Interview
Zu den Technikfolgen der Kernfusion
Forschung & Lehre: Sie beschäftigen sich aus der Perspektive der Technikfolgenabschätzung mit Kernfusion. Was sind dabei die Herausforderungen?
Armin Grunwald: Beim Thema Fusion haben wir mit Konzeptionen und Projektionen zu tun, aber auch mit Erwartungen und Träumen. Wenn die Kernfusion gelingt, dann – so die gängige Erzählung – haben wir eine Energiequelle, die unerschöpflich ist und nur sehr wenig Schaden anrichtet. Energie auf unbegrenzte Zeit und ohne große Probleme im Überfluss zu haben, ist ein alter Traum der Menschheit. Bereits die Kernspaltung hatte ihn erfüllen sollen. Bisher hat das nicht geklappt, aber die Faszination, dass es eine entsprechende Energie geben könnte, bleibt groß. Bislang konnte auch niemand beweisen, dass es sie nicht gibt. Wenn es darum geht, wie günstig Fusionsstrom sein könnte oder dass die Reaktoren inhärent sicher sind und keinen radioaktiven Müll erzeugen, dann sind das trotzdem nur Behauptungen. Es gibt noch keine Reaktoren, bei denen man Daten erheben oder Konzepte verifizieren könnte. Die Behauptungen werden aber mit dem Gestus der wissenschaftlichen Wahrheit verbreitet.
F&L: Fußt nicht jede Art von Forschung auf Annahmen und formuliert Behauptungen?
Reinhard Grünwald: Ja, das ist zunächst nichts Besonderes. Die meiste angewandte Grundlagenforschung, die sich mit Durchbruchstechnologien befasst, ist zunächst ein ungedeckter Scheck auf die Zukunft. Man hofft, dass die Investitionen sich lohnen. Als Absicherung werden oft Spin-off-Technologien ins Feld geführt. Gleichgültig, ob die eigentlich angestrebte Technologie funktioniert oder nicht, es soll etwas dabei herauskommen, das uns technisch oder wirtschaftlich voranbringt.
Armin Grunwald: Die Annahmen und Behauptungen sind in der Wissenschaft durchaus nicht selten. Bei der Kernfusion ist die Lage allerdings etwas anders, weil es mittlerweile nicht mehr nur um Forschung geht, sondern um wirtschaftlich-technische Entwicklung. Auch ist der Zeitraum, über den wir bei der Kernfusion sprechen, nochmal ein qualitativer Unterschied, nicht bloß ein quantitativer.
Reinhard Grünwald: Ein Kernfusionsforscher würde jetzt sagen, dass die Fusion nun – auch mit der Hilfe von Künstlicher Intelligenz – viel schneller Fortschritte macht als früher. Es gibt bereits Start-ups, die tatsächlich schon Rahmenverträge zur Lieferung von Fusionsstrom abgeschlossen haben. Bei den Zeiträumen, die bis zur kommerziellen Nutzung von Kernfusionskraftwerken prognostiziert werden, wird die Kernfusionscommunity nicht gern an die Vergangenheit erinnert. Prognosen von zwei bis drei Jahrzehnten, die bereits Ende der 1990er-Jahre getroffen wurden, werden heute im selben Tenor wieder geäußert. Da stellt man schon eine gewisse Geschichtsvergessenheit fest und eine etwas irreführende Kommunikation.
F&L: Lassen Sie uns ein paar der Annahmen aus der Perspektive der Technikfolgenabschätzung durchgehen. Die Kernfusion wird gerne als Ausdruck von Verantwortung gegenüber künftigen Generationen dargestellt. Oder ist sie ein Risiko, da sie ihnen Kosten und Unsicherheiten hinterlässt?
Armin Grunwald: Das offizielle Argument der Fusionsforschung ist, dass wir mit der Kernfusion zukünftigen Generationen mehr Optionen im Bereich Energie eröffnen. Das setzt allerdings voraus, dass sich die Investitionen auch lohnen. Aber nehmen wir mal an, es wird weiterhin heftig investiert und in 30 Jahren sieht man, dass die Kernfusion nicht funktioniert und das ganze Unterfangen abgebrochen werden muss. Dann wären wahrscheinlich hunderte Milliarden Euro in den Sand gesetzt worden – bis auf die genannten Spin-offs. Wir wissen nicht, ob wir zukünftige Generationen über Gebühr mit Kosten belasten. Auch hinsichtlich der Unsicherheiten ist das so: Es scheint, als seien die Eigenschaften der Kernfusion deutlich besser als die der klassischen Kernspaltung. Aber auch da gilt, dass das eine Erwartung ist, keine gesicherte Aussage.
Bei der Kernspaltung hätte man wohl spätestens ab den 1960er-Jahren wissen können, dass der hochradioaktive Abfall ein ernsthaftes Problem wird. Allerdings denkt man heute anders über Technologien nach, indem man versucht, im Rahmen des Lifecycle Thinking den gesamten Prozess von Anfang bis Ende zu berücksichtigen. Die Risiken von Kernkraftwerken, wie etwa die Gefahr eines GAU oder Super- GAU, wurden tatsächlich bereits sehr früh thematisiert, aber dann in ihrer Wahrscheinlichkeit depriorisiert. Im Nachhinein kann man sagen, dass die Befürworter der Kernkraft zu optimistisch planten. Hinterher weiß man aber natürlich immer alles besser, zudem sind Aussagen über die Zukunft per se immer unsicher.
F&L: Ein anderes Argument für Kernfusion ist, dass sie globale Energieverteilungsprobleme lösen und so für eine gerechtere Ressourcenverteilung sorgen könnte. Wie sehen Sie das?
Reinhard Grünwald: Was die Generationengerechtigkeit betrifft, kommen wir zu einem ambivalenten Ergebnis: Da die Einschätzung sich auf die ferne Zukunft bezieht, können wir das nicht final beantworten. Es ist nicht auszuschließen, dass Kernfusion eine Chance sein könnte, mit der man die Menschheit voranbringen kann. Der Argumentation, dass Kernfusion die Energieprobleme der Entwicklungsländer lösen kann, stehe ich kritischer gegenüber, denn das nötige Kapital ist ebenso wie bei den erneuerbaren Energien ein Hemmschuh. Auch erneuerbare Energien sind schließlich im Überfluss vorhanden. Die Sonne strahlt jeden Tag so viel mehr Energie auf die Erde ein, als die gesamte Menschheit verbraucht.
Warum erneuerbare Energien sich besonders in Entwicklungsländern nicht viel stärker und schneller durchsetzen, ist letztlich ein Kapitalproblem. Die Länder können sich die Anlagen für Solarenergie oder Windkraft im großen Stil nicht leisten. Dabei würden sich die Investitionen in die Anlagen über zehn bis 20 Jahre amortisieren und anschließend gäbe es den Strom fast kostenlos. Das Gleiche würde auch für Kernfusion gelten, nur dass sich das Kapital, das mobilisiert werden müsste, auf einem ganz anderen Niveau befände. Wo soll das bei den Entwicklungsländern herkommen?
Armin Grunwald: Da stimme ich zu. Zunächst einmal vergrößert technischer Fortschritt paradoxerweise die Spaltung zwischen den Reichen und den Armen. Wohlhabende Länder sind wegen des vorhandenen Kapitals und Wissens immer besser in der Lage, technische Innovationen schnell zu adaptieren. Vermutlich wäre das Ergebnis also nicht mehr globale Gerechtigkeit, sondern Energiekolonialismus.
"Vermutlich wäre das Ergebnis also nicht mehr globale Gerechtigkeit, sondern Energiekolonialismus."
F&L: Im Rahmen der Technikfolgenabschätzung haben Sie sich auch mit den Risiken der Weiterverbreitung von Kernwaffenmaterialien und dem Know-how dazu beschäftigt. Wie sieht es mit der Sicherheit der Forschung hinsichtlich Dual-Use aus?
Reinhard Grünwald: Wir betrachten den Zusammenhang zwischen der Fusions- und der Waffenforschung kritisch. Die Laserfusion ist im Prinzip ein Spinoff der US-Militärforschung. Da man dem Kernwaffensperrabkommen beigetreten war, konnte oder wollte man keine Kernwaffen mehr zünden und musste andere Methoden finden, um erstens die Funktionsfähigkeit der existierenden Waffen und zweitens die Entwicklung neuer, noch besserer Sprengköpfe voranzutreiben.
Die Fusionscommunity argumentiert, dass man allein durch das Know-how der Laserfusionsforschung noch keine Atombombe bauen könne. Strenggenommen stimmt das. Allerdings sind experimentelle Einrichtungen der Laserfusion durchaus geeignet, Know-how für die Entwicklung von Kernwaffen zu sammeln. In Deutschland wurde aus diesen Gründen in den letzten 30 Jahren kaum Laserfusionsforschung betrieben. Deutschland will keine Kernwaffen besitzen und auch keine entwickeln.
Aber in den vergangenen Jahren stellt man eine Zeitenwende fest: Die Bedrohung aus dem Osten hat zugenommen und das NATO-Bündnis wird zunehmend als unsicher wahrgenommen. Inzwischen wird die Laserfusion auch in Deutschland gefördert. Auch der Mythos der internationalen Großforschung als Friedensmission zum Wohl der Menschheit ist vorbei. Es ist nun ein Wettbewerb: Fachleute in den USA wollen die Ersten sein, ebenso wie ihre Kolleginnen und Kollegen aus Großbritannien oder aus China. Deutschland möchte aber auch vorne dabei sein: Das erste Demonstrationskraftwerk soll hierzulande entstehen. Außerdem geht es bei der Bewertung der Risiken um die Materialien: Der bei der Kernfusion verwendete Brennstoff Tritium ist als Sprengkraftverstärker Teil von Kernwaffendesigns und könnte abgezweigt werden. Auch waffenfähiges Plutonium könnte in Fusionskraftwerken erbrütet werden. Das müsste zuverlässig verhindert werden.
F&L: Sie haben 2002 und 2024 jeweils Berichte zur Technikfolgenabschätzung der Kernfusion veröffentlicht. Wie haben sich die Herausforderungen in den vergangenen zwanzig Jahren geändert?
Reinhard Grünwald: Es hat sich erstaunlich wenig verändert. Grundsätzlich geht es um das, was schon Ende der 1990er- Jahre bekannt war. Natürlich hat es seitdem eine Menge Fortschritte gegeben, gerade in der Laserfusion. Aber sowohl bei den Herausforderungen als auch bei den Risiken gibt es etliche große Fragezeichen, die sich kaum verändert haben. Einige dieser Herausforderungen haben das Potential dazu, sich als Showstopper zu erweisen. Denen muss man jetzt unbedingt Aufmerksamkeit und Ressourcen widmen. Ein großes Entwicklungsrisiko ist beispielsweise die Materialfrage. Die Bedingungen in den späteren Fusionskraftwerken werden sehr extrem sein. Es gibt wenig Beispiele bekannter Technologien, die ähnlich harsche Anforderungen an die Materialauswahl stellen. Da muss mehr geforscht werden. Bisher gibt es nur Konzepte und Computersimulationen, aber keine Anlage, mit der man realistische Kraftwerksbedingungen herstellen kann, um Materialproben zu testen.
"Einige dieser Herausforderungen haben das Potential dazu, sich als Showstopper zu erweisen."
Die erste Publikation, die ich gefunden habe, die auf die Notwendigkeit einer solchen Testanlage hinweist, stammt von 1975. In den späten 1990er-Jahren, als der Weg für den im Bau befindlichen internationalen Versuchs-Kernfusionsreaktor ITER gebahnt wurde, stand der Bedarf einer solchen Anlage bereits in allen Strategiepapieren der Kernfusionscommunity. 30 Jahre später gibt es sie nach wie vor nicht.
F&L: Allgemein lehnen Sie die Kernfusion nicht ab. Sie kritisieren den allgegenwärtigen und vielleicht vorschnellen Optimismus, der sie umgibt. Warum?
Reinhard Grünwald: Es ist nicht die Aufgabe der Technikfolgenabschätzung, zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein finales Verdikt über die Kernfusion auszusprechen. Es geht uns darum, die vorhandenen Ambivalenzen zu thematisieren und nicht locker zu lassen, damit sie nicht völlig aus dem Blick geraten.
Armin Grunwald: Der Sinn und Zweck von Technikfolgenabschätzung allgemein ist es, begleitend zu Entwicklungen tätig zu werden, nicht nur ganz früh oder im Nachhinein, sondern währenddessen, damit man mit jeweils neuem Wissen Einschätzungen präzisieren kann.
F&L: Inwiefern beeinflusst der aktuell herrschende Optimismus die gesellschaftliche und politische Entscheidungsfindung?
Armin Grunwald: Er verändert die gesellschaftliche Grundstimmung. Ganz ohne Wertung kann man seit einigen Jahren beobachten, dass die Bereitschaft, auf Großtechnologien zu setzen, wieder gestiegen ist. Das ist ein anderes Modell als die Kombination vieler kleiner erneuerbarer Energien. Reinhard Grünwald: Die Art und Weise, wie über Kernfusion diskutiert wird, hat sich tatsächlich sehr stark geändert. Das hängt auch damit zusammen, dass gerade die Start-ups, die mit irrwitzigen Summen gefördert werden, den Diskurs dahin tragen, dass die Öffentlichkeit das Gefühl bekommt, dass Kernfusion spätestens in fünf Jahren überall machbar ist.
Einer gut organisierten weltweiten Kernfusionscommunity, die ihre Narrative prominent platziert, stehen nur wenige Expertinnen und Experten gegenüber, die sich kritisch mit der Kernfusion auseinandersetzen und analysieren, was hinter den Visionen steckt und welche Herausforderungen mit ihnen verbunden sein könnten. Der Optimismus ist dann problematisch, wenn mit dem Argument der scheinbar bevorstehenden Fusionstechnologie Probleme ignoriert oder aufgeschoben werden, die man in der Gegenwart angehen könnte. Natürlich betonen seriöse Kernfusionsforscherinnen und -forscher, dass die Fusion nicht gegen erneuerbare Energien ausgespielt werden darf und diese wie bisher gefördert werden sollten. Gleichzeitig gibt es natürlich eine gewisse Konkurrenz um begrenzte Mittel.
F&L: Und wenn die technischen Herausforderungen gelöst werden und Kernfusion kommerziell nutzbar wird?
Reinhard Grünwald: Selbst wenn alles funktioniert und die Kernfusion der Menschheit unerschöpfliche Energie liefert, frage ich mich: Ist das unbedingt eine bessere Welt als die, die wir jetzt gerade haben? Was wäre das für eine Menschheit, die sozusagen einen Überschuss an Energie zur Verfügung hat? Und hätte sie das überhaupt als ganze oder nur einige wenige? Aktuell investieren viele Tech-Milliardäre in großem Umfang in Kernfusion- und Energie- Start-ups. Wäre es eine wunderbare Welt, in der Menschen wie Jeff Bezos und Peter Thiel über diese Technologie verfügen? Ist das eine Zukunftsvision, die wir alle unterstützen?
Aktueller Heft-Schwerpunkt 7/2026: Fusionsforschung
In der Juli-Ausgabe von Forschung & Lehre geht es um die Fusionsforschung und das Vorhaben, die Energie der Sonne auf der Erde nutzbar zu machen. Kernfusion verspricht, eine unerschöpfliche und klimafreundliche Form der Energiegewinnung zu sein, ist aber technisch und ökonomisch anspruchsvoll. Wo stehen Magnet- und Laserfusion heute? Welche Rolle spielt Deutschland in diesen Forschungsbereichen?
Robert Schlögl
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Christoph Kirchlechner
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Claudia Kemfert | Christian von Hirschhausen
Kein Heilsversprechen: Kernfusion dient nicht dem Klimaschutz
Im Gespräch: Armin Grunwald und Reinhard Grünwald
Ambivalenzen ansprechen: Zu den Technikfolgen der Kernfusion
Forschung & Lehre 7/2026 mit dem Themenschwerpunkt "Fusionsforschung" ist am 30. Juni 2026 erschienen. Auszüge der jeweils neuesten Ausgabe können Sie hier online lesen.