Schreibblockaden
Warum ist Schreiben so schwierig?
In der Theorie könnte es nichts Schöneres geben als den Berufsalltag einer Professorin oder eines Professors: Man forscht nur zu Themen, für die man wirklich brennt, hat genügend Zeit zum Quellenstudium, für Feld- oder Laborforschung. Die Lehre bereitet sich wie von selbst vor und macht ausschließlich Freude, und für das Schreiben von vielzitierten Artikeln ist stets genug Zeit. Weitere Aufgaben oder Verpflichtungen? Nur dann, wenn es gerade passt und den Lebenslauf bereichert.
"Viele Menschen finden die Zeit, den Rahmen und die Klarheit nicht mehr, um tief in den Schreibprozess eintauchen zu können". Katja Günther
Die Praxis sieht anders aus: eine enge Taktung von terminlichen Verpflichtungen, weitere Aufgaben in der universitären Selbstverwaltung, die Betreuung von Mitarbeitenden und Studierenden, das Schreiben von Anträgen. Hinzu kommen das Netzwerken, Konferenzteilnahmen, die Kommunikation von Forschungsergebnissen und mehr. Zeit für konzentriertes Schreiben bleibt nur wenig, sodass sich die Arbeit an Buchprojekten oder Beiträgen zieht. "Viele Menschen finden die Zeit, den Rahmen und die Klarheit nicht mehr, um tief in den Schreibprozess eintauchen zu können", erläutert Schreib-Coachin und Karriereberaterin Katja Günther im Gespräch mit Forschung & Lehre.
Schreibblockaden nach der Promotion
An Hochschulen in Deutschland existieren viele Angebote für Studierende mit Schreibblockaden, wie ein Blick auf die Webauftritte der Hochschulen zeigt. Ähnliche Angebote für Forschende scheint es dagegen weniger zu geben. Sind Schwierigkeiten beim Schreiben bei etablierteren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern etwa ein Tabuthema? "Es besteht die unausgesprochene Annahme", so Katja Günther, "dass man als Postdoktorand oder Professorin das Schreiben ein für alle Mal gelernt hat. Dabei ist das Schreiben von vielen verschiedenen Umständen und persönlichen Lebenslagen bestimmt, die auch wieder zu Blockaden führen können." Sie berät immer mehr Postdocs, Neuberufene sowie Professorinnen und Professoren in Fragen des Schreibens.
"Das Schreiben ist von vielen verschiedenen Umständen und persönlichen Lebenslagen bestimmt, die auch wieder zu Blockaden führen können." Katja Günther
Mit dem Wort "Schreibblockade" ist Günther allerdings nicht zufrieden. Es pathologisiere das Phänomen und lasse es als Krankheit erscheinen, dass man kaum Wörter zu Papier bringt. Das Problem werde verschwiegen, als könne man andere anstecken, wenn davon berichtet werde. Dabei sei es wichtig, sich zu öffnen und zu analysieren: Wie ist es dazu gekommen, dass man nicht schreibt, obwohl man müsste oder sollte, dass man Unterbrechungen willkommen heißt oder gar nicht erst beginnt.
Was Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom erfolgreichen Schreiben abhält
Es gebe zahlreiche Ursachen, die dazu führten, dass es mit dem Schreiben nicht klappt, so Günther. Eine sei ein überzogener Perfektionismus. Beim Schreiben suggeriere dieser, dass das Produkt sofort gut und richtig sein müsse. "Das ist eine große Hürde", erläutert Günther. Viele schreiben in der Folge erst einmal gar nicht. Es sei wichtig, die Hemmschwelle zu senken und vorerst ins Unreine zu formulieren.
Auch mangelnde Konzentration sei eine Ursache von Schreibblockaden: "Wenn ständig irgendetwas klingelt und aufpoppt und man kein klares Schreibzeitfenster etabliert hat, sondern auf eine kreative Inspiration wartet, dann steht man sicher als Nächstes auf und holt die Wäsche aus der Maschine oder putzt Fenster", betont Günther. Stattdessen helfe ein klar definiertes Zeitfenster zum Schreiben und eine möglichst genau umrissene Schreibaufgabe, die auch realistisch in diesem Zeitrahmen zu schaffen sei.
Um unser Belohnungssystem anzuregen, sollte die Aufgabe so gestaltet sein, dass im Anschluss völlig klar ist, dass sie bewältigt wurde. Beispielsweise könne man sich vornehmen, eine bestimmte Anzahl von Wörtern zu schreiben, drei Textquellen zu ergänzen oder das nächste Argument anzulegen. Ungünstig seien Ziele, die nicht messbar oder zu groß sind: Dementsprechend empfiehlt Günther, weder den Vorsatz, "etwas zu schreiben", noch den unrealistischen Plan, ein komplettes Kapitel an einem Tag zu verfassen.
Fünf Phasen des Schreibprozesses
Ein wichtiger Punkt sei auch die Unkenntnis über den Schreibprozess, erläutert Günther: Es existierten sehr viele Ideen darüber, dass am perfekten Schreibtisch mit der richtigen Menge an Inspirationen perfekte Texte entstünden. Stattdessen sei es wichtig, die fünf unterschiedlichen Phasen des Schreibens zu kennen: Zunächst gehe es um die Einstimmung in den Schreibprozess – etwa indem man sich Kopfhörer aufsetzt, das Telefon beiseitelegt oder ein Getränk bereitstellt. Daran schließe sich das tatsächliche Loslegen an: "Das ist ein ganz kurzer Moment, bei dem man den ersten Energieschub gibt, wie beim Fahrradfahren, wenn man zum ersten Mal in die Pedale tritt."
Sobald der Schreibimpuls da ist, folge die nächste Phase, das "Durchsteigen des Themas", so Günther. Man müsse sich überlegen, wie das Material strukturiert werden soll: was man sagen möchte, welche Quellen oder Aspekte berücksichtigt werden sollen. "Dann kommt ein ganz wichtiger Punkt im Schreibprozess: Das Dranbleiben. Es ermöglicht einem, kurzfristig eine Tagesschreibaufgabe zu erledigen und langfristig ein Buch zu schreiben. Wenn man nicht über das Durchsteigen hinauskommt, hat man hingegen nur viele Notizen." Man müsse dabeibleiben, auch wenn es unangenehm sei. Zuletzt komme dann das Abrunden: Es diene dazu, ein Ende im Schreibprozess zu finden, zu würdigen, dass das, was man in der Schreibsitzung geschafft hat, genüge. Die verschiedenen Phasen zu durchlaufen und den Schreibprozess bewusst zu strukturieren helfe dabei, ihn messbar zu machen.
Fünf Tipps für den Schreiberfolg
- Angst vor dem Schreiben annehmen: Die Schreib-Coachin empfiehlt Klientinnen und Klienten, die sich nach langer Schreibpause vor dem Öffnen ihres Arbeitsdokuments fürchten, klein anzufangen, um wieder in den Prozess hineinzukommen. Sie sollten zunächst in Stichworten ergänzen, was sie als nächstes ausdrücken möchten. "Es lohnt sich nicht zu warten, bis die Angst vor dem Schreiben weg ist. Die bleibt häufig auf der Schulter sitzen und lässt einen zweifeln", erläutert sie. Man sollte sie annehmen und mit ihr irgendwo beginnen. Dann könne sie sich im Schreibprozess verwandeln.
- Zeit zum Schreiben schaffen: Denen, die wegen zu vieler weiterer Verpflichtungen nicht zum Schreiben kommen, rät Günther, Schreibroutinen zu etablieren und diese auch gegen Störfaktoren zu verteidigen. Dazu eigne sich ein Wochenplan, in den alle Termine eingetragen werden. So entstehe ein Bewusstsein für mögliche Zeitfenster zum Schreiben. Diese sollten dann ebenfalls geplant und eingehalten werden – ohne Blick ins E-Mail-Postfach oder auf das Smartphone. Alle im Zusammenhang des Schreibprozesses zu erledigenden Arbeiten könnten vorbereitend in einer Liste notiert werden, so dass man sich pro Schreibsitzung einige dieser Aufgaben vornehmen könne.
- Fokussieren, indem man die Zeit verknappt: Gegen Perfektionismus könne es helfen, sich nicht mehr, sondern weniger Zeit zu nehmen, so Günther. Statt 50 Minuten lang am perfekten Satz zu feilen, empfiehlt sie daher, sich auf eine Viertelstunde zu beschränken. In dieser Zeit sollten diejenigen, die sich wegen Perfektionismus verzetteln, fünf spontane Sätze schreiben und dann prüfen, ob der erste wirklich nötig ist. "Man muss aus der Zwangslinearität herauskommen" - die Suche nach dem perfekten ersten Satz halte nur auf.
- Sich vom Leistungsdruck befreien: Auch wenn man als Wissenschaftlerin und Wissenschaftler für die eigene Fachcommunity schreibt, sollte diese nicht während des gesamten Schreibprozesses kritisch über die Schulter schauen. Das verstärke das sogenannte Impostor-Syndrom, an dem viele in der Wissenschaft litten, also die Überzeugung, früher oder später als doch nicht gut genug aufzufliegen. Stattdessen sei es hilfreich, zunächst in schlichten Worten und ohne Anspruch auf Perfektion für eine wohlmeinende Zielgruppe zu schreiben. "Im Anschluss muss man das Geschriebene natürlich überarbeiten", so Günther.
- Sich selbst in die Pflicht nehmen: Durch klare Strukturen und selbst auferlegte Regeln kann man für mehr Verbindlichkeit sorgen. Dies erlebt Günther in den Schreib-Retreats, die sie veranstaltet. Die Tage seien darauf ausgelegt, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Gelegenheit zu bieten, zum Schreiben zu kommen. Im Vorfeld müssten die Teilnehmenden sich konkret vorbereiten und bestimmen, woran sie arbeiten wollen sowie Schwierigkeiten definieren. "Durch das Gruppenerlebnis, den positiven sozialen Druck und den klaren Tagesablauf können Schreibblockaden nicht aufrechterhalten werden", so Günther. Dies habe auch im Anschluss an den Aufenthalt noch einen nachhaltigen Effekt auf die Teilnehmenden.