Eine Lego-Figur steht auf einer Brücke aus Lego-Steinen. Die Brücke sieht aus wie ein Pfeil.
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Promotion
Doktortitel ohne Dissertationsschrift

China promoviert erste Ingenieurwissenschaftlerinnen und Ingenieurwissenschaftler auf Basis ihrer Erfindungen. Wie innovativ ist das?

23.02.2026

Die ersten Doktorinnen und Doktoren haben in China ihre Titel in Ingenieurwissenschaften erhalten, ohne dass sie dafür eine Dissertationsschrift verfassen mussten. Das hat das Magazin Nature am 5. Februar zuerst berichtet. Seit September seien bereits elf dieser "praktischen" Promotionen abgeschlossen worden. Ein 2024 erlassenes Gesetz ermögliche es chinesischen Hochschulen, Master- und Promotionsstudierende für praktische Leistungen zum Abschluss zuzulassen. Bisher kämen allerdings nur Kandidatinnen und Kandidaten ingenieurwissenschaftlicher Fächer für einen Titel ganz ohne Abschlussarbeit in Frage.  

Zheng Hehui gehört laut Nature zur ersten Kohorte und hat Bauteile aus verstärktem Stahl entwickelt, die ähnlich wie Klemmbausteine zusammengesetzt werden und dann einen Brückenpfeiler bilden können. Seine Erfindung sei bereits in einer Brücke über den Jangtsekiang verbaut. Das Magazin zitiert einen Experten, demzufolge die Kandidatinnen und Kandidaten Prototypen herstellen müssten und zeigen sollten, dass ihre Erfindungen in der Praxis und in großem Maßstab einsetzbar seien.

Praxis statt Publikation aus Staatsräson

Das Programm ist Teil der Bemühungen der chinesischen Führung um Innovation, so Nature: Die Trennung von Forschung und Industrie solle überwunden werden. Deshalb arbeiteten an zahlreichen Hochschulen Studierende mit je einer Betreuungsperson aus der Wissenschaft sowie aus der Industrie zusammen.

Die praktischen Promotionen stellten einen Wandel in Chinas Hochschulbildung dar, schreibt auch das rumänische Onlinemagazin ZME Science. Das Magazin stellt die Neuorientierung in den Zusammenhang von gefälschten Studien und sogenannten Paper Mills, die gegen Bezahlung Forschungstexte und Veröffentlichungen produzierten. Nachdem China zuvor darauf abgezielt habe, die Produktivität bei Veröffentlichungen zu steigern, werde nunmehr der Anwendungsbezug in den Vordergrund gestellt.  

"Die neuen praxisorientierten PhDs in China sind weniger eine radikale Neuerfindung als vielmehr eine Zuspitzung eines länger bestehenden Problems der Promotionsgeschichte: nämlich der Frage, in welchem Verhältnis praktische Tätigkeit und wissenschaftliche Wissensproduktion stehen", erläutert Professor Nils Hansson im Gespräch mit Forschung & Lehre. Er ist Co-Leiter des DFG-Projekts "Dissify", in dessen Rahmen historische Dissertationen aus der Medizin digitalisiert und analysiert werden. Die Textförmigkeit der Promotionsleistung sei in Europa etwa seit dem 18. Jahrhundert verankert.

Wissensproduktion durch Kunst

Auch hierzulande gibt es praxisbasierte Promotionsformate, etwa in der Kunst. Die Hochschule für Bildende Künste in Hamburg (HFBK) bietet seit 2025 das Promotionsprogramm PhD in Art Practice an, bei dem die Schaffung eines künstlerischen Werks im Zentrum steht. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erzeugen laut Programmbeschreibung neues Wissen durch ihre Kunst und nicht durch eine schriftliche wissenschaftliche Arbeit. Das künstlerische Werk wird allerdings laut Promotionsordnung von einer schriftlichen Dokumentation begleitet. Diese sollte mindestens zehn Seiten lang sein, erläutert Sara Hillnhütter, Forschungsreferentin an der HFBK.

Künstlerinnen und Künstler haben eine spezifische Expertise in Fragen der Repräsentation. Welches Format sie für ihr Werk im Promotionsprogramm wählen ist Teil des Reflexionsprozesses. Im Bereich Kunst sind Menschen darauf geschult gedankliche Arbeit aus der Gestaltung von Objekten, Bildern oder Filmen herauszulesen. Bewertet würde Text nur, wenn er von den Kandidatinnen und Kandidaten als Teil des Werkes verstanden würde. Der praktisch-künstlerische Anteil sei die Hauptarbeit. "Das Wissen, dass die Künstlerinnen und Künstler hervorbringen ist in seiner Eigenlogik mit den Erkenntnisformen anderer Wissenschaften vergleichbar", so Hillnhütter.

Im April 2025 ist die erste Promovierenden-Kohorte in Art Practice gestartet, mit Abschlüssen rechnet Hillnhütter ab Februar 2028. Die HFBK habe in Deutschland als erste ein praxisbasiertes Angebot eingeführt. Hybride Promotionen, die künstlerische Praxis und theoretische Erarbeitung verbänden, gebe es schon länger. Inzwischen rückten auch weitere Standorte mit einer Schwerpunktlegung auf die Praxis nach. In der Schweiz, den Niederlanden, England und Skandinavien gebe es weitere praxis-basierte Promotionsprogramme – meist in den Fächern Bildende Kunst, Design, Stadtplanung, Architektur und Ingenieurswissenschaften.

Künstliche Intelligenz ändert Blick auf Texte als Leistungsnachweis

Die Entwicklungen in Künstlicher Intelligenz veränderten die Prüfungsformen, erläutert Hansson in einem Gastbeitrag im Wiarda-Blog zu den praxisbasierten Promotionen in China. Die Textproduktion lasse sich zunehmend automatisieren. "In diesem Zusammenhang mag der Text als Leistungsnachweis an Exklusivität verlieren."

Noch vor 300 Jahren hätte auch nicht die schriftliche Arbeit, sondern die öffentliche Disputation im Zentrum gestanden, berichtet Hansson gegenüber Forschung & Lehre. Es sei mancherorts zu beobachten, dass mündliche Prüfungsformate traditionell stärker gewichtet seien, etwa in Skandinavien. "Ob dies langfristig wieder zu einer Aufwertung der Disputation führt, ist jedoch offen", so Hansson.

cpy