Geschlechterungleichheit
Wer von Sichtbarkeit profitiert
In einer deutschlandweiten Studie wurde der Frage nachgegangen, inwiefern und in welchem Maße sich die Sichtbarkeit für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auszahlt. Wir untersuchten, wie sich Sichtbarkeit zu psychologischen und sozialen Ressourcen verhält, die für Menschen besonders wichtig und zentral sind.
Sichtbarkeit als Ressource
Wenn Kinder gebeten werden, eine Wissenschaftlerin oder einen Wissenschaftler zu zeichnen, entsteht in den meisten Fällen das Bild eines Manns im weißen Kittel. Dieses Ergebnis internationaler "draw-a-scientist"-Studien hält sich seit Jahrzehnten (Chambers, 1983). Wer als Wissenschaftlerin oder als Wissenschaftler denkbar ist, wird früh gelernt und hängt eng mit Sichtbarkeit zusammen. Denn nur wer gesehen wird, kann auch als Vorbild wirken.
Sichtbarkeit ist in der modernen Wissenschaft kein Zufallsprodukt mehr. Sie entsteht nicht mehr allein durch klassische Kanäle wie Publikationen und Konferenzbeiträge, sondern zunehmend durch gezielte digitale Selbstpräsentation. Mit dem Aufkommen digitaler Technologien haben sich die Möglichkeiten deutlich erweitert. Leonardi und Treem (2020) haben dieses neue Verständnis von Sichtbarkeit als behaviorale Sichtbarkeit geprägt. Verhalten kann durch die Nutzung digitaler Kanäle von Dritten mit minimalem Aufwand beobachtet werden.
Ein Beispiel hierfür ist das regelmäßige Posten eigener Forschungsvorhaben und -ergebnisse in sozialen Netzwerken. Dies wiederum erlaubt Rückschlüsse auf Muster, Ursachen oder Motive, etwa auf Forschungsschwerpunkte oder bevorzugte Kommunikationskanäle. Sichtbar ist, was für andere beobachtbar, interpretierbar und anschlussfähig gemacht wird – ob auf Websites, in sozialen Medien oder durch digitale Berichterstattung.
Sichtbarkeit ist dabei mehr als ein Karrierebonus. Sie ist eine psychologische Ressource. Unsere Studie stützt sich auf die Conservation of Resources-Theorie, die beschreibt, wie Menschen Ressourcen erhalten und mehren. Sichtbarkeit kann dabei sowohl Ressource als auch Verstärker anderer essentieller Ressourcen sein. Dazu zählen Selbstwert, Selbstwirksamkeit, Zugehörigkeit sowie das Gefühl von sozialer Unterstützung. Doch Sichtbarkeit ist ungleich verteilt. Besonders Frauen berichten von strukturellen und sozialen Hürden und von der Angst, für Selbstpräsentation und Sichtbarkeit abgestraft zu werden.
Sichtbarkeit messbar machen
Unsere Stichprobe umfasste 1.731 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 86 deutschen Universitäten. Wir entwickelten einen Sichtbarkeitsindex, der vier Dimensionen kombiniert. Erstens erfassten wir die Frequenz der Selbstpräsentation in professionellen Kontexten, etwa wie Arbeit bewusst dargestellt wird, sei es über soziale Medien oder bei Konferenzen. Zweitens berücksichtigten wir die Plattform- und Medienvielfalt, also über wie viele verschiedene Kanäle (zum Beispiel Social Media, akademische Websites, Podcasts oder öffentliche Vorträge) die Selbstpräsentation erfolgt.
Drittens betrachteten wir die Strategien der Selbstpräsentation, darunter die gezielte inhaltliche Anpassung an verschiedene Zielgruppen und die bewusste Gestaltung des professionellen Images. Aussagen wie "Ich bereite Inhalte gezielt auf, um mein professionelles Image zu prägen" illustrieren diese Dimension. Viertens bezogen wir die subjektiv wahrgenommene Sichtbarkeit und Wirkung ein, insbesondere, wie sichtbar sich Befragte im Vergleich zu anderen Forschenden einschätzen und ob sie glauben, dass ihre Außendarstellung der beabsichtigten Wirkung entspricht. Ergänzend erfassten wir zentrale psychologische Ressourcen über validierte Skalen.
"Der Zuwachs an sozialer Unterstützung ist für Männer deutlich ausgeprägter als für Frauen."
Die Teilnehmenden stammten aus unterschiedlichen Disziplinen, Altersgruppen und Karrierestufen – von der Promotion bis zur Professur. Die Vertretung der Karrierestufen war wie folgt: Von der Promotion bis zur Professur mit 43 Prozent der Teilnehmenden in einer frühen, 29 Prozent in einer mittleren und 27 Prozent in einer fortgeschrittenen Karriere. Das Durchschnittsalter lag bei circa 40 Jahren. Die Teilnehmenden gehörten unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen an.
Die Ergebnisse zeigen: Wer in der Wissenschaft sichtbar ist, berichtet tendenziell höhere Werte bei Selbstwert, Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit – geschlechtsübergreifend und unabhängig von Alter und Karrierestufe. Sichtbarkeit scheint somit mit einem stabileren Selbstbild und stärkeren psychologischen Ressourcen einherzugehen. Doch beim Thema soziale Unterstützung zeigt sich ein deutlicher Unterschied. Sichtbare Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler berichten beide von mehr Rückhalt und Unterstützung aus ihrem Umfeld im Vergleich zu weniger sichtbaren Personen. Allerdings profitieren Männer stärker von Sichtbarkeit: Der Zuwachs an sozialer Unterstützung ist für sie deutlich ausgeprägter als für Frauen. Die Ressource Sichtbarkeit geht also nicht für alle im gleichen Maß mit sozialem Kapital einher.
Vorurteil: Frauen haben weniger Interesse an Sichtbarkeit
Außerdem wird ein weit verbreitetes Vorurteil widerlegt: Frauen haben nicht weniger Interesse an Sichtbarkeit. Tatsächlich äußern Wissenschaftlerinnen denselben Wunsch nach Sichtbarkeit wie ihre männlichen Kollegen. Was viele Wissenschaftlerinnen allerdings zurückhält, ist die Sorge vor negativen Reaktionen, etwa als eitel, zu selbstbewusst oder seltsam wahrgenommen und nicht gemocht zu werden. Diese sogenannte "fear of backlash" wirkt als psychologisches Stoppsignal für Frauen in der Wissenschaft.
Oftmals liegen dieser Sorge eigene Erfahrungen zugrunde. Vorherige Studien zeigen, dass Frauen tatsächlich häufiger negative Reaktionen erleben, wenn sie sich selbst darstellen, da sie damit gegen stereotype Erwartungen an weibliches Verhalten verstoßen. Rudman und Glick (2001) zeigen, dass selbstbewusste Frauen als weniger sympathisch und sozial weniger akzeptabel gelten. Exley und Kessler (2022) demonstrieren, dass Frauen ihre Leistungen seltener hervorheben, weil sie soziale Sanktionen befürchten. Interessanterweise berichten gerade diejenigen, die sich trotz dieser Angst sichtbar machen, von besonders hohem Selbstwertgefühl. Für manche ist Sichtbarkeit vielleicht gerade dann stärkend, wenn sie mit negativen Reaktionen rechnen.
"Sichtbarkeit steht in positivem Zusammenhang mit der wahrgenommenen Bedeutsamkeit."
Eine weitere Untersuchung erfolgte zur wahrgenommenen Bedeutsamkeit in der Fachgemeinschaft. Bedeutsamkeit beschreibt das Gefühl, mit dem eigenen wissenschaftlichen Beitrag gesehen und geschätzt zu werden. Es stellt ein Konzept dar, das über die reine soziale Zugehörigkeit hinausgeht. Es zeigte sich, dass Sichtbarkeit in positivem Zusammenhang mit der wahrgenommenen Bedeutsamkeit steht. Zwar berichten Frauen, tendenziell eine geringer wahrgenommene Bedeutung in der Fachgemeinschaft zu haben, doch dieser Unterschied verschwindet vollständig, wenn Sichtbarkeit berücksichtigt wird. Anders formuliert: Wenn Wissenschaftlerinnen sichtbar sind, fühlen sie Bedeutsamkeit genauso wie Männer. Ihr wissenschaftlicher Beitrag wird wertgeschätzt, anerkannt und als wichtig erachtet.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Frauen sind weniger sichtbar, nicht nur aufgrund struktureller Faktoren wie Media Bias, sondern auch, weil sie häufiger negative Reaktionen erwarten und deshalb weniger zur eigenen Sichtbarkeit beitragen. Außerdem wird deutlich, dass höhere Sichtbarkeit in Zusammenhang mit höherem Selbstwert, höherer Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit zum eigenen wissenschaftlichen Fachbereich steht, unabhängig vom Geschlecht. Die wahrgenommene soziale Unterstützung steigt zudem mit mehr Sichtbarkeit, allerdings deutlich ausgeprägter bei Wissenschaftlern. Sichtbarkeit steht also in Zusammenhang mit einem höheren Bedeutungsempfinden – sichtbare Frauen berichten ähnlich hohe empfundene Wertschätzung wie Männer. Und schließlich steht Backlash-Angst im Widerspruch zur Sorge: Wissenschaftlerinnen, die sich trotz dieser Angst sichtbar zeigen, berichten von höherem Selbstwertgefühl.
Bedeutung für die Hochschulpraxis
Unsere Ergebnisse sind bedeutsam für die Frage, wie Gleichstellung, Personalentwicklung und die Gestaltung akademischer Öffentlichkeiten an den Hochschulen umgesetzt werden können. Folgende Aspekte bieten sich anhand der Ergebnisse unserer Studie an:
- Backlash aktiv adressieren: Wissenschaftlerinnen schrecken nicht vor Sichtbarkeit zurück, weil sie nicht sichtbar sein wollen, sondern weil sie mit Sanktionen rechnen. Hochschulen könnten gezielt Programme anbieten, die diesen Ängsten begegnen, etwa durch Vorbilder oder stereotype-sensible Coachings sowie durch die Herstellung eines Umfelds, in dem Sichtbarkeit geschlechterunabhängig unterstützt und wertgeschätzt wird.
- Digitale Sichtbarkeit fair gestalten: Ob bei der Darstellung auf der Hochschulwebsite, der Auswahl von Expertinnen und Experten für Presseanfragen oder der Nominierung für Panels: Hochschulen entscheiden täglich, wer sichtbar wird. Eine bewusste, gerechte Gestaltung dieser Prozesse kann dazu beitragen, Repräsentationslücken zu schließen.
- Sichtbarkeit strategisch für Mitarbeiterbindung und Inklusion nutzen: Unsere Studie zeigt, dass Sichtbarkeit nicht nur ein Karrierefaktor ist, sondern auch mit psychologischen und sozialen Ressourcen einhergeht. Gerade für junge, marginalisierte oder wenig sichtbare Gruppen ist das Erleben von Anerkennung, Zugehörigkeit und Bedeutung zentral für den Verbleib im System.
Um Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in (digitaler) Selbstdarstellung zu unterstützen, könnte über Schulungsangebote nachgedacht werden. Wenn Hochschulen die Bedingungen dafür schaffen, dass sich Wissenschaftlerinnen sicherer fühlen, wäre vermutlich die Angst vor Sanktionen nicht so groß, und so könnten sich Frauen mit ihrer exzellenten Forschungsarbeit leichter präsentieren.
Sichtbarkeit ist also eine komplexe Ressource. Sie geht mit Vorteilen einher, ist für Wissenschaftlerinnen jedoch häufig mit der Sorge vor negativen Reaktionen verbunden und lässt sich nicht gleichermaßen in soziales Kapital übersetzen.
Mit fortschreitender Digitalisierung wird Sichtbarkeit und Selbstpräsentation zu einem festen Bestandteil wissenschaftlicher Praxis, weil sie durch digitale Infrastrukturen und Kommunikationsformen hervorgebracht und zunehmend verfestigt wird. Die Frage ist daher nicht mehr, ob man sichtbar ist, sondern wie man diese Sichtbarkeit ausgestaltet. Jede Wissenschaftlerin und jeder Wissenschaftler sollte sich mit dieser Frage bewusst auseinandersetzen.