Eine Dozentin spricht in einem Hörsaal mit Studierenden und gestikuliert dabei.
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Karrierepraxis
Stimme und Sprechweise in der Hochschul-Kommunikation

Ein erheblicher Teil der Kommunikation im Wissenschaftskontext findet mündlich statt. Die Stimme ist für das Gelingen bedeutsamer als oft angenommen.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommunizieren auf vielerlei Weise. Sie publizieren Bücher und Aufsätze, formulieren Anträge, schreiben Gutachten und versenden E-Mails. Geschriebene Sprache ist ein wichtiges Medium ihrer Kommunikation. Sie teilen sich aber auch mündlich mit, indem sie ihre Stimme einsetzen: in der Vorlesung, im Seminar, bei einem Kongressvortrag mit anschließender Diskussion, aber auch bei einer Fakultätsratssitzung oder in einer Sprechstunde, am Telefon oder bei einer Videokonferenz. Öff entlich zu sprechen ist selbstverständlicher und wichtiger Bestandteil wissenschaftlicher Berufspraxis. Dabei hängen Gelingen und Misslingen mündlicher Kommunikation stark vom Einsatz der Stimme und der Art des Sprechens ab. 

Ein Beispiel für misslungene Kommunikation: Jenningers Rede  

Ein bekanntes und vielfach untersuchtes Beispiel für das Scheitern von Kommunikation ist die Rede, die Philipp Jenninger am 10. November 1988 anlässlich des 50. Jahrestags der Reichspogromnacht (9. November 1938) im Deutschen Bundestag hielt. Jenninger löste einen Skandal aus, der am nächsten Tag zu seinem Rücktritt vom Amt des Bundestagspräsidenten führte. 

Die Gründe für den Eklat sind komplex. Vor dem Hintergrund politischer und ideologischer Spannungen, die sich bereits im Vorfeld der Rede aufgebaut hatten, entzündete sich heftige Kritik an Jenningers Versuch, den Erfolg Hitlers und der Nationalsozialisten aus der Perspektive der Deutschen in den 1930er-Jahren heraus zu erklären. Zu einem Desaster wurde die Rede aber nicht nur aufgrund missglückter Formulierungen und unklarer Gedankengänge, sondern auch durch Jenningers Mangel an Redekunst. Er las seinen Text in einem hohen und monotonen Sprechtempo ab, artikulierte undeutlich und sprach mit gleichbleibender Lautstärke. Begriff e aus dem Nazivokabular, die im Redemanuskript in distanzierende Anführungszeichen gesetzt waren, sprach Jenninger ohne entsprechende stimmliche Markierung, sodass zeitweise der Eindruck entstand, er würde selbst nationalsozialistische Positionen vertreten. 

Dass es nicht nur der Wortlaut der Rede war, der zum Skandal führte, sondern auch Jenningers Vortragsweise wesentlich zum eklatanten Scheitern beitrug, zeigte sich genau ein Jahr nach der Gedenkfeier. Ignatz Bubis, der zweite Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, hielt in der Frankfurter Synagoge zum 51. Jahrestag der Novemberpogrome eine Rede, für die er, wie er erst später bekanntgab, längere Passagen von Jenningers Rede unverändert übernommen hatte. Dieses Mal nahm niemand Anstoß.

Stimme und Sprechweise In der mündlichen Kommunikation kommt es nicht nur auf die Stimme an, es wird vielmehr ein Ensemble von verbalen, paraverbalen und nonverbalen Mitteln genutzt: 

  • Mit dem sprachlichen Ausdruck — also mit Wortwahl, Satzstellung, Struktur und Aufbau -– werden nicht nur neutrale Fakten vermittelt, sondern auch die innere Haltung des Sprechenden, seine Einstellung zum Thema und die Beziehung zum Gegenüber zum Ausdruck gebracht. Erfolgreiche verbale Kommunikation setzt neben themen- und situationsangemessenen Formulierungen Klarheit und Kohärenz voraus, damit die Inhalte eff ektiv, verständlich und nachvollziehbar präsentiert werden.
     
  • Paraverbale Kommunikation betriff t die Art und Weise, wie gesprochen wird, und dazu gehört in erster Linie der Gebrauch der Stimme, der Sprechmelodie, Betonung und Sprechgeschwindigkeit einschließt. Paraverbale Merkmale bestimmen in hohem Grad die (Be-) Deutung der Inhalte und vermitteln Emotionen.
  • Nonverbale Kommunikation umfasst die Körpersprache — Blickkontakt, Mimik, Gestik, Körperhaltung und -bewegung. Diese Elemente haben ebenfalls einen großen Einfl uss darauf, wie das Gesagte wahrgenommen wird. Eine angemessene Körpersprache kann Verständlichkeit, Authentizität und Glaubwürdigkeit unterstützen. 

Im wissenschaftlichen Alltag muss wohl niemand befürchten, sein Amt aufgrund mangelnder Redefertigkeit zu verlieren. Erfolgreiches Kommunizieren ist aber dennoch in allen Bereichen nicht nur wünschenswert, sondern auch notwendig. Wer bei einem Vortrag den Redetext monoton abliest, kaum Pausen macht und keinen Blickkontakt zum Publikum aufnimmt, läuft Gefahr, mit der Zeit die Aufmerksamkeit eines Teils der Zuhörenden zu verlieren, weil diese sich zu wenig angesprochen fühlen. Auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die es gewohnt sind, sich auf inhaltliche Aussagen zu konzentrieren, hören aufmerksamer zu, wenn jemand mit einem Bewusstsein für differenzierten Ausdruck zu ihnen spricht. 

Kommunikationsmittel Stimme 

Voraussetzung für das Gelingen mündlicher Kommunikation ist eine funktionstüchtige Stimme. Menschen, die aus organischen oder anderen Gründen stumm sind, verständigen sich auf andere Weise, etwa mittels Gebärdensprache. Die meisten Menschen verfügen über eine Stimme, mit der sie sprechen, singen und unterschiedlichste Laute hervorbringen. Dabei können Stimmen ganz verschieden sein. Einige Menschen verfügen von Natur aus über ein lautes Organ, das sie beim Sprechen oder Singen selbstbewusst erklingen lassen, andere haben eher leise Stimmen, mit denen sie sich nicht gegen andere Stimmen und Umgebungsgeräusche durchsetzen können. Während manche Menschen scheinbar mühelos stundenlang sprechen können, werden andere nach einer Weile heiser. Jeder Mensch hat seine eigene Stimme, und die gilt es oft erst einmal richtig kennenzulernen. Wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass die Stimme keine unveränderliche Gegebenheit ist. Durch sinnvolles Üben kann sie lauter und ausdauernder werden, an Ausdruck gewinnen und die Fähigkeit zu vielfältiger Differenzierung der Sprechweise erlangen. 

Einige Hochschulen bieten Kurse an, die in die Grundlagen guten Sprechens einführen. Wo dies nicht der Fall ist, kann es hilfreich sein, sich mit einer Logopädin oder einem Sprecherzieher in Verbindung zu setzen und eine Bestandsaufnahme der eigenen Sprechweise machen zu lassen. Gelegentlich zeigen sich dabei bisher unbeachtet gebliebene Stimmschäden, die einer Behandlung bedürfen. Wichtige Erkenntnisse über die individuelle Sprechweise vermitteln auch Sprachaufnahmen der eigenen Stimme, die wir selbst ganz anders wahrnehmen als die Menschen in unserer Umgebung. 

Und schließlich sollte man achtsam mit der Stimme umgehen. Durch eine falsche Sprechweise kann die Stimme überlastet werden, Fehlfunktionen können sich einstellen, die ohne fachliche Betreuung meist nicht mehr verschwinden. Man kann der Stimme aber auch dadurch schaden, dass man ihr zu wenig zutraut. An der Erzeugung der Stimme sind etliche Muskeln beteiligt, die man trainieren kann und sollte. Wie in vielen Bereichen gilt es auch hier, eine sinnvolle Balance zwischen Spannung und Entspannung zu finden. 

Schwerpunkt Wissenschaftskommunikation

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Kommunikationssituationen 

Die Stimme ist ein vielseitiges Kommunikationsmittel, das flexibel eingesetzt werden kann. Jede Kommunikationssituation stellt spezifische Anforderungen an den Einsatz verbaler, nonverbaler und paraverbaler Kommunikationsmittel und verlangt demnach auch nach einer situationsgemäßen Sprechweise. Die jeweilige Kommunikationssituation lässt sich durch eine Reihe von Fragen definieren: Wer spricht zu oder mit wem, worüber, wie, wann, wo, warum (Anlass) und wozu (Ziel)? 

So unterscheiden sich eine Vorlesung in einem großen Hörsaal, eine Fachdiskussion mit Kolleginnen und Kollegen oder auch eine Konsultation in diesen Fragen deutlich voneinander. Fachliche Kompetenzen (Worüber?) sowie verbale Geschicktheit und emotionale Beteiligung (Wie?) seien in allen drei Fällen vorausgesetzt. Aber schon die Frage „Wer spricht?“ muss für ein und dieselbe Person differenziert beantwortet werden, weil es sich um unterschiedliche Rollen handelt, die sie einnimmt: Einmal ist sie eine Person, die informiert, dann eine Person, die fachlichen Austausch sucht, und schließlich eine, die berät. Dementsprechend müssen Stimme und Sprechweise in Kombination mit paraverbalen Mitteln für eine erfolgreiche Interaktion gezielt unterschiedlich eingesetzt werden. 

Diese Anforderung gilt auch für die anderen Aspekte, die die jeweilige Kommunikationssituation bestimmen, von denen zwei hier noch beispielhaft erläutert werden sollen: 

  • Zu oder mit wem wird gesprochen?
    Die Studierenden, die eine Vorlesung mehr oder weniger motiviert verfolgen, bringen unterschiedliche Vorkenntnisse und Erwartungen mit. Diese Situation verlangt eine flexible, tragfähige und belastbare Stimme, für die eine Redezeit von 90 Minuten kein Problem ist (auch wenn ein Mikrofon benutzt wird), und eine Sprechweise, die die Inhalte sehr gut begleitet, die für Aufmerksamkeit sorgt und das Verstehen erleichtert. Im Fachgespräch sind vermutlich die Beteiligten bekannt, sie sind interessiert und können sich gleichberechtigt einbringen. Stimme und Sprechweise werden gegenüber der Vorlesung einerseits wesentlich entspannter eingesetzt, andererseits aber auch präziser mit den Inhalten verknüpft, indem wichtige Wörter deutlich hervorgehoben, die Position und Länge von Sprechpausen und die Melodieverläufe genau angepasst werden. Im Beratungsgespräch wiederum steht das Gegenüber mit seinem Anliegen im Mittelpunkt und verlangt eine zugewandte, ruhige Sprechweise und eine entspannte Stimme. 
     
  • Wo wird gesprochen?
    Auch die räumlichen Bedingungen wirken sich in starkem Maße auf den Gebrauch der Stimme und auf die Sprechweise aus: Lautstärke, Sprechtempo, Sprechpausen, Sprechrhythmus, auch die Genauigkeit der Artikulation müssen an einen großen, mit vielen Anwesenden gefüllten Raum angepasst werden. Im Vergleich dazu sollte die stimmliche Aktivität in einem Besprechungsraum deutlich zurückgenommen werden. 

Ähnlich ließen sich die teils großen Unterschiede bei den anderen oben genannten Fragen darstellen. 

Allen an der Hochschulkommunikation Beteiligten sollte klar sein, dass Lehrerfolge, fachliche Ausstrahlung und persönliche Wirkung auch an die stimmlichen Fähigkeiten und eine situationsangemessene Sprechweise gebunden sind. Jeder sollte versuchen, seinen sprachlichen und sprecherischen Ausdruck kontextbezogen zu optimieren. 

Weiterführende Literatur zum Thema: Allhoff, D.-W., Allhoff, W. (182021). Rhetorik & Kommunikation: Ein Lehr- und Übungsbuch. Ernst Reinhardt Verlag.