Das rote Logo des German Academic International Network, kurz GAIN, zeigt symbolhaft verschieden rotfarbene Quadrate, die in Verbindung zueinander stehen.
GAIN/Barak Shrama

Internationale Tagung
GAIN gezeichnet von verunsicherter US-Wissenschafts-Community

Die Rückkehrbörse für deutsche Forschende hat nicht-deutsche Postdocs angelockt. Viele sind an Karriereoptionen in Deutschland interessiert.

02.09.2025

Die diesjährige Tagung des German Academic International Network (GAIN) in Boston erreichte mit rund 600 Teilnehmenden aus Deutschland und den USA überdurchschnittliche Besuchszahlen. Mehr als 200 deutsche Postdocs zeigten Interesse an Rückkehrmöglichkeiten nach Deutschland. Dies meldet die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die die Veranstaltung zusammen mit der Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH) und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) jährlich organisiert. Zu den Teilnehmenden gehörten demnach auch rund 100 internationale Postdocs noch ohne konkrete Beziehung zum deutschen Wissenschaftssystem, Landeswissenschaftsministerinnen beziehungsweise -minister sowie zahlreiche Delegierte aus Bundestag, Wissenschaft, Wirtschaft und außeruniversitärer Forschung. 

Vorherrschendes Gesprächsthema war die politische Situation in den USA. "Wir alle, die Wissenschaftsgemeinschaft in Deutschland ebenso wie weltweit, verfolgen diese Entwicklung mit Entsetzen. Es ist uns daher ein besonderes Anliegen, die Solidarität mit unseren Kolleginnen und Kollegen in den USA zum Ausdruck zu bringen und Wissenschaftler*innen, die ihre Arbeit nicht mehr frei durchführen können, zu unterstützen", sagte DFG-Präsidentin Professorin Katja Becker in ihrer Begrüßung. Die Forschungsgemeinschaft erschließe derzeit durch bilaterale Zusammenarbeit und globalen Austausch neue Wege der Forschungszusammenarbeit. 

"Es ist uns daher ein besonderes Anliegen, die Solidarität mit unseren Kolleginnen und Kollegen in den USA zum Ausdruck zu bringen."
DFG-Präsidentin Professorin Katja Becker

"Fortschritt entsteht durch Austausch, durch die Vielfalt der Perspektiven. Wer den globalen Austausch in der Wissenschaft erschwert, wer die Freiheit der Wissenschaft durch nationale Regulierungen und Gängelung einschränkt, gefährdet nicht nur die Demokratie, sondern den Wohlstand und die Zukunftsfähigkeit der Menschheit", sagte der Präsident der Humboldt-Stiftung Professor Robert Schlögl dazu. Es sei ein Trugschluss zu glauben, man könne Bedarfe einzelner Nationen allein innerhalb eigener Grenzen lösen und dass Renationalisierung eine Option sei. 

"Die GAIN-Jahrestagung in Boston hat einmal mehr gezeigt, wie groß die internationale Strahlkraft deutscher Wissenschaft ist und wie wichtig der Austausch mit deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im Ausland bleibt", kommentierte die Geschäftsführerin des Deutschen Hochschulverbands (DHV), Dr. Yvonne Dorf, ihre Eindrücke auf Anfrage von Forschung & Lehre. Die Rückmeldungen der Teilnehmenden hätten dem DHV bestätigt, dass die GAIN eine einzigartige Plattform ist, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Orientierung zu geben. 

Teilnehmende aus Deutschland werben um US-Forschende 

Auf der Talent Fair haben viele Einrichtungen aus Deutschland den Postdocs Karrieremöglichkeiten vorgestellt und offene Stellen präsentiert, heißt es von der DFG. Gegenüber Table.Briefings haben anwesende Postdocs ihre Ängste geäußert bezüglich Themen wie Aufenthaltserlaubnis, Jobverlust und Bedeutungsverlust der Hochschulen. Einige seien sogar von ihren Vorgesetzten oder Career Services zur Jobsuche im Ausland ermuntert worden. 

DAAD-Präsident Professor Joybrato Mukherjee betonte, dass die GAIN-Tagung seit einem Vierteljahrhundert ein erfolgreiches Forum für den Dialog über internationale Wissenschaftskarrieren und den Wissenschaftsstandort Deutschland sei. "Heute ist Deutschland mit rund 75.000 Forschenden an Hochschulen und öffentlichen Forschungseinrichtungen nach den USA das zweitwichtigste Gastland für internationale Wissenschaftler*innen", führte Mukherjee aus. Im Nachklapp zur Tagung wies die AvH über ihre LinkedIn-Seite auf Englisch darauf hin, dass die Global-Minds-Initiative Spitzenforscherinnen und Spitzenforschern die Möglichkeit biete, nach Deutschland zu kommen. 

"Heute ist Deutschland mit rund 75.000 Forschenden an Hochschulen und öffentlichen Forschungseinrichtungen nach den USA das zweitwichtigste Gastland."
DAAD-Präsident Professor Joybrato Mukherjee

"Der Deutsche Hochschulverband konnte zahlreiche deutsche wie auch internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich für eine Karriere in Deutschland interessieren, vor Ort unter anderem zu Rückkehrstrategien und Karrierewegen in der Wissenschaft beraten und Einblick in Bewerbungs- und Berufungsverfahren an deutschen Hochschulen geben", erläutert DHV-Geschäftsführerin Dorf. Es habe großen Zulauf am DHV-Messestand gegeben und eine hohe Resonanz auf die Beratungsangebote des Verbands. 

Rolf-Dieter Jungk, Staatssekretär im Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), hat der DFG zufolge im Rahmen der GAIN-Tagung zudem die Global-Minds-Initiative der Bundesregierung vorgestellt, die unter Beteiligung von Humboldt-Stiftung, DFG und DAAD international mobilen weltweit Forschenden neue Karriereperspektiven in Deutschland eröffnen soll. Mit dem sogenannten 1.000-Köpfe-plus-Programm möchte das BMFTR nach eigenen Angaben einen "sicheren Hafen der Forschungsfreiheit" für die "besten Köpfen" aus der ganzen Welt anbieten. Dazu erklärt Bundesforschungsministerin Dorothee Bär kürzlich in einer Pressemitteilung, das Programm sei "gedanklich eng verknüpft mit unserer Hightech Agenda Deutschland. Wenn wir bei Schlüsseltechnologien wie Künstlicher Intelligenz oder Mikroelektronik an der Weltspitze mitspielen wollen, ist internationaler Austausch unverzichtbar." 

Im Interview mit Table.Briefings im Rahmen der GAIN stellte die Vorsitzende der Wissenschaftsministerkonferenz (WissMK), Bettina Martin, klar, dass es bei der Global-Minds-Initiative um Wettbewerb gehe, wobei Harvard, Yale oder Princeton hochattraktiv blieben und nicht zu überbieten seien. "Deshalb ist es wichtig, Kooperationen zu stärken, Netzwerke zu pflegen, Forschende nach Deutschland einzuladen. Nur so bleiben wir im internationalen Wettbewerb sichtbar", so Martin. Gleichzeitig seien Kooperationen, Teilberufungen oder gemeinsame Förderprogramme Wege, um auch Forschende, die in den USA bleiben wollen, zu unterstützen und enger an Deutschland zu binden.

cva