Laptopbildschirm mit einer laufenden Videokonferenz mit neun Teilnehmern
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digitales Netzwerken
Wie erleben Wissenschaftler virtuelle Konferenzen?

Kamera an, Mikro an, los geht's. Der Aufwand für digitale Fachkonferenzen scheint niedriger. Aber stimmt das? Und was geht dabei verloren?

Von Claudia Krapp 11.06.2021

Die Corona-Pandemie hat viele Bereiche des akademischen Lebens ins Digitale verlagert, neben der Lehre und der wissenschaftlichen Arbeit im Team auch Konferenzen und Tagungen. Welche Erfahrungen haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seither mit virtuellen Veranstaltungen gemacht? Forschung & Lehre hat einen anekdotischen und persönlichen Rückblick auf die Entwicklung im vergangenen Jahr gesammelt.

Viele der Forschenden berichten von neu entdeckten Vorteilen wie einer größeren Reichweite, mehr Flexibilität und Vielfalt der Teilnehmenden und einer höheren Qualität der Inhalte durch die Digitalisierung der Konferenzen. Doch nicht alles ließ sich reibungslos ersetzen, vor allem die fehlende Nähe wünschen sich die meisten auf Dauer zurück. Vor allem zu Beginn der Pandemie sind viele Veranstaltungen aus Mangel an Vorbereitungszeit für Ersatz zunächst ausgefallen, andere wurden um ein Jahr verschoben. Die Organisatoren lernten, digitale Alternativen zu schaffen und waren teils selbst vom Ergebnis überrascht.

Die Teilnehmenden der wissenschaftlichen Kongresse stellte die Pandemie vor weitere Herausforderungen: Was ändert sich für Vortragende, wenn Zuschauer und Zuhörer auf einen Bildschirm begrenzt werden? Wie gelingt der wissenschaftliche Austausch abseits der Vorträge auch im Digitalen? Hier teilen einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Erkenntnisse.

Mit einem Klick die ganze Welt erreichen

Portraitfoto von Prof. Dr. Mirjam Dür
Mirjam Dür ist Professorin für Mathematische Optimierung an der Universität Augsburg. privat

"Der pandemiebedingte Digitalisierungsschub hat viele interessante Formate hervorgebracht, beispielsweise die One-World-Seminars – wöchentlich online stattfindende Vortragsreihen, die oft mehrere hundert Zuhörerinnen und Zuhörer aus der ganzen Welt anziehen. Dadurch funktioniert der fachliche Austausch in der Mathematik trotz der vielen abgesagten Konferenzen recht gut.

Was jedoch ungemein fehlt, ist der persönliche Kontakt, das ungezwungene Diskutieren in der Kaffeepause und abseits der Konferenzvorträge. Die diversen Konferenztools bieten da nur einen schwachen Ersatz: sie geben strukturierte Räume vor, die man nicht verlassen kann. Gemeinsame wissenschaftliche Kreativität benötigt jedoch Freiräume und Muße, die man in dieser Form wohl nur im analogen Leben findet."

Intensiverer Austausch mit der Community

"Im Jahr 2020 fiel der jährliche 'Congress of the Humanities and Social Sciences' in Kanada aus, nur sehr wenige Associations optierten für eine kurzfristige digitale Lösung. Bald jedoch wurden Onlineformate Normalität.

Als Vortragende erlebe ich eine starke Fokussierung: Konzentration auf technikgestützte sprachliche Performanz hilft, per geteiltem Bildschirm und Kamera Inhalte fesselnd und erfrischend an ein physisch abwesendes und stummgeschaltetes Publikum zu vermitteln.

Zwischen den jährlichen Konferenzen entstand eine Reihe digitaler Veranstaltungen, zum Beispiel einzelne Vorträge, kreative Treffen in internationalen Peer-Schreibgruppen, was in meinen Associations den Austausch zwischen Mittel-, Nordeuropa und Kanada intensivierte. Die Teilhabe von Menschen, die aus verschiedenen Gründen nicht physisch zu Konferenzen reisen können, hat sich meines Erachtens mit verfügbarer Technologie verbessert.

Herausforderung ist die Zeit, die wohl zunehmend relativ kommuniziert werden wird: Statt 'See you tomorrow for our next panel at 9:00 am or whatever time it is at your place' heißt es beispielsweise nunmehr 'See you all in about 14 and a half hours'."

Portraitfoto von Dr. Juliane Egerer
Dr. Juliane Egerer, Akademische Rätin an der Universität Augsburg, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, Komparatistische Skandinavistin, Systemische Beraterin (DGSF) privat

Ein gelungenes Experiment

Portraitfoto von Prof. Dr. Ralf Ludwig
Prof. Dr. Ralf Ludwig, Physikalische und Theoretische Chemie, Universität Rostock privat

"Die digitale Chemiedozententagung (CDT) im März 2021 war ein voller Erfolg. Die verantwortliche Arbeitsgemeinschaft Deutscher Universitätsprofessoren und -professorinnen für Chemie (ADUC) und die lokalen Organisatoren an der Universität Rostock wollten die zentrale Nachwuchsveranstaltung in der Chemie nach 2020 kein zweites Mal ausfallen lassen. Etwa 300 Teilnehmerinnen haben sich erfrischend offen auf das digitale Experiment außerhalb von Hörsaal und Labor eingelassen und die damit verbundenen Chancen genutzt.

Das hatte eine ganze Reihe Vorzüge: bessere Einhaltung der Sprechzeit, problemloser Wechsel zwischen den Sitzungen, Stammtische und Chatrooms für den wissenschaftlichen Austausch und die Anbahnung von Kooperationen, Ansehen versäumter Vorträge noch zwei Wochen nach der CDT, kurzfristiger Einbau von Sondersymposien zum digitalen Forschungsdatenmanagement oder Fortschritten in der Katalyse et cetera.

Die Dozentinnen fanden die digitale CDT deutlich besser als erwartet. Dennoch freuen wir uns auf eine 'echte' CDT in Saarbrücken 2022 mit persönlicher Begegnung und kulinarischem Genuss."

Perspektivenwechsel: Zuhörer und Vortragende haben verschiedene Ansprüche

"Ganz generell denke ich, dass die Kolleginnen und Kollegen, die Konferenzen und Workshops organisiert haben, sehr schnell und professionell auf die Herausforderung von digitalisierten Konferenzen reagiert haben.

Als Vortragende fehlt mir bei den digitalen Formaten der direkte Sichtkontakt zu den Teilnehmenden und damit das sofortige Feedback zum Vortrag. Auf der anderen Seite der Datenautobahn kann das Publikum begeistert sein oder längst gelangweilt das Büro verlassen haben, um einen Kaffee zu holen.

Als Zuhörerin schätze ich allerdings die Vorzüge des digitalen Formats sehr. Es ist mir möglich an mehr Veranstaltungen teilzunehmen mit deutlich verringerten Kosten. Ich höre insgesamt mehr relevante Vorträge für meinen Fachbereich, kann zwischen Sessions nahtlos an anderen Dingen weiterarbeiten und bin dennoch abends bei meiner Familie.

Der persönliche Aufbau von kollegialen Netzwerken und neuen Kooperationen braucht allerdings echte Begegnungen. Ich hoffe, dass zukünftig viele Konferenzen als Hybrid-Veranstaltungen angeboten werden, sodass die Vorteile beider Formate flexibel genutzt werden können."

Portraitfoto von Prof. Dr. Christina B. Karsten
Jun.-Prof. Dr. Christina B. Karsten, Institut für translationale HIV-Forschung, Universität Duisburg-Essen privat

"Konferenzen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren…"

Portraitfoto von Prof. Dr. Christian Hackenberger
Prof. Dr. Christian Hackenberger, Leibniz-Humboldt-Professur für Chemische Biologie am Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP) und der Humboldt-Universität zu Berlin. Silke Osswald

"So ungefähr lautet mein Kurzstatement zu virtuellen Konferenzen während der Corona-Pandemie, dabei begleitet sowohl von einem wehmütigen Stoßseufzer als auch von einem Freudengluckser. Warum?

Zunächst das Gute: Einige Veranstalter waren kreativ und haben neue Formate ausprobiert, um sich so den Herausforderungen einer jeden wissenschaftlichen Veranstaltung anzunehmen: Wie erreiche ich viele Menschen? Wie ermögliche einen hohen Austausch? Und wie halte ich die Zuhörer bei der Stange? Meiner Meinung nach hatten hier vor allem die Formate Erfolg, die eine analoge Veranstaltung nicht eins zu eins auf eine virtuelle Plattform übertragen haben, sondern neue, dabei möglichst übersichtliche Wege gegangen sind. Ich durfte das bei der 'Falling Walls Conference 2020' miterleben, bei der beispielsweise eine wissenschaftliche Diskussion nach einem Vortrag in ein separates online Format überführt wurde und von einem professionellen Editor eines wissenschaftlichen Journals geleitet wurde.

Ebenso hatte ich auch bei anderen Vorträgen oder Symposien den Eindruck, dass Diskussionen vielfältiger und hochwertiger waren. Es war fokussierter, oftmals bedingt durch ausformulierte Fragen im Chat. Und es haben sich mehr internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Ländern beteiligt, die bei traditionellen Formaten unterrepräsentiert sind. Ohne Frage half hier der einfache (und glücklicherweise oftmals auch sehr kostengünstige) Zugang zu den Konferenzen.

Doch genug der Euphorie, warum meine Tränen? Ganz einfach: Ich vermisse den direkten Austausch mit meinen Kolleginnen und Kollegen und der nächsten Forschergeneration. Kein Tweet, kein Like, kein Chat und kein Online-Gespräch kann für mich ein Austausch von Auge zu Auge ersetzen, bei der man ungezwungen über die (persönlichen) Herausforderungen der Stunde debattiert. Und ich habe es satt einfach meinen Vortrag in eine Kamera zu sprechen ohne dabei das Stirnrunzeln, das zustimmende Nicken oder auch die dahinschlummernden Teilnehmer zu sehen, die sich schon auf das Konferenzdinner freuen."

"Rein digital schwer auszuhalten"

"Trotz der spontanen Umstellung und des Krisenmodus waren viele Veranstalterinnen und Veranstalter zu optimistisch, was erst einmal beruhigend war, langfristig aber doch für Chaos sorgte. Es sind viele Tagungen verschoben worden, in der Hoffnung, dass sie wenige Monate später in Präsenz stattfinden würden, nur um sie dann doch online abzuhalten.

So auch das Weltforum der 'International Sociological Association', das ursprünglich im August 2020 in Brasilien stattfinden sollte und auf Februar 2021 verschoben wurde. Dann war es dennoch nur online möglich, aber da konnten viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht oder fanden – zu Recht – auch die reduzierten Konferenzgebühren für eine online Veranstaltung zu hoch. Ganze Panels fielen weg, andere wurden völlig umgekrempelt.

Überhaupt ist ein großer Kongress in rein digitaler Form schwer auszuhalten. Entweder hört man sich nur wenige Vorträge an oder kann nach einem ganzen Tag online keine Inhalte mehr aufnehmen. Als Vortragende ist man online flexibler, muss nicht anreisen und ist danach gleich wieder zuhause. Aber der Austausch ist viel geringer. Künftige digitale Kongresse sollten ihre Inhalte frei verfügbar machen und Gebühren auf ein Minimum reduzieren."

Portraitfoto von Prof. Dr. Manuela Boatcă
Prof. Dr. Manuela Boatcă, Institut für Soziologie, Universität Freiburg privat

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