ReICO-Report 2026
Der Arbeitsmarkt für Forschende wächst
Der wissenschaftliche Sektor der Länder, die in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vertreten sind, wächst: Im Jahr 2024 waren 1,6 Prozent aller Beschäftigten im OECD-Raum im Arbeitsfeld Forschung und Entwicklung tätig. 2015 waren es noch 1,3 Prozent. Gleichzeitig haben OECD-Länder 2023 mehr als 300.000 Doktorgrade und über 3,9 Millionen Masterabschlüsse vergeben. Das hat der erste Bericht des Research and Innovation Careers Observatory (ReICO) ergeben, der am 14. September veröffentlicht wurde.
"Die Möglichkeiten für hochqualifizierte Fachkräfte, sich an Forschung und Innovation zu beteiligen, haben in den letzten Jahren erheblich zugenommen", schließen die Autorinnen und Autoren des Berichts. Es seien jedoch auch erste negative Entwicklungen zu beobachten. So sinke die Zahl der Promovierten in einigen Ländern, während der Altersdurchschnitt der qualifizierten Fachkräfte steige.
Von dieser Entwicklung ist auch Deutschland betroffen. Zwar übersteigt die Anzahl der promovierten Fachkräfte, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, hierzulande die des EU- sowie des OECD-Durchschnitts. Pro 1.000 erwerbsfähige Personen gab es 2024 in Deutschland 19 Promovierte im Vergleich zu elf im OECD-Schnitt. Die Zahl der abgeschlossenen Promotionen ist im Vergleich zum Jahr 2015 in Deutschland jedoch um etwa neun Prozent gesunken, während sie im selben Zeitraum im OECD-Schnitt um 22,4 Prozent anstieg.
Insgesamt hat die ReICO-Studie ergeben, dass im Jahr 2024 mehr als ein Viertel der Promovierten in Deutschland (26,8 Prozent) zwischen 55 und 64 Jahre alt war. Das waren gute vier Prozent mehr als im OECD-Schnitt (22,6 Prozent) und fast sechs Prozent mehr als der EU-Durchschnitt dieser Altersgruppe (20,8 Prozent). Zwischen 45 und 54 Jahren waren 26,6 Prozent der Promovierten in Deutschland. Die größte Gruppe machten mit 34,4 Prozent die 35- bis 44-Jährigen aus. Nur 12,2 Prozent waren zwischen 25 und 34 Jahre alt.
In Deutschland arbeiten weniger Promovierte in Vollzeit
Der Anteil von Personen mit Hochschulabschluss am Erwerbsleben betrug 2024 in Deutschland etwa 1,8 Prozent und lag damit etwas über dem OECD-Schnitt (1,6 Prozent). Die meisten von ihnen (etwa 63 Prozent) arbeiteten in Unternehmen. Knapp 24 Prozent waren im Hochschulwesen tätig, etwa 10,7 Prozent waren bei Regierungseinrichtungen und etwa 2,4 Prozent bei Non-Profit-Organisationen angestellt.
Der Anteil der Vollzeitbeschäftigten war in Deutschland sowohl unter Promovierten mit 77,8 Prozent als auch unter Masterabsolventinnen und -absolventen (72,6 Prozent) niedriger ist als im EU-Vergleich (92,3 Prozent beziehungsweise 91,3 Prozent). Auch die Werte der OECD-Länder lagen mit durchschnittlich 90,1 Prozent für Promovierte im Jahr 2023 und 88,5 Prozent für Masterabsolventinnen und -absolventen höher als in Deutschland.
Beim Gender-Gap in der Vollzeitbeschäftigung zeigten sich im internationalen Vergleich ebenfalls deutliche Unterschiede. Unter promovierten Frauen arbeiteten hierzulande 61,4 Prozent in Vollzeit, während es im EU-Schnitt 88,8 Prozent und in den OECD-Staaten 85,6 Prozent waren. Von den Masterabsolventinnen in Deutschland waren 57,7 Prozent voll beschäftigt. In der EU waren es durchschnittlich 87,9 Prozent und im OECD-Schnitt 83,6 Prozent.
Ein Drittel der Promovierten im OECD-Raum geht für die Arbeit ins Ausland
Die globale Vernetzung von Forschung und Innovation drückt sich in der internationalen Mobilität von wissenschaftlich ausgebildeten Fachkräften aus, so der ReICO-Bericht. In der politischen Debatte werde diese Vernetzung heute nicht mehr nur als "Brain Drain", also als einseitiger Verlust von gut ausgebildeten Personen, verstanden. Das Konzept der "Talent Circulation" zeige vielmehr, dass alle Parteien von der Mobilität Forschender profitieren könnten.
2023 gaben demnach 29,2 Prozent der Promovierten und 19,4 Prozent der Masterabsolventinnen und -absolventen der OECD-Staaten an, für ein Studium ins Ausland gegangen zu sein. In Deutschland lag der Schnitt bei 23 beziehungsweise 17,6 Prozent. Mehr als die Hälfte der international mobilen Promovierten (61,1 Prozent) hierzulande stammte aus dem Fachbereich der Mathematik, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften und Technik (MINT) und nur 8,6 Prozent kamen aus den Geisteswissenschaften, Kunst oder Bildungswissenschaften. Der Anteil der Promovierten, die im Ausland geboren sind, lag 2024 in Deutschland bei 20,5 Prozent. Unter den Masterabsolventinnen und -absolventen sind 23,9 Prozent nicht hierzulande geboren.
Internationale Daten sind schwierig vergleichbar
Das Autorenteam betont mehrfach, dass die Interpretation der Daten schwierig sei, da die Forschungslandschaften der OECD-Staaten sehr unterschiedlich ausgestaltet seien. "Vorhandene Statistiken liefern oft nur Teilbilder der Arbeitswelt "Forschung und Innovation", sie können Karrieren über einen längeren Zeitraum und grenzüberschreitend nur schwer verfolgen und erfassen die gesamte Bandbreite der Personen, die zu Forschung und Innovation beitragen, nicht in ausreichendem Maße", heißt es im Bericht.
Um die Datengrundlage politischer Entscheidungen zu Forschung und Innovation zu verbessern, sei es notwendig, die Statistikerhebungen zu verbessern und Karrierewege in den beiden Bereichen gezielt nachzuvollziehen, so die Autorinnen und Autoren. So führen OECD und EU bereits eine weitere Umfrage unter Forschenden durch, in der unter anderem Arbeitsbedingungen und Mobilitätserfahrungen abgefragt werden. Die Teilnahme ist bis zum 16. Oktober 2026 möglich.
aktualisiert am 21.9.2026 um 10:15 [Aktualisierung des Enddatums der laufenden ReICO-Umfrage], erstmals veröffentlicht am 17.9.2026
hae