Aufmerksamkeit
Konzentriert bei der (wissenschaftlichen) Sache
Forschung & Lehre: Was ist Aufmerksamkeitskontrolle im Arbeitskontext?
Cornelia Niessen: Unter Aufmerksamkeit versteht man die Fähigkeit, die Informationsverarbeitung im Dienste eines zielbezogenen Verhaltens zu regulieren. Das heißt, dass ich meine Aufmerksamkeit allein den Informationen widme, die meinem Ziel dienen. Viele klagen darüber, dass es heute schwieriger ist, fokussiert zu bleiben. Wir sind permanent mit potentiell relevanter Information konfrontiert, sei es aus der digitalen oder der analogen Welt. Wir werden entweder von außen unterbrochen oder erleben einen inneren Zielkonflikt, sodass wir uns immer wieder entscheiden müssen: Bleibe ich bei dem, was ich eigentlich tue, oder gebe ich dem anderen nach? Im Bereich der Wissenschaft könnte das so aussehen: Ich muss eine Begutachtung für ein Peer-Review-Verfahren schreiben. Parallel dazu liegen zu korrigierende Bachelorarbeiten auf meinem Schreibtisch und ich muss meine Lehre vorbereiten. Den ganzen Tag über werden aber noch andere Aufgaben an mich herangetragen, während ich mich eigentlich auf die Review konzentrieren möchte. Wir alle müssen ständig Unwichtiges ausblenden und zum Beispiel bei der Literaturrecherche das Interessante begrenzen. Aber – und ich möchte das direkt am Anfang betonen – die Regulation unserer Aufmerksamkeit ist keine rein individuelle Frage der Willenskraft. Sie hängt auch mit der Arbeitsorganisation zusammen, mit den Strukturen, in denen wir arbeiten, und mit dem Umfang an Informationen, denen wir ausgesetzt sind.
F&L: Aber Personen sind schon unterschiedlich gut darin, sich auf etwas zu konzentrieren, oder?
Cornelia Niessen: Ja, natürlich ist Aufmerksamkeitskontrolle eine persönliche Fähigkeit mit individuellen Unterschieden. Allerdings sind die Anforderungen heute so vielfältig, dass individuelle Willenskraft allein häufig nicht ausreicht. Wir müssen unsere Arbeit so organisieren, dass sie die Aufmerksamkeitskontrolle nicht ausschließlich dem Individuum überlässt, sondern durch passende Strukturen, Prozesse und Informationssysteme unterstützt. Auch die Institutionen, in denen wir arbeiten, sollten dazu beitragen, denn Aufmerksamkeitskontrolle ist nicht nur Privatangelegenheit. Vor dem Hintergrund der heutigen Informationsfülle erscheint es sinnvoll, die individualbezogene Perspektive um arbeitsorganisatorische und strukturelle Aspekte zu erweitern.
F&L: Welche Auswirkungen hat es, wenn wir unkonzentriert arbeiten?
Cornelia Niessen: Wenn man sich eigentlich nicht mehr konzentrieren kann, muss man deutlich mehr Anstrengung aufbringen, um den Fokus zu halten. Im schlechtesten Fall nehmen wir Aufgaben in unsere Erholungszeiten mit. Dadurch werden diese Zeiten unterbrochen und es beginnt ein Teufelskreis: Wir erholen uns nie richtig und erlangen dadurch nicht unsere volle Aufmerksamkeit wieder. Bei unzureichender Erholung fällt es schwerer, Selbstkontrolle aufrechtzuerhalten. Wir können bestimmte Impulse nicht mehr unterdrücken, lenken uns ab, klicken schnell irgendwo hin, weil wir etwas anderes erleben wollen.
F&L: Stellt der Arbeitsalltag in der Wissenschaft besondere Anforderungen an die Aufmerksamkeitskontrolle?
Cornelia Niessen: Ja, es sind sehr hohe Anforderungen. In der Wissenschaft bewegen wir uns an der Schnittstelle von Forschung, Lehre, Verwaltung und häufig auch Führungsverantwortung. Dadurch entstehen viele parallele Aufgaben, unterschiedliche Informationsströme und wechselnde Anforderungen. Hinzu kommt ein Erwartungs- und Leistungsdruck, der gerade für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler sehr belastend sein kann.
F&L: Gehört es zur Verantwortung von Hochschulen und Forschungseinrichtungen, ein Umfeld zu schaffen, in dem konzentriertes Arbeiten möglich ist?
Cornelia Niessen: Aus der Perspektive der Arbeitsgestaltung, ja. Professorinnen und Professoren haben in der Regel einen relativ großen Handlungsspielraum. Sie können ihre Arbeit häufig selbst strukturieren, konzentrierte Arbeitsphasen schützen und sich Störungen zeitweise entziehen — etwa indem sie nicht auf Telefonanrufe oder E-Mails reagieren. Wichtig ist, dass solche fokussierten Arbeitszeiten auch für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler möglich und legitim sind. Die Hochschule kann zudem Bedingungen schaffen, die die Aufmerksamkeitskontrolle unterstützen. Dazu gehört eine klare Kommunikationskultur: Welche Informationen werden über welche Kanäle geteilt, wie viele Redundanzen entstehen, und wie kurzfristig werden Anforderungen kommuniziert? Auch Verwaltungsprozesse sollten möglichst transparent, planbar und effizient sein. Gerade weil Verwaltungsarbeit wichtig ist, sollte sie so organisiert sein, dass Professorinnen und Professoren administrativ ausreichend unterstützt werden.
F&L: Wie können Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler ihre Arbeitsprozesse optimieren?
Cornelia Niessen: Zunächst sollten sie schauen, was ihnen die bestmögliche Konzentration erlaubt. Beispielweise könnte es helfen, direkt morgens zu schreiben. Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler brauchen Publikationen, Drittmittel und natürlich auch etwas Erfahrung, wie eine Universität funktioniert. Aber sie sollten vor zu vielen Verwaltungsaufgaben so gut wie möglich geschützt werden. Da sind die Hochschule sowie die Professorinnen und Professoren in der Verantwortung.
F&L: Sie haben die Arbeitsorganisation angesprochen. Welche Bedeutung hat sie und wie kann man sie verbessern?
Cornelia Niessen: Die eigene Arbeitsorganisation hat große Bedeutung für die Aufmerksamkeitskontrolle. Ich habe bereits über die vielen Priorisierungen gesprochen, die wir täglich vornehmen müssen. Aufmerksamkeitskontrolle ist begrenzt verfügbar und selbst ressourcenabhängig. Arbeitsumgebungen, die kontinuierlich Relevanzentscheidungen erfordern, erhöhen die kognitive Regulationsanforderung: Beschäftigte müssen nicht nur die eigentliche Aufgabe bearbeiten, sondern fortlaufend entscheiden, welche Informationen sie ignorieren, verschieben oder aufgreifen. Viel klüger ist es, unsere Arbeit so zu organisieren, dass uns die Aufmerksamkeitskontrolle leicht fällt. Wir sollten uns eine Arbeitsumgebung schaffen, die ablenkungsarm ist. Es hilft auch, wenn wir uns eine konkrete Aufgabe für einen Zeitraum vornehmen und uns während diesem gegen konkurrierende Informationen abschirmen. Bei einer Unterbrechung sollte man den geplanten nächsten Schritt notieren. So kann man im Anschluss leichter wieder einsteigen. To-Do-Listen sehe ich etwas ambivalenter: Es gibt Menschen, für die diese Art der Vorstrukturierung wichtig ist. Für andere Personen ist sie kontraproduktiv, weil sie am Ende des Tages sehen, dass sie die Hälfte ihrer Aufgaben nicht geschafft haben. Als Professorinnen und Professoren haben wir sowieso einen recht vollen Terminkalender. Statt einer To-Do-Liste empfehle ich, im Vorfeld zu überlegen, was in einer jeweiligen Woche wichtig ist und wie es in den Terminkalender eingepreist werden kann. Tag für Tag sollte man die Aufmerksamkeit dann auf die wichtigsten Anforderungen legen.
F&L: Hat es auch einen Einfluss, ob eine Aufgabe interessant ist?
Cornelia Niessen: Ja, das ist ein sehr großer Einflussfaktor. Wenn mich eine Aufgabe nicht interessiert, ist es deutlich schwieriger, meine Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Während ich sie erledige, sind in meinem Kopf gleichzeitig andere Dinge, die mir vielleicht größere Freude versprechen. Die Selbstführungsforschung sagt, dass man unliebsame Aufgaben an etwas Positives koppeln sollte. Man kann sich beispielsweise auf ihr Ergebnis konzentrieren. Auch könnte man während ihrer Erledigung schöne Musik hören. Ebenfalls kann es helfen, nur für ein sehr kurzes Zeitfenster pro Tag an der Aufgabe zu arbeiten, dafür dann aber bei voller Konzentration.
F&L: Sie haben zu digitalen Ablagesystemen geforscht. Was haben diese mit Aufmerksamkeitskontrolle zu tun?
Cornelia Niessen: Ein gutes Computer-Ablagesystem mit eindeutigen Dateinamen dient der Aufmerksamkeitskontrolle, ebenso das regelmäßige Löschen und Archivieren. Unordnung erfordert zusätzliche kognitive Arbeit: Man muss Dateien suchen, vergleichen und entscheiden, welche Version man benötigt. Dabei kann man schnell den Fokus verlieren. Im Rahmen eines DFG-Forschungsprojekts habe ich zusammen mit Professorin Ute Schmid aus Bamberg und meiner Mitarbeiterin Dr. Kyra Göbel zu KI-gesteuerten Assistenzsystemen geforscht, die beim Löschen und Sortieren von Dateien helfen. Wichtig ist, dass die Systeme erläutern, warum sie etwas zum Löschen vorschlagen. Dann empfinden Menschen sie als Hilfe, um Kontrolle über ihre Informationen zu erlangen. Mit dem Löschen müssen sie aber auch innerlich loslassen und aufhören, über die gelöschte Datei nachzudenken, sonst kann sie weiter ablenkend wirken.
F&L: Wie können Interessierte mehr über ihre Aufmerksamkeit und deren Hindernisse erfahren?
Cornelia Niessen: Ich empfehle, für zwei, drei Tage ein Zeit- und Energie-Tagebuch zu führen, in dem man sich akribisch aufschreibt, was man wann tut und wie man sich dabei fühlt. So erhält man einen Eindruck davon, wie sich die Aufmerksamkeit über die Zeit verteilt. Man erkennt, wann und wo man sich gut konzentrieren kann. Vielleicht findet man dabei heraus, dass nachmittags um 17 Uhr für einen persönlich keine gute Zeit für konzentriertes Arbeiten ist. Dann sollte man sich so organisieren, dass man zu dieser Zeit statt zu schreiben etwas anderes erledigt. Auch eine Selbstbeobachtung kann helfen: Wer über einige Tage festhält, wann Ablenkungen auftreten, etwa spontanes Internetsurfen, erkennt Muster der eigenen Aufmerksamkeitssteuerung. Wichtig ist, dies nicht als persönliches Versagen zu bewerten. Es geht darum, Ansatzpunkte für Veränderung zu identifizieren.
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Forschung & Lehre 8/2026 mit dem Themenschwerpunkt "Aufmerksamkeit" ist am 31. Juli 2026 erschienen. Auszüge der jeweils neuesten Ausgabe können Sie hier online lesen.