Tenure Track
Große Zweifel lässt dieser Weg gar nicht zu
Forschung & Lehre: Frau Professorin Çakir-Mattner, Sie haben eine Juniorprofessur mit Tenure Track durchlaufen und wurden in diesem Jahr entfristet. Wie haben Sie diesen Weg erlebt?
Naime Çakir-Mattner: Durchweg positiv – ohne es schönreden zu wollen. Für mich war der Einstieg über eine W1-Professur oder Juniorprofessur ein Stück weit entlastend. Einerseits ist man bereits Professorin, andererseits darf man aber auch noch Fragen stellen. In Gießen bin ich auf ein sehr kollegiales Umfeld gestoßen, insbesondere innerhalb der Theologien. Das habe ich als sehr angenehm erlebt. Aber da gibt es sicher Unterschiede von Universität zu Universität und von Fachbereich zu Fachbereich und es hätte bestimmt auch anders laufen können.
Die Juniorprofessur mit Tenure Track war für mich eine Chance, weil ich nicht den typischen Karriereweg – Studium, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Postdoktorandin, Professorin – genommen habe, sondern gewissermaßen Quereinsteigerin in die Wissenschaft bin. Es war ein Zeitraum, in dem ich das universitäre Umfeld noch einmal besser kennengelernt habe und meinen Forschungsaktivitäten nachgehen konnte.
Aber natürlich wurden auch Anforderungen gestellt. Ich fand die Zielvereinbarung allerdings hilfreich, weil ich auf der einen Seite wusste, was von mir erwartet wird, mir auf der anderen Seite aber auch vermittelt wurde, dass es einen gewissen Spielraum gibt. Mir war wichtig, mich innerhalb der Universität und meines Fachbereichs gut zu positionieren. Ich wollte zentrale Anliegen der Universität wie zum Beispiel Drittmitteleinwerbung und Wissenschaftstransfer sofort angehen und mehr als nur erfüllen. Nicht, weil es in der Zielvereinbarung stand, sondern aus eigenem Antrieb. Trotzdem müssen die anderen Punkte mit im Blick behalten werden, weil letztlich das Gesamtbild stimmen muss. Ich denke, dass es in der Spitzenforschung nicht nur ein hohes Maß an Engagement, sondern eben auch Strategie und Planung braucht.
"Die Universität hat überhaupt kein Interesse daran, eine Tenure-Track-Professur scheitern zu lassen."
F&L: Sie wussten also frühzeitig, was von Ihnen erwartet wird? Wann wurden die Kriterien für die Evaluation vereinbart?
Naime Çakir-Mattner: Bei Vertragsabschluss mit der Universität. In meinem Fall war es so, dass der Professur überhaupt erst ein Profil verliehen werden musste. Meine Ideen, was ich alles in dieser Zeit erreichen möchte, haben sich dann zu einem großen Teil in der Zielvereinbarung wiedergefunden. Daran zeigt sich doch, dass das kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander ist. Die Universität hat überhaupt kein Interesse daran, eine Tenure-Track-Professur scheitern zu lassen. Insofern enthielt die Zielvereinbarung keine großen Überraschungen für mich.
F&L: Wie hilfreich und sinnvoll ist die Zwischenevaluation? Ist es realistisch, bis dahin Erfolge vorweisen zu können?
Naime Çakir-Mattner: Ich hatte jedes Jahr ein Statusgespräch mit der Universitätsleitung und dem Dekan unseres Fachbereichs. Dabei wurde darauf geschaut, wie es mit der Zielvereinbarung vorangeht, und gefragt, ob es Unterstützungsbedarf gibt. In den ersten zwei bis drei Jahren konnte ich schon etwa 60 Prozent der vereinbarten Ziele erfüllen und war insofern ganz gut aufgestellt. Was sich in meinem Fall als günstig herausgestellt hat: Ich bin im Mai eingestellt worden und hatte bis zum Wintersemester noch keine Lehrveranstaltungen. Ich hatte also Zeit, mich zu orientieren und zu sortieren, gleich mit den Publikationen zu beginnen und mich auf die Drittmittelakquise zu fokussieren. Es kam nie das Gefühl auf, dass man mir – wie man so sagt – die Pistole auf die Brust setzt. Stattdessen habe ich die Zielvereinbarung eher als Leitfaden verstanden, der für den Einstieg durchaus nützlich war.
Dennoch braucht es ein Umfeld, das diese Vereinbarungen als Entwicklungsinstrument versteht – nicht als Mittel zur Kontrolle. Deshalb ist es wichtig, die Ziele so zu formulieren, dass sie ambitioniert, aber erreichbar und transparent sind.
F&L: Stand die Entscheidung zur Entfristung schon länger fest oder wussten Sie wirklich erst ganz zum Schluss, dass es geklappt hat?
Naime Çakir-Mattner: Die Unsicherheit bleibt bis zuletzt, obwohl ich eigentlich keinen Grund hatte anzunehmen, dass ich nicht übernommen werde. Ich hatte die Anforderungen sehr gut erfüllt und es hatte sich eine gedeihliche Zusammenarbeit im Fachbereich entwickelt. Auch sonst wurde meine Arbeit gesehen und wertgeschätzt. Nachdem die Evaluation positiv verlaufen war, habe ich trotzdem eine Entlastung von einer Anspannung bemerkt, die ich zuvor gar nicht wahrgenommen hatte.
Aktuell würde ich wahrscheinlich mehr Druck spüren, weil es in Hessen im Zuge des Hochschulpakts zu vielen Kürzungen kommt. Wenn man in einem guten Umfeld ist wie ich, wird man als W1-Professorin gleichberechtigt behandelt. Trotzdem ist man eben keine W2- oder W3-Professorin, sondern befristet angestellt, was eine gewisse Ungewissheit mit sich bringt. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau: Für mich war es trotzdem ein Lottogewinn.
"Es sollte tatsächlich eine Professur sein und keine bessere Stelle für eine Postdoktorandin oder wissenschaftliche Mitarbeiterin."
F&L: In Ihrem Fall hat sich der Tenure Track als erfolgreicher Weg zur Professur erwiesen. Was sind Ihrer Meinung nach Gelingensbedingungen?
Naime Çakir-Mattner: Ich denke, dass es eine Rolle spielt, wo die Professur strukturell verankert ist. Eine gewisse Eigenständigkeit gibt der W1-Professorin den Spielraum, ihre Arbeit zu tun. Es sollte tatsächlich eine Professur sein und keine bessere Stelle für eine Postdoktorandin oder wissenschaftliche Mitarbeiterin. Und als solche sollte sie dann auch behandelt werden. Meine Professur beispielsweise wurde über ein Drittmittelprojekt finanziert, sodass ich relativ autonom meiner Forschung nachgehen konnte. Sie war außerdem mit einer 25-Prozent-Sekretariatsstelle ausgestattet. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
Eine regelmäßige Rückmeldung, wie ich sie über die Statusgespräche erhalten habe, ist auch sehr hilfreich. Außerdem habe ich wie bereits erwähnt sehr davon profitiert, dass ich zu Beginn etwas Zeit zur Orientierung hatte. Zum Ende hin brauchte ich noch einmal eine Art Forschungssemester, um zu Forschungszwecken im Ausland unterwegs sein zu können. Gemeinsam mit dem Dekanat wurde eine Lösung gesucht und ich konnte Lehrveranstaltungen vorziehen. Diese Flexibilität ist wichtig.
Die Tenure-Track-Phase ist ein Zeitraum, in dem man sich bewusst weiterentwickeln und die Augen offenhalten sollte. Fort- und Weiterbildungen, auch außerhalb der eigenen Universität, können enorm hilfreich sein, um das eigene Profil zu schärfen.
Mehr zum Thema in der aktuellen F&L-Ausgabe
Lesen Sie im November-Heft von Forschung & Lehre den Beitrag von Jasmin M. Kizilirmak und Yvette E. Hofmann: "Zwischen Belastung und Balance. Neue Perspektiven auf den Tenure Track".
F&L: Wo sehen Sie noch Verbesserungsbedarf beim Tenure-Track-Modell?
Naime Çakir-Mattner: Gut wäre, wenn Forschungssemester auch auf der Juniorprofessur beantragt werden könnten. Das habe ich übrigens auch auf der Fachbereichsratssitzung angeregt. Zum Glück konnte in meinem Fall eine Lösung im Rahmen der bestehenden Regelung gefunden werden. Wie Sie sehen, war mein Umfeld sehr zuvorkommend.
Ansonsten kann man natürlich immer etwas verbessern: Sicher wäre eine bessere Ausstattung wünschenswert, auch wenn das angesichts der aktuellen Kürzungen eher unrealistisch ist. Im Idealfall würde die W1-Professur der W2-Professur strukturell und finanziell gleichgestellt. Auf Juniorprofessuren wird schließlich nicht weniger geleistet als auf anderen Professuren – und man muss sich darüber hinaus noch bewähren und beweisen. Die Leistungsfähigkeit einer Professur hängt aber nicht zuletzt davon ab, welche Personal- und Sachmittel zur Verfügung gestellt werden. Sie sind ja auch nur ein Mensch und Ihr Tag hat auch nur 24 Stunden.
Ich empfehle deshalb Kolleginnen und Kollegen, bereits im Rahmen der Tenure-Track-Vereinbarung verbindlich festzuhalten, welche Ausstattung sie nach einer positiven Evaluation erwarten können. Es ist entscheidend, dass Zusagen zu Personalstellen, Sachmitteln oder räumlichen Ressourcen frühzeitig geklärt und möglichst schriftlich fixiert werden. Wenn diese Punkte erst nach der Entfristung verhandelt werden, kann es schwierig werden. Eine transparente und vertraglich abgesicherte Regelung schafft hier nicht nur Planungssicherheit, sondern stärkt auch die strukturelle Eigenständigkeit der Professur.
Tenure Track ist kein Automatismus
F&L: Hatten Sie eigentlich einen Plan B für den Fall, dass es nicht klappt?
Naime Çakir-Mattner: Ehrlich gesagt hatte ich keinen Plan B. Für mich war von Anfang an klar, dass es klappen muss. Und wenn es nicht geklappt hätte? Vielleicht hätte ich mir eine kleine Auszeit genommen, um zu überlegen, wie es weitergeht. Aber das sind alles Spekulationen, weil ich darüber gar nicht weiter nachgedacht habe. Denn eigentlich lässt dieser Weg, wenn Sie ihn erfolgreich gehen wollen, große Zweifel gar nicht zu.
Rückblickend würde ich sagen: Man sollte trotzdem parallel die Augen offenhalten – nicht aus mangelndem Vertrauen, sondern um den eigenen Marktwert zu kennen. Tenure Track ist kein Automatismus, und selbst bei einer positiven Evaluation heißt das nicht automatisch, dass die Rahmenbedingungen immer ideal sind. Externe Angebote können dazu beitragen, in Bleibeverhandlungen eine echte Verhandlungsposition zu haben.