Eine Tutorin spricht vor Studierenden in einem Seminarraum und erläutert Zusammenhänge der Inhalte aus der Vorlesung.
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Karrierepraxis
Tutorien für MINT-Fächer

Die Hauptverantwortung für Tutorien und deren Verzahnung mit den Vorlesungen liegt bei den Dozierenden. Eine praxisorientierte Hilfestellung.

Grundlagenorientierte Vorlesungen und Seminare der MINT-Fächer an Universitäten werden oft durch Tutorien ergänzt. Diese Übungen in kleinen Gruppen werden meist von Studierenden höherer Semester geleitet. Das Lehrpersonal der Veranstaltungen ist dabei mitverantwortlich für die Qualität der Übungen. Allerdings haben sowohl das Lehrpersonal als auch die Studierenden häufig keine didaktische Ausbildung. Daher fehlt in vielen Fällen das Wissen um zielführende Tutorienkonzepte.

Kriterien für die Gestaltung von Tutorien 

An der Freien Universität Berlin wurde im Fachbereich Mathematik und Informatik das Thema Gestaltung von Tutorien aufgegriffen und ein Leitfaden dazu entwickelt. Folgende Kriterien wurden zunächst als wesentliche Grundlage für gute Tutorien in MINT-Fächern identifiziert:

  • Alle Studierenden führen über einen längeren Zeitraum eine Lernaktivität durch (beispielsweise bearbeiten sie eine Aufgabe).
     
  • Kollaboration und Austausch werden im Tutorium regelmäßig gefördert.
     
  • Tutorien bieten einen Raum, in dem auch individuelle (zum Beispiel inhaltliche) Fragen auf Augenhöhe besprochen werden können.
     
  • Die Tutorien sind mit der Gesamtveranstaltung verzahnt.

Insbesondere der letzte Punkt verdeutlicht, dass Tutorien nicht isoliert betrachtet werden dürfen. Als unterstützende Veranstaltungen entfalten sie ihre lernfördernde Wirkung besonders dann, wenn sie in ein didaktisches Gesamtkonzept eingebettet sind. Dieses Gesamtkonzept orientiert sich an dem Ziel, die Veranstaltungen im Gesamten zu begleiten und die Zusammenarbeit der Lehrenden und Lernenden zu reflektieren. Rückmeldungen aus den Tutorien können Lehrpersonen helfen, die Kompetenzen der Studierenden zu berücksichtigen und damit den Lernerfolg fördern.

Bei Vorlesungen mit großer Teilnehmerzahl sollte in der Tutoriumsgruppe Zeit und Raum eingeplant werden, um insbesondere auf die Heterogenität und Diversität der Studierenden eingehen zu können. Da es sich bei den Tutorinnen und Tutoren ebenfalls um Studierende handelt, kann in diesem Rahmen eine vertrauensvolle Lernatmosphäre entstehen, in der die Lernenden ihre Fehler und individuellen Fragen einbringen.

Die entwickelten Prototypen (siehe Abbildungen 1 und 2, PDF) unterstützen die Lehrpersonen zunächst dabei, ein geeignetes Tutorienkonzept auszuwählen, das zur eigenen Lehrveranstaltung passt. Außerdem bieten sie Tutorinnen und Tutoren eine gute Anleitung. Als Ergänzung für erfahrene Lehrpersonen werden im Leitfaden noch zusätzliche Ideen zur Gestaltung und Einbettung von Tutorien in Form eines "Baukastensystems" vorgestellt. Eine wichtige Rolle spielen "Stolpersteine", die Hinweise zu Herausforderungen bei der Gestaltung von Tutorien sein können.

Bei vielen Methoden ist zum Beispiel das Zeitmanagement während des Tutoriums und in der Vorbereitung ein bekanntes Problem, das vor allem unerfahrene Tutorinnen und Tutoren noch lernen müssen. Selbst ein Quiz als aktivierende Methode benötigt bei höherer Qualität ausreichend Erstellungszeit. Daher empfiehlt es sich, die Quiz zu sammeln und weiterzugeben. Alternativ können auch Studierende die Quiz erstellen, gegebenenfalls unter Berücksichtigung von Feedback durch die betreuenden Tutorinnen und Tutoren. Zudem muss der Umgang mit "Classroom-Response-Systemen" gegebenenfalls erlernt werden. Beim "Pair-Programming" und bei Partnerarbeiten sollte darauf geachtet werden, dass die Leistung und Kompetenz der Studierenden nicht zu weit auseinander liegen. Viele Studierende wünschen sich Musterlösungen für die Übungsaufgaben, die ihnen Klarheit der Anforderungen und Sicherheit zu bieten scheinen. Als Alternative zu der zeitlich aufwendigen Erstellung durch das Lehrpersonal bietet es sich an, beispielhaft Lösungen von Studierenden zur Verfügung zu stellen. Um dem reinen "Abheften" der Lösung zuvorzukommen, bietet sich eine Diskussion von Lösungswegen im Tutorium an. Außerdem können bei der Korrektur der meist wöchentlich abzugebenden Übungsaufgaben Anmerkungen oder Fragen (zusätzlich zur üblichen Bewertung) dazu beitragen, dass Studierende sich mit ihren Lösungen auseinandersetzen. Durch die Möglichkeit, Lösungen zu überarbeiten, erstellen die Studierenden so ihre eigenen Musterlösungen.

Für die Gestaltung der Tutorien können auch spannende Methoden eingebunden werden, die originär nichts mit dem Tutorium selbst zu tun haben. Beispielsweise werden am Institut für Informatik "Exam Booklets" genutzt. Dabei dürfen die Studierenden regelmäßig Spickzettel abgeben, die über das gesamte Semester gesammelt werden. Zur Klausur dürfen sie dann genau diese Spickzettel als Hilfsmittel verwenden. Die kontinuierlichen Abgaben sorgen dafür, dass die Studierenden sich über das gesamte Semester auf ihre Klausur vorbereiten.

Literaturtipps

Bücking, U., Willert, M. (2025). Leitfaden Tutorium. Fachbereich Mathematik und Informatik (PDF). Freie Universität Berlin. 

Leitbild Studium und Lehre 2030 (PDF) (2021). Freie Universität Berlin. 

Vahrenhold, J. (Projektleitung Verbundkoordination), KETTI (2014-2017). Kompetenzerwerb für Tutorinnen und Tutoren in der Informatik, Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Technische Universität München, Universität Paderborn. 

Herrmann, D. (2024). Klausur Booklets zur Stärkung von Methodenkompetenzen und zur Reduktion von Prokrastination. In: Witt, T. et al. (Hrsg.). Diversität und Digitalität in der Hochschullehre. Bielefeld.