Übergang in den Ruhestand
Eher früher als später aus dem Arbeitsleben ausscheiden?
Angesichts des bereits heute vielerorts spürbaren Arbeitskräftemangels überrascht es nicht, dass Politik und Wirtschaft zunehmend versuchen, den verbreiteten Frühausstieg besser zu verstehen, und sich fragen, wie sie gegensteuern sollten. Dabei rückt die Frage in den Vordergrund, was ältere Beschäftigte motiviert, frühzeitig aus dem Erwerbsleben auszuscheiden, und unter welchen Bedingungen sie bereit wären, länger erwerbstätig zu bleiben.
Dies untersucht das Fachgebiet Arbeitswissenschaft der Bergischen Universität Wuppertal mit der lidA-Studie ("leben in der Arbeit"). Diese Kohortenstudie begleitet seit 2011 ältere Beschäftigte in Deutschland (geboren 1959, 1965 oder 1971) auf ihrem Weg vom Arbeitsleben in den Ruhestand durch regelmäßige ausführliche Befragungen zu Arbeit, Gesundheit, Privatleben und Beschäftigung sowie zu ihren Vorstellungen zum Rentenübergang. Bisher wurden vier Erhebungswellen durchgeführt; die vierte, bislang letzte Welle, umfasste 8 884 Teilnehmende.
Die resultierende Stichprobe ist repräsentativ für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte gleichen Alters in Deutschland. Ihre Größe ermöglicht, die obige Frage auch für Untergruppen zu betrachten, so zum Beispiel für die Gruppe der 55 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die für diesen Bericht (auf Basis offener Tätigkeitsangaben) identifiziert werden konnte.
Forschende wollen länger aktiv bleiben
Unter der "subjektiven Erwerbsperspektive" verstehen wir, wie Beschäftigte ihre künftige Erwerbsteilhabe einschätzen. In lidA untersuchen wir dies anhand der Fragen danach, wie lange die Befragten gern erwerbstätig bleiben würden ("wollen"), bis zu welchem Alter sie wohl arbeiten "können" und mit welchem Alter sie "planen", in den Ruhestand zu gehen. Die Antworten, die hierauf gegeben werden, bezeichnen wir in diesem Beitrag als "Zielalter".
Die (durchaus heterogene) Gruppe der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollte im Mittel bis 65,3 Jahre arbeiten. Sie meinte, bis 67,8 Jahre erwerbstätig bleiben zu können und plante im Durchschnitt, im Alter von 65,4 Jahren in den Ruhestand zu gehen. Damit kann sie – durchaus naheliegend – dem Cluster "Länger aktiv in Verantwortung" zugeordnet werden, einem von vier Clustern, welche wir durch hermeneutische Typisierung von 54 häufig vertretenen Berufsgruppen identifiziert und beschrieben haben.
"Die Gruppe zeichnet sich durch exzellente Gesundheit, hohe finanzielle Ressourcen und geringe körperliche Arbeitsbelastung aus."
Die Gruppe Cluster 1 "Länger aktiv in Verantwortung" mit sieben Prozent aller befragten Erwerbstätigen umfasst hauptsächlich Führungskräfte und Akademiker in verantwortungsvollen, wissensintensiven Berufen. Sie zeichnen sich durch exzellente Gesundheit, hohe finanzielle Ressourcen und geringe körperliche Arbeitsbelastung aus. Trotz der Möglichkeit zum Frühausstieg möchten sie deutlich über 65 Jahre hinaus erwerbstätig bleiben und planen dies auch, was auf eine starke Bindung an ihre Arbeit hinweist.
Beschäftigte mit Rückzugswunsch
In Cluster 2: "Kann lang, will aber früher raus" (14 Prozent) finden sich vor allem Beschäftigte in IT, im Ingenieurwesen oder mit strategischen Unternehmensfunktionen, in der Regel ausgestattet mit sehr guten gesundheitlichen und finanziellen Voraussetzungen. Obwohl sie lange arbeiten könnten (im Mittel bis circa 67 Jahre), wünschen und planen sie einen Ausstieg vor dem 65. Lebensjahr. Diese Diskrepanz deutet auf alternative Lebensentwürfe bei gleichzeitig großen Gestaltungsspielräumen hin.
Die größte Gruppe Cluster 3: "Stabile Mitte mit Rückzugswunsch" (50 Prozent) vereint Fach-, Büro- und Dienstleistungsberufe mit durchschnittlichen Ressourcen und beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten. Sie könnten bis zum Alter von 65 oder 66 Jahren arbeiten, möchten aber früher aussteigen. Diese heterogene Gruppe ist durch mittlere gesundheitliche und finanzielle Lagen ohne extreme Belastungen oder besondere Vorteile gekennzeichnet.
Cluster 4 "Am Limit – begrenzte Spielräume" (26 Prozent) umfasst körperlich und psychisch stark belastende Berufe wie Pflege, Bau und Lieferdienste, mit eingeschränkter Gesundheit und geringen finanziellen Mitteln. Die Mittelwerte der drei Aspekte Wollen, Können und Planen liegen hier eng beieinander und stets unter 65 Jahren. Diese Beschäftigten haben kaum Handlungsspielräume und müssen oft bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit arbeiten, da sie sich einen früheren Ausstieg finanziell nicht leisten können.
Kultur des Frühausstiegs?
Der Umstand, dass die allermeisten Erwerbstätigen gern deutlich vor Erreichen der Regelaltersgrenze in den Ruhestand gehen würden (und dies auch tun), zeigt, dass hierzulande nach wie vor eine "Kultur des Frühausstiegs" vorherrscht. Darunter wird verstanden, dass ältere Erwerbstätige meinen, ein Anrecht darauf oder sogar die Pflicht zu haben, den Arbeitsmarkt vor dem Erreichen des gesetzlichen Rentenalters zu verlassen. Sie ist nicht zuletzt auf die prägenden politischen Frühverrentungsprogramme der 1970er- bis 1990er-Jahre zurückzuführen. Einen weiteren Hinweis für die Kultur des Frühausstiegs finden wir in Folgendem: Etwa Dreiviertel aller älteren Erwerbstätigen meinen, dass die Einstellung, "eher früher als später" aus dem Erwerbsleben auszusteigen, im persönlichen Umfeld, bei den Arbeitskollegen und noch häufiger in der Gesellschaft vorzufinden sei. Diese Einschätzung ist weitgehend unabhängig vom eigenen höchsten Bildungsstatus.
In der Gruppe der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Nur eine Minderheit von 35 Prozent erlebt in ihrem Arbeitsumfeld eine positive Einstellung zum Frühausstieg. Dies deutet auf eine hier – nicht nur unter den älteren Beschäftigten – grundlegend andere, positive Arbeitskultur hin.
Gründe für frühen Ausstiegswunsch
Der Übergang vom Arbeitsleben in den Ruhestand ist ein komplexer Prozess. Zahlreiche Einflussfaktoren auf individueller (Mikro-), betrieblicher (Meso-) und auch struktureller (Makro-) Ebene sind daran beteiligt und beeinflussen sich gegenseitig. Dies legt nahe, dass sich Gruppen beim Ruhestandsübergang deutlich unterscheiden. Abbildung 3 zeigt die Häufigkeit der Nennung von Gründen für den frühen Ausstiegswunsch bei Erwerbstätigen im höheren Erwerbsalter, die bis maximal 64 Jahre erwerbstätig sein möchten, aufgeteilt nach Cluster. Die Rangfolge der Gründe spiegelt die "Kultur des Frühausstiegs", bei der der Ruhestand als Anspruch auf selbstbestimmte Lebensgestaltung ("mehr freie Zeit haben") und erworbenes soziales Recht ("irgendwann muss Schluss sein") verstanden wird. Belastende Arbeit und gesundheitliche Einschränkungen wirken dabei als verstärkende Pushfaktoren, sind aber nicht die Haupttreiber – vielmehr dominiert der intrinsische Wunsch nach Autonomie und Lebensqualität jenseits der Erwerbsarbeit.
Erwartungsgemäß ist der Anteil derer, die gern vor dem 65. Lebensjahr aus dem Erwerbsleben ausscheiden wollen, in Cluster 4 "Am Limit – begrenzte Spielräume" mit 72 Prozent am höchsten. Im Vergleich zu den übrigen Clustern dominiert das Anspruchsdenken ("irgendwann muss Schluss sein"), was als Ausdruck der arbeitslebenslangen hohen beruflichen und oft auch zusätzlichen privaten Belastungen nachvollziehbar ist. Auch die häufige Nennung anstrengender Arbeit und gesundheitlicher Probleme als Gründe für den frühen Ausstiegswunsch spiegeln dies wider. Cluster 1, dem die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zugeordnet werden können, zeichnet sich – wider Erwarten – nicht durch ein klares Muster aus. Dies ist möglicherweise darauf zurückzuführen, dass nur relativ wenige von ihnen, nämlich 52 Prozent, vor dem 65. Lebensjahr ausscheiden möchten und diese dafür umso dringlichere Gründe angeben, zum Beispiel anstrengende Arbeit und gesundheitliche Probleme, Risikofaktoren, vor denen auch die Wissenschaft nicht gefeit ist.
Länger arbeiten?
Inzwischen befinden sich zahlreiche Teilnehmende der lidA-Studie bereits im "frühen Ruhestand", das heißt im Ruhestand vor der Regelaltersgrenze. Zuletzt war jede und jeder Fünfte von ihnen trotz des Ruhestandstatus (meist geringfügig) erwerbstätig. Die Gründe dafür sind oftmals nicht finanzieller Natur, sondern intrinsisch, sie beruhen vor allem auf persönlichen und sozialen Motiven. Besonders häufig genannt werden "Spaß an der Arbeit" sowie der Wunsch, weiterhin eine Aufgabe zu haben. Ebenso spielt der regelmäßige Kontakt zu anderen Menschen eine wichtige Rolle. Die Vorstellung, auch über das Rentenalter hinaus erwerbstätig zu bleiben, ist insgesamt mit 24 Prozent selten und folgt einem Bildungsgradienten. Die Gruppe der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zeigt dabei eine besonders hohe Bereitschaft für Weiterarbeit im Rentenalter.
Ältere Beschäftigte binden
Die Frage, wie Betriebe und Institutionen ihre älteren Beschäftigten länger in Beschäftigung halten können – und dies möglichst über den Eintritt in den Ruhestand hinaus –, wird immer virulenter. Ein aus der internationalen Studienlage korrekt abgeleiteter Vorschlag lautet: mehr Handlungsspielraum, sowohl was den Arbeitsinhalt als auch die Arbeitszeit angeht. Die Herausforderung für Betriebe ist aber, dass etwa die Hälfte aller älteren Beschäftigten sich einen frühen Ausstieg leisten kann und Gelegenheiten zum frühen Ausstieg in der Regel auch nutzt.
Um diese Gruppe länger zu binden, muss es den Betrieben (und der Politik) gelingen, dass die Arbeitstätigkeit für ihre älteren Beschäftigten nicht nur "gut" ist, sondern "attraktiv". Das bedeutet, dass sich Arbeitgeber auf jede einzelne ältere Beschäftigte und jeden einzelnen älteren Beschäftigten einstellen und maßgeschneiderte Angebote machen müssen, soweit dies irgend möglich ist. Dies gilt sowohl für ältere Beschäftigte diesseits wie auch jenseits des Ruhestandseintritts.
"In unserer Studie meinen sieben von zehn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eindeutig, noch Ziele bei der Arbeit zu haben."
Der bekannte niederländische Übergangsforscher Kène Henkens meinte kürzlich in einem Interview, der Hauptgrund dafür, dass die meisten älteren Beschäftigten in den Niederlanden so früh in den Ruhestand gehen, sei, dass sie keine Ziele mehr bei der Arbeit hätten. Wenn dieser Zusammenhang auch in Deutschland gilt, dann sieht es hierzulande für die Wissenschaft gut aus: In unserer Studie meinen sieben von zehn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eindeutig, noch Ziele bei der Arbeit zu haben.
Die Ergebnisse der lidA-Studie zeigen, dass ältere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in mancher Hinsicht eine Sonderrolle einnehmen: Sie fühlen sich länger leistungsfähig, verfügen über ausgeprägte berufliche Ziele und erleben eine Arbeitskultur, in der der frühe Ausstieg kaum als Option gilt. In einer Zeit, in der viele Branchen und Betriebe händeringend nach Wegen suchen, ältere Beschäftigte zu halten, macht die Wissenschaft sichtbar, welches Potential in sinnstiftender, autonomer und entwicklungsorientierter Arbeit stecken kann.
Arbeiten im Alter? – Schwerpunkt in "Forschung & Lehre"
Die Dezember-Ausgabe von "Forschung & Lehre" widmet sich mit einem Themen-Schwerpunkt der Gestaltung der dritten Lebensphase. Die Beiträge:
- Denis Gerstorf/Hans-Werner Wahl: Rasante Entwicklung. Alter und Altern im Wandel der Zeit
- Hans Martin Hasselhorn: Eher früher als später? Der Übergang in den Ruhestand in Zahlen
- Im Gespräch mit Axel Börsch-Supan: Aus dem Gleichgewicht. Das Rentensystem zwischen höherer Lebenserwartung und wirtschaftlicher Stagnation
- Im Gespräch mit Anne Schäfer: Verlangsamen und verjüngen. Einblicke in die aktuelle biologische Alternsforschung
- Julia Reuter/Oliver Berli: Professorale Abschiede. Vom Umgang mit dem Ende der wissenschaftlichen Karriere
- Martin Hellfeier: Was danach möglich ist. Über die Seniorprofessur und Alternativen
Die Redaktion hat außerdem persönliche Einblicke von Professorinnen und Professoren in die Zeit vor und nach der Pensionierung zusammengestellt. Hier geht es zur aktuellen Ausgabe – Reinlesen lohnt sich!