Symbolbild mit einer blauen Männerfigur, die auf unterschiedlich in die Höhe ragenden Linealen balanciert und Abgrüne zwischen ihnen überwindet.
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Interview
Über Seitenwechsel in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik

Seitenwechsel, beispielsweise von der Wissenschaft in die Wirtschaft, sind in Deutschland eher unüblich. Wie stark sind die Sphären getrennt?

15.05.2026

Forschung & Lehre: Herr Professor Büttner, der Begriff Seitenwechsel impliziert, die Systeme Wissenschaft, Politik und Wirtschaft seien streng voneinander getrennt. Trifft das zu? 

Sebastian Büttner: In der Soziologie ist das Denken in Differenzierungen von gesellschaftlichen Teilbereichen zu Recht sehr etabliert. Damit wird beschrieben, dass wir in einer arbeitsteiligen, hochspezialisierten Gesellschaft leben, in der sich unterschiedliche Teilbereiche mit ihren jeweils eigenen Logiken herausgebildet haben. Dies schließt auch unterschiedliche Lebenswelten im alltäglichen Sinne mit ein. Nach der Differenzierungstheorie unterscheidet die Soziologie auf der konzeptionellen Ebene beispielsweise Wirtschaft und Politik voneinander. 

In der Politik geht es demnach vor allem um Macht und Machterhalt. Das ist die zentrale Währung, denn mit Macht und Einfluss lassen sich bestimmte Gesetze auch durchsetzen. In der Wirtschaft wiederum müssen Unternehmen effizient geleitet und Gewinne erzielt werden. Der Fokus liegt hier auf wirtschaftlichem Denken und Handeln. In der Wissenschaft schließlich geht es in erster Linie um die Suche nach Erkenntnissen und nach Wahrheit, um das Entwickeln einer Wissenschaftlerpersönlichkeit, um Originalität und darum, innovative Forschungsideen zu generieren und diese möglichst gut zu publizieren. Diese Zielsetzung ist eine völlig andere als die, politisch tätig zu sein. 

Allerdings können sich die Teilbereiche überschneiden, denn politisches Handeln und Politik gibt es auch in der Wissenschaft. Es geht hier also nicht darum, die Teilbereiche als komplett abgekoppelt voneinander zu betrachten, sondern unterschiedliche Logiken und Erfahrungswelten zu betonen.

F&L: Karrieren, die sich über die verschiedenen Systeme hinweg entwickeln, sind in Deutschland keine Selbstverständlichkeit (im Gegensatz zu den USA beispielsweise). Woran liegt das? 

Sebastian Büttner: In Deutschland existiert eine ausgeprägte Tradition von Ausbildungen, die häufig sehr lange dauern – wie zum Beispiel in den klassischen Professionen Medizin und Jura. Menschen investieren sehr viel Zeit in ihre Ausbildung bzw. Bildung, entsprechend lange dauern die Karrieren. Dies begünstigt möglicherweise eine Art "Containerlogik": Menschen entscheiden sich irgendwann einmal für einen Bereich und bleiben dort. 

In der angelsächsischen Tradition stellt sich das anders dar: Nach einem Bachelor in einem allgemeinen Fach wie beispielsweise Geschichte spezialisiert man sich im Wirtschaftsrecht, danach folgt der Master. Dieses Modell begünstigt insbesondere in den USA einen Seitenwechsel – und das bereits im Studium. Ein weiterer Punkt: Durch das Konzept der Eliteuniversitäten in den USA treffen Menschen aufeinander, die ohnehin bereits der Oberschicht angehören – auch wenn durch Stipendien eine gewisse Durchlässigkeit besteht. So entwickelt sich eine Art übergreifende Netzwerkbildung, die Wissenschaft, Politik und Wirtschaft überformt. Das ist in Deutschland deutlich anders.

F&L: Diese sogenannte Containerlogik bestimmt auch das Wissenschaftssystem in Deutschland? 

Sebastian Büttner: Insbesondere in der Wissenschaft mit den traditionell sehr langen Ausbildungswegen durch Promotion und Habilitation wird man sehr stark im Hinblick auf eine wissenschaftliche Karriere dazu gezwungen, sich mit vollem Einsatz zu spezialisieren. Gerade auch das Wissenschaftszeitvertragsgesetz in Deutschland hat hierbei im Übrigen eine besonders ambivalente Wirkung: Es wird zwar gerne behauptet, das Gesetz führe dazu, dass die Menschen sich früher entscheiden (müssten), im oder außerhalb des Systems nach einer Alternative zu suchen. Aber eigentlich führt es erst einmal dazu, dass die Menschen sehr viel investieren müssen, um die Professur zu erreichen. Schließlich sind sie auf einem sehr speziellen Pfad unterwegs, der es schwierig macht, die berufliche Perspektive zu ändern. Viele sind gezwungen, sich nach einem Plan B umzuschauen, wenn es mit der Professur nicht klappt. 

Aber die wissenschaftliche Karriere in Deutschland ist so angelegt, dass sich die Menschen zunächst voll und ganz auf diese fokussieren müssen. Sicher gibt es hier auch Unterschiede zwischen den Disziplinen: Im Gegensatz zu den Geistes- und Sozialwissenschaften werden Studierende in den MINT-Fächern beispielsweise mehr durch unternehmensnahe oder unternehmensgeförderte Forschungstätigkeit darauf vorbereitet, in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von Unternehmen zu arbeiten. Aber auch hier ist es wichtig, rechtzeitig den Absprung zu schaffen. Je länger man in dem System Wissenschaft bleibt, desto schwieriger wird der Wechsel.

Sebastian Büttner ist außerplanmäßiger Professor am Institut für Soziologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen- Nürnberg und wissenschaftlicher Leiter der Transfer Unit Wissenschaftskommunikation der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. glasow fotografie

F&L: Haben eine verstärkte Interdisziplinarität und Transdisziplinarität auf der Ebene der Fächer und Disziplinen diese sogenannte Containerlogik durchbrechen können? 

Sebastian Büttner: In den vergangenen 20 Jahren gab es in Deutschland durchaus eine Entwicklung hin zu mehr Interdisziplinarität und Transdisziplinarität. Zumindest wird es gefordert und auch gefördert, interdisziplinärer und transdisziplinärer zu denken. Allerdings ist es meines Erachtens nicht so weit her damit. Es existieren zwar Initiativen, beispielsweise in der Klimaforschung, in vielen technischen Feldern sowie in den Kulturwissenschaften. Am Ende des Tages zeigen sich jedoch wieder die "Container" der Disziplinen, an denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler scheitern. 

Ein Seitenwechsel ist nach wie vor nicht leicht und damit auch nicht weit verbreitet. 

F&L: Wenn Führungskräfte aus Wirtschaft und Politik im jeweils anderen System tätig werden, fällt schnell der Begriff "Lobbyismus". Ist der Wechsel von der Wissenschaft in die Politik beziehungsweise Wirtschaft – und gegebenenfalls wieder zurück – reiner Wissenstransfer, also völlig frei davon? 

Sebastian Büttner: Die sogenannte "Revolving Door" von der Politik in die Wirtschaft ist schon recht weit verbreitet. Eigentlich beschreibt der Begriff eine Drehtür, die sich in alle Richtungen öffnet. Aber häufig wird dieses Phänomen beschrieben als Wechsel von der Politik in die Wirtschaft.

In den USA ist dieser Wechsel in regulierte Branchen wie die Finanz- und Bauindustrie besonders weit verbreitet. Es geht darum, die eigenen Netzwerke, Kontakte und Erfahrungen aus der Politik mit- und als Vermittler einzubringen. Wenn es zu offensichtlich und zu dreist stattfindet, wird es von LobbyControl und anderen Verbänden zu Recht kritisiert – vor allem, wenn hohe Summen fließen und die Frage im Raum steht, für welche Leistung. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bringen zwar auch Kontakte und vielfältige Erfahrungen aus ihren Arbeitsbereichen mit in die Politik ein. Aber diese werden zumeist nicht als problematisch wahrgenommen. Der Fokus liegt auf der fachlichen Expertise oder der Reputation der Forscherin beziehungsweise des Forschers. Deshalb spricht man hier häufig von Wissenstransfer. Das betrifft nicht nur Spitzenpositionen wie die einer Ministerin oder eines Ministers, sondern auch Bereiche wie die Ressortforschung. Hier sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tätig, die nicht nur wissenschaftliche Zielsetzungen verfolgen, sondern auch politisch relevante Forschungsaufträge. 

"Der Fokus liegt auf der fachlichen Expertise oder der Reputation der Forscherin beziehungsweise des Forschers."

F&L: Der Wechsel des Wissenschaftlers in die Wirtschaft, ins unternehmerische Dasein, ist zunehmend Thema an den Universitäten, (Stichwort Transfer und Gründung von Start-ups), auch politisch gewünscht. Wo zeigen sich mögliche Hürden? 

Sebastian Büttner: Wenn Professorinnen und Professoren Unternehmen gründen, heißt das nicht unbedingt, dass sie dieses Unternehmen auch leiten wollen. Sie sind zwar gerne Ideengeber, möchten tendenziell aber lieber bei ihrer Forschung und in der Wissenschaft verankert bleiben. Oftmals gründen dann Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter aus größeren Forschungsinstituten oder Laboren diese Unternehmen und verfolgen die Idee weiter. 

Die zweite große Hürde ist die Finanzierung. Für eine Unternehmensgründung braucht es Risikokapital, und dafür muss man werben. In den USA beschaffen Mittler und Broker das Geld. Die Gründungskultur dort ist insgesamt völlig anders aufgestellt. In Deutschland werden Start-ups sehr stark staatlich gefördert. Häufig scheitert es dann schlichtweg daran, das junge Unternehmen jenseits staatlicher Förderung voranzubringen. Es gibt zwar interessante Initiativen, Stiftungsprofessuren und einige Milliardäre in Deutschland. Doch abgesehen von Hasso Plattner in Potsdam, Dieter Schwarz in Heilbronn und lokale Unternehmen an unterschiedlichen Standorten, die mal größer oder kleiner sind und sich engagieren, sehe ich in Deutschland jedoch keine großen Geldgeber wie in den USA. Meiner Ansicht nach wird zu wenig privates Kapital an die Universitäten gelockt. Möglicherweise liegt das auch an fehlendem Wissen der Forschenden, wie man an dieses Kapital herankommt, und vielleicht auch noch an zu wenig Engagement. 

F&L: Was hält Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler davon ab, einen Seitenwechsel in die Politik zu vollziehen? 

Sebastian Büttner: In beiden Bereichen benötigt es Durchsetzungsvermögen, auch den Drang, führen zu wollen. Wer sich in seinem Forschungsfeld etabliert hat, darf sich nicht verstecken, sondern muss seine Forschung bekannt machen. Nun gibt es aber den Wissenschaftler-Typus, der lieber in der Forschung und bei seinen wissenschaftlichen Leidenschaften bleibt und sich damit wohlfühlt – ohne einen massiven Zeitdruck wie in der Politik und deren Kurzatmigkeit. Dieser Typus schätzt die hohe persönliche Autonomie, um Projekte langfristig verfolgen zu können – manchmal über Jahre oder Jahrzehnte. In der Politik kann das Thema, das heute diskutiert wird, durch einen Krieg oder durch einen Konflikt morgen schon wieder in den Hintergrund geraten. Politikerinnen und Politiker müssen sich ständig nach außen orientieren, haben permanenten Termindruck. Allerdings nimmt dieser – das sollte hier nicht unerwähnt bleiben – auch in der Wissenschaft ständig zu. 

F&L: Nun gibt es auch die sogenannten Grenzgänger, die beispielsweise an den Schnittstellen von Wissenschaft und Politik arbeiten. 

Sebastian Büttner: In der Wissenschaft gibt es auch viele Persönlichkeiten, die im Lauf ihrer Karriere stärker wissenschaftspolitisch engagiert sind – bis zu echten "Political Animals", die über die Jahre eine Leidenschaft für Politik entwickeln. Sie nehmen neben ihrer Forschungstätigkeit politische Aufgaben wahr, entwickeln sich also vom reinen Forscher zum Forschungsmanager. Sie forschen nicht mehr selbst, sondern etablieren große Forschungscluster. Dafür benötigt man politisches Geschick. So etwas gab es vor 20 oder 30 Jahren in Deutschland in der Form nicht. Die Grenzgänger fühlen sich sehr wohl in diesem Grenzbereich von Wissenschaft und Politik: Entweder sind sie innerhalb der Wissenschaft, also in der Wissenschaftspolitik, oder politisch aktiv. 

F&L: Welche Exitstrategien gibt es für Seitenwechslerinnen und Seitenwechsler? 

Sebastian Büttner: Eine bedeutende Exitstrategie sind Zwischenbereiche wie politische Stiftungen, Aufsichtsratsgremien, Lobbyverbände und Thinktanks. In letzteren wird in der Regel eine wissenschafts- oder politiknahe Expertise generiert, hier sind Grenzerfahrungen von Vorteil. In den politischen Stiftungen finden sich viele ehemalige Politikerinnen und Politiker, die manchmal auch Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler waren. 

F&L: Medienwirksame Präsenz ist in der Politik von entscheidender Bedeutung, der Umgang mit – auch persönlicher – Kritik gehört in der Regel zum Tagesgeschäft. Sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in die Politik wechseln, darauf vorbereitet? 

Sebastian Büttner: Spitzenpolitikerinnen und -politikern muss es heutzutage gelingen, Aufmerksamkeit zu generieren. Sie sind quasi darauf getrimmt, regelmäßig mit teils kontroversen Statements an die analoge wie digitale Außenwelt heranzutreten, in der Hoffnung, dass die dann aufgegriffen werden. Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler lernen so etwas nicht und sollten es in der Regel nicht tun, das wird in der Community negativ bewertet. 

Wer also aus der Wissenschaft in die Politik wechselt, hat einen großen Lernprozess vor sich. Das fängt bei der Kommunikationspraxis an: Eigentlich erwarten Medien eine kurze und prägnante Antwort, ein weites Ausholen ist eher unerwünscht. Spannend ist jedoch zu beobachten, dass das Spiel mit den Medien und mit der Aufmerksamkeit durch die sozialen Medien auch in der Wissenschaft zunehmend Einzug gehalten hat. 

"Wer also aus der Wissenschaft in die Politik wechselt, hat einen großen Lernprozess vor sich." 

Seit etwa zehn Jahren ist zu beobachten, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als öffentliche Personen durch soziale Medien unmittelbar politisch Einfluss nehmen und mit "Hatern" umgehen lernen müssen. Diese Art der Wissenschaftskommunikation wird zunehmend auch von Forschenden erwartet. Auch wenn sich das zumeist noch nicht in Zielvereinbarungen findet, dass Forschende gezielt Wissenschaftskommunikation betreiben und mit der eigenen Forschung mehr an die Öffentlichkeit gehen. Dazu gehört auch, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre öffentliche Rolle entwickeln und pflegen müssen – auch wenn das in der Wissenschaft unterschiedlich bewertet wird. 

F&L: Die sozialen Medien sorgen also unbeabsichtigt für eine gewisse Durchlässigkeit zwischen den Systemen Wissenschaft, Politik und Wirtschaft? 

Sebastian Büttner: Die sogenannten sozialen Medien haben starke negative Effekte – beispielsweise, wenn niedere Instinkte aus den Menschen herausbrechen und Hassspiralen entstehen. Diese negativen Effekte bis hin zu Mobbing spielen leider eine große Rolle. Positiv betrachtet sorgen die sozialen Medien in der Tat dafür, Grenzen einzureißen. Jeder kann zum Sender werden und es gibt wenige sogenannte Mittler. Daraus entstehen neue Möglichkeiten der Vernetzung und der Kontaktaufnahme. Potentiell kann ich mich permanent informieren, mit Menschen aus vielen unterschiedlichen Bereichen in Austausch treten, kommentieren und einbringen. 

Allerdings sorgt das Sortieren der Algorithmen dafür, dass sich auch in den sozialen Medien selektive Netzwerke bilden. Ich erhalte also nicht ständig Posts von einem Siemens Manager. Trotzdem erfahre ich über diese direkten Kommunikationswege wesentlich mehr – potentiell auch über Ideen von Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftlern, die sich dort präsentieren. Die Systeme rücken damit enger zusammen und man kann viel stärker in unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche blicken. Damit steckt in den neuen Medien großes Entwicklungspotential.