Frau sitzt mit Laptop auf dem Boden und schaut nach oben
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Chancengleichheit
"Die gläserne Decke verschwindet nicht durch Stimmtraining"

Je höher auf der Karriereleiter, desto geringer die Zahl der Frauen. Ute Symanski coacht Wissenschaftlerinnen, die das ändern wollen.

Von Katrin Schmermund 08.03.2019

Forschung & Lehre: Frau Symanski, Sie coachen Frauen, die Führungsaufgaben an der Hochschule übernehmen wollen. Gibt es Fragen, die alle Frauen bewegen?

Ute Symanski: Das würde ich so nicht sagen, nein. Zum einen sind es ganz konkrete Anlässe, wegen derer die Klientinnen zu mir kommen, häufig Konflikte mit Kolleginnen und Kollegen auf derselben oder einer höheren Hierarchie oder Schwierigkeiten im Wissenschaftsmanagement. Zum anderen würde ich nicht sagen, dass es typische Fragen von Frauen oder Männern gibt. Es sind vielmehr je nach Anlass ähnliche Fragen. Ich finde es daher problematisch, wenn wir uns in der öffentlichen Diskussion und auch in unserer Arbeit als Coaches zu sehr auf Unterschiede oder Geschlechterstereotype konzentrieren. Natürlich müssen wir die im Blick haben, aber wir bewegen uns auf einem schmalen Grat, gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen und Unterschiede zwischen Männern und Frauen und damit unser Gender-Denken zu manifestieren.

F&L: In kurzen Steckbriefen haben Präsidentinnen und Rektoren für Forschung & Lehre über Schwierigkeiten im Berufsalltag geschrieben. Eine nannte das "befremdliche Kommunikationsverhalten von (fast) reinen Männerrunden". Wenn es nicht so sehr am Mann oder Frau sein liegt: Woher kommt dann dieses Empfinden?

Ute Symanski: Es ist schon häufig der Fall, dass sich Frauen zurückhalten und zum Beispiel in einem Präsidium, in dem nur oder überwiegend Männer sitzen, geringere Redeanteile haben, während Männer viel und selbstsicher sprechen. Dieselbe Frau ist aber vielleicht in einem Setting mit viel mehr Frauen gar nicht ruhig. Es ist meiner Meinung nach keine Geschlechtsfrage, sondern eine strukturelle Frage. Frauen, die sich darüber bewusst sind, dass sie in der Minderheit sind, fühlen sich stärker beobachtet, was wiederum dazu führen kann, dass sie sich seltener oder vorsichtiger zu Wort melden. Ein Stück weit liegt das auch an unserer Erziehung. Überzeugt von dem eigenen Können zu sein, bekommen Jungen immer noch eher beigebracht als Mädchen. Das sehe ich auch in Berufungskommissionen, wenn es um die außerfachlichen Kompetenzen geht. Männer sprechen oft optimistischer über sich und haben sich Belege für ihre Erfolge zurechtgelegt, während Frauen manchmal unsicherer wirken und selbstkritischer oder realistischer sein wollen. Ich kenne solche und solche.

Dr. Ute Symanski
In die Coachings von Dr. Ute Symanski kommen vor allem Frauen. Dabei ist ihr Anteil in den Führungspositionen an Hochschulen deutlich geringer. privat

F&L: Welche Fragen sollten Frauen für sich klären, um zu erkennen, ob sie Führung wollen – sei es die eines Lehrstuhls oder einer ganzen Hochschule?

Ute Symanski: Die Frage ist doch eher: Auf was sollten Frauen sich einstellen, wenn sie eine Führungsrolle in einem patriarchal geprägten System annehmen? Die Hochschule ist ein sehr männer-dominiertes System. Das ist einfach eine Tatsache. Ich kann mich als Frau darauf vorbereiten und mich zum Beispiel fragen, wie ich damit umgehen werde, meine Zeit mit Menschen zu verbringen, bei denen ich immer in der Minderzahl bin und die mich wahrscheinlich auch größtenteils so behandeln? Wie gehe ich mit den Blicken um, die mir signalisieren: 'Kann sie das? Schafft sie das?' Am extremsten ist diese Situation sicherlich nach wie vor in vielen Universitäts-Klinika, die eine besonders patriarchalische Kultur haben, mit oft doch extrem selbstsicheren Persönlichkeiten. Es ist toll, und ich finde auch: alternativlos, dass Frauen sich dafür entscheiden und am besten, wenn sie dann nicht die männlichen Strukturen kopieren, sondern ihr eigenes Ding machen.

F&L: Was ist "männlich" an diesen Strukturen?

Ute Symanski: Im Kern einfach die Tatsache, dass es eine deutlich Mehrheit gibt – in dem Fall die Männer. Frauen können auf Männer treffen, die glauben, dass sie auf Positionen sitzen, die Männern zustehen, weil das schon immer so war, und Frauen nicht ernst nehmen. Die gläserne Decke gibt es nicht, weil Frauen kein Stimmtraining hatten, sondern, weil eine Gruppe ihre Macht nicht teilen will. Oft macht sie das nicht einmal bewusst. Es ist ein gesellschaftliches Problem. Bestimmte Rollenbilder stecken noch immer in unseren Köpfen. Daher ist es auch so wichtig, die Probleme nicht auf die Frauen abzuwälzen, die an Stimme, Verhalten und Zeitmanagement arbeiten und wenn es nicht funktioniert, sind sie Schuld. Es geht vor allem darum, dass sich Männer für Frauen engagieren – erst recht im Wissenschaftssystem, das den Anspruch hat, die Gesellschaft nach vorne zu bringen.

F&L: Um Unterstützung zu bekommen, muss man sich als Frau erst einmal sichtbar machen. Worauf kommt es dabei in der Wissenschaft an?

Ute Symanski: Die wichtigste Strategie ist, als Frau seine "Mikropolitik" zu verbessern. Bedeutet: Funktionierende Netzwerke schmieden, mächtige Verbündete suchen und zu denen dann auch den Kontakte pflegen. Damit sollte man schon als wissenschaftliche Mitarbeiterin starten. Es ist ein Mythos, dass alles, was ich erreiche, an meiner Leistung liegt. Es senkt den Erwartungsdruck an meine Person, wenn ich mir bewusst mache, dass mein Erfolg nicht nur von mir als Einzelperson abhängt. Dabei sind neben strategischen Besprechungen mit Vertrauten auch die informellen Treffen wichtig, das Mittagessen, ein Kaffee zwischendurch. Dabei muss ich mein Ziel immer klar vor Augen haben und nicht warten, bis ich gefragt werde, sondern meinen eigenen Hut in den Ring werfen, wenn ich es für richtig halte. Eine Klientin von mir wollte Leiterin eines Instituts werden, das schon immer von Männern geführt wurde. Keiner kam auf die Idee, dass sie die Funktion übernehmen könnte, obwohl ihre Position im Institut das absolut nahe legte. Also hat sie sich selbst ins Spiel gebracht, betont, dass es an der Zeit sei, dass diese Position mal von einer Frau besetzt werde – auch, weil es viel mehr Studentinnen am Institut gebe. Sie hatte klare Gehaltsvorstellungen, hat diese gut begründet und ist standhaft geblieben. Ihre Strategie war‚ 'so oder gar nicht'. Es hat geklappt.

F&L: Wie steht es um den Zusammenhalt von Frauen untereinander?

Ute Symanski: Frauen sollten sich definitiv stärker unterstützen. Manchmal funktioniert das, manchmal nicht so gut. Oft ist auch schon die Sprache unglücklich. Frauen sprechen selber von "Zickenkrieg" oder "Stutenbissigkeit". Solche Aussagen sollten wir einfach lassen, weil es so pauschal einfach nicht stimmt.

F&L: Wie sollten Frauen reagieren, die das Gefühl haben, in ihrer Funktion nicht respektiert zu werden?

Ute Symanski: Das ist ganz individuell. Frauen klagen oft über das Problem, als zu streng oder zu 'bossy' wahrgenommen zu werden, während es bei Männern als ganz normales Führungsverhalten bezeichnet werden würde. Das sollten sie ansprechen. Eine Strategie kann auch sein, solche Situationen mit Humor zu nehmen, aber das muss zur Person und zur Situation passen.

F&L: Parallel zur Arbeit bleiben Belastungen wie der Spagat zwischen Berufung und Familie und letztlich der Druck, nicht allem gerecht werden zu können. Was raten Sie?

Ute Symanski: Die Sorge- und Erziehungsarbeit liegt in der Tat auch in der akademischen Welt noch stärker bei den Frauen. Das führt dazu, dass viele Akademikerinnen mit Kinderwunsch erst gar keine Kinder haben, und sich die Vereinbarkeitsfrage daher gar nicht mehr stellt. In den vergangenen fünf Jahren hat sich zum Glück schon etwas getan. Ich spreche immer häufiger mit Männern, die vor Verhandlungen stehen, um einzelne Tage mit ihren Kindern verbringen zu können. Aber es ist noch die Minderheit. Taucht die Frage bei Frauen auf, setze ich natürlich den Impuls, die Aufgaben zwischen den Eltern gerechter aufzuteilen. Männer sind gefragt, den Frauen den Rücken freizuhalten. Und parallel müssen sich die strukturellen Voraussetzungen ändern, damit sich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bessert. Viele unserer europäischen Nachbarländer machen uns ja vor, dass das sehr wohl geht. Bei Frauen wie bei Männern in der Wissenschaft ist der Erwartungsdruck an sich selbst sehr hoch, weil sie stark intrinsisch motiviert sind. Bei Frauen kommt oft das Gefühl dazu, sich besonders beweisen zu müssen, nicht genauso gut, sondern besser sein zu müssen als die Männer. Das dreht noch einmal kräftig an der Spirale der hohen Erwartungen an sich selbst. Es hilft, sich bewusst darüber zu werden, dass dieser Anspruch ungerecht ist, und eine gesellschaftliche Konstruktion, der es gilt, gemeinsam entgegenzutreten. Frauen gemeinsam mit Männern.

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