Arbeitskultur
Warum wir mehr Streit wagen sollten
Ein Gedankenexperiment: Was wäre mit einer Partnerschaft, einer Familie und einer Gesellschaft, in denen Meinungsverschiedenheiten gar nicht mehr ausgetragen werden, also überhaupt nicht mehr gestritten wird? Was wären die Konsequenzen? Wenn Meinungsverschiedenheiten nicht mehr ausgetragen werden, gäbe es bei unterschiedlichen Meinungen zwei Möglichkeiten: Einer gibt nach, indem er seine andere Meinung gar nicht erst äußert. Oder man geht getrennte Wege. Das Nachgeben hat auf Dauer die gleiche Konsequenz wie die Trennung: Ständiges Nachgeben führt zu aufgestautem Frust und Stresssymptomen, was zwischenmenschliche Beziehungen zerstört.
Und was wäre mit einer Partnerschaft, einer Familie und einer Gesellschaft, in denen Meinungsverschiedenheiten immer feindselig austragen werden? Das Recht des Stärkeren würde sich durchsetzen und die Schwächeren würden so lange unterdrückt, bis sie irgendwann selbst zu den Stärkeren werden, die dann womöglich ihrerseits wieder unterdrücken. Völlige Erschöpfung und Rückzug oder maximale Eskalation wären auf Dauer die drohenden Konsequenzen.
Streit ist nicht das Problem
Das Gedankenexperiment macht deutlich: Nicht Streit an sich ist das Problem. Vielmehr zerstören sowohl Streitvermeidung als auch feindseliger Streit auf Dauer soziale Beziehungen. Streit lässt sich als offene Auseinandersetzung über unterschiedliche Meinungen definieren. Auch wenn jeder Streit feindselig werden kann: Die Konsequenz sollte nicht sein, dass wir Streit vermeiden, sondern immer wieder nach Wegen suchen, wie eine offene Auseinandersetzung ohne Feindseligkeit möglich wird. Streitvermeidung hat auf Dauer die gleichen problematischen Konsequenzen wie feindseliger Streit. Beides macht unglücklich, verhindert Kreativität, zerstört soziale Beziehungen und schwächt den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Hinzu kommt, dass beide sich wie in einem Teufelskreis gegenseitig verstärken.
Warum wird Streit oftmals vermieden? Ein Grund ist die Angst vor Eskalation, vor feindseligem Streit, eine Angst, die auf Erfahrungen oder auch nur Fantasien beruhen kann. Je häufiger die Erfahrung eines eskalierenden Streits gemacht wird, desto größer erscheint die Gefahr, dass jeder weitere Streit ebenfalls feindselig werden könnte. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit für Streitvermeidung. Es gibt noch einen weiteren Grund für die Vermeidung offener Auseinandersetzungen: der menschliche Hang zur Selbstgerechtigkeit beim Blick auf Andersdenkende. Das Problem daran: Wenn dem möglichen Gesprächspartner Ahnungslosigkeit, Unwissenheit, Informationsdefizite oder die Infragestellung von wichtigen Werten unterstellt werden, wird die Auseinandersetzung mit diesem entweder gar nicht erst versucht ("Bringt doch nichts!") oder auf eine Art geführt, die schnell belehrend werden kann ("Jetzt pass mal auf!").
Streit als Ausdruck von Wertschätzung dagegen betont die positiven Wirkungen des Streitens: Er ermöglicht persönliche Weiterentwicklung, fördert Kreativität, stärkt Beziehungen und hält unsere Gesellschaft zusammen.
Streitvermeidung und feindseliger Streit
In letzter Konsequenz ist Streitvermeidung nur eine zeitlich beschränkte "Lösung". Über kurz oder lang werden wir durch die selbst mitverursachten Frustrationen derart unzufrieden, dass wir nicht mehr können, dass wir laut werden, dass wir "platzen". Für unser Gegenüber völlig unerwartet, vertreten wir plötzlich aggressiv unsere Interessen. Der andere wird zum Feind, den es zu besiegen gilt.
"Der Schlüssel für konstruktiven Streit liegt in der zwischenmenschlichen Wertschätzung."
Sinnvoll erscheint es deshalb, ohne Feindseligkeit zu streiten und Meinungsverschiedenheiten ohne Feindseligkeit offen miteinander auszutragen. Theoretisch einfach, praktisch schwierig. Und es wird uns nicht immer gelingen. Schwierig ist es zum einen aufgrund einer Vielzahl unterschiedlicher und sich häufig widersprechender Empfehlungen zum "richtigen" Streiten. Und schwierig ist es zum anderen, weil uns manche Situationen schlichtweg überfordern und Fehler machen lassen. Wir sollten nicht auf einfache Rezepte hoffen und keine zu hohen Erwartungen stellen – weder an uns selbst noch an die anderen. Eine Erwartung ist aber sehr grundlegend: Die Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe fordert, "dass der 'andere' im Reich der Politik nicht als Feind betrachtet wird, den es zu zerstören gilt, sondern als 'Gegner', das heißt als jemand, dessen Ideen wir bekämpfen, dessen Recht, seine Ideen zu verteidigen, wir aber nicht in Frage stellen." Ganz ähnlich ist das Harvard-Konzept der Verhandlungsführung, welches empfiehlt: "Weich zu den Menschen, hart in der Sache." Der Schlüssel für konstruktiven Streit liegt in der zwischenmenschlichen Wertschätzung, die für unser Zusammenleben unverzichtbar ist.
Wertschätzend streiten
Wie können wir lernen, selbst konstruktiv und auf Augenhöhe zu streiten? Wie können wir zu Anwälten des "guten" Streits werden? Wie können wir im Alltag, im Beruf und in der Gesellschaft insgesamt eine offene Auseinandersetzung ohne Feindseligkeit unterstützen?
Wenn wir über "guten Streit" und über eine demokratische Streitkultur nachdenken, müssen wir zunächst akzeptieren, dass wir verschiedene, in Spannung zueinanderstehende Werte miteinander ausbalancieren müssen. Das bedeutet, dass wir uns zeigen und für den anderen interessieren müssen. Ebenso wie es berechtigt ist, sich klar zu positionieren, besteht auch die Notwendigkeit einer Offenheit für andere Sichtweisen und Perspektiven. Weder selbstgerechter Absolutheitsanspruch noch inhaltliche Beliebigkeit können die Lösung sein. Letztlich wäre es ratsam, in jedem Streit eine Balance zwischen den beiden Werten Positionierung und Offenheit zu suchen.
Ein weiteres Spannungsfeld: Offene Auseinandersetzungen sind ebenso wertvoll wie die Akzeptanz von Grenzen, um feindseligen Streit zu vermeiden. Wenn wir aber jeden Streit vermeiden, weil wir womöglich bei uns oder dem anderen eine Grenze verletzen könnten, folgt daraus die Streitvermeidung.
Was als Ergebnis eines Streits erwartet werden kann – und was nicht
Und ein letzter, sicherlich zunächst irritierender Gedanke: Scheitern gehört dazu, denn schließlich gibt es niemanden, keinen Menschen, auch keinen Kommunikationsexperten, keine Mediatorin, keine Psychologin, die oder der beim Streiten immer alles richtig macht. Wirklich problematisch sind diejenigen, die das von sich behaupten. Deswegen ist es auch empfehlenswert, eine gewisse Fehlertoleranz aufzubringen, egal, ob sich der andere oder wir uns selbst einmal im Ton vergreifen. Wir sollten auch nicht zu viel von einem Streitgespräch erwarten. Ein Konflikt muss nicht zwingend gelöst werden, sondern es genügt oftmals, wenn eine Verständigung untereinander über unterschiedliche Interessen und Werte ermöglicht wird. Selbst das kann schon sehr herausfordernd sein und bedarf in vielen Fällen mehrerer, manchmal auch unzähliger Anläufe.
"Ein Konflikt muss nicht zwingend gelöst werden."
In unserer Gesellschaft ist es nach wie vor Konsens, dass Hass und Gewalt keine Lösung sind. Gleichzeitig reagieren viele Menschen auf Verhalten, welches sie als grenzverletzend empfinden, selbst mit grenzverletzendem Verhalten. Wenn jedoch alle auf als feindselig empfundenes Verhalten mit Feindseligkeit reagieren, entsteht ein Teufelskreis. Die bessere Lösung ist es, sich auch dann noch für den anderen zu interessieren, wenn er sich in unseren Augen danebenbenimmt. Das geht aber nur, wenn wir unserem Gegenüber auch mitteilen, was wir an seinem Verhalten problematisch finden.
Wir sollten Streit als Ausdruck von Wertschätzung verstehen, für uns selbst, für den anderen und auch für die Gesellschaft insgesamt. Die Journalistin und Autorin Meredith Haaf schreibt: "Streit ist einfach nur ein Ausdruck von Beziehung – man kann ihn durchaus als einen Akt gegenseitiger Anerkennung verstehen." Die Frage, wie wir auch morgen noch gut miteinander leben können, stellt sich nicht nur in privaten und beruflichen Beziehungen, sondern auch in der Gesellschaft insgesamt.
Wir sollten dem Andersdenkenden mit dem Respekt begegnen, den wir selbst erfahren möchten. Diese Wertschätzung für unsere Mitmenschen und damit auch für unsere Gesellschaft und unsere Demokratie wird durch einen gewissen Grundoptimismus unterstützt. Woher wir diesen Optimismus nehmen können? Hier kann der Gedanke des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen hilfreich sein: "Demokraten sind bis zum endgültigen Beweis des Gegenteils zum Diskursoptimismus verpflichtet."
Diskursoptimismus ist für den Umgang mit Menschen im Allgemeinen eine gute Idee. Und für den Umgang mit Menschen, mit denen wir zusammenleben oder mit denen wir arbeiten, im Besonderen.
Zum Weiterlesen:
Boeser, C. (2023). Streitförderer. Warum wir sie brauchen. Wie Sie einer werden. Ulm.
Fisher, R., Ury, W.; Patton, B. (2004). Das Harvard-Konzept. Der Klassiker der Verhandlungstechnik. 22., durchgesehene Auflage. Frankfurt a.M.
Haaf, M. (2018): Streit! Eine Aufforderung. München.
Pörksen, B., Schulz von Thun, F. (2020). Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik. München.