Wissenschaft unter Druck
Wo die DFG Potentiale für eine resilientere Wissenschaft sieht
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat am 6. Juli ein "Positionspapier zur Stärkung der Freiheit und Resilienz der Wissenschaften" veröffentlicht. Die DFG-Senats-AG beschreibt darin beispielhafte Gefährdungsszenarien und formuliert Handlungsoptionen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, das Wissenschaftssystem sowie weitere Akteurinnen und Akteure aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
"Die Freiheit und Unabhängigkeit der Wissenschaft muss auch in Deutschland gegen zunehmende Anfeindungen und Angriffe verteidigt werden", konstatiert die Organisation in der dazugehörigen Pressemitteilung. Das Wissenschaftssystem selbst und alle Beteiligten sollten sich der eigenen Verwundbarkeiten bewusst werden und sich aktiv "im Schulterschluss" für die Resilienz von Wissenschaft einsetzen.
Es ist die zweite Veröffentlichung der aus Mitgliedern des DFG-Senats und -Präsidiums bestehenden Arbeitsgruppe unter der Leitung von Vizepräsidentin Professorin Britta Siegmund und Vizepräsident Professor Johannes Grave. Sie war im vergangenen Jahr eingesetzt worden, um auf verschiedenen Feldern Vorschläge zur Resilienz zu erarbeiten. In ihrer ersten Stellungnahme hatte sie im März "Empfehlungen zur Resilienz von Forschungsdateninfrastrukturen" formuliert.
Das aktuelle Positionspapier wurde laut DFG-Angaben in den vergangenen Monaten von der AG im Austausch mit in- und ausländischen Fachleuten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft erstellt.
Bestehende Schwachstellen und Ansätze für Handlungsoptionen
Im ersten Teil des Papiers werden anhand von Beispielen Angriffe auf einzelne Forschende und ihre Positionen, auf nationale Wissenschaftssysteme, auf bestimmte Fachbereiche und Institutionen sowie auf den etablierten Forschungsstand dargestellt. Zudem beschreibt die DFG-Senats-AG feindliche Vorstöße, die darauf abzielen, die Kontrolle über das Wissenschaftssystem zu erlangen, die Wissenschaften allgemein verächtlich zu machen oder ihnen bösartige Absichten zu unterstellen oder die öffentlich geförderte Wissenschaft infrage zu stellen.
Das Autorenteam macht deutlich, dass potentiellen Gegnerinnen und Gegnern zusätzliche Angriffsflächen geboten werden, wenn etwa der Eindruck entstehe, dass:
- Forschende Wissenschaftsfreiheit durch Selbstzensur oder Cancel-Culture einschränkten,
- es an Qualitäts- und Selbstkontrolle mangele,
- die Wissenschafts-Community eine in sich geschlossene und selbstbezügliche Elite sei.
Zur Selbstschwächung tragen laut Papier ebenfalls bei:
- Gutgläubigkeit und falsche Rationalitätserwartungen der Wissenschaft gegenüber ihrer Gegnerschaft,
- mangelnde interne Solidarität oder
- die Vorstellung, Wissenschaft sei apolitisch und könne sich schon deswegen nicht zur Wehr setzen.
Überdies benennt das Papier konkrete Schwachstellen des deutschen Wissenschaftssystems, darunter individuelle Risiken für Forschende, die durch Abhängigkeiten und unangemessen kurze Beschäftigungsverhältnisse entstehen können.
Konkrete Handlungsoptionen für alle Beteiligten und das System
Um diese Schwachstellen zu schließen, formuliert die Arbeitsgruppe abschließend konkrete Handlungsoptionen für das gesamte System und alle Beteiligten.
Hierzu gehören:
- Eine engere Vernetzung und ein vertrauensvoller Austausch innerhalb der Fächer und des Wissenschaftssystems,
- die Bildung von Allianzen und strategischen Partnerschaften mit Akteurinnen und Akteuren aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft,
- mehr Forschung zu wissenschaftsfeindlichen Strategien sowie allgemein zum Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft,
- die dauerhafte Sicherung von hohen Standards in der wissenschaftlichen Selbstverwaltung und Qualitätskontrolle,
- eine kritische Selbstreflexion, die nicht zuletzt die Unterschiede zu anderen Erkenntnisformen sowie zwischen wissenschaftlichen Positionen und allgemeinen Meinungen markiert,
- eine authentische Wissenschaftskommunikation, die statt reiner Erfolgsmeldungen auch die Vorläufigkeit des Wissens sowie Erkenntnislücken und Fehlschläge thematisiert.
Institutionell fordert die Arbeitsgruppe einen besseren Schutz von Verfahren und Entscheidungswegen vor Missbrauch oder Blockaden, insbesondere bei Einstimmigkeitsregelungen. Zudem müsse bei der Sicherheit von Forschung und Infrastrukturen vorausschauend gehandelt werden. Die Ministerien im Bund und in den Ländern sowie die Bund-Länder-Gremien sind laut Papier vor allem gefordert, um individuelle Risiken für Forschende abzubauen und das System vor politischer Einflussnahme durch finanzielle Eingriffe zu schützen. Die Finanzierung müsse diversifiziert und das Verhältnis von Grund- und Drittmittelfinanzierung überdacht werden.
Für den Fall konkreter Angriffe sollten die Wissenschaften und ihre Akteurinnen und Akteure gemäß DFG-Positionspapier Formen des öffentlichen Protests ergreifen. Darüber hinaus sei praktische Solidarität gefragt, und zwar auf persönlicher wie auf institutioneller Ebene. Um eine wirksame "Beistandspflicht" zu etablieren, müsste jedoch schon vor einer Krise geklärt werden, welche Institutionen sich beteiligen, wie sie gemeinsam entscheiden und welche Szenarien abgedeckt sein sollten. Bei gezielten Angriffen auf einzelne Forschende oder Projekte schlägt das Papier zudem "(innerdeutsche) Exil-Optionen" als starkes Signal des Zusammenhalts vor. Nicht zuletzt mache die grundgesetzliche Verankerung der Wissenschaftsfreiheit auch juristische Gegenwehr zu einer wirksamen Antwort.
cva