Symbolbild für neue Ideen: auf mehrere zerknüllte Papiere folgt ein fliegender Drachen.
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Interview
Forschen Sie noch oder gründen Sie schon?

70 Prozent aller Unternehmensgründer sind Männer. Ein Gespräch mit einer Gründerin über die deutsche Gründerszene, Geschlechterunterschiede und Geld.

Von Charlotte Pardey 26.11.2025

Forschung & Lehre: Frau Dr. Altomonte, Sie sind Privatdozentin und Forschungsgruppenleiterin im Bereich Molekularbiologie am Klinikum der Technischen Universität München. Außerdem haben Sie das Start-up Fusix Biotech gegründet. Ihre Firma entwickelt eine Krebsbehandlung mit einem künstlich erzeugten Virus, das gezielt Krebszellen abtötet. Wie lief die Firmengründung ab?

Jennifer Altomonte: Ich habe mich um Pre-Seed-Funding beworben, das ist eine sehr frühe Finanzierung, die die Gründung eines Unternehmens erst ermöglicht. Ich konnte direkt zwei Förderungen bekommen: ein exist-Forschungstransfer-Stipendium des Bundeswirtschaftsministeriums und einen m4 Award des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie. Die erfolgreichen Förderanträge haben mich im Glauben an meine Idee bestätigt. Beide Förderungen starteten im Frühling 2020, mitten in der Corona-Pandemie. Trotzdem waren wir sehr produktiv. Wir haben alle wichtigen präklinischen Daten zum Machbarkeitsnachweis erbracht, toxikologische Studien durchgeführt und mit der Entwicklung von Herstellungsverfahren begonnen. Am Ende der zweijährigen Förderdauer war ich zuversichtlich, dass wir es schaffen können. Ich hatte die nötige Bestätigung erhalten, um ein Unternehmen zu gründen. 2022 habe ich dann mit meinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern Fusix Biotech gegründet.

Dr. Jennifer Altomonte ist Privatdozentin und Forschungsgruppenleiterin am Klinikum der Technischen Universität München. Sie ist Gründerin der Firma Fusix Biotech. Juli Eberle

F&L: Wo stehen Sie jetzt?

Jennifer Altomonte: Wir schließen gerade die Lizenzverhandlungen mit der TU München über den Transfer des geistigen Eigentums ab, der die Schutzrechte als Arbeitgeber gehören. Wir sind bereit, unsere Produktion auszuweiten. Das ist sehr komplex bei virusbasierten Arzneimitteln. Wir brauchen dafür eine ausreichende Finanzierung. Die weltweite Lage ist dabei gerade wenig hilfreich: Das finanzielle Klima ist schlecht. Investitionen in Biotech liegen aktuell deutlich unter dem Level von noch vor wenigen Jahren, ganz besonders für Start-ups. Generell herrscht eine Risikoaversion. In dem Stadium, in dem sich unsere Firma befindet, liegen noch einige Hürden vor uns. Wir benötigen relativ viel Geld und bieten etwas Neues an, daher gelten wir trotz des hohen Gewinnpotentials als Hochrisikoinvestition. Wir brauchen Investorinnen und Investoren, die bereit sind, dieses Risiko zu tragen. Während wir nach diesen suchen, bemühen wir uns auch um zusätzliche Förderung, damit wir die Menge an nötigem Risikokapital reduzieren können. 

F&L: Aus einer Statistik des Stifterverbands geht hervor, dass deutlich weniger Frauen als Männer gründen. Können Sie sich vorstellen, woran das liegt?

Jennifer Altomonte: Das ist auch unter Gründerinnen ein brandaktuelles Thema. Hinter dieser Statistik liegen aus meiner Sicht vielschichtige Gründe. Für Frauen ist es schwerer zu gründen. Es gibt immer noch Vorurteile gegenüber Gründerinnen. Anderseits müssen solche Zahlen auch dadurch zustande kommen, dass viele Frauen nicht gründen, weil sie andere Rollen annehmen. Sie werden beispielsweise Mütter. Ich weiß, dass dies ein kontroverses Thema ist, aber ich glaube, dass die Unterstützungen, die Frauen in Deutschland gewährt werden, für sie in mancher Hinsicht auch ein Hindernis sein können, ihr volles Karrierepotential zu erreichen. Es ist einfach, sich eine Auszeit für die Familie zu nehmen. Im Anschluss ist es schwierig: Selbst, wenn man nur für ein Jahr weg war, hat die Welt sich weitergedreht. Das Unternehmertum ist kein normaler Job mit klassischen Arbeitszeiten. Für viele Frauen ist ein Leben als Unternehmerin einfach nicht das Ziel. Ich habe selbst Kinder und auch wenn sie schon etwas älter sind, ist es auch für mich schwierig, alles unter einen Hut zu bekommen. Ich habe Glück, dass mein Ehemann mich sehr unterstützt. Wir haben unsere Arbeits- und Betreuungszeiten schon immer fair aufgeteilt. 

"Frauen haben viele Charakteristika, die beim Leiten eines Unternehmens nützlich sind." Jennifer Altomonte

F&L: Welche weiteren Faktoren und Unterschiede gibt es?

Jennifer Altomonte: Studien belegen, dass es auch bei der Start-up-Förderung Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt. Von Frauen geführte Firmen erhalten weniger Fördermittel als Gründungen, die von Männern geleitet werden. Ich habe mich zwar persönlich nie offen diskriminiert oder ausgeschlossen gefühlt. Ich weiß allerdings auch nicht, ob ich als Mann bereits weitere Finanzierung erhalten hätte. Ich habe festgestellt, dass Männer und Frauen ihre Geschäftsideen auf grundlegend unterschiedliche Weise verkaufen. Wenn Frauen von einer Technologie berichten, die sie entwickelt haben, machen sie meiner Erfahrung nach keine Behauptungen, wenn sie nicht vollkommen überzeugt sind. Männer tendieren dazu, selbstbewusster zu sprechen, auch wenn die Technologie noch nicht so weit entwickelt ist. Wäre ich Investorin, würde ich einer Frau tatsächlich eher trauen als einem Mann. Als Frau sollte man allerdings nicht versuchen, sich wie ein Mann zu verhalten, um erfolgreicher zu sein. Im Gegenteil: Frauen haben viele Charakteristika, die beim Leiten eines Unternehmens nützlich sind. Außerdem ist Authentizität wichtig. Teilweise hilft es auch, dass man hervorsticht, weil man die einzige Frau ist, die unter vielen Gründern etwas vorstellt.

Ausgründungen – Schwerpunkt in "Forschung & Lehre"

Die November-Ausgabe von "Forschung & Lehre" widmet sich dem Thema "Ausgründungen". Dieses Interview ist der zweite Teil des im Heft-Schwerpunkt enthaltenen Gesprächs mit Jennifer Altomonte unter dem Titel "Zwei Hüte auf. Von der Doppelrolle als Forscherin und Gründerin".

Die weiteren Beiträge im Schwerpunkt sind:

  • Andreas Kuckertz: Ohne Breite keine Spitze. Zum unternehmerischen Geist an Universitäten
  • Uwe Cantner: Wissenschaft trifft Wirtschaft. Von Transferkanälen zu Transferökosystemen
  • Im Gespräch mit Barbara Diehl: Wenn Schutzrechte übertragen werden müssen. Werkzeuge für erfolgreiche Ausgründungen
  • Im Gespräch mit Utz Dornberger: "Hochschulen dürfen kein Hemmschuh sein". Wie universitäre Gründungszentren den Transferprozess unterstützen können
  • Im Gespräch mit Katarzyna Bozek: Brücke zwischen Forschung und Markt. Gründungsaffine Professuren für mehr Start-ups

Hier geht es zur aktuellen Ausgabe – Reinlesen lohnt sich!

 

F&L: Warum gründen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler allgemein nicht häufiger in Deutschland?

Jennifer Altomonte: Nachdem ich das Potential der von mir entwickelten Technologie erkannt hatte, wusste ich zunächst nicht, wie ich sie aus der Forschung in die Gesellschaft bringen sollte. Vielen Forschenden scheint es meiner Erfahrung nach ähnlich zu gehen. Sie kennen die bei einer Ausgründung zur Verfügung stehenden Unterstützungsangebote nicht oder trauen sich nicht zu gründen. Sie publizieren ihre Erkenntnisse und widmen sich dann anderen Themen. Selbst wenn sie die Voraussicht hatten, ein Patent zu beantragen, landet dieses oft in einer Schublade. Die Lage scheint sich aktuell allerdings etwas zu verbessern. Mehr Menschen, gerade Promovierenden, ist die Karriereoption Unternehmensgründung bewusst, auch wenn sie nicht unbedingt genau wissen, wie sie dabei vorgehen sollen. Es ist schwierig, sich gleichzeitig in naturwissenschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Themen zu bilden. Aber es sollte Programme geben für diejenigen, die Interesse an einer Unternehmensgründung haben. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen doch generell etwas bewegen. Das geht aber im Forschungsalltag manchmal verloren.

F&L: Sie haben die Unterstützungsstrukturen erwähnt. Welche Unterschiede stellen Sie als Amerikanerin zwischen den Gründungsumgebungen Deutschland und den Vereinigten Staaten fest?

Jennifer Altomonte: Ich bin zwar Amerikanerin, lebe aber schon lange in Deutschland. Ich kann nicht wirklich beurteilen, wie es ist, eine Firma in den USA zu gründen, da ich das nie getan habe. Was ich aber sagen kann, ist, dass die Kultur in den USA eine andere ist. Es gibt deutlich mehr Unterstützung, nicht nur finanziell, sondern auch durch die Mentalität. Die Menschen sind offener und risikoaffiner. Wenn man sich Städte wie Boston oder San Francisco ansieht, dann gibt es dort dichte Start-up Hubs, wo alles innerhalb eines sehr kleinen Radius zusammentrifft: akademische Innovation, Risikokapital, Biotechnologie und die Pharmaindustrie. Die direkte Verfügbarkeit ermöglicht es, dass Dinge schneller realisiert werden können. Es frustriert mich manchmal, dass es in Deutschland langsamer zugeht. In der aktuellen politischen Lage ist es allerdings vielleicht besser, hier zu sein. Viel Talent kehrt gerade nach Europa zurück. Ich hoffe, dass auch das Geld nach Europa fließt. Man kann die Zukunft natürlich nicht voraussagen.