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picture alliance / Westend61 | Josep Suria

Lehre
Fächerübergreifender Austausch

Wie können Lehrende vom interdisziplinären Austausch profitieren? Ein Erfahrungsbericht über Lehrentwicklung mit Faculty Learning Communities.

Innovative und inspirierende Lehre gedeiht – wie exzellente Forschung – selten isoliert im Elfenbeinturm. Auch Lehrentwicklung braucht den Anschluss an eine Gemeinschaft. Wenn es darum geht, Lehrveranstaltungen zu konzipieren und zu reflektieren, sind Faculty Learning Communities (FLCs) ein wirkungsvolles Instrument. Doch im fordernden Alltag an Hochschulen bilden sich Gemeinschaften nicht selbstverständlich. Daher haben sich Lehrende der Europa-Universität Viadrina im Rahmen des Programms "Kooperationsgruppen Digitale Lehre" in FLCs organisiert, um in den vergangenen Jahren gemeinsam ihre Lehre systematisch weiterzudenken. Das am Zentrum für Lehre und Lernen angesiedelte Programm wird von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre gefördert. 

Faculty Learning Communities sind ein aus den USA adaptiertes Konzept (Cox, 2004). Mit dem Ziel, ihre Lehrveranstaltungen im kollegialen Austausch weiterzuentwickeln, arbeiten acht bis zehn Lehrende in interdisziplinären, statusübergreifenden Gruppen über ein Jahr hinweg gemeinsam an einem Thema, wie beispielsweise der Umstellung auf Blended Learning oder dem Umgang mit KI-Tools in der Lehre. Die Teilnahme wird gefördert, etwa durch Deputatsumwidmungen, Sachkostenbudgets oder die Einstellung studentischer Hilfskräfte. Begleitet werden die Gruppen von Facilitators, die aus Lehr- und Lernzentren kommen oder aus dem Kreis der Lehrenden stammen, die bereits an Communities teilgenommen haben.

"Die Arbeit in den 14-täglichen Treffen der FLCs ist durch einen klaren Zyklus strukturiert."

Die Arbeit in den 14-täglichen Treffen der FLCs ist durch einen klaren Zyklus strukturiert: Die Lehrenden entwickeln und schärfen zunächst individuelle Fragestellungen. Es folgt eine Phase der Recherche und Wissensgewinnung durch Rezeption wissenschaftlicher Literatur, Praxisrecherche oder Einladung von Expertinnen und Experten. Auf dieser Basis konzipieren die Teilnehmenden ihre Lehrveranstaltungen um oder entwickeln einzelne Elemente daraus weiter, unterstützt durch kollegiales Feedback. Dann erproben sie ihre Innovationen und evaluieren diese mithilfe von studentischem Feedback und gezielter Datenerhebung. Zum Abschluss machen die Teilnehmenden ihre Ergebnisse in Form konkreter Endprodukte öffentlich zugänglich, etwa als Open Educational Resources (OER), als wissenschaftsbasierte Beiträge im Sinne der Scholarship of Teaching and Learning, als Blogbeiträge oder Poster auf Lehr-Lern-Konferenzen. 

Gewinn durch Perspektivenvielfalt?

"Ich glaube, dass wir alle eigentlich besser wären, wenn wir weg von diesem Einzelkämpfertum kommen würden, mehr in dieses generelle Teilen. [...] Und ein bisschen so ging es auch mit dieser FLC. Man braucht eben nicht nur sich selbst, auch wenn man manchmal meint, man ist sich selbst genug. Aber man braucht Anregung von anderen, man braucht Austausch, man braucht dieses Miteinander-ins-Tun-Kommen." So beschreibt die Teilnehmerin einer FLC an der Viadrina ihre Erfahrung. 

In den Communities fand ein vielfältiger Austausch zur Hochschullehre statt. Thematisiert wurde beispielsweise, wie man Studierende motivieren und beim Lesen von Fachtexten unterstützen kann, wie sich selbstgesteuertes Lernen auf Moodle fördern lässt oder wie alternative Prüfungsformate im Rahmen bestehender Ordnungen umgesetzt werden können. Auch der Einsatz digitaler Tools zur Gestaltung partizipativer und diversitätssensibler Lehrformate war Thema. Darüber hinaus diskutierten die Teilnehmenden den Umgang mit Feedbackprozessen, die eigene Lehrmotivation sowie Strategien im Umgang mit Rückschlägen.

Als dauerhaft relevant erwiesen sich Fragen der Lehrplanung, der Formulierung von Lernzielen sowie der Straffung und zugleich stärkeren Studierendenorientierung von Lehrveranstaltungen. Die erprobten Ansätze wurden von Studierenden überwiegend positiv, zugleich aber auch produktiv-kritisch aufgenommen. Auf Grundlage der in den Gruppen identifizierten Bedarfe wurden ergänzend Workshops angeboten, etwa zur Veröffentlichung von OER-Materialien. Aus den FLCs gingen in der Folge Online-Tutorials, interaktive E-Books, Lehrvideos und ganze Syllabi hervor, die als offene Bildungsressourcen publiziert wurden. 

Im Rahmen des Programms wurde deutlich, dass der multidisziplinäre Dialog die Perspektivenvielfalt stärkt und Impulse gibt. Lehrende werden durch die Community ermutigt, gewohnte Pfade zu verlassen und Neues in der Lehre auszuprobieren. Darüber hinaus können FLCs auch als strategisches Instrument der Hochschulentwicklung verstanden werden: Sie stärken die Bindung von Lehrenden an ihre Hochschule, machen Lehre sichtbar und tragen dazu bei, Innovationen anschlussfähig in bestehende Strukturen einzubinden. 

Gelingensbedingungen 

Die Begleitforschung zum FLC-Programm (Barbarino et al., 2025), eine Interviewstudie nach der Grounded-Theory-Methodologie, zeigt: Damit Faculty Learning Communities ihr Potential entfalten können, ist es entscheidend, dass die Teilnehmenden sich aktiv austauschen und bereit sind, eigene Erfahrungen und Ideen einzubringen. Die Einrichtung der Communities reagiert auf zentrale Herausforderungen wie die Isolation von Lehrenden, das Fehlen institutionalisierter Austauschformate, strukturelle Barrieren interdisziplinärer Zusammenarbeit sowie hierarchische Hürden im Wissensaustausch. 

Für ihre erfolgreiche Umsetzung sind intrinsisch motivierte Lehrende erforderlich, die offen für neue Impulse sind, doch gestaltet sich ihre Rekrutierung oft schwierig, da sie bereits häufig in Gremien und Initiativen stark eingebunden sind. 

Vertrauen ist zentral für den Austausch zwischen Lehrenden und erfordert Vorschussvertrauen, Kontinuität und Verbindlichkeit. Die Teilnahme an einer FLC ist zeitintensiv, doch die Dauer über zwei Semester und die Regelmäßigkeit der Treffen sind bedeutsam. Entlastungsmittel sollten die Teilnahme fördern, um Mitwirkung und institutionelle Wertschätzung zu ermöglichen. Dies unterstützt die nachhaltige Verankerung kollegialer Lehrentwicklung und sichert ihren Beitrag zur Qualitätsentwicklung.

"Auch emotionale und interaktive Dynamiken beeinflussen die Qualität des Austauschs."

Auch emotionale und interaktive Dynamiken beeinflussen die Qualität des Austauschs. Vertrauen entsteht oft durch informelle Begegnungen, daher ist insbesondere in der Anfangsphase Zeit für persönliches Kennenlernen essentiell, und Treffen in Präsenz sollten unbedingt bevorzugt werden. 

Institutionelle Hierarchien können hemmend wirken. Für bestimmte Themen könnten daher auch statushomogene Gruppen produktiver sein. Auf jeden Fall sollten statusbezogene Herausforderungen thematisiert werden. Die strukturierten Abläufe der FLC und eine gute Moderation geben Sicherheit und unterstützen die zielgerichtete Zusammenarbeit. 

Frage der Verstetigung 

Mit dem vorgestellten Programm wurde an der Europa-Universität Viadrina ein strukturierter Rahmen geschaffen, in dem Lehrende ihre Lehre gemeinsam reflektieren, profilieren und institutionell sichtbar machen. So haben in der Laufzeit des Programms zunächst 46 Lehrende aller Fakultäten in vier FLCs ihre Lehre weiterentwickelt, OER veröffentlicht und sich interdisziplinär und nachhaltig vernetzt. Teilnehmende der verschiedenen FLCs wurden dann in der letzten Phase des Programms in einer weiteren FLC als Facilitators ausgebildet und haben zu eigenen Themenschwerpunkten neue Gruppen gegründet – sechs weitere FLCs konnten so im Sommersemester 2025 ihre Zusammenarbeit aufnehmen, zu Themen wie Demokratieförderung, KI-Kritik oder Exkursionen als Lehrformat. 

Auch diese Form der Verstetigung ist nicht kostenneutral. In Phasen sinkender Studierendenzahlen könnten Fakultäten Lehrdeputate jedoch für Lehrentwicklung in einer Community umwidmen, um Unterstützung zu bieten. Dies erfordert ministeriale Mitwirkung. Die Unterstützung des Zentrums für Lehre und Lernen bleibt wichtig, um Facilitators strukturiert einzuführen und zu unterstützen, wobei FLCs regelmäßig Inputs zu hochschuldidaktischen Themen einholen. 

Insgesamt sind dies kleine Investitionen mit großer Wirkung. Sie zahlen ein auf den bereits im Jahr 2017 formulierten Appell des Wissenschaftsrats: Lehre ist Gemeinschaftsaufgabe! 

Literaturtipps

Barbarino, C.; Finsterer, T.; Girgensohn, K.; Hotze, L. (2025): Hochschullehre gemeinsam voranbringen. Das Konzept der Faculty Learning Communities. 1. Auflage. Bielefeld: wbv Media (Innovative Hochschule: digital - international – transformativ, 5). Open Access

Cox, M. D.; Richlin, L. (Hg.) (2004): Building Faculty Learning Communities: New Directions for Teaching and Learning (Jossey Bass Higher & Adult Education Series, 97).