Symbolbild Forschung
mauritius images/Ikon Images/Roy Scott

Standpunkt
Geforscht wird, was bezahlt wird

Forscher haben immer weniger Spielraum in der Wahl ihrer Themen – die Reflexion einer Entwicklung, die dem Wissenschaftsstandort Deutschland schadet.

Von Bernhard Wolf 03.10.2018

Fast könnte man glauben, der Staat traue seinen Wissenschaftlern nicht mehr zu, die richtigen Themen zu erkennen oder die richtigen Projekte zu identifizieren, deren Bearbeitung sich lohnt oder die aus übergeordneten Gesichtspunkten notwendig sind.

Wie sollte man sonst den unheimlichen Aufwuchs in der Forschungsbürokratie in den letzten Jahrzehnten erklären, die mittlerweile nahezu minutiös die zu beforschenden Themen und Objekte vorgibt. Und als ob man den Wissenschaftlern auch nicht zutraut, die richtigen Partner und Kollegen zu finden, stellt der Staat in komplizierten Projektvorgaben diesbezügliche Anforderungen.

Das führt dann oft zu komplexen Beutegemeinschaften, die vielleicht noch das Thema eint und die Aussicht, Geld beschaffen zu können, die aber ansonsten von wenig gegenseitiger Sympathie oder Begeisterung für die Kooperation getragen sind.

Prof. Dr. Bernhard Wolf
Professor Bernhard Wolf leitet das Münchener Steinbeis-Transferzentrum Medizinische Elektronik und Lab on Chip-Systeme. Zuvor war er Inhaber des Heinz Nixdorf-Lehrstuhls für Medizinische Elektronik, TU München. privat

Dies und der zunehmende Paternalismus und Dirigismus an unseren Hochschulen führen dazu, dass wissenschaftliche Mitarbeiter entmutigt werden, zu häufig risikoarme, ausgetretene Wege beschritten werden und Deutschland im internationalen Innovationsranking immer mehr zurückfällt. Mittlerweile ist die Grundausstattung selbst großer Lehrstühle an Exzellenz-Universitäten so schlecht, dass teilweise nur mit Drittmitteln ein anspruchsvolles Lehrangebot aufrechterhalten werden kann.

Geforscht wird, was bezahlt wird: Wie das mit der grundgesetzlich verbrieften Freiheit von Forschung und Lehre zu vereinbaren ist, mag dahinstehen. Ein lohnenswerter Gegenstand politischer, soziologischer und juristischer Untersuchungen wäre, in welcher Form diverse Projektträger in das Forschungsgeschehen eingreifen. 

Die Bearbeitungs- und Bewertungsrituale dieser Projektträger-Einrichtungen sind größtenteils undemokratisch und undurchsichtig, von der Forschungspolitik aber offenbar toleriert. ast könnte man den Eindruck haben, dass der Politik die strategische Bedeutung gut ausgestatteter Hochschulen vollkommen unbekannt ist und der Glaube vorherrscht, durch eine unterkritische Finanzierung könne man die Wissenschaftler an der Leine führen – sieht man mal von den komfortabel ausgestatteten außeruniversitären (Groß-)Forschungseinrichtungen ab.

Mehr als die Hälfte der Zeit entfällt auf Mitteleinwerbung

Dass Hochschullehrer nach langer wissenschaftlicher Qualifikationsphase über 50 Prozent ihrer Arbeitszeit mit der Mitteleinwerbung verbringen müssen, ist für den Forschungs- und Entwicklungsstandort Deutschland genauso suizidär wie für ein Unternehmen, das einen Forschungsleiter für ein bestimmtes Gebiet ohne Budget einstellt und dieser sich dann erst einmal über Dritte die benötigten Gelder besorgen muss.

Es sieht ganz danach aus, dass die Politik universitäre Forschung für entbehrlich hält und die Hochschulen lediglich als Ausbildungseinrichtungen betrachtet. Damit das nicht so offenbar wird, betreibt man ruinöse Exzellenzrituale und deklassiert damit automatisch die Verlierer dieser Aktionen.

Es ließe sich an vielen Beispielen zeigen, wie die Verwaltung des Mangels die Forschungskultur beschädigt und die Zukunftsfähigkeit ernsthaft gefährdet hat. Dabei ist hinlänglich bekannt, dass wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Erfolg mit einer auskömmlichen Finanzierung der Forschung und Ausbildung direkt zusammenhängen. Eine freiheitliche Gesellschaft benötigt eine emanzipiert ausgestattete Hochschulstruktur und nicht ein ständiges Schaulaufen und Betteln um Forschungsmittel.

0 Kommentare