Symbolbild mit Zeichnung einer comic-haften Umgebung ähnlich einer Wüste, in der ein Mann eine Straße quasi ausrollt und andere Personen ihm folgen.
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Verhaltensbiologie
Was Graugänse über das Führen lehren

Warum erlangen bestimmte Individuen innerhalb einer Gruppe mehr Einfluss als andere? Aktuelle Forschung zeigt: Mut ist eine Führungsqualität.

27.08.2025

Kühne – aber nicht aggressive – Gänse erringen eher eine Führungsrolle, während besonders erkundungsfreudige Tiere dazu neigen, ihnen zu folgen. Eine neue Studie unter der Leitung der Konrad Lorenz Forschungsstelle für Verhaltens- und Kognitionsbiologie der Universität Wien hat dies ermittelt. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal iScience veröffentlicht. Sie legen ein feines Zusammenspiel von Persönlichkeit und sozialen Rollen bei kollektiven Bewegungsentscheidungen dar. 

Während einfache Interaktionsregeln erklären könnten, wie sich Tiergruppen gemeinsam bewegen, sei über die langfristige Stabilität sozialer Rollen in freier Wildbahn wenig bekannt, teilt die Universität Wien dazu mit. Ebenso wenig darüber, warum manche Tiere erfolgreicher kollektive Entscheidungen beeinflussen als andere. Um diese Dynamiken besser zu verstehen, habe das Forschungsteam um Professorin Sonia Kleindorfer untersucht, ob einzelne Graugänse über Jahre hinweg stabile Tendenzen zum Initiieren oder Folgen zeigen – und ob sich diese Rollen durch Persönlichkeitsmerkmale wie Mut, Aggressivität und Erkundungsfreude vorhersagen lassen. 

Beobachtet wurde demnach eine individuell markierte Grauganspopulation an der Konrad Lorenz Forschungsstelle in Grünau im Almtal – eine Schar, die ursprünglich in den 1970er-Jahren von Medizin-Nobelpreisträger Konrad Lorenz etabliert wurde. Über vier Jahre dokumentierten die Forscherinnen und Forscher hunderte kollektiver Abflüge: Wer startete, wer folgte, wie groß waren die Gruppen? Parallel dazu seien standardisierte Verhaltenstests durchgeführt worden – darunter Fluchtinitiationsdistanz (Mut), Reaktion auf einen Spiegel (Aggressivität) und der Umgang mit unbekannten Objekten (Erkundungsfreude). Ziel war es, besser zu verstehen, wie individuelle Unterschiede Bewegungsentscheidungen und den Informationsfluss in der Gruppe beeinflussen. 

Mutige Führungspersönlichkeiten – erkundungsfreudige Follower 

Die Studie liefere zwei zentrale Erkenntnisse: Erstens zeigten einzelne Graugänse über Jahre hinweg stabile Persönlichkeitsmerkmale – Mut, Aggressivität und Erkundungsfreude. Zweitens bewegten sie sich täglich in wechselnden Untergruppen zwischen verschiedenen Futter- und Schlafplätzen. Bei mutigen Individuen gebe es eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass andere ihrem Abflugruf folgten. Diejenigen, die folgten, seien meist überdurchschnittlich erkundungsfreudig – und bevorzugten mutige gegenüber aggressiven oder dominanten Scharmitgliedern. "Gänse, die als erste dem Abflug einer anderen Gans folgten, zeigten bei einem Spiegelstimulationstest häufiger ein Spiegelinspektionsverhalten (Blick hinter den Spiegel) und waren auch weniger neophob gegenüber einem neuen Objekt", heißt es zum Interesse an Neuem und an Entdeckungen in der Studie. 

Die Schar stehe täglich vor einem Zielkonflikt: Die Sicherheit vertrauter Orte gegen die potentiellen Vorteile unbekannter Gebiete. Mutige Persönlichkeiten würden dabei helfen, dieses Risiko zu managen, indem sie Sicherheit bei Ausflügen in unsichere Umgebungen böten. Erkundungsfreudige Individuen hingegen trügen im Vergleich zur zurückhaltenden Masse zur Entdeckung neuer Möglichkeiten bei – und verbreiteten Innovation durch soziales Lernen. 

Entgegen der Erwartungen sei Aggressivität kein Prädiktor für Einfluss während kollektiver Abflüge gewesen – obwohl aggressivere Gänse häufig höhere soziale Ränge einnähmen. Die einflussreichsten unter ihnen seien mutig, aber nicht aggressiv gewesen – ein Hinweis auf einen schützenden, nicht dominanten Führungsstil. Indem sie den Blick von aggressiven, dominanten Individuen hin zu den sozialen und kognitiven Strategien der Follower richte, eröffnet die Studie neue Perspektiven auf kollektive Entscheidungsfindung, soziales Lernen und kulturelle Evolution – auch bei vielen anderen sozialen Tierarten, einschließlich des Menschen. 

"Was wäre, wenn Follower aktiv entscheiden, wem sie folgen, basierend auf dem Nutzen, den sie daraus ziehen?"
Professorin Sonia Kleindorfer, Universität Wien

"Diese Forschung hilft zu erklären, warum bestimmte Persönlichkeitsmerkmale zu dauerhaftem Einfluss führen", sagt Studienleiterin Kleindorfer. "Wichtiger noch: Sie lenkt den Blick auf die Follower – eine Gruppe, die in unserer menschlichen Fixierung auf Macht und Ressourcen oft übersehen wird. Was wäre, wenn Follower aktiv entscheiden, wem sie folgen, basierend auf dem Nutzen, den sie daraus ziehen?", führt die Verhaltensbiologin aus. Das stelle traditionelle Vorstellungen davon infrage, welche Eigenschaften im sozialen Einfluss zählten. "Ein besseres Verständnis darüber, wie individuelle soziale Rollen die Informationsübermittlung erleichtern, adaptives Verhalten fördern und die Migrationskultur prägen können, wird unser Wissen über die Anpassungsfähigkeit von Populationen an extreme Umweltbedingungen erweitern", stellt die Studie in Aussicht.

cva