Das Porträt zeigt Noah Dejanović auf einer Bank auf dem Gelände der Universität.
Christian Hüller/Universität Leipzig, SUK

Student des Jahres
"Diese Auszeichnung hat mein Leben verändert"

Noah Dejanović setzt sich für die Aufnahme des Themas Kinderschutz in die Lehramtsausbildung ein. Im Frühjahr wurde er dafür ausgezeichnet.

Von Henrike Schwab 26.09.2025

Forschung & Lehre: Sie setzen sich für die Verankerung des Themas Kinderschutz im Lehramtsstudium ein. Wie kam es dazu und warum gehört es unbedingt in die Lehramtsausbildung?

Noah Dejanović: Bezug zu diesem Thema habe ich, weil ich selbst auf Lehramt studiere und selbst betroffen bin. Ich bin mit elf Jahren von meiner Mutter abgehauen, weil sie mich physisch, psychisch und sexuell misshandelt hat. In meinem ersten Semester gab es einen freiwilligen Online-Workshop vom Kinderschutzbund Sachsen, den ich aufgrund meiner eigenen Betroffenheit spannend fand. Dort habe ich im Gespräch mit Kommilitoninnen und Kommilitonen aus höheren Semestern bemerkt, dass sie in diesem Workshop zum ersten Mal Wissen und Kompetenzen zum Thema Kindeswohlgefährdung, Missbrauch und Misshandlung vermittelt bekamen. Im Rahmen dieses Workshops habe ich auch Katja Sturm, Fachreferentin und stellvertretende Geschäftsführerin beim Kinderschutzbund Sachsen, kennengelernt, mit der sich später eine Zusammenarbeit ergeben hat. 

Das war der Ausgangspunkt für mein Engagement, weil es mich erschreckt hat, dass das Thema im Lehramtsstudium keine Rolle spielt. Dass man als Pädagogin, als Pädagoge, als Mensch, der mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, nichts über mögliche Anzeichen bei Kindern und Jugendlichen lernt, die Gewalt erfahren.

Im Juni 2024 habe ich dann beschlossen, eine eigene Veranstaltung mit dem Titel "Schau hin – Hör zu – Frag nach. Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche als Lehrperson erkennen" an der Uni Leipzig auf die Beine zu stellen. Als studentische Hilfskraft hatte ich die Möglichkeit, einen Hörsaal zu buchen. Ich fragte Katja, ob sie nicht Lust hätte, die Veranstaltung gemeinsam zu konzipieren und durchzuführen, um meine Betroffenenperspektive und ihre fachliche Expertise zusammenzuführen. Ich habe dann Werbung gemacht, Plakate gedruckt, Instagram-Posts erstellt und alle Profs angeschrieben, die ich kenne. Zu meiner ersten Veranstaltung sind über 300 Leute gekommen – und dann war es wie ein Lauffeuer und ein sich selbst verstärkender Prozess.

"Es braucht ein Bewusstsein dafür, dass ein traumatisiertes Kind seine Erinnerungen abschotten und keinen Zugriff darauf haben könnte."

F&L: Welche zentralen Punkte wollen Sie Ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen nahebringen?

Noah Dejanović: In unseren Veranstaltungen legen wir immer einen Schwerpunkt auf die Frage, was Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung überhaupt sind: Was braucht ein junger Mensch, um gut aufwachsen zu können, und was schadet ihm? Außerdem geht es um die Unterscheidung verschiedener Gewaltformen, weil es ja schon bei Demütigungen anfängt. Besonders wichtig ist mir die Frage, was eigentlich traumapsychologisch oder traumapädagogisch im betroffenen Kind passiert. Kinder und Jugendliche erstarren in solchen Situationen vielfach und können sich dann gar nicht mehr zur Wehr setzen. Sie weisen oft eine veränderte Wahrnehmung auf, sodass sie eventuell nicht logisch darlegen können, was überhaupt passiert ist. Es braucht ein Bewusstsein dafür, dass ein traumatisiertes Kind seine Erinnerungen abschotten und keinen Zugriff darauf haben könnte. Und natürlich geht es auch darum, wie man im Verdachtsfall vorgeht, wie man mit dem betroffenen jungen Menschen sprechen sollte und an wen man sich wenden kann.

F&L: Auch von Schulen werden Sie mittlerweile angefragt.

Noah Dejanović: Die Schulen sind primär durch die vielen Medienberichte auf mich aufmerksam geworden. Es gab zum Beispiel einen ZDF-Beitrag, der dreieinhalb Millionen Aufrufe hatte. Danach habe ich sehr, sehr viele Anfragen bekommen und habe mehrere Wochen gebraucht, um alle abzuarbeiten. Dadurch wurde mir klar, wie groß die Not ist und wie viele Schulen ohne Schutzkonzept es noch gibt. Ich war inzwischen an vielen Schulen – auch an meiner eigenen in Thüringen. Trotz des großen Bedarfs scheint es mir aber effizienter, die Studierenden gleich zu Beginn des Studiums alle auf einmal abzuholen.

F&L: Für Ihr Engagement sind Sie im März vom Deutschen Studierendenwerk und vom Deutschen Hochschulverband als Student des Jahres ausgezeichnet worden sind. Was bedeutet eine solche Auszeichnung? Was kann sie vielleicht auch bewirken?

Noah Dejanović: Ich kann sagen, dass diese Auszeichnung mein Leben verändert hat. Es gab zwar davor auch schon mediale Aufmerksamkeit, aber nicht in dieser Dimension. Ich bin sehr dankbar dafür und versuche, die symbolische Kraft der Auszeichnung bestmöglich für mein Anliegen zu nutzen. Tatsächlich ist aber auch das Preisgeld wichtig für mich, weil ich durch mein Engagement auf jeden Fall ein Jahr länger studieren werde und von BAföG beziehungsweise einem Stipendium abhängig bin.

F&L: Haben Sie auch politisch schon Gehör gefunden? Hat sich da inzwischen etwas bewegt?

Noah Dejanović: Es ist eine Menge im Gang und auch Gespräche mit der Lokal- und Landespolitik haben stattgefunden. Trotzdem drehen sich die Mühlen nur langsam. Es bleibt wohl ein langer Kraftakt, bis flächendeckend etwas in Deutschland passiert. Doch es gibt auch Ermutigendes: Gerade habe ich erfahren, dass Hamburg sich als eines der ersten Bundesländer auf den Weg macht, Kinderschutz als verpflichtenden Bestandteil im Lehramtsstudium zu integrieren. Mein Gespräch mit Katharina Fegebank, der Wissenschaftsministerin des Jahres, bei der Preisverleihung in Berlin war hierfür der Auslöser. Das ist ein Riesenerfolg und kann als Inspiration und Vorlage für andere Bundesländer dienen.

"Entspricht es nicht auch der Freiheit von Wissenschaft und Lehre, die Themen zu behandeln, die als sinnvoll erachtet werden?"

F&L: Was wünschen Sie sich von den Hochschulen?

Noah Dejanović: Ich verstehe nicht, warum sich Hochschulen darauf ausruhen, dass Lehrpläne und Prüfungsordnungen vom Land vorgegeben werden. Kann eine Uni nicht auch proaktiv vorangehen und eine geeignete Stelle für Inhalte im Lehrplan finden? Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung könnten etwa in der pädagogischen Psychologie thematisiert werden. Entspricht es nicht auch der Freiheit von Wissenschaft und Lehre, die Themen zu behandeln, die als sinnvoll erachtet werden?

Schade finde ich auch, wenn es heißt, das Thema Kinderschutz sei zu praxisnah und nicht Teil der wissenschaftlichen Ausbildung. Ich habe mich jetzt mit zwei Dozierenden unserer Uni zusammengetan und für eine Tagung angemeldet, bei der wir das Thema Kinderschutz aus inklusionspädagogischer Sicht betrachten. Ich denke also, dass man sich dem Thema sehr wohl aus wissenschaftlicher Perspektive nähern kann, wenn man will.

F&L: Was sind Ihre weiteren Pläne?

Noah Dejanović: Künftig werde ich Teil des Betroffenenrates sein, sodass ich die Möglichkeit erhalte, nicht mehr nur als Privatperson zu sprechen. Der Betroffenenrat ist ein politisch beratendes Gremium bei der Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, das Positionspapiere und Stellungnahmen schreibt und Öffentlichkeitsarbeit macht. Ich freue mich darauf, dort meine Forderungen platzieren zu können.

Am wichtigsten ist mir, dass sich die viele Aufmerksamkeit, die es jetzt gerade gibt, auch in institutioneller Veränderung niederschlägt. Lippenbekenntnisse reichen nicht. Es braucht Anstrengungen und Ressourcen, um das Thema Kinderschutz im Lehramtsstudium zu implementieren. Es ist aber ein Kraftakt, der sich lohnt, weil Kindern und Jugendlichen dadurch Leid erspart werden kann.