällt signifikant länger aus. Bei Artikeln mit weiblicher Erstautorin beispielsweise ist die Verweildauer im Peer-Review-System um sieben Prozent länger als bei einem männlichen Erstautor. Bei einer korrespondierenden Autorin ist die Zeitspanne um 13 Prozent größer als bei einem korrespondierenden Autor. Zu diesen Ergebnissen kommen der Assoziierte Professor David Alvarez-Ponce, Gabrial Batz und Luis Ramirez Torres von der Universität Nevada mit ihrer bei PLOS Biology veröffentlichten Studie

Das Autorenteam wollte nach eigenen Angaben überprüfen, ob eine längere Begutachtungszeit zu den nachweisbaren geschlechtsspezifischen Hindernissen gehört, mit denen Akademikerinnen im Laufe ihrer Karriere konfrontiert sind. Die Studienlage sei diesbezüglich bislang widersprüchlich. Zur Überprüfung der Hypothese haben die Forscher über 36,5 Millionen Artikel aus über 36.000 wissenschaftlichen Fachzeitschriften untersucht. Diese stammten alle aus der Hauptdatenbank der Biomedizin und der Lebenswissenschaften mit Abstract-Indexierung: PubMed. Die Studienautoren betonen, dass die Biomedizin und die Lebenswissenschaften das weltweit aktivste Forschungsgebiet darstellen und sich unter den Forschenden etwa 38 Prozent Frauen befinden. 

Das Team kommt zu dem Ergebnis, dass die Unterschiede in der Länge der Zeit zwischen der Einreichung und der Annahme der Fachartikel auch unter Berücksichtigung von Störfaktoren weiterhin signifikant bleiben: "Die Geschlechterlücke besteht nach Kontrolle für eine Reihe von Störfaktoren, darunter das Veröffentlichungsdatum der jeweiligen Zeitschrift und der Artikel, die Seitenzahl und die Anzahl der Autorinnen beziehungsweise Autoren, was darauf hindeutet, dass sie nicht durch diese Faktoren vermittelt wird". Der Trend gelte für die meisten biomedizinischen und lebenswissenschaftlichen Fachgebiete und betreffe Autorinnen aus fast allen Ländern. 

Gründe für längere Begutachtungszeiten und Fachgebietsrelevanz 

Die Studienautoren ziehen in ihren Schlussfolgerungen mehrere mögliche Gründe für die längeren Begutachtungszeiten in Betracht. Zum einen könnte es an Voreingenommenheit gegenüber Autorinnen liegen oder sich um kritische Haltungen hinsichtlich ihrer Inhalte handeln. Es sei auch denkbar, dass Forscherinnen eine größere Zeitspanne dafür benötigten, ihre Manuskripte zu überarbeiten und erneut einzureichen. Dies sei beispielsweise auf äußere Faktoren wie mehr Aufgaben im Haushalt und/oder eine höhere Lehr- beziehungsweise Dienstbelastung zurückführbar. Auch geschlechtsspezifische intrinsische Einflüsse wie Selbstzweifel oder Risikoscheue könnten eine Rolle spielen. Drittens sei zu erwarten, dass Autorinnen im untersuchten Datensatz im Durchschnitt weniger erfahren sind als ihre männlichen Kollegen, da ihre Repräsentation in den Publikationsdatenbanken erst im Laufe der Zeit zugenommen hat. 

"Unsere Analysen zeigen, dass weiblich verfasste Artikel in den meisten, aber nicht allen biomedizinischen und lebenswissenschaftlichen Bereichen länger geprüft werden", schränken Alvarez-Ponce und seine Kollegen die Ergebnisse ein. Tatsächlich kehre sich der Trend in einer Minderheit von Fachgebieten um. Dazu gehörten Bereiche wie Biophysik, Biologie, Molekularbiologie, Chemie, Frauengesundheit, Genetik oder Computerbiologie. Hier würden Artikel mit einer Erstautorin deutlich kürzere Begutachtungszeiten aufzeigen als Artikel mit einem Erstautor. 

Dies wirft nach Meinung des Teams die Frage auf, ob in anderen, weitgehend unerforschten Disziplinen wie Mathematik und Ingenieurwesen eine Geschlechterlücke in Akzeptanzzeiten vorhanden ist. Es sei zudem interessant, aus Forschungsbereichen zu lernen, in denen Autorinnen keine längeren Begutachtungszeiten erlebten. "Die fortgesetzte Dokumentation der verschiedenen Dimensionen der Geschlechterlücke in der Wissenschaft und deren Untersuchung der Gründe kann der akademischen Gemeinschaft helfen, Strategien zur Minderung zu entwickeln", schlagen Alvarez-Ponce und seine Kollegen abschließend vor.

cva